Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Wenn der Zeitgeist spricht

Tre­ten Sie bei­sei­te – machen Sie Platz – was ste­hen Sie da so her­um – wir kom­men doch schließ­lich auf Sie zu – mer­ken Sie das nicht? –  uner­war­te­te Din­ge kom­men über Sie – da stau­nen Sie nur noch – das hat­ten Sie so nicht erwar­tet – wir sind für jede Über­ra­schung gut – wir sind über­haupt gut – viel bes­ser, als jemals ver­mu­tet – denn der Markt rich­tet alles – der Markt zau­bert und ver­zau­bert und ent­zau­bert – der Markt blen­det und ver­blen­det und blen­det ab, wenn es gefähr­lich wird – gefähr­lich wer­den Sie sich immer nur selbst – war­um fal­len Sie auf das her­ein, was der Markt Ihnen bie­tet? – war ja nur ein Ange­bot – die Nach­fra­ge kam von Ihnen – war­um müs­sen Sie immer fragen?

Was etwas wert ist, bestim­men wir – Wer­te sind immer nur ewig, solan­ge wir es zulas­sen – was einen Preis hat, muss etwas wert sein – wofür wir kei­nen Preis fest­set­zen, ist wert­los – Natur kann man prei­sen, aber einen Preis bekommt sie nicht – Kul­tur soll preis­wert sein, also bil­lig – wem sie teu­er ist, soll dafür zah­len – drauf­zah­len oder drun­ter blei­ben, dar­über lässt sich reden – Wer­te schöp­fen kön­nen nur Leu­te mit Geld – wir haben Geld, also sind wir wer – unser System ist unfehl­bar, weil es funk­tio­niert – es funk­tio­niert immer, koste es, was es wol­le – wir dür­fen als Wohl­tä­ter geprie­sen wer­den, wenn wir etwas bezah­len – wovon wir etwas bezah­len? – na, von dem, was Sie für uns übrig hatten.

Na, so was – Sie wol­len damals etwas geschaf­fen haben? – aber was denn bit­te? Wer­te? – in dem für uns viel zu wert­lo­sen poli­ti­schen System Wer­te? – das ist ja in höch­stem Maße lach­haft – wo den­ken Sie hin? – da kann ja jeder kom­men – und behaup­ten, etwas Wert­vol­les gelei­stet zu haben – was Lei­stung war oder ist, bestim­men doch wir – ist Ihnen das nicht bekannt? – wir sind da doch ganz maß­voll – wir bestim­men Maß und Maß­stä­be – denen müs­sen Sie schon gerecht wer­den – es muss schließ­lich eine Gerech­tig­keit geben – indem der eine dem ande­ren gerecht wird – ach, Sie sind wohl nicht für die­ses Recht? – ach, Sie ken­nen den Rechts­staat noch nicht? – na, dann sol­len Sie ihn ken­nen lernen.

Ihr naht Euch wie­der, schwan­ken­de Gestal­ten – halt­los, rich­tungs­los, der Ori­en­tie­rung beraubt – vom Win­de ver­weht – aber ange­haucht vom Atem des Zeit­gei­stes – lasst Euch bewe­gen und berüh­ren – biegt Euch, gebt nach, seid folg­sam – Ihr habt noch kei­ne Mei­nung? – ein Skan­dal ist das – Ihr bekommt sie umge­hend als Geschenk-Abo frei Haus gelie­fert – feste Stand­punk­te haben doch nur Beton­köp­fe – wie redet man? – bit­te­schön: fle­xi­bel sind wir und flau – und wir fluk­tu­ie­ren gern – wir kom­men dahin, wo man uns brau­chen kann – ja, so ist es brav – das nen­nen wir Hal­tung anneh­men – ein­fü­gen ins Kol­lek­tiv, das ist vor­bei – jetzt heißt es: jede und jeder sind high im Team – Ihr sagt super und ok? – dann seid Ihr super und ok.

Star­ke Wor­te geben den Ton an – es muss nicht immer die rei­ne Wahr­heit sein, die ver­kün­det wird – das deut­sche Rein­heits­ge­bot gilt nur für Bier und fri­sche Wäsche – im Kop­fe sau­ber sind nur die rei­nen Toren – Ihr seid doch schlau und kennt Euren Vor­teil – rechts oder links, das ist nicht die Fra­ge – hütet Euch vor den Extre­men – denn Extre­mi­sten sind des Teu­fels – merkt Euch: die Lin­ken sind immer teuf­li­scher als die Rech­ten – denn die Rech­ten wer­den gebraucht, um die Lin­ken bei­sei­te zu hal­ten – damit machen die Rech­ten es schon recht – wir haben ein gutes Gedächt­nis dafür, wer wem einen guten Dienst erwie­sen hat – wir ver­ges­sen gern man­ches ande­re – wir müs­sen nicht allen Straf­ta­ten nach­ge­hen – wer will denn da unbe­dingt nach­tra­gend sein? – sie müs­sen ein­mal ver­jäh­ren – wenn sie auch nur anders genannt wer­den – Umbe­nen­nun­gen schaf­fen Ord­nung – zumin­dest im Gedächtnis.

Alle reden von der Natur – Kli­ma wird groß geschrie­ben – und zur Kata­stro­phe klein­ge­re­det – nun halt mal – Maß­hal­ten ist ja ganz schön – aber wo bleibt da das Wachs­tum? – die Bäu­me sol­len nicht in den Him­mel wach­sen? – wohin denn sonst? – das Wald­ster­ben ist erst­mal abge­sagt – die Men­schen wer­den auch immer älter – wer hat da etwas dage­gen? – ob sie nun woh­nen oder nicht – doch von Ein­woh­nern zu reden, ist so falsch wie von Mie­tern – übt erst mal flüs­sig Ein­woh­ne­rin­nen und Mie­te­rin­nen aus­zu­spre­chen – und stellt fest, ob es genug sind – dann reden wir wei­ter – Gewalt auf der Stra­ße? – Über­grif­fe und Anschlä­ge? – wir reden von Gewalt in der Ehe – auf dem Schul­hof wird geprü­gelt – wir ermit­teln stän­dig ande­re Mis­se­ta­ten – das Volk der Ermitt­ler muss Schul­di­ge fin­den – sonst fin­det es kei­nen Frie­den in all dem feind­li­chen Streiten.

Abschied vom Vater­land sagen wir an – war doch immer nur von Vätern beherrscht – was soll das heu­te noch? – was aktu­ell Sache ist – das ver­steht doch schon der klei­ne Moritz – und Max kriegt die Kur­ve – Mut­ter­spra­che ist Frau­en­sa­che – ver­än­der­bar kraft Wei­sung – seht, sie wiegt schon den eng­lisch klin­geln­den Wort­schatz – wie sie ihn zärt­lich kost – pass­ge­recht fürs Heu­te und Hier – »dal­li dal­li« heißt das Kom­man­do – Spra­che kommt vom Spre­chen – also reden wir stän­dig dar­über – wie wir so reden, da müs­sen uns nicht mehr alle ver­ste­hen – wir reden eh immer wie­der das­sel­be – Wort­lau­te wie Knur­ren und Knar­ren – manch­mal sogar rich­tig gedich­tet– Dicht­geld reg­net es dann als Beloh­nung – wann fin­det wie­der Kunst statt? - na, natür­lich nur in aus­ver­kauf­ten Sälen – erst, wenn unse­re Viro­lo­gen das Virus besiegt haben – und im Pla­stik­müll auf dem Mee­res­grund ver­schwin­den lassen.