Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Wenn jetzt ein Krieg kommt …

… – sagn’s, was g‘schieht dann mit mein‘m Hund?« 1968, auf dem Höhe­punkt des Kal­ten Krie­ges, sang der Wie­ner Kaba­ret­tist Georg Kreis­ler das Lied über Herrn Mei­er, der sich wegen eines mög­li­chen Atom­krie­ges um sei­nen Hund sorgt. Seit­her sind 50 Jah­re ver­gan­gen und der tot­ge­glaub­te Kal­te Krieg ist wie­der auf­er­stan­den. Die Sor­ge, dass der neue Kal­te Krieg plötz­lich heiß wird, ist so abwe­gig nicht. Es gibt die Super­macht USA, wel­che über ein gewal­ti­ges mili­tä­ri­sches Poten­ti­al ver­fügt, aber gleich­zei­tig mit unvor­stell­ba­ren 21 Bil­lio­nen Dol­lar ver­schul­det ist, wobei hier kei­nes­falls ame­ri­ka­ni­sche »bil­li­ons« gemeint sind, son­dern die mit zwölf Nul­len. Unter dem der­zei­ti­gen Prä­si­den­ten wird sich der Schul­den­berg gewiss nicht ver­klei­nern, wes­halb man auf die ver­füh­re­ri­sche Idee kom­men könn­te, das Schul­den­pro­blem mili­tä­risch zu lösen – mit einem exter­nen Amok­lauf. Das Deut­sche Reich hat übri­gens im Zwei­ten Welt­krieg die­se Lösung, anfangs mit Erfolg, ausprobiert.

Es gibt die Groß­macht Russ­land, wel­che immer noch über ein beacht­li­ches mili­tä­ri­sches Poten­ti­al ver­fügt, jedoch nicht mehr wie die Sowjet­uni­on über das Gla­cis, jene stra­te­gi­schen Zwi­schen­räu­me, die das eige­ne Land vom poten­ti­el­len Geg­ner trennt. Die Gebie­te sind heu­te weit­ge­hend unter der Domi­nanz der NATO. Wie bedroh­lich Russ­land die Situa­ti­on emp­fin­det, zeig­te sich, als abseh­bar wur­de, dass die Krim zum NATO-Auf­marsch­ge­biet wer­den würde.

Es gibt die auf­stei­gen­de Groß­macht Chi­na, die in ihrer Geschich­te beson­ders unter der Domi­nanz impe­ria­ler Mäch­te zu lei­den hat­te und daher sen­si­bel auf das Hege­mo­nie­stre­ben ande­rer Natio­nen reagiert. Das Land ist daher bestrebt, sein Gla­cis vor allem im chi­ne­si­schen Meer zu ver­grö­ßern und so einen poten­ti­el­len Geg­ner auf Distanz zu hal­ten sowie mili­tär­tech­nisch mit den ande­ren Groß­mäch­ten Schritt zu halten.

Neben den drei genann­ten Mäch­ten gibt es noch wei­te­re Län­der, die durch hohe Mili­tär­aus­ga­ben her­vor­ste­chen. Hier­zu gehö­ren die »klei­nen« Atom­mäch­te Eng­land, Frank­reich, Isra­el, Indi­en und Paki­stan. Welt­weit haben sich die Mili­tär­aus­ga­ben 2018 um 2,5 Pro­zent erhöht. Waf­fen­sy­ste­me wer­den stän­dig moder­ni­siert, selbst bis­her aus­ge­spar­te Berei­che wie der Welt­raum und die Tief­see sol­len mili­tä­risch genutzt wer­den. Es wer­den intel­li­gen­te Droh­nen und »smart bombs« ent­wickelt, die es ermög­li­chen sol­len, den Geg­ner ohne eige­ne Ver­lu­ste zu besie­gen. Wer zwei und zwei zusam­men­zäh­len kann, soll­te sich über die Kon­se­quen­zen der Rüstungs­spi­ra­le klar sein: Es hat län­ger­fri­stig kei­nen Sinn, Waf­fen nicht oder nur in klei­nen Krie­gen aus­zu­pro­bie­ren. Die stei­gen­den Akti­en­kur­se der Rüstungs­kon­zer­ne bewei­sen, dass Carl von Ossietz­kys Satz an Aktua­li­tät nichts ver­lo­ren hat: »Der Krieg ist ein bes­se­res Geschäft als der Friede.«

Dazu kommt das unge­heu­re Kern­waf­fen­po­ten­ti­al der gro­ßen und klei­nen Atom­mäch­te, die die Effi­zi­enz ihrer neue­sten tech­ni­schen Errun­gen­schaf­ten nur zu ger­ne unter rea­len Bedin­gun­gen in einem ech­ten Krieg unter Beweis stel­len würden.

Das Mene­te­kel von Hiro­shi­ma ist weit weg. Die mili­tä­ri­sche Füh­rung sieht vor allem die gün­sti­ge Kosten-Nut­zen-Rech­nung der »Bom­be«, schließ­lich braucht man zur Ver­nich­tung eines gan­zen Land­strichs heut­zu­ta­ge nur ein bis zwei Exem­pla­re. Schon wäh­rend des Korea­krie­ges for­der­te der US-Ober­be­fehls­ha­ber McAr­thur 1951 den Ein­satz von 34 Atom­bom­ben. Der dama­li­ge Prä­si­dent Tru­man besaß die Weis­heit, die Bit­te abzu­schla­gen. Auch wäh­rend des Viet­nam­krie­ges gab es hohe US-Mili­tärs, die auf die ato­ma­re Kar­te set­zen wollten.

Schon bei den ersten Ver­su­chen in der Wüste von Neva­da wur­den die Aus­wir­kun­gen der radio­ak­ti­ven Strah­lung syste­ma­tisch klein­ge­re­det. Heu­te weiß man, dass der Ein­satz von Atom­waf­fen nicht nur zu Gen­schä­den bei Men­schen, Tie­ren und Pflan­zen füh­ren wür­de, son­dern auch eine Abküh­lung der Erd­at­mo­sphä­re um zwei bis sechs Grad zur Fol­ge hät­te. Selbst ein »klei­ner« Atom­krieg zwi­schen Indi­en und Paki­stan, eine beäng­sti­gend aktu­el­le Mög­lich­keit, hät­te welt­weit erheb­li­che Kli­ma­schä­den zur Fol­ge. Zudem bewegt sich der Pla­net ohne­hin gera­de auf eine Kli­ma­ka­ta­stro­phe zu, die ver­harm­lo­send als »Wan­del« bezeich­net wird.

Wenn man über die Aus­wir­kun­gen von Krie­gen spricht, kann man besten­falls die ver­gan­ge­nen Schlach­ten betrach­ten. Der Zwei­te Welt­krieg, schreck­lich genug mit sei­nen 70 Mil­lio­nen Toten und Zer­stö­run­gen, ist gut doku­men­tiert. Der Drit­te Welt­krieg wur­de bis jetzt nur sel­ten in eini­gen Fil­men als Fik­ti­on mehr oder weni­ger dra­stisch dar­ge­stellt. In den 70er Jah­ren sprach die NATO vom »Ful­da-Gap«, einer von geg­ne­ri­schen Pan­zern aus­nutz­ba­ren »Lücke« im Mit­tel­ge­bir­ge bei Ful­da, und plan­te, einen ange­nom­me­nen Vor­marsch der Roten Armee dort durch den Abwurf von 141 Atom­bom­ben zu stop­pen. Inzwi­schen gibt es sicher­lich ande­re Plan­spie­le. Dass die­se Mit­tel­eu­ro­pa aus­spa­ren, ist zu bezwei­feln. Vom alten Euro­pa wür­de wohl nicht viel übrig blei­ben, mas­si­ve Zer­stö­run­gen, durch Radio­ak­ti­vi­tät ver­ur­sach­te Opfer sowie gro­ße Wald­brän­de bräch­ten gewal­ti­ge Flücht­lings­strö­me von Über­le­ben­den mit sich.

Doch selbst wenn Deutsch­land nicht unmit­tel­bar betrof­fen sein soll­te, wären die Aus­wir­kun­gen auf die Bevöl­ke­rung gewal­tig. Vie­le Güter wer­den heu­te nicht mehr an einem Ort pro­du­ziert, so dass eine funk­tio­nie­ren­de Infra­struk­tur über­le­bens­wich­tig ist. Sie ist jedoch abhän­gig von Treib­stoff, Gas und Elek­tri­zi­tät. Vie­le Pro­duk­te wer­den zudem nicht mehr in Deutsch­land her­ge­stellt, oft nicht ein­mal mehr in Euro­pa. In Kriegs­zei­ten wer­den zuerst die Han­dels­we­ge zusam­men­bre­chen, wenig spä­ter auch die Ener­gie­wirt­schaft. Die euro­päi­sche Strom­ver­sor­gung ist heu­te ein kom­pli­zier­tes, fra­gi­les Ver­bund­sy­stem, das selbst in Frie­dens­zei­ten Fre­quenz­schwan­kun­gen nicht immer beherrscht. Was es bedeu­tet, wenn der Strom plötz­lich aus­fällt, durf­ten die Bewoh­ner des Ber­li­ner Stadt­teils Köpe­nick Ende Febru­ar erfah­ren. Über 30 Stun­den war der Süd­osten Ber­lins lahm­ge­legt, mit teils dra­ma­ti­schen Aus­wir­kun­gen. Das Not­strom­ag­gre­gat eines Kran­ken­hau­ses war defekt, erst ein Gene­ra­tor des Tech­ni­schen Hilfs­werks konn­te den Betrieb not­dürf­tig auf­recht­erhal­ten. Auch Pati­en­ten, die zu Hau­se auf Atem­ge­rä­te ange­wie­sen waren, muss­ten umständ­lich Hil­fe anfor­dern, jeg­li­che Tele­fon­ver­bin­dung war lahm­ge­legt. Hei­zen war nicht mög­lich, da fast alle Heiz­an­la­gen auf Strom ange­wie­sen sind. Für einen umfas­sen­den Strom­aus­fall wäre die Stadt nicht vor­be­rei­tet, Was­ser, Strom und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on fal­len aus.

Die Kran­ken­ver­sor­gung wäre im Kata­stro­phen­fall kaum noch funk­ti­ons­fä­hig. Schon jetzt arbei­tet das auf Pro­fit­ma­xi­mie­rung getrimm­te System am Limit. Auch ohne Krieg feh­len wich­ti­ge Krebs­me­di­ka­men­te, deren Her­stel­ler die Pro­duk­ti­on aus Kosten­grün­den nach Indi­en aus­ge­la­gert haben und die zudem nur noch an einem ein­zi­gen Ort für den Welt­markt her­ge­stellt wer­den. Lebens­mit­tel wer­den kaum noch im Umland pro­du­ziert, son­dern kom­men aus dem euro­päi­schen Aus­land oder aus Über­see. Dazu kommt, dass Lebens­mit­tel­la­ger sowie Schutz­räu­me in den 90er Jah­ren viel­fach aus Kosten­grün­den abge­schafft wur­den. Ob die euro­päi­schen Regie­run­gen für den Fall der Fäl­le Not­fall­plä­ne in den Schub­la­den haben, ist nicht bekannt. Wahr­schein­li­cher sind ein nicht beherrsch­ba­res Cha­os und eine hilf­lo­se Regierung.

Der Glau­be an den immer­wäh­ren­den tech­nisch ver­bräm­ten Fort­schritt ist trü­ge­risch, unse­re Zivi­li­sa­ti­on ist brü­chig. Gut mög­lich, dass wir bin­nen weni­ger Mona­te ins Mit­tel­al­ter zurück­ka­ta­pul­tiert wür­den. Oder wie der Gen­for­scher und Schrift­stel­ler Erwin Char­gaff es für das Jahr 2062 mut­maß­te: »Ob es dann schon wie­der Fahr­rä­der geben wird?« (Erwin Char­gaff: »Kri­tik der Vernunft«)

Der labi­le Zustand der Welt, die immer spür­ba­re­ren Kli­ma­ver­än­de­run­gen, die wach­sen­den Ego­is­men von Staa­ten und Regie­run­gen, die Zunah­me irra­tio­na­ler, zum Teil reli­gi­ös gefärb­ter Theo­rien bil­den eine gefähr­li­che, unbe­re­chen­ba­re Mischung. Ein Kriegs­grund ist schnell gefun­den, die digi­ta­le Tech­nik redu­ziert die Reak­ti­ons­zeit auf Sekun­den. 1964 lief in den deut­schen Kinos »Dr. Selt­sam oder: Wie ich lern­te, die Bom­be zu lie­ben«, eine Sati­re über einen ver­rückt gewor­de­nen ame­ri­ka­ni­schen Gene­ral, der einen Atom­an­griff auf die Sowjet­uni­on befiehlt. Georg Kreis­ler muss an die­sen Film gedacht haben, denn das ist das Ende vom Lied: »Es könnt ja sein, a Gene­ral wird leicht ver­ruckt, so daß er irgend­wie aufs fal­sche Knöp­ferl druckt. Dann geht am End die gan­ze Welt zugrund. Das wäre fürch­ter­lich, denn was macht dann mein Hund?«