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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wie Fenster in eine andere Welt

1995 über­sie­del­te der Ber­li­ner Maler Horst Zickel­bein, damals immer­hin schon 69, auf die däni­sche Insel Born­holm, auf fel­si­ger Land­mas­se gele­gen und durch eine Steil- und Fels­kü­ste im Nor­den und fla­che Sand­strän­de im Süden begrenzt. Hier, an den sich stän­dig ver­än­dern­den Rand­zo­nen zwi­schen Land und Meer, konn­te er den Schöp­fungs­akt der Natur und des Lebens täg­lich neu erle­ben. Seit­dem war es um ihn – zumin­dest in Ber­lin – stil­ler gewor­den. Nur in grö­ße­ren Abstän­den stell­te er hier noch aus, so zuletzt 2017 in der Gale­rie Pan­kow. Aber die gro­ßen deut­schen Muse­en sind ihm, dem heu­te Sechs­und­neun­zig­jäh­ri­gen, eine längst ver­dien­te Per­so­nal­aus­stel­lung bis­her schul­dig geblie­ben. Jetzt haben die Gale­ri­stin Kat­rin Bran­del und die Kunst­hi­sto­ri­ke­rin Ani­ta Küh­nel Arbei­ten aus vier Jahr­zehn­ten nach Ber­lin geholt, und es gibt in der Zeit­Ga­le­rie Fried­richs­ha­gen ein Wie­der­se­hen mit dem nicht nur für die Ber­li­ner Male­rei so bedeu­ten­den, inno­va­ti­ven Künstler.

In den 1960er Jah­ren gehör­te Zickel­bein zur soge­nann­ten »Ber­li­ner Schu­le« um Harald Metz­kes und Man­fred Bött­cher, die mit ihrem »Natur- und Auge«-Prinzip die Exi­stenz einer male­ri­schen Kul­tur sicher­te. Sie gelang­ten zu einer »Kul­ti­vie­rung der Bild­haut«, die etwas Ähn­li­ches dar­stell­te wie die von Cézan­ne ange­streb­te »Har­mo­nie par­al­lel zur Natur«.

Doch neue Farb- und Form­er­leb­nis­se, die der Maler im Darß mit sei­nen bizar­ren, urhaf­ten For­men und in der rumä­ni­schen Land­schaft hat­te, sowie die Aus­ein­an­der­set­zung mit der drip­ping-Metho­de – des Auf­trop­fens der Far­be – des ame­ri­ka­ni­schen Malers Jack­son Pol­lock lie­ßen ihn neue Wege gehen. Er ent­zog Pol­locks Ver­fah­ren weit­ge­hend dem Zufall und prüf­te es an den stren­gen Geset­zen eines von der Natur inspi­rier­ten bild­ne­ri­schen Den­kens. Aus Flecken und Sprit­zern, aus inein­an­der­grei­fen­den Spu­ren und über­la­gern­den Ver­läu­fen bau­ten sich sei­ne Arbei­ten auf. Far­be wur­de jetzt zum Ur-Ele­ment, zum direk­ten Zei­chen, als Spur, Hieb oder Fleck. Raum ist nur da, sofern er in der Far­be ist. Alle natu­ra­li­sti­schen Ele­men­te wur­den aus sei­nen Bil­dern ver­bannt und nur noch die Grund­struk­tu­ren zugelassen.

Sei­ne Farb­räu­me hat Zickel­bein so auf­ge­baut, dass sich aus ihrem Ur-Grund die ersten Spu­ren einer Ver­fe­sti­gung von Mate­rie aus einer Bal­lung von Licht und Dun­kel abzeich­nen. Die Bild­flä­che ten­diert zum Reli­ef, lässt flä­chen­haf­te Form­ele­men­te, die gemalt begon­nen haben, nahe­zu pla­stisch enden. In die gespach­tel­te, durch dicken Farb­auf­trag hap­ti­sche Bild­flä­che wer­den mit har­tem Pin­sel­stil Spu­ren ein­ge­gra­ben, die halb getrock­ne­te Farb­schicht wird mit Spach­tel und Mes­ser wie­der abge­tra­gen, so dass par­tien­wei­se die unte­ren Farb­schich­ten wie­der stär­ker sicht­bar werden.

1978 und 1979 war er nach Zypern gereist und kehr­te wie­der zum male­ri­schen Sen­sua­lis­mus der 1960er Jah­re zurück. Über die Ent­deckung anti­ker Bau­re­ste, der Bruch­kan­ten unter­schied­li­cher Gesteins­for­ma­tio­nen und von Ero­si­on geform­ter Fund­stücke rück­te das Frag­ment als The­ma ins Zen­trum sei­nes künst­le­ri­schen Inter­es­ses. Nun­mehr schie­nen die For­men der Bil­der zu explo­die­ren, damit alle dyna­mi­schen Kräf­te ent­fes­selt wur­den und zur völ­li­gen Frei­heit gelang­ten. Das konn­te bis zu Bal­lun­gen von Zusam­men­stö­ßen führen.

Hal­lu­zi­na­to­ri­sche Figu­ren­bil­der fin­den sich bei Zickel­bein. Figür­li­che Bezü­ge, die Dar­stel­lun­gen auf prä­hi­sto­ri­schen Fels­bil­dern ähneln. Wie eine Erin­ne­rung taucht aus dem Unter­grund das ver­lo­ren geglaub­te Men­schen­bild auf. Das Figu­ra­le gleicht mehr einer Art her­auf­zu­be­schwö­ren­der Erschei­nung als einer zu beschrei­ben­den Wirk­lich­keit. Es ist ihm egal, ob man ihn nun als gegen­ständ­li­chen oder abstrak­ten Maler bezeich­net. Oft fin­den sich bei ihm in dem­sel­ben Bild figu­ra­ti­ve und abstrak­te Ele­men­te in einer Ver­bin­dung, die manch­mal eine beun­ru­hi­gen­de Dis­har­mo­nie her­vor­ruft. Das eige­ne Ich, das sinn­lich-Trieb­haf­te ver­liert sich dann bei ihm in die Ver­gei­sti­gung der rei­nen Form.

Eigent­lich hat Zickel­beins Male­rei die drit­te Dimen­si­on gar nicht nötig, weder eine rea­le noch eine durch einen Kunst­griff zu errei­chen­de. Denn die in zwei Dimen­sio­nen aus­ge­drück­te Far­be besitzt in sich schon eine räum­li­che Tie­fen­wir­kung. Gewis­se Far­ben zei­gen den Tie­fen­raum an (etwa das Blau), ande­re ste­hen wei­ter vorn (das Rot). Bestimm­te Far­ben strah­len von innen nach außen (das Gelb), ande­re von außen nach innen (das Blau). Eini­ge ver­mit­teln Bewe­gung (Rot, Gelb, Blau), ande­re schei­nen unbe­weg­lich und wie­der ande­re ver­ei­ni­gen in sich sogar Beweg­lich­keit und Unbe­weg­lich­keit (Rosa, Vio­lett). Die­se Eigen­schaf­ten kön­nen noch durch die Bezie­hun­gen der Far­be wei­ter­ent­wickelt wer­den. Die Graus und undurch­sich­ti­gen Brauns, ver­schlos­sen wie Fel­sen, glatt wie Mau­ern, häu­fen in sich die Ener­gien, wie sie sich seit dem Ursprung des Lebens in Stei­nen, der Erde, dem Schlamm ansam­meln. Ihre Glut, die unter der Ober­flä­che glimmt, ringt kaum merk­lich dar­um, zur Wahr­neh­mung zu gelan­gen. Die flüs­si­ge Farb­ma­te­rie bleibt erhal­ten, der Maler sucht alles zu ver­mei­den, was die Form begren­zen und ver­här­ten könn­te. Von sei­nen Bil­dern geht eine Atmo­sphä­re ver­hal­te­ner Kraft aus, die das glü­hen­de Feu­er unter die­ser geste­ins­haf­ten Schwe­re nicht ver­ges­sen lässt (»Gra­nit«, 1996, Disper­si­on; »Gestein«, 2003; »Stein auf Stein«, 2012, Öl auf Karton).

Aus dem unge­stü­men Pin­sel­duk­tus zieht der Maler die­se star­ke inne­re Ener­gie, eine Urkraft, die in jedem Farb­fleck, Tup­fen, Krit­zel und Farb­häk­chen gespürt und um sie her­um über­mit­telt wer­den kann. Es sind gera­de die Land­schaf­ten mit ihrem farb­li­chen Alle­gro furio­so und ihrer eigen­tüm­li­chen Luft­lee­re – sie resul­tiert dar­aus, dass eine auf­ra­gen­de Far­ben­mau­er den Him­mel ver­drängt –, die die Bild­flä­che in ein Kon­ti­nu­um von klei­nen Epi­so­den ver­wan­delt. Wenn man ein­mal die farb­lich abge­stuf­te Ober­flä­che eines Bil­des wie »Flecken wun­der­bar ange­ord­net« (1995) mit ihren har­mo­ni­schen Braun-, Rot-, Blau-, Grau- und Sil­ber­tö­nen betrach­tet, dann weiß man, wie her­vor­ra­gend er sei­ne Tech­nik beherrscht. Mit so wenig Kon­tra­sten von Hell und Dun­kel wird die Ober­flä­che zu einem sub­til modu­lier­ten Raum, der nichts mehr mit dem kubi­sti­schen Git­ter­raum zu tun hat. Das Auge muss nicht mehr in die Tie­fe gehen und dann zurück­kom­men – hier gibt es nur noch die hin und her pen­deln­de, kur­ven­de und sprin­gen­de Bewe­gung von Par­ti­keln »auf« der Ober­flä­che. Und sicher beschwor Zickel­bein mit dem atmo­sphä­ri­schen Raum sei­ner »All-over«-Bilder, den ver­schwen­de­ri­schen Ener­gie­wir­beln und dem schein­bar frei­en Lauf sei­ner opti­schen Fel­der eine Land­schafts­er­fah­rung, die er auf sei­nen Rei­sen und in sei­ner neu­en Hei­mat Born­holm wahr­ge­nom­men hat. Die­se ima­gi­nier­ten Land­schaf­ten öff­nen Blick und Gedan­ken auf bestimm­te Gegen­stän­de der Natur, in der die­se ihr Geheim­nis ver­bor­gen hält, oder sie öff­nen sich ins Unend­li­che (»Les­bos 2, Die Bucht«, 2010).

In sei­nen spä­te­ren Arbei­ten nimmt die Mono­chro­mie zu, Farb­sen­sa­tio­nen sind nicht mehr all­zu häu­fig. Doch dann ist da plötz­lich ein über­wäl­ti­gen­des strah­len­des Blau, wie in einem vor­be­wuss­ten Urlicht, das einen die geste­ins­haf­te Schwe­re ver­ges­sen lässt. Das Suchen nach einer im Gehei­men immer rei­cher wer­den­den Ein­fach­heit führt Zickel­bein zu einer Aus­drucks­form, die den Betrach­ter die­ser schweig­sa­men Flä­chen von star­ker poe­ti­scher Kraft in ihren Bann zwingt. In die­sen Bil­dern ist die Zeit ein­ge­schlos­sen und wird so mäch­tig, dass sie fast den Raum ver­drängt, oder bes­ser gesagt: der Raum wird Zeit. Es sind Bil­der, die den Betrach­ter immer noch etwas Neu­es ent­decken las­sen und die ihm doch ein Stück Geheim­nis vor­ent­hal­ten. Am 20. Dezem­ber begeht Horst Zickel­bein sei­nen 97. Geburtstag.

Horst Zickel­bein – Arbei­ten aus vier Jahr­zehn­ten. Zeit­Ga­le­rie Fried­richs­ha­gen, Scharn­we­ber­str. 59, 12587 Ber­lin, Mi – Fr 12 – 18 Uhr, Sa 10 – 13 Uhr (zum Kunst­ad­vent am 4.12. 13 – 18 Uhr), bis 9. Dezember.