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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wiedergänger

Nun, die Inve­sti­ti­on der Stutt­gar­terZei­tung in ihren Lieb­ling Cem Özde­mir (»Eine Ehre, dem Land zu die­nen« – damit könn­te er natür­lich auch für die Armee wer­ben) hat sich gelohnt; wenig­stens ein biss­chen. Er ist nun Land­wirt­schafts­mi­ni­ster gewor­den, nach­dem er eine Wei­le still­ge­hal­ten hat wegen der einen oder ande­ren Affä­re. Und da bei uns der Wunsch Lenins, dass auch eine Köchin den Staat füh­ren kön­nen muss, schon ver­wirk­licht ist, freu­en wir uns alle für die­sen Bau­ern­sohn aus Ana­to­li­en. (Der Vater ist von dort, er selbst ist hier ausgewachsen.)

Und der Herr Özde­mir, unser Schwa­be, passt ja auch treff­lich in die poli­ti­sche Land­schaft. Er weiß, wo Bar­tels den Mostrich holt, und fügt sich anson­sten geschmei­dig dem Main­stream ein.

Zukunft, so viel ist auch Cem klar, hat bei uns big phar­ma und big data, ganz zu schwei­gen von der Rüstungs­in­du­strie. Damit sind wir so gut durch die Kri­se gekom­men, dass jetzt auch Tei­le der soge­nann­ten Lin­ken die Impf­pflicht emp­feh­len. Die Mono­ma­ni­sie­rung des The­mas erreicht ihr Ziel: Nur noch ein wei­te­rer »Piks«, so wird die Erlö­sungs­hand­lung in der Süd­deut­schenZei­tung, eine Art aus­ge­la­ger­te PR-Abtei­lung von Pfi­zer, infan­ti­li­sie­rend genannt, und schon naht Ret­tung. Selbst­ver­ständ­lich spricht auch der treue Knap­pe Cem gleich für die Impf­pflicht, weiß er doch von sei­nen Schwa­ben, welch gro­ße Affi­ni­tät die­se zur Pflicht (Kehr­wo­che) haben. Das reicht, und wir freu­en uns noch mehr. Außer­dem, wie bekannt, war sein Vater Bau­er: »Für mich fühlt es sich daher fast ein biss­chen so an, als schlie­ße sich ein Kreis.« (Füh­len ist ganz wich­tig). Von sei­nen wei­te­ren Qua­li­fi­ka­tio­nen schwei­gen wir. Dass er Men­schen zusam­men­brin­gen kann und will, ver­ste­hen wir als Ansa­ge, dass es bleibt, wie es ist, und sich kei­ner vor ihm fürch­ten muss.

Wäh­rend­des­sen läuft die Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne von rechts bis links wei­ter­hin auf vol­len Tou­ren bis zur Über­hit­zung. Auch in der jun­genWelt erin­nert man sich der guten alten Zei­ten, als man unter Sta­lin des­sen Geg­ner noch als Faschi­sten oder deren Lakai­en beschimp­fen durf­te (Bucha­rin, Trotz­ki u. v. a.). Das geschieht in einem lan­gen Arti­kel am 27./28.11. am Bei­spiel eini­ger ita­lie­ni­scher Lin­ker. Natür­lich wird auch in die­sem Text die herr­schen­de Coro­na-Ideo­lo­gie (das »Nar­ra­tiv«) umstands­los über­nom­men und, auf unse­re Ver­hält­nis­se zurecht­ge­bo­gen, so wenn es um den Nicht-Zugang »von nicht­wei­ßen Unter­men­schen« (steht da so) zum Impf­stoff geht. Zumin­dest ich habe bei mei­nen Quel­len (z. B. Nach­Denk­Sei­ten), die ich für gemä­ßigt links hal­te, das Gegen­teil gele­sen. Natür­lich hät­te die Regie­rung die Impf­stoff­pa­ten­te frei­ge­ben müs­sen und unse­re über­flüs­si­gen Dosen nach Afri­ka expor­tie­ren. Aber nun wur­de lei­der ent­deckt, dass das Zeug nur eine sehr begrenz­te Halt­bar­keit im Arm besitzt, also brau­chen wir es für das »boo­stern« (auch der Pro­fi­tra­te) selbst. Und da die­ses kein Ende neh­men wird, kehrt sich die »Argu­men­ta­ti­on« mit der Soli­da­ri­tät selt­sam um. Dass es kei­nen chi­ne­si­schen oder kuba­ni­schen Impf­stoff bei uns gibt, spricht nicht für eine all­ge­mei­ne Impf­pflicht, spricht aber dafür, wer in die­sem Markt das Sagen hat.

Es scheint, wir sind in einer Eska­la­ti­ons­spi­ra­le, aus der die herr­schen­de Klas­se und ihre dank­ba­ren Unter­stüt­zer von SZ bis jW nicht mehr her­aus­kom­men. Ich ver­mu­te, wir wer­den am Ende so digi­ta­li­siert sein, dass kei­ne radi­ka­le Oppo­si­ti­on in die­sem Lan­de mehr mög­lich ist. Da aber auch die jW eine strikt lega­le ist, ist doch alles gut. Oder? Wie mir mei­ne impf-enthu­si­as­mier­te Kol­le­gin gern sagt: Wer nichts zu ver­ber­gen hat …