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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Wir waren einfach Menschen, Deutsche«

Mün­chen, 23. Janu­ar 2019. Der Baye­ri­sche Land­tag und die Stif­tung Baye­ri­sche Gedenk­stät­ten haben gemein­sam zur jähr­li­chen Gedenk­stun­de für die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus ein­ge­la­den. Der Ple­nar­saal des Maxi­mi­lia­ne­ums ist voll besetzt. Unter den Besu­chern auf der Zuschau­er­tri­bü­ne lau­schen unter ande­rem Schü­ler eines Gym­na­si­ums aus Markt Inders­dorf, Kreis Dachau.

Der Gedenk­akt ist schon weit fort­ge­schrit­ten. Abge­ord­ne­te und Gäste wur­den vom Stif­tungs­di­rek­tor, Karl Frel­ler, begrüßt, Land­tags­prä­si­den­tin Ilse Aigner hat die Not­wen­dig­keit der Erin­ne­rung beschwo­ren und gerügt: »Wer heu­te den Holo­caust rela­ti­viert oder ihn ver­leug­net, macht sich schul­dig. Und wer heu­te unse­re Erin­ne­rungs­kul­tur in den Schmutz zieht, etwa indem er vom ›Denk­mal der Schan­de‹ spricht, der ist blind – nicht nur gegen­über der Ver­gan­gen­heit. Er ist auch blind für die Zukunft!« Char­lot­te Knob­loch, ehe­ma­li­ge Prä­si­den­tin des Zen­tral­rats der Juden in Deutsch­land und heu­ti­ge Prä­si­den­tin der Israe­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de Mün­chen und Ober­bay­ern, hat den zuneh­men­den Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land ange­pran­gert und erklärt: »›Nie wie­der‹ ist das Ver­spre­chen, dass jeder, gleich wel­cher Her­kunft oder Reli­gi­on, in unse­rem Lan­de sicher und frei leben darf. Frei von Angst – frei von Bedro­hung – frei von Angrif­fen – frei von Belei­di­gung und Beschimp­fung.« Die­ses Ver­spre­chen sei die Grund­la­ge der Demo­kra­tie und müs­se geschützt wer­den. »Wie groß die­se Auf­ga­be ist, sehen wir beim Blick in den Bun­des­tag und in unse­re Lan­des­par­la­men­te. Dort – und hier – ist heu­te über­all eine Par­tei ver­tre­ten, die die­se Wer­te ver­ächt­lich macht, die die Ver­bre­chen der NS-Zeit ver­harm­lost und enge Ver­bin­dun­gen ins rechts­ex­tre­me Milieu unter­hält. Die­se soge­nann­te Alter­na­ti­ve für Deutsch­land grün­det ihre Poli­tik auf Hass und Aus­gren­zung und steht – nicht nur für mich – nicht auf dem Boden unse­rer demo­kra­ti­schen Ver­fas­sung.« Solch offe­ne Kri­tik ist zu viel gewe­sen für die Kri­ti­sier­ten: Acht­zehn der 22 AfD-Abge­ord­ne­ten ver­lie­ßen demon­stra­tiv den Saal. Die übri­gen Anwe­sen­den – mit Aus­nah­me der vier sit­zen geblie­be­nen AfD­ler – haben der Holo­caust-Über­le­ben­den nach ihrer Rede lang anhal­ten­den ste­hen­den Applaus gespendet.

Jetzt gehen zwei Men­schen gemein­sam zum Red­ner­pult: Her­mann (»Mano«) und Else Höl­len­rei­ner. Der 85-jäh­ri­ge Sin­to, der als Neun­jäh­ri­ger mit sei­ner Fami­lie nach Ausch­witz ver­schleppt wur­de, hat sei­ne Frau gebe­ten, sei­ne Rede vor­zu­tra­gen. Sei­ne Gesund­heit ist der Anstren­gung nicht mehr gewach­sen. »Die Grau­sam­kei­ten und Ver­bre­chen von damals schmer­zen uns Sin­ti und Roma bis heu­te, eben­so wie unse­re jüdi­schen Lei­dens­ge­nos­sen und alle ande­ren Opfer der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Gewalt­herr­schaft.« Trotz­dem ist Mano Höl­len­rei­ner seit vie­len Jah­ren als Zeit­zeu­ge unter­wegs, lie­be­voll unter­stützt von sei­ner Frau und sei­ner Toch­ter. In der spä­te­ren Bericht­erstat­tung über den Gedenk­akt wird sei­ne bewe­gen­de Rede kaum eine Rol­le spie­len, zu sehr wird der »Eklat«, der Aus­zug der AfD, im Vor­der­grund ste­hen. Gera­de des­halb soll Mano hier aus­führ­lich zu Wort kommen.

Aus­ge­grenzt, gede­mü­tigt, ent­rech­tet, verfolgt

»Als Kind kann­te ich nichts ande­res als die Dik­ta­tur«, erzählt der im Okto­ber 1933 Gebo­re­ne. »Wir Sin­ti wur­den aus­ge­sto­ßen, nicht, weil wir anders waren als ande­re, wir waren nicht anders. Wir waren ein­fach Men­schen, Deut­sche, mit Träu­men und Wün­schen wie unse­re Nach­barn und alle ande­ren Mün­che­ner auch. Unse­re Eltern hat­ten Arbeit, wir Kin­der gin­gen in die Schu­le. Aber eben­so wie die Juden wur­den wir vom natio­nal­so­zia­li­sti­schen Staat aus­ge­grenzt, gede­mü­tigt, ent­rech­tet und ver­folgt. Selbst eini­ge unse­rer Nach­barn, Arbeits­kol­le­gen mei­ner Eltern und sogar Schul­ka­me­ra­den betei­lig­ten sich daran.«

Die 1935 in Kraft getre­te­nen ras­si­sti­schen »Nürn­ber­ger Geset­ze« betra­fen Sin­ti und Roma eben­so wie die Juden. »Ent­ge­gen den von der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Pro­pa­gan­da ver­brei­te­ten Zerr­bil­dern über ›Zigeu­ner‹ waren die in Bay­ern leben­den Sin­ti und Roma schon lan­ge als Nach­barn oder Arbeits­kol­le­gen in das gesell­schaft­li­che Leben und in die loka­len Zusam­men­hän­ge inte­griert. Wir waren und sind Teil der deut­schen Geschich­te und Kul­tur. Vie­le aus unse­rer Fami­lie hat­ten im Ersten Welt­krieg in der kai­ser­li­chen Armee gedient. Doch seit Okto­ber 1939 durf­ten wir von einem Tag auf den ande­ren unse­ren Wohn­ort Mün­chen nicht mehr ver­las­sen. Durch die­se Fest­set­zung wur­den Fami­li­en getrennt und vie­le zugleich um ihre Exi­stenz­grund­la­ge gebracht.«

Ausch­witz, Ravens­brück, Sachsenhausen

Am 8. März 1943 wur­de die Fami­lie Höl­len­rei­ner ver­haf­tet, weni­ge Tage spä­ter wur­de sie zusam­men mit vie­len ande­ren Sin­ti-Fami­li­en – ins­ge­samt cir­ca 140 Per­so­nen – in Güter­wag­gons nach Ausch­witz depor­tiert. Dort wur­de Mano die Num­mer Z-3526 auf den Arm täto­wiert. Sein Leben lang soll­te sie ihn an das Grau­en der Lager erin­nern: »Wir wur­den gede­mü­tigt, gequält, ver­sklavt, ermor­det. Auch wir Kin­der muss­ten schwer arbei­ten. Ich wün­sche uns allen, dass kein Kind auf der Welt so hun­gert, wie wir gehun­gert haben, dass nie­mand so vie­le Tote sehen muss, wie wir gese­hen haben. Ich muss­te auch für den KZ-Arzt Men­ge­le arbei­ten, der Ver­su­che an Men­schen mach­te.« Für ihn muss­te das Kind Mano Gefä­ße mit Orga­nen ermor­de­ter Häft­lin­ge in eine ande­re Baracke schleppen.

Beson­ders ein Tag ist Mano im Gedächt­nis geblie­ben: »Am 16. Mai 1944 woll­te die SS uns alle ermor­den, um Platz für die unga­ri­schen Juden zu schaf­fen. Es war Lager­sper­re, wir muss­ten in den ver­schlos­se­nen Baracken blei­ben. Last­wa­gen kamen ins Lager und soll­ten uns zu den Gas­kam­mern fah­ren. Aber mein Vater und ande­re Män­ner waren gewarnt wor­den. Sie woll­ten kämp­fen und sich nicht umbrin­gen las­sen. Die Tau­sen­den Men­schen im Lager waren ganz still. Dem Befehl der SS-Män­ner, aus den Baracken zu tre­ten, gehorch­ten sie nicht. Die SS-Män­ner woll­ten nichts ris­kie­ren und bra­chen den Mord­plan ab. So hat­ten unse­re Leu­te mit ihrem Wider­stand uns das Leben gerettet.«

Die noch Arbeits­fä­hi­gen, dar­un­ter der zehn­jäh­ri­ge Mano, wur­den danach ins KZ Ravens­brück abtrans­por­tiert. »Die ver­blie­be­nen Alten, Kran­ken und Kin­der wur­den am 2. August 1944 alle ermor­det. Auch eine klei­ne Cou­si­ne von mir.«

Von Ravens­brück, wo alle Sin­ti ab dem zwölf­ten Lebens­jahr ohne Nar­ko­se zwangs­ste­ri­li­siert wur­den, ging es wei­ter nach Sach­sen­hau­sen. Dort wur­de er von sei­nem Vater getrennt. »Mein Vater, Onkel Sepp, Onkel Kon­rad und ande­re Sin­ti wur­den beim Appell raus­ge­ru­fen, sie soll­ten noch in den letz­ten Wochen vor Kriegs­en­de in den Krieg. Mein Vater lief zu mir, einem SS-Mann sag­te er: ›Ich las­se mei­nen Sohn nicht allein. Ich gehe dahin, wo mein Kind hin­geht.‹ Da schlug der SS-Mann ihn blu­tig. Ich dach­te, jetzt wer­den wir erschos­sen. Mein Vater umarm­te mich noch ein­mal und wur­de mit den ande­ren Sin­ti weg­ge­bracht.« Für Mano, der schon so vie­le Grau­sam­kei­ten erlebt hat­te, gehör­te die Tren­nung vom Vater zu sei­nen schlimm­sten Momenten.

Als der Krieg fast vor­bei war, wur­den die Häft­lin­ge auf einen Todes­marsch getrie­ben. »Vie­le star­ben unter­wegs vor Erschöp­fung«, berich­tet Höl­len­rei­ner. »Wer nicht mehr wei­ter­konn­te, wur­de von den SS-Män­nern erschos­sen. Die SS-Män­ner mor­de­ten bis zum Schluss, dann zogen sie ihre Uni­for­men aus und Häft­lings­klei­dung an und lie­fen weg.« Mano irr­te noch eine Wei­le umher, bis er so schwach war, dass er auf der Stra­ße lie­gen­blieb. Befrei­te Fran­zö­sin­nen nah­men ihn mit nach Frank­reich. »Dort nah­men mich lie­be Men­schen, ohne zu fra­gen, auf. Obwohl sie arm waren, küm­mer­ten sie sich um mich und lieb­ten mich. Ich wer­de ihnen für immer dank­bar sein.«

Über Manos Leben nach der Befrei­ung hat Anja Tucker­mann das Buch »Mano. der Jun­ge, der nicht wuss­te, wo er war« geschrie­ben. Dar­in schil­dert sie, wie schwie­rig es für das trau­ma­ti­sier­te Kind war, wie­der ins Leben und in einen All­tag hin­ein­zu­fin­den. »Ich hat­te gro­ße Angst, zu sagen, dass ich ein Deut­scher bin, weil ich dach­te, dass ich dann wie­der gefan­gen wer­de und viel­leicht ster­ben muss. Es hat lan­ge gedau­ert, bis ich merk­te und glaub­te, dass ich sicher war.«

Als er 13 Jah­re alt war, wur­den Manos Eltern und sei­ne Schwe­ster in Mün­chen gefun­den, und er wur­de zu ihnen gebracht.

Manos Erin­ne­run­gen wer­den Schullektüre

Das Buch über sei­ne Kind­heits­jah­re wur­de in die­sem Schul­jahr als Prü­fungs­lek­tü­re der Real­schu­len in Baden-Würt­tem­berg aus­ge­wählt. Mano ist »ein biss­chen stolz« dar­auf und »sehr froh, dass in den Schu­len nach so lan­ger Zeit end­lich auch über unser Schick­sal gespro­chen wird. Dass die jun­gen Men­schen etwas über uns Sin­ti erfah­ren.« Nicht nur in Baden-Würt­tem­berg: »Wenn es mei­ne Gesund­heit zulässt, wer­de ich im Rah­men einer vom Baye­ri­schen Kul­tus­mi­ni­ste­ri­um geför­der­ten Vor­trags­rei­se vor baye­ri­schen Schul­klas­sen über mein Ver­fol­gungs­schick­sal berichten.«

»Nicht zu ver­ges­sen ist für uns in die­sem Land wich­tig, denn es geht dabei stets auch um die Zukunft.« So Mano am Ende sei­ner Rede. Er hofft dar­auf, dass die jun­gen Genera­tio­nen Ver­ant­wor­tung über­neh­men und dafür sor­gen, dass sich »Der­ar­ti­ges« nie mehr wie­der­ho­len kann. Gleich­zei­tig sei­en Min­der­hei­ten auf das Funk­tio­nie­ren der demo­kra­ti­schen Rechts­ord­nung ange­wie­sen. »Für uns Sin­ti hier in Bay­ern, aber auch für mich per­sön­lich, war es ein histo­ri­scher Moment und ein wich­ti­ges Zei­chen dafür, dass der Staat sei­ner Ver­ant­wor­tung gegen­über unse­rer Min­der­heit nach­kommt, als der Frei­staat Bay­ern am 20. Febru­ar 2018 einen Staats­ver­trag mit dem Lan­des­ver­band Deut­scher Sin­ti und Roma abge­schlos­sen hat. Dies gibt uns für unse­re Kin­der und Kin­des­kin­der Hoff­nung für eine Zukunft als gleich­be­rech­tig­te Bür­ger die­ses unse­res Lan­des.« Mit die­sem hoff­nungs­vol­len Aus­blick schließt Manos von Else Höl­len­rei­ner vor­ge­tra­ge­ne Rede.

Wäh­rend sei­ne Frau die Rede ver­las, hat Mano kon­zen­triert zuge­hört, immer wie­der bekräf­ti­gend genickt oder sein Gesicht in schmerz­li­cher Erin­ne­rung ver­zo­gen. Als ihm und Else nun von Stif­tungs­di­rek­tor Frel­ler und Land­tags­prä­si­den­tin Aigner die Hand gedrückt wird, fällt die Span­nung sicht­bar von ihm ab. Dass er hier im Land­tag spre­chen durf­te, ver­steht er für sich selbst, »aber auch für die Gemein­schaft der Sin­ti und Roma, [als] ein Zei­chen der Aner­ken­nung des uns wäh­rend der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus zuge­füg­ten Leids«. Lan­ge haben die Sin­ti und Roma auf sol­che Aner­ken­nung gewartet.

Anja Tucker­mann: »Mano. Der Jun­ge, der nicht wuss­te, wo er war«, Carl Han­ser Ver­lag 2008, 240 Sei­ten, 17,80 € (Taschen­buch 11,90 €)