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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wort-Geschichten: Ehre

Ein geflü­gel­tes Wort: Ehre, wem Ehre gebührt. Goe­the griff dies Wort des Apo­stels Pau­lus (Römer­brief 13,7) in sati­ri­scher Wei­se als Zuruf an die Hexe Bau­bo auf: »So Ehre denn, wem Ehr gebührt! Frau Bau­bo vor! Und ange­führt«, singt der Chor zur Wal­pur­gis­nacht im Faust. Respekt­los! Die ger­ma­ni­sche Wort­wur­zel, die alt­nor­disch eir heißt, steht für ehr­fürch­ti­ge Scheu und Ver­eh­rung, ein kul­tisch reli­giö­ser Begriff. Ver­wandt ist auch grie­chisch hierós = hei­lig. In unse­rem Wort Ehr­furcht klingt die alt­her­ge­brach­te reli­gi­ös-pie­tät­vol­le Schwin­gung noch mit.

Spä­ter­hin ging die Ver­wen­dung ins rein Sitt­lich-Mora­li­sche über: ehr­bar, Ehren­mann, Ehre und Gewis­sen. Ja: Ruhm und Ehre – lei­der ist viel Miss­brauch zu bekla­gen. Sogar Räu­ber­ban­den haben ihren eige­nen Ehr­be­griff. Die Cosa nost­ra, wie die Mafia auf Sizi­li­en heißt, wird allen Ern­stes als »ehren­wer­te Gesell­schaft« titu­liert. Und schlim­mer: Jede Woche ein Ehren­mord in Deutsch­land!, schrieb vori­ges Jahr die Pres­se. Wer die Ehre der Fami­lie beschmutzt, soll ster­ben, so lau­ten Aus­sa­gen jugend­li­cher Ehren-Mör­der. Die Reste die­ser Stam­mes­ri­ten vor-isla­mi­scher Zeit fin­den sich noch immer – näm­lich als Straf­mil­de­rung beim Ehren­mord – in Geset­zes­bü­chern Ägyp­tens, Kuwaits, Katars und ande­rer Län­der. Von den archai­schen Kul­tu­ren bis hin zu duel­lie­ren­den Adli­gen der Neu­zeit (sie­he Effi Briest!) hat die ver­letz­te Ehre Todes­op­fer gefor­dert. Hin­zu kommt auch eine Glo­rio­le um den Hel­den­tod auf dem Feld der Ehre, vom Lyri­ker Horaz († 8 v. Chr.) so for­mu­liert: »Süß und ehren­voll ist es, fürs Vater­land zu ster­ben.« Er wuss­te es nicht bes­ser. Die heu­ti­gen Feld­pre­di­ger jeder Kon­fes­si­on soll­ten es bes­ser wissen.

Nicht die Feld­pre­di­ger, aber eini­ge ande­re sog. schmut­zi­ge Beru­fe wur­den aus ver­schie­de­nen Grün­den als »unehr­lich« ange­se­hen, das hieß als ehr­los und ver­ächt­lich. Dazu gehör­ten Scharf­rich­ter und Hen­ker, aber auch die Schin­der, die Schä­fer, fah­ren­des Volk und, man stau­ne, die Gerichts-Büt­tel. Kein ehr­ba­rer Mensch gab ihnen sei­ne Toch­ter zur Frau, in der Schän­ke saßen sie sepa­rat. Erst im 18. Jahr­hun­dert locker­te sich die Äch­tung durch kai­ser­li­chen Erlass, indem man die Kin­des­kin­der in der zwei­ten (!) Gene­ra-tion für zunft­fä­hig und ehr­sam erklärte.

Zum fah­ren­den Volk mit zwei­fel­haf­ter Ehre gehör­ten frü­her die Zigeu­ner, Sche­ren­schlei­fer, Quack­sal­ber, Gauk­ler – und die Schau­spie­ler. Die Gauk­ler unter­hiel­ten als Pos­sen­trei­ber, Komö­di­an­ten und Zau­ber­künst­ler das Publi­kum, stan­den aber als Falsch­spie­ler, wie spä­ter die Hüt­chen­spie­ler, im Ruf der Betrü­ge­rei. Von den Gauk­lern ging der Ruf auf die wan­dern­den Spiel­leu­te und Schau­spie­ler über, denn sie waren ähn­li­che Illusionskünstler.

Ehr­lich währt am läng­sten. Damit trö­stet sich manch Recht­schaf­fe­ner beim Blick auf die Blen­der und die Schar­la­ta­ne, deren Betrü­ge­rei­en (so hofft er) nicht von Dau­er sein mögen. Berufs­eh­re ist ein Begriff von Wert. Er beinhal­tet, dass man sei­ne Arbeit sau­ber, sach­ge­mäß und unbe­stech­lich aus­übt. Was das letz­te­re betrifft, so ste­hen eini­ge Bran­chen heu­te unter star­kem Ver­dacht. Die Berufs­grup­pen der Poli­ti­ker, Ban­ker, Immo­bi­li­en­haie und Bau­lö­wen haben da schwer zu kämpfen …