Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zeit der Hysterie

Vor kur­zem frag­te eine Lehr­amts­stu­den­tin bei mir an, ob sie mich zum The­ma »68 und die Fol­gen« befra­gen dür­fe, mit dem man sich im Semi­nar beschäf­ti­ge. Es ging um die Klä­rung der Fra­gen, ob und in wel­cher Wei­se die Pro­test­be­we­gung Ein­fluss auf mei­ne Bio­gra­fie, auf die Gesell­schaft und die poli­ti­sche Ent­wick­lung der BRD genom­men habe und was von ihr übrig geblie­ben sei. Um mich auf das Gespräch vor­zu­be­rei­ten, habe ich nach the­men­be­zo­ge­nen Doku­men­ten gesucht und unter ande­rem einen Brief gefun­den, den mei­ne 2019 ver­stor­be­ne Frau am 4. August 1980 geschrie­ben und als Flug­blatt an ihre Mit­be­woh­ner ver­teilt hat. Sie unter­rich­te­te sei­ner­zeit als Stu­di­en­rä­tin an einem Karls­ru­her Gym­na­si­um die Fächer Deutsch und Geschich­te und wohn­te in einem Hoch­haus im Stadt­teil Dur­lach. Sie schrieb:

»An alle Frei­zeit-Ter­ro­ri­sten­fahn­der und Hob­by-Hilfs­she­riffs der Pfaff­stra­ße 18: Auf­grund einer Anzei­ge eines mir unbe­kann­ten Haus­mit­be­woh­ners wur­de im Rah­men der Ter­ro­ri­sten­fahn­dung in der Nacht vom 31. Juli zum 1. August eine Poli­zei­ak­ti­on gegen mich und mei­ne Freun­din, die mich gera­de besuch­te, durch­ge­führt. Im Ver­lauf der Akti­on fand eine Per­so­nal­über­prü­fung statt. Das Ergeb­nis der Über­prü­fung war natür­lich nega­tiv. Da ich sehr schreck­haft bin und nachts nicht ger­ne in die Gewehr­läu­fe von Poli­zi­sten sehe, möch­te ich allen Haus­be­woh­nern, die sich auf die Beob­ach­tung ihrer Mit­be­woh­ner spe­zia­li­siert haben, mit­tei­len, daß ich weder Ter­ro­rist noch Sym­pa­thi­sant bin. Auch bin ich nicht ver­wandt, ver­schwä­gert, bekannt oder befreun­det mit einem RAF-Mit­glied. Zu kei­ner Zeit stell­te ich mei­ne Woh­nung kon­spi­ra­ti­ven Zwecken zur Ver­fü­gung. Ich selbst wür­de mich eher als eine etwas zu bra­ve Stu­di­en­rä­tin ein­schät­zen, die ihr Brot nicht durch Bank­über­fäl­le, son­dern sau­er am Otto-Hahn-Gym­na­si­um ver­dient. Ich bit­te des­halb, daß man mich und die Poli­zei in Zukunft in Ruhe läßt und wün­sche allen Hob­by-Sher­lock-Hol­mes erhol­sa­me Feri­en. Mit freund­li­chen Grü­ßen Chri­stel Banghard«.

Aus dem Brief geht ja her­vor, was pas­siert war: Zu frü­her Mor­gen­stun­de klin­gel­te eine Grup­pe schwer­be­waff­ne­ter Poli­zi­sten an der Woh­nungs­tür und führ­te eine Über­prü­fung durch. Mei­ne Frau hat­te näm­lich ihre beste Freun­din zu Besuch (eben­falls poli­tisch völ­lig unbe­schol­ten). Und wenn man eine Per­son, die kei­ne Mit­be­woh­ne­rin war, bei sich über­nach­ten ließ, mach­te man sich ver­däch­tig. Denn damals such­te die Poli­zei stän­dig nach RAF-Mit­glie­dern und deren Sym­pa­thi­san­ten. Dabei gerie­ten mas­sen­haft arg­lo­se Per­so­nen wie mei­ne Frau in Ver­dacht, die sich zutref­fend als bra­ve Leh­re­rin cha­rak­te­ri­siert hat. Sie war ihr Leben lang sozi­al ein­ge­stellt, in beson­de­rem Maße hilfs­be­reit und sym­pa­thi­sier­te zu kei­ner Zeit mit Ter­ro­ri­sten. Sie ver­trat eine sozia­li­sti­sche Welt­an­schau­ung, war aber nie Mit­glied in einer Par­tei und gehör­te auch wäh­rend ihrer Stu­di­en­zeit kei­ner radi­ka­len K-Grup­pe an. Trotz­dem stand sie genau wie ich mehr­mals im Fokus poli­ti­scher Über­prü­fun­gen. Ich war eben­falls nie ein Ver­fas­sungs­feind, es sei denn, man rech­net die SPD, der ich von 1969 bis 2019 knapp fünf­zig Jah­re ange­hör­te und für die ich in zahl­rei­chen Ämtern und Funk­tio­nen tätig war, zu den ver­fas­sungs­feind­li­chen Parteien.

Mit der Sich­tung der Zeit­do­ku­men­te kom­men Erin­ne­run­gen an eine Zeit der Hyste­rie hoch, eine Zeit, in der ehe­ma­li­ge Nazis wie­der zu Amt und Wür­den gekom­men waren und alle, die sich poli­tisch links posi­tio­nier­ten, mit Über­wa­chung, Ver­fol­gung und Unter­drückung regel­recht ter­ro­ri­sier­ten. Als Grund­la­ge dien­te ihnen der soge­nann­te Extre­mi­sten­er­lass aus dem Jahr 1972, der ver­ab­schie­det wor­den war, um die Lin­ken auf ihrem »Gang durch die Insti­tu­tio­nen« zu stop­pen. In Baden-Würt­tem­berg wur­de der »Radi­ka­len­er­lass« von einer tief­schwar­zen Lan­des­re­gie­rung, an deren Spit­ze Hans Karl Fil­bin­ger (ehe­ma­li­ges NSDAP-Mit­glied und »furcht­ba­rer Jurist«) stand, beson­ders gna­den­los prak­ti­ziert. Er hat­te sich mit Ger­hard May­er-Vor­fel­der einen rechts­ra­di­ka­len Schlag­drauf-Poli­ti­ker her­an­ge­zo­gen, der die »Ten­denz­wen­de« und die mit ihr ver­bun­de­ne Poli­tik der Berufs­ver­bo­te kon­se­quent exe­ku­tier­te. Dabei half auch der amtie­ren­de Innen­mi­ni­ster Karl Schiess mit, eben­falls ehe­ma­li­ges NSDAP-Mit­glied. Nach ihm wur­de die ver­schärf­te Ver­si­on des Radi­ka­len­er­las­ses benannt.

Aus der histo­ri­schen Distanz betrach­tet, kann man über vie­le Aktio­nen, die sei­ner­zeit durch­ge­führt wor­den sind, eigent­lich nur den Kopf schüt­teln, ja man könn­te über so man­che Pro­vinz­pos­se sogar lachen, wenn man nicht selbst erlebt hät­te, wie sie sich auf das Leben von Betrof­fe­nen aus­ge­wirkt hat, wie die Schi­ka­nen und ver­häng­ten Berufs­ver­bo­te eini­gen die beruf­li­che Exi­stenz und die mit ihr ver­bun­de­ne Alters­ver­sor­gung entzogen.

Ich habe mei­ne Erleb­nis­se in ver­schie­de­nen Büchern und Auf­sät­zen fest­ge­hal­ten. Um die Dimen­si­on der Poli­tik der Ein­schüch­te­rung und Unter­drückung wenig­stens im Ansatz auf­zu­zei­gen, liste ich ledig­lich ein paar Erleb­nis­se auf:

Von 1979 bis 1981 unter­rich­te­te ich als Leh­rer am Deutsch­or­den-Gym­na­si­um in Bad Mer­gen­theim. Als ich 1980 hei­ra­te­te und die Hoch­zeit mit einer Anzei­ge kund­tat, die mit einem Zitat von Hein­rich Hei­ne aus des­sen Werk »Deutsch­land – Ein Win­ter­mär­chen« ver­se­hen war (»Und fehlt der Pfaf­fen­se­gen dabei, die Ehe wird gül­tig nicht min­der«), ord­ne­te Kul­tus­mi­ni­ster May­er-Vor­fel­der eine drei­fa­che Bestra­fung an: Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren, Pro­be­zeit­ver­län­ge­rung und »Straf­ver­set­zung«. Die Medi­en berich­te­ten über die »Hexen­jagd im Tau­ber­tal«, und die katho­li­sche Neue Bild­post ver­trat mit dem Arti­kel »Und der will unse­re Kin­der leh­ren!« vom 25. Janu­ar 1981 die Auf­fas­sung, dass man mich auf­grund der Ver­wen­dung des Hei­ne-Zitats aus dem Schul­dienst ent­fer­nen müs­se. Eigent­lich konn­te ich froh sein, dass ich dann nicht ent­las­sen, son­dern ledig­lich aus der Gegend ver­setzt wur­de, durch die in die­sen Jah­ren immer noch ein schwarz­brau­ner Zeit­geist weh­te. Zum Bei­spiel war noch im Jahr 1980 an einer Scheu­ne in der Nähe von Wei­kers­heim unter­halb des Gie­bels weit­hin sicht­bar ein zwei Qua­drat­me­ter gro­ßes Haken­kreuz ein­ge­mau­ert. Als ein Bür­ger das zustän­di­ge Land­ge­richt Ell­wan­gen anrief, sah die­ses »kei­ne Ver­an­las­sung, ein Ermitt­lungs­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten«. Man kön­ne dem Besit­zer auch nicht zumu­ten, das Haken­kreuz zu ent­fer­nen, da dadurch die Bau­sub­stanz gefähr­det sei. Infol­ge der »Straf­ver­set­zung« lan­de­te ich 1982 in Heilbronn.

Näch­stes Bei­spiel: Als die Lan­des­re­gie­rung 1986 zusam­men mit dem Süd­west­funk nach einer Hym­ne für Baden-Würt­tem­berg such­te und einen Wett­be­werb aus­schrieb, gin­gen über 450 Vor­schlä­ge ein. Der Sie­ger­ti­tel, das Werk eines Bank­an­ge­stell­ten, prä­sen­tier­te Rei­me­rei­en wie: »Die Bad‘ner und die Schwa­ben fried­lich ver­eint sich haben« oder »Gro­ße Wor­te sind geschrie­ben hier von Uhland, Möri­ke, Schil­ler. Geist und Frei­heit sind zu fin­den hier, dies Wer­te sind für immer«. Der Kaba­ret­tist Die­ter Hil­de­brandt kom­men­tier­te sei­ner­zeit das Ergeb­nis so: Wenn das die Sie­ger­hym­ne ist, wie sehen dann erst die ande­ren 449 Ver­sio­nen aus? Ich habe mir den Spaß erlaubt und eine »Gegen-Lan­des­hym­ne« geschrie­ben, die am 21. Okto­ber 1986 als Leser­brief in der Tages­zei­tung Heil­bron­ner Stim­me ver­öf­fent­licht wur­de. Über die Fol­gen berich­te­te die Süd­west­pres­se am 6. Okto­ber 1987 unter der Über­schrift »Staats­ak­ti­on nach sati­ri­scher Hym­ne. Leh­rer wird stun­den­lang über­prüft«. Kul­tus­mi­ni­ster May­er-Vor­fel­der hat­te wie­der ein­mal zuge­schla­gen und die »Staats­ak­ti­on« ange­ord­net, weil sei­ner Auf­fas­sung nach mein Text zu Beden­ken Anlass gab, ob mein Unter­richt »den Anfor­de­run­gen von Lan­des­ver­fas­sung, Schul­ge­setz und Lehr­plan ent­spricht«. Erneut wur­de unter Bezug­nah­me auf den »Radi­ka­len­er­lass« mit »Berufs­ver­bot« und der Ent­las­sung aus dem Schul­dienst gedroht.

Man fragt sich selbst­ver­ständ­lich, was das für ein revo­lu­tio­nä­rer Text ist, der den Mini­ster und sei­ne Lakai­en so in Rage ver­setz­te. Mei­ne Lan­des­hym­ne liest sich so:

»1. Ein Land regiert von Daim­ler-Benz und ande­ren Kon­zer­nen, /​ Mit Gift und Depo­nien gefüllt, mit Müll und Kern­kraft­wer­ken, /​ In dem die Indu­strie regiert und schon die Schü­ler ler­nen, /​ Dass Zucht, Ord­nung und Sau­ber­keit die Lebens­freu­de stär­ken. /​ Fei­ern wir stolz mit Herz und Hand: /​ Baden-Würt­tem­berg, unser Heimatland!

  1. Die Men­schen voll mit Fröm­mig­keit und gut gekoch­ten Spätz­len /​ For­dern von­ein­an­der stets ›Grüß Gott‹, die Kehr­woch und Mone­ten. /​ Schwarz­kran­ker Wald reich ange­füllt mit Kir­chen und Kaser­nen: /​ Ergänzt wird dies idyl­lisch Bild durch Reben und Rake­ten. /​ Fei­ern wir stolz mit Herz und Hand: /​ Baden-Würt­tem­berg, unser Heimatland!
  2. Das Land, aus dem einst Schil­ler floh, mit Schreib­ver­bot ver­trie­ben, /​ Wo sie den Schub­art ein Jahr­zehnt im düstren Ker­ker hie­ben, /​ Weil er furcht­los geför­dert hat des Vol­kes Frei­heits­stre­ben. /​ Geschützt durch Stamm­heims Sicher­heits­trakt kann man hier fröh­lich leben. /​ Fei­ern wir stolz mit Herz und Hand: /​ Baden-Würt­tem­berg, unser Heimatland!«

Sol­che Spott­ver­se genüg­ten, um in den Ver­dacht zu gera­ten, ein Ver­fas­sungs­feind zu sein. Auf Anwei­sung des Kul­tus­mi­ni­sters hat sich ein Beam­ter ein­ge­hend mit mei­ner Lan­des­hym­ne befas­sen müs­sen. Bei der Ein­sicht in mei­ne Per­so­nal­ak­ten, die jetzt im Lan­des­ar­chiv Baden-Würt­tem­berg /​ Haupt­staats­ar­chiv Stutt­gart lagern (Bestand Q 2/​51. Unter­la­gen Erhard Jöst 1968–2018), fand ich sei­ne Inter­pre­ta­ti­on, die sich wie eine Sati­re liest. Im Akten­ver­merk heißt es: »In Kreuz- und Paar­reim, jam­bisch und dak­ty­lisch, über drei Stro­phen hin­weg reimt die­ser [Stu­di­en­rat Dr. Jöst] in Kolhaas‘scher Manier blin­der Selbst­über­schät­zung aus der Leber­wurst-Per­spek­ti­ve belei­digt-schul­mei­ster­li­cher Exi­stenz von nur zeit­wei­lig öffent­li­cher Beach­tung, Apo­ka­lyp­ti­sches zum The­ma Baden-Würt­tem­berg: Ato­ma­rer Holo­caust und Öko-Desa­ster zer­stör­ter Umwelt ste­hen unter ungu­tem Stern groß­in­du­stri­el­len Des­po­tis­mus beru­hend auf der spätz­les­from­men, will­fäh­ri­gen Ordent­lich­keit des baden-würt­tem­ber­gi­schen Men­schen. Gleich­sam in Anklän­gen sonett­haft-dump­fer Ahnung wer­den Schil­ler, Schub­art und der Sicher­heits­trakt von Stamm­heim zitiert, um publi­zi­stisch igno­rier­tem Selbst­ver­ständ­nis eine wenig­stens loka­le Bedeut­sam­keit zu ver­lei­hen.« Immer­hin hat­te auch mei­ne Lan­des­hym­ne kein Berufs­ver­bot zur Fol­ge, auch wenn der Kul­tus­mi­ni­ster mich wegen ihr einen »Volks­ver­het­zer« nannte.

Zum zwei­ten Mal »straf­ver­setzt« wur­de ich wegen Per­so­nal­rats­tä­tig­keit, als ich Per­so­nal­rats­vor­sit­zen­der an einem Gym­na­si­um war. Da wird jeder sofort aus­ru­fen: Das ist doch ein Ding der Unmög­lich­keit! Eigent­lich ja, aber auch das war im »Muster­länd­le« zu der Zeit mög­lich, es gab fähi­ge Rechts­ver­dre­her, und der Kul­tus­mi­ni­ster rühm­te sich selbst, ein Ein­ser-Jurist zu sein. Immer­hin blieb die zwei­te »Straf­ver­set­zung« in der Fami­lie: Ich blieb in Heil­bronn und kam vom Theo­dor-Heuss- ans Elly-Heuss-Knapp-Gym­na­si­um. Es wür­de den Rah­men des Arti­kels spren­gen, wenn ich den Vor­fall schil­dern wür­de. Wer sich dafür inter­es­siert, kann ihn und auch ande­re Vor­gän­ge in dem Buch »Kul­tus und Spott« nachlesen.

Als 68er konn­te ich als Leh­rer kei­ne Kar­rie­re machen, aber immer­hin gelang es der Kul­tus­bü­ro­kra­tie trotz eini­ger Ver­su­che nicht, mich aus dem Schul­dienst raus­zu­wer­fen. Bei ande­ren hat sie es geschafft. Die Web­site der Initia­ti­ve gegen Berufs­ver­bo­te infor­miert. Die Betrof­fe­nen hat­ten 2015, als es in Baden-Würt­tem­berg eine grün-rote Lan­des­re­gie­rung gab, zusam­men mit drei Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten einen Run­den Tisch gebil­det. Sein Ziel war die Reha­bi­li­tie­rung und Ent­schä­di­gung der Per­so­nen, gegen die ein Berufs­ver­bot ver­hängt wor­den war. Aber Mini­ster­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann, obwohl er als Stu­di­en-Refe­ren­dar selbst wegen sei­ner Mit­glied­schaft im Kom­mu­ni­sti­schen Bund West­deutsch­lands von einem Berufs­ver­bot bedroht war, ver­hin­der­te, dass die Reso­lu­ti­on in den Land­tag ein­ge­bracht wur­de. Das Vor­ha­ben wur­de in die Zeit nach der Land­tags­wahl ver­scho­ben und erle­dig­te sich dann von selbst. Denn es wur­de eine grün-schwar­ze Lan­des­re­gie­rung gebil­det: Kret­sch­mann blieb Mini­ster­prä­si­dent. Innen­mi­ni­ster und sein Stell­ver­tre­ter wur­de der CDU-Poli­ti­ker Stro­bl, der nach eige­nem Bekennt­nis in sei­ner Schul­zeit in die Par­tei ein­trat, weil ihm sei­ne Leh­rer zu links waren. Es ist dem­nach kaum zu erwar­ten, dass Stro­bl, der sei­ner­zeit ein vehe­men­ter Ver­fech­ter der Poli­tik der Berufs­ver­bo­te war, sich heu­te dafür ent­schul­digt und zugibt, dass der »Radi­ka­len­er­lass« der Demo­kra­tie schwe­ren Scha­den zuge­fügt hat.

Ein Ergeb­nis hat der Run­de Tisch immer­hin her­vor­ge­bracht: An die Uni­ver­si­tät Hei­del­berg wur­de der Auf­trag ver­ge­ben, den »Radi­ka­len­er­lass« in Baden-Würt­tem­berg wis­sen­schaft­lich zu erfor­schen. Jetzt hat das Team um den Histo­ri­ker Edgar Wol­frum einen ersten Zwi­schen­be­richt vor­ge­legt (»Ver­fas­sungs­fein­de im Land? Baden-Würt­tem­berg, 68 und der ›Radi­ka­len­er­lass‹. 1968-2018. Ein For­schungs­be­richt«). Bleibt zu hof­fen, dass der End­be­richt des For­schungs­pro­jekts auch auf­zeigt, wie in den letz­ten Jahr­zehn­ten des 20. Jahr­hun­derts reak­tio­nä­re, zum Teil sogar schwarz­braun ange­hauch­te Poli­ti­ker ihre Ämter dazu miss­braucht haben, die Lin­ken und Libe­ra­len ein­zu­schüch­tern und zu schi­ka­nie­ren, und wie sie Beam­te unter Beru­fung auf zwei­fel­haf­te Erlas­se und Ver­ord­nun­gen, die vor dem Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te kei­nen Bestand hat­ten, aus dem Dienst entfernten.

 

Lese­emp­feh­lun­gen: Ruth Broda/​Erhard Jöst (Hg.): »Win­ter­mär­chen in der Pro­vinz. Ein Hei­ne-Zitat und sei­ne Fol­gen«, Frei­burg 1981; »Der Schul­frie­de ist in Gefahr. Eine Doku­men­ta­ti­on«, Stutt­gart 1982; Erhard Jöst: »Kul­tus und Spott. Pro­vinz­pos­sen und Schul­sa­ti­ren«, Stutt­gart 1987.