Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zum Tod eines Schelms

Bis­ku­pek, der klei­ne Bischof, ist tot. Wir kann­ten uns fast vier­zig Jah­re. Ich hielt ihn stets für einen boden­stän­di­gen, frei­gei­sti­gen und hin­ter­sin­ni­gen Schelm. Weni­ge Tage vor sei­nem zu frü­hen Tod, begriff ich, dass er nicht nur Athe­ist, son­dern durch­aus ein gläu­bi­ger Mann war. So einen Spa­gat bekom­men nur Voll­blut­ko­mö­di­an­ten hin. An sei­ner Matzrat­zen­gruft – so nann­te er sein Kran­ken­la­ger mit Ver­weis auf Hei­ne – spra­chen wir vom lie­ben Gott. Der beschlos­sen habe, ihn nicht mehr leben zu las­sen. So ein­fach ist das, bit­te­schön, sag­te Mat­thi­as. Aber so ein­fach war es nicht. Er hat näm­lich nicht leicht­hin los­ge­las­sen, kapi­tu­liert, son­dern mit Kraft und Lei­den­schaft gegen das Urteil und die Krank­heit gekämpft. Die­ser Quo­ten­sach­se und Rent­ner­lehr­ling lieb­te das Leben, er fand es in Gän­ze ent­schie­den komisch, lach­haft und bewah­rens­wert. Auch der bit­ter­sten Stun­de konn­te er wit­zi­ge Nuan­cen abge­win­nen. War es nicht ein fri­vo­ler Zufall, dass der Pal­lia­tiv­me­di­zi­ner, der ihn auf sei­nem letz­ten Weg beglei­ten soll­te, genau­so hieß wie ein ost­deut­scher Thea­ter­avant­gar­dist? Dar­über lach­te er, trotz Schmer­zen und Schwä­che, aus vol­lem Hals. Wenn ihn Sig­rid, sei­ne Frau, einen ver­spä­te­ten Mor­phi­ni­sten nann­te, for­der­te er, die Dro­gen zu bekom­men, die gera­de im Ange­bot waren. Unse­re letz­ten Gesprä­che waren, trotz der fata­len Lage, um die er wuss­te, ver­wir­rend hei­ter und leicht, umkrei­sten unser Hand­werk, das Thea­ter, die Lite­ra­tur, aber auch die poli­ti­sche Situa­ti­on, die Pan­de­mie. Obwohl er spür­te, dass es mit ihm zu Ende ging, beschäf­tig­te ihn die Welt. Er dach­te an die Geburts­tags­grü­ße für Freun­de und sorg­te sich um kom­men­de Wah­len. Er sprach von Büchern, die er gern noch begon­nen oder been­det hät­te. Schrei­ben war für ihn ein ver­ant­wor­tungs­vol­les Amt, sei­ne Lebens­auf­ga­be. Er hat sie, wie er selbst­be­wusst fest­stell­te, alles in allem gut erfüllt. Wohl wahr. Ich bin über­zeugt, dass, wer auch immer irgend­wann etwas über die Sta­gna­ti­on, Trans­for­ma­ti­on und Restau­ra­ti­on in Ost­deutsch­land erfah­ren will, sei­ne Glos­sen und Sati­ren zur Hand neh­men wird. Als ihn die Kraft ver­ließ, Noti­zen zu machen oder sein Tage­buch fort­zu­füh­ren, arbei­te­te sein Kopf wei­ter an Tex­ten. Er ent­warf Thea­ter­stücke, erzähl­te von sei­nen Träu­men. Etwa, dass er in einer Per­for­mance mit­wir­ken durf­te, die dar­in bestand, dass man ihn in eine Frau ver­wan­del­te. Die­se Visi­on war nicht nur ein Reflex auf die phy­si­schen Ver­än­de­run­gen, die ihm die Krank­heit auf­zwang, sie leg­te tie­fe­re Ansich­ten frei. In vie­len sei­ner Geschich­ten waren weib­li­che Figu­ren die akti­ven, muti­gen, ent­schei­dungs­fro­hen Prot­ago­ni­sten. Sein vor­letz­tes Buch erzähl­te die Bio­gra­fie einer Kol­le­gin, sein näch­stes soll­te an die Freun­din Uschi Amber­ger erin­nern. Zu den Stär­ken sei­ner Lite­ra­tur gehör­te ein ent­schie­den femi­ni­nes Moment, Anteil­nah­me und Nähe. Mat­thi­as Bis­ku­pek konn­te stör­risch und unbe­quem sein, er teil­te sei­ne Ansich­ten unver­blümt und spott­lu­stig mit, Aggres­si­vi­tät war nicht sein Metier. Eine ver­nich­ten­de Kri­tik aus sei­ner Feder wird man nicht fin­den. Im Grun­de war er, ein Kind klei­ner Leu­te, ein vor­sich­ti­ger Mensch. Manch­mal, sag­te er und schmun­zel­te über das Ein­ge­ständ­nis, war ich auch ein biss­chen fei­ge. Da, erwi­der­te ich, stehst du nicht allei­ne. Und füge heu­te hin­zu, du warst auch ein Mann, auf den man sich in bri­san­ter Lage immer ver­las­sen konn­te, ein auf­rech­ter Kerl und eine ehr­li­che Haut. Du hast, mit leich­ter Hand und festen Über­zeu­gun­gen, um dein Leben geschrie­ben und dein Schick­sal mit Todes­mut in die Schran­ken gewie­sen. In dei­nen letz­ten Mona­ten hast du, lie­ber Freund, ver­zeih das hohe Wort, wie ein Held gehan­delt. Solch pathe­ti­sches Kom­pli­ment wür­dest du mit einer flach­si­gen Bemer­kung klein­ge­re­det, rela­ti­viert haben. Jetzt kommt von dei­ner Sei­te kein Scherz, kein Kon­tra. Das Gespräch ist aus. Der Rest ist Schwei­gen. Also lass mich wie­der­ho­len, was ich dir zum Abschied sag­te: Du wirst mir feh­len. So wie vie­len ande­ren auch.

 

Die­ser Text wur­de zuerst von der Zei­tung Frei­es Wort in Suhl gedruckt.

Herausgeber/​innen, Ver­lag und Redak­ti­on von Ossietzky drücken der Fami­lie und den Freun­den von Mat­thi­as Bis­ku­pek ihr tief­stes Mit­ge­fühl aus.