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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Spurenleser. Spurenleger

Unter dem Titel »Weg­spur Fon­ta­ne – Eine Nach­le­se im Rup­pi­ner Land« hat Till Sai­ler sei­nen Bei­trag zum Jubi­lä­ums­jahr vor­ge­legt. Es ist nicht das erste Mal, dass der 1942 gebo­re­ne Schrift­stel­ler und Musi­ker sich dem Leben bedeu­ten­der Künst­ler wid­met. Auch sei­ne Kin­der­bü­cher zu Mozart und Bach und  sei­ne Roma­ne »So groß die Last – Zwölf Kapi­tel Paul Ger­hardt« sowie »In Lie­be – Ihr Johan­nes Brahms« schlu­gen tra­gen­de Brücken in die Kul­tur­ge­schich­te. Sai­ler sieht sich als Ver­mitt­ler und Über­set­zer. Sein Fun­dus an Geschich­ten und Anek­do­ten ist groß und noch lan­ge nicht aus­ge­schöpft, wie das Fon­ta­ne-Buch wie­der ein­mal zeigt. Kla­rer Stil, freund­li­cher Blick auf wider­strei­ten­de Per­spek­ti­ven, anhal­ten­de Neu­gier und Hin­ga­be bei ein­mal geweck­tem Inter­es­se machen den 168 Sei­ten star­ken Band zu einem beson­de­ren Lese­er­leb­nis. Beschau­lich­keit in die­sem wohl­ver­stan­de­nen Sin­ne hat nichts Lang­wei­li­ges an sich.

Der Spu­ren­le­ser wird zum Spu­ren­le­ger, sobald der Näch­ste kommt. Die­se Erfah­rung erhebt Sai­ler zum Gestal­tungs­prin­zip. Wohl ori­en­tiert er sich an den Wegen Fon­ta­nes und rückt sie ins Blick­feld des heu­ti­gen Lesers. Doch zugleich wen­det er sich jenen zu, die der­glei­chen bereits vor ihm taten, vor allem Franz Füh­mann,  Joa­chim Seyp­pel und Lothar Lang. Sai­ler ruft nicht nur ihre Ein­drücke wach, son­dern nimmt sich auch ihrer Bio­gra­fien und Zeit­um­stän­de an, der Grün­de, wes­halb sie auf mär­ki­schen Pfa­den wandelten.

Pfle­ge der lite­ra­ri­schen und kul­tur­hi­sto­ri­schen Erb­schaft war manch­mal nur ein Grund in der DDR, Histo­ri­sches in Augen­schein zu neh­men. Manch­mal war es auch ein Wan­dern gegen die Zeit­läuf­te, gegen eine eher har­sche Gegen­wart, eine brö­seln­de Uto­pie, eine Sprach­lo­sig­keit, wo Wei­ter­spre­chen auch Gefahr bedeu­te­te,  die Autoren Zuflucht in der Ver­gan­gen­heit neh­men ließ. Oder es war, wie bei Chri­sti­an Graf von Krock­ow  in Wen­de­zei­ten, die  dif­fe­ren­zier­te Wahr­neh­mung, von der Sai­ler sich her­aus­ge­for­dert fühlt.

Der Autor  macht in sei­nem Buch kei­nen Hehl aus eige­nen Anschau­un­gen – von den Sujets eben­so wie ihren Betrach­tern. Über­dies geht er auf Schatz­su­che und ent­deckt neue Künst­ler, wie Mat­thi­as Zágon Hohl-Stein, oder betei­ligt sich an der Ent­zau­be­rung sol­cher Ver­hei­ßungs­stät­ten wie dem Rheins­ber­ger Atom­kraft­werk, das seit Jahr­zehn­ten zurück­ge­baut und dekon­ta­mi­niert wird. Auch eige­ne Erin­ne­run­gen kom­men ins Spiel: vom berüch­tig­ten 11. Ple­num des Zen­tral­ko­mi­tees der Sozia­li­sti­schen Ein­heits­par­tei Deutsch­lands 1965 über den Ein­marsch von Trup­pen der War­schau­er Ver­trags­staa­ten 1968 in die CSSR bis zur Aus­bür­ge­rung Wolf Bier­manns 1976. Men­schen, die sich wan­deln unter dem Druck der Ereig­nis­se. Men­schen, die ihren Ver­hal­tens­mu­stern fol­gen; wer war Fon­ta­ne? Lässt sich jede lite­ra­ri­sche Elo­ge als Abbild sei­ner Über­zeu­gun­gen lesen? Auch hier gräbt Sai­ler nach in Brie­fen und Auf­zeich­nun­gen und wird fündig.

Das fla­che Land unweit Ber­lins war schon immer ein Hort frei­er Gei­ster. Von Georg Heym bis Erich Arendt, von Kurt Tuchol­sky bis Eva Stritt­mat­ter, von den Arnims bis Gün­ter de Bruyn macht Till Sai­ler neu­gie­rig auf sie, die Ver­ehr­ten und die Ver­ges­se­nen. Wo das Preu­ßen­tum hei­misch war, waren es auch die Kin­der und Enkel des Kriegs. Gro­ße Wäl­der, viel Platz zum Schie­ßen und Bom­ben­wer­fen Üben. Viel­leicht war es mehr der Ärger über den Radau, den die Tief­flie­ger mach­ten, als der Abscheu gegen­über dem Mili­tär, dass eine Bür­ger­be­we­gung wie FREIe HEI­De schließ­lich stär­ker war als Bun­des­po­li­tik und Bun­des­wehr. Aber auch das ist eine Erfah­rung, die bewahrt sein will.

Der Band, den Till Sai­ler mit Fotos von Elke Lang vor­ge­legt hat, wird Fon­ta­ne gerecht, weil er weit über den Autor und sein Werk hin­aus­geht. »Weit hin­aus über alles Erwar­te­te«, wie es bei Fon­ta­ne im Schluss­wort der »Wan­de­run­gen« heißt. Man wünscht dem einen wie dem ande­ren, dass es wür­di­ge Nach­fol­ger gibt.

Till Sai­ler: »Weg­spur Fon­ta­ne. Eine Nach­le­se im Rup­pi­ner Land«, vvb Ver­lag für Ber­lin-Bran­den­burg, 168 Sei­ten, 19,90 €

Hen­ry-Mar­tin Klemt, Jahr­gang 1960, lebt als Jour­na­list und Schrift­stel­ler in Frank­furt (Oder). Zuletzt erschie­nen von ihm bio­gra­fi­sche und auto­bio­gra­fi­sche Gedich­te unter dem Titel »wurzelland.wo« sowie das Äthio­pi­en-Tage­buch »Das Licht des 13. Mon­des«. Außer­dem gab er aus dem Nach­lass die Gedich­te von Klaus-Die­ter Schö­ne­werk (»Muse­um für Wun­der«) und Eva Schö­ne­werk (»Lie­be muß der Wahr­heit Schwe­ster sein«) heraus.