Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

Respekt dem Mahner

Kurt Nel­hie­bel ist dem regel­mä­ßi­gen Ossietzky-Leser unter dem Pseud­onym Con­rad Taler bestens bekannt. In sei­nen Auf­sät­zen macht er auf bedeut­sa­me Pro­ble­me des aktu­el­len Zeit­ge­sche­hens mit kri­ti­scher Kom­men­tie­rung auf­merk­sam. Für mich sind sei­ne Bei­trä­ge immer berei­chernd, was auch für sein jüngst erschie­ne­nes Buch »Das dün­ne Eis von gestern und heu­te« zutrifft, wel­ches den Unter­ti­tel »Zeit­ge­sche­hen nah bese­hen« trägt. Es ist gera­de­zu ein Lese­ver­gnü­gen, wenn man die vie­len kur­zen Bei­trä­ge zu ganz unter­schied­li­chen The­men der zurück­lie­gen­den Jah­re ver­in­ner­li­chen kann. Ja, ver­in­ner­li­chen ist wohl der rich­ti­ge Begriff, da jeder Bei­trag die inne­re Aus­ein­an­der­set­zung mit den The­sen des Autors för­dert. Oft stim­me ich mit der Auf­fas­sung von Nel­hie­bel über­ein. Die­se Tat­sa­che ist für mich auch eine erfreu­li­che Bestä­ti­gung, da er der wesent­lich Wei­se­re ist, der mit 92 Jah­ren über drei Jahr­zehn­te mehr Lebens­er­fah­rung verfügt.

Nel­hie­bel ver­folgt Gescheh­nis­se aus­dau­ernd und gründ­lich. Er hat die Gabe, die Din­ge nicht nur beim Namen zu nen­nen, son­dern auch in kur­zen Ein­schät­zun­gen zum Wesent­li­chen zu kom­men. In einem Zeit­al­ter, wo sich man­cher gern reden hört oder sei­ten­lan­ge Aus­füh­run­gen von sich lesen möch­te, übt er sich in Beschei­den­heit, die mit gro­ßer Klug­heit und Prä­gnanz gepaart ist. Das gera­de macht sei­ne Bei­trä­ge in dem Sam­mel­band so span­nend. Der Leser ist nicht gehal­ten, das Buch inner­halb kür­ze­ster Zeit vom Anfang bis zum Ende an einem Stück zu lesen, son­dern kann sich nach und nach den ganz unter­schied­li­chen The­men wid­men. Es lohnt, nach dem einen oder ande­ren Arti­kel inne­zu­hal­ten und sich mit sei­nen Gedan­ken aus­ein­an­der­zu­set­zen. Das Spek­trum ist breit, aber immer davon geprägt, dass der Autor sich mit Ent­schie­den­heit gegen alten und neu­en Nazis­mus wen­det, Ehre und Anse­hen von Wider­stands­kämp­fern gegen die faschi­sti­sche Dik­ta­tur bewahrt und vor allem den gegen­wär­tig agie­ren­den poli­ti­schen Par­tei­en den Spie­gel vor­hält. Wahr­heit, Macht und Moral gehö­ren für Nel­hie­bel zusam­men, im poli­ti­schen All­tag ist das aber oft nicht der Fall. Man wür­de sich wün­schen, dass man­cher der von ihm nament­lich ange­spro­che­nen Poli­ti­ker die Bei­trä­ge nicht nur liest, son­dern dar­aus auch Schluss­fol­ge­run­gen für sein Ver­hal­ten zieht. Auch wenn das in der Rea­li­tät ver­mut­lich sel­ten pas­siert, wird der Autor nicht müde, als Jour­na­list alter Schu­le zu mah­nen, anzu­pran­gern und ein­zu­for­dern. Dabei macht er vor fast kei­nem The­ma halt, egal ob es um die Ent­wick­lung des Deut­schen Histo­ri­schen Muse­ums geht, das Ver­mächt­nis von Roman Her­zog oder das Ein­tre­ten für die Bewah­rung des Erbes von Fritz Bau­er. Kurt Nel­hie­bel hat den größ­ten Teil des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts mit­er­lebt. Er weiß nur zu gut, wovon er schreibt und wohin es füh­ren kann, wenn man­cher aktu­el­len Ent­wick­lung nicht ent­ge­gen­ge­tre­ten wird. Man­cher hängt an der The­se fest, Geschich­te wür­de sich nicht wie­der­ho­len. Dass eine sol­che Flos­kel im Zwei­fel nichts wert sein kann, zeigt vor allem die gegen­wär­ti­ge beäng­sti­gen­de Ent­wick­lung. Das betrifft vor allem den zuneh­men­den Rechts­ex­tre­mis­mus, der inzwi­schen auch mit mas­si­ver Gewalt, Todes­dro­hun­gen gegen­über Poli­ti­kern und sogar Mord ver­bun­den ist. All das und sehr viel mehr ist Nel­hie­bels gro­ße Sor­ge, die unser aller Sor­ge sein soll­te. Sei­ne Bei­trä­ge sind nicht sel­ten auch ein Auf­ruf, sich ein­zu­rei­hen in die Schar der Mah­ner und getra­gen von dem Wunsch, die Bot­schaft in geeig­ne­ter Wei­se wei­ter­zu­tra­gen. Er bedient sich dabei nicht nur einer guten Beob­ach­tungs­ga­be, son­dern über­zeugt auch durch sprach­li­che Brillanz.

Wer sich für das Den­ken und die Schluss­fol­ge­run­gen von Kurt Nel­hie­bel inter­es­siert und wem Zeit­ge­sche­hen nicht nur Zeit­ver­treib ist, der wird das Buch als Berei­che­rung emp­fin­den. Da schreibt einer, der genau Bescheid weiß, dem man nichts vor­ma­chen kann und der vor allem Hin­ter­grün­de und Zusam­men­hän­ge sorg­sam recher­chiert und bewer­tet. Für mich bleibt man­cher Histo­ri­ker weit hin­ter ihm zurück, was ver­mut­lich auch etwas damit zu tun hat, dass man sich Erfah­run­gen nur sehr bedingt »anle­sen« kann. Hier ist klar im Vor­teil, wer die Mög­lich­keit hat, auf eige­ne Erleb­nis­se zurück­grei­fen zu kön­nen. Ich wün­sche mir noch viel aus sei­ner Feder für die kom­men­den Jah­re, ganz gleich ob als Buch oder als Auf­satz in Ossietzky.

Kurt Nel­hie­bel: »Das dün­ne Eis von gestern und heu­te – Zeit­ge­sche­hen nah bese­hen«, Ossietzky Ver­lag, 256 Sei­ten, 14 € zzgl. 1,50 € Ver­sand­ko­sten, Bestel­lung: ossietzky@interdruck.net