In seiner Habilitationsschrift »Strukturwandel der Öffentlichkeit« beschäftigte sich Jürgen Habermas 1962 mit dem Aufstieg der bürgerlichen Öffentlichkeit und sah darin einen aufklärerisch-rationalen Beitrag im Sinne einer Demokratisierung von Staat und Gesellschaft. Auf dieser Grundlage entwickelte er dann später seine einflussreiche Diskurstheorie: Der öffentliche Diskurs, so Habermas, sei der entscheidende »Schauplatz kommunikativer Rationalität«, der allein dazu geeignet ist, sich über die Wahrheit von Behauptungen und die Legitimität von Normen zu verständigen.
Soweit waren wir schon einmal. Und es hat eine Weile ganz passabel funktioniert. Ich erinnere mich mit Wehmut an aufregende und anspruchsvolle Streitgespräche in großen Zeitungen und Zeitschriften, etwa den Historikerstreit oder die Kernkraft-Debatte oder, später, die Diskussion über den weltweiten Einsatz deutscher Soldaten. Tempi passati. Von der damals aufscheinenden »Diskursethik«, die ja immer ein theoretisches Ideal war, von gewaltloser Kommunikation ist heute kaum noch etwas übrig. Liberales Gedöns. Wer meine Meinung nicht teilt, ist mein Feind, den es nicht anzuhören, sondern auszugrenzen, gar wegzuschließen gilt. Austausch von Argumenten? Fehlanzeige. Reden zwecklos, ja, kontraproduktiv: Wir wollen dem anderen, »falschen« Standpunkt doch nicht auch noch eine Bühne bieten. Das ist im Grunde das Ende von Öffentlichkeit. Und dieses Ende wird dann in der Praxis durchweg exekutiert.
Da werden Abos linker Zeitschriften gekündigt – auch Dienstleistungsaufträge (etwa Druck und IT) –, weil ein einzelner Beitrag vorgeblich die AfD verharmlost, dessen Autor sich erlaubt, den bisherigen Umgang mit dieser Rechtspartei kritisch infrage zu stellen; dabei haben jede strikte Ausgrenzungs- und Verbotsrhetorik bislang immer nur zu einer Stärkung dieser sogenannten Partei geführt (das wäre – Vorsicht: Ironie! – also eher ein Kündigungsgrund).
Da wird der Verleger einer Berliner Tageszeitung auf jede erdenkliche Weise attackiert, weil er (auch noch als »Quereinsteiger«) den Medien insgesamt eine zu große Mainstreamlastigkeit attestiert und in seinem Blatt für mehr kritische Offenheit sorgt. Dass er damit auch noch Erfolg hat, macht die Wut der wegen ihrer Stromlinienförmigkeit kritisierten Kollegen nur umso größer. Also werden aufgrund recht loser Indizien alle derzeit gängigen Klischees bemüht: Da der Mann in den Stasi-Akten Erwähnung findet, war er zweifellos ein Stasi-Scherge; der (recht belanglose) Artikel einer Autorin seiner Zeitung macht ihn zum Antisemiten; Besuche in Moskau belegen seine Nähe zur russischen Führung; und seine Mitarbeiter-Auswahl legt rechtspopulistische Tendenzen nahe.
Selbstverständlich steht jemand, der über publizistischen Einfluss verfügt, unter kritischer Beobachtung und muss sich entsprechenden Fragen stellen. Aber hier wird gar nicht mehr gefragt, hier wird ohne eingehendere Prüfung geurteilt, mithin diskreditiert – und alle, die mit ihm – ja, gemeint ist Holger Friedrich – in Kontakt sind, gleich mit. Und das Ziel der Attacken? Wollen die neoliberalen Konkurrenten den bekennenden Kapitalisten, der sich wohl lediglich zur Tarnung vermeintlich »linke« Projekte wie die Neugründung der Weltbühne leiste, etwa enteignen? Das wäre ein Treppenwitz. Naja, so lustig geht es natürlich nicht zu, aber sie wollen ihn jedenfalls weghaben, um die Regierungspolitik – von Detailfragen, schon aus Image-Gründen, abgesehen – weiterhin als »alternativlos« darstellen zu können. Darüber, was sie dabei antreibt, lässt sich trefflich spekulieren: Neid, Karrierismus, Anpassung, Bequemlichkeit? (Siehe dazu den Beitrag von Christophe Zerpka in diesem Heft.) Es ist jedenfalls der deutliche – und publizistisch verheerende – Hang zu erkennen, mit dem Strom zu schwimmen.
Diese Tendenz zeigt sich dann auch bruchlos im publizistischen Alltag. Da werden Beiträge von Zeitungen und Zeitschriften abgelehnt, zurückgehalten oder aus dem Netz genommen (»depubliziert« nennt das Die Zeit im Falle Maxim Billers; unser kollegialer Rat: Demnächst erst lesen, dann publizieren – oder eben nicht!), da werden Vortragende erst ein- und dann wieder ausgeladen, weil sie mit den Mainstream-Meinungen nicht übereinstimmen und über die politisch vorgegebene Denkrichtung zu streiten wagen. Ja, der Streit an sich steht schon unter Generalverdacht, der mehr oder minder vorsichtige Versuch, auf Zusammenhänge hinzuweisen, die sich der gängigen Wahrheitserzählung nicht so ohne weiteres einfügen lassen, wird als demagogisch diffamiert. Ketzerei! Dass Putin Wohnhäuser bombardieren lässt, zeige doch, wes Geistes Kind er ist. Tatsächlich hat der russische Ukraine-Krieg laut Zählungen des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte bis zum 31. Mai 2025 mindestens 13.341 Todesopfer in der ukrainischen Zivilbevölkerung gefordert, darunter mindestens 710 Kinder. Das ist ohne jede Beschönigung ein Verbrechen! Wer da »relativierend« einräumt, dass der Bürgerkrieg in der Ostukraine zwischen Maidan und russischem Einmarsch mehr zivile Opfer gefordert hat als der russische »Vernichtungskrieg«, wird als »Putinknecht« geradezu gewaltsam abgekanzelt; wer gar darauf hinweist, dass Netanjahus imperialer Gaza-Krieg (in kürzerer Zeit) bereits knapp 60.000 Todesopfer gefordert hat, darunter 70 Prozent Frauen und Kinder, gilt hier als antidemokratischer (Israel sei doch schließlich die einzige Demokratie im Nahen Osten) und antisemitischer Menschenfeind – und wird schnell zum Verdachtsfall für den Verfassungsschutz.
Geht’s noch? Man könne Äpfel und Birnen eben nicht vergleichen, heißt es dann schnell. Doch! Man muss es sogar, wenn man sich einen Rest Glaubwürdigkeit erhalten und demokratische Prinzipien verteidigen will. Welcher seltsamen Logik unterliegen unsere vermeintlich »universalen« Maßstäbe? Ist ein/e Tote/r beklagenswerter als der/die andere? Wiegt das Lebensrecht eines Ukrainers schwerer als das eines Palästinensers? Auch Netanjahus Krieg ist ohne jede Beschönigung ein Verbrechen!
Und, um auch dieses Argument gleich aufzugreifen: Natürlich ist das verbrecherische Vorgehen der israelischen wie der russischen Regierung nicht mit Sicherheitsinteressen zu rechtfertigen. Um zu gewährleisten, dass mich niemand angreift, müsste ich jeden umbringen. Aber solche Sicherheitsinteressen – und eine Antwort auf die Frage, wer sie warum missachtet – müssen in der Beurteilung des Geschehens mindestens mitberücksichtigt werden. Sie zu leugnen, um den einen oder anderen Verantwortlichen als das schlichtweg Böse zu brandmarken, ist pure (kriegstreibende) Demagogie, Propaganda der reinsten Art.
Nun könnte man über die Entstehung beider mörderischen Konflikte (und vieler anderer auch) trefflich streiten. Dass Russland völlig unmotiviert und unprovoziert die Ukraine überfallen hat, ist eine Mär, die auch durch ständige Wiederholung keine Wahrheit gewinnt. Ebenso, mehr noch, lässt sich über die Ziele der unmittelbar und mittelbar Beteiligten streiten. Will die eine Seite eine unipolare, die andere eine multipolare Welt? Geht es um ideologische Differenzen, um Macht- und Sicherheitsinteressen (siehe oben)? Darüber gilt es Klarheit zu gewinnen. Und auch hierüber: Es ist absurd, zu glauben, dass die eine oder andere Seite durch den Waffengang den Sieg davonträgt. Es wird nur Verlierer geben, und sie werden Tag für Tag mehr.
Klar erkennbar ist schon jetzt hingegen, das sah bereits Kurt Tucholsky in der Weltbühne so, dass der Krieg ein Geschäft ist – woraus etwa der aktuelle US-Präsident auch gar keinen Hehl macht. Es geht um »Deals«. Was zerbombt wird, muss wieder aufgebaut, verschossene Munition und zerstörtes Kriegsgerät müssen ersetzt und die von der Wirtschaft dringend benötigten Rohstoffe (Öl in Nahost, seltene Erden in der Ukraine) »gesichert« werden. Die sattsam bekannte Folge: Die Armen sterben, und die Reichen werden reicher. So war es wohl immer.
Solche Zusammenhänge transparent zu machen, um den tödlichen Kreislauf zu durchbrechen, das wäre, das ist die Arbeit eines politischen Journalismus‘, der seinen Aufklärungsauftrag ernst nimmt. Dieser Auftrag wird jedoch nur noch sehr unzulänglich erfüllt, er ist ja auch denkbar unbequem. Sich all denen, die sich im Besitz der Wahrheit wähnen – und diese, ihre Wahrheit zur »offiziellen« machen wollen – fragend entgegenzustellen, ist anstrengend – und steht seinerseits unter Irrtumsvorbehalt. Denn auch solches Fragen kann sich »verirren« und gehörte dann seinerseits aufgeklärt. Das ist ein letztlich unabschließbarer, unvermeidbar mühsamer Prozess, der nur im Streit – und in Freiheit! – bewältigt werden kann. Wird solcher Streit unterdrückt, steht die – wie erwähnt unabschließbare – Wahrheitssuche auf verlorenem Posten, werden alle Meinungsunterschiede zu reinen Propagandaschlachten.
Und das ist zurzeit zu besichtigen. Der Drang, auf der »richtigen« Seite zu stehen, hat einen Konformitätsdruck erzeugt, der jedem kritischen, politischen Journalismus, jeder freien Entwicklung von Wissenschaft und Kultur zuwiderläuft. Dem zu widerstehen, ist nicht leicht und sorgt zuweilen auch bei Ossietzky-Leserinnen und -Lesern, die ja den beschriebenen Tendenzen genauso ausgesetzt sind wie wir alle, für Irritationen. Auch wir, die Ossietzky-Macher sind freilich nicht unfehlbar. Wir sind jedoch keinesfalls der Meinung, dass alles Unsägliche, wofür sich Worte finden lassen, auch gesagt werden darf. Schon gar nicht in dieser Zeitschrift. Aber der Meinungsstreit, Widerspruch und Kritik sind und bleiben unser Programm.