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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der Osnabrücker Erlass

Ende April hat Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster Pisto­ri­us im Histo­ri­schen Rat­haus zu Osna­brück den »Osna­brücker Erlass« vor­ge­stellt, der die neu­en Grund­sät­ze zur Spit­zen­glie­de­rung und Füh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on im Bun­des­mi­ni­ste­ri­um der Ver­tei­di­gung skiz­ziert. Pisto­ri­us erklär­te hier­zu auf der Home­page des Mini­ste­ri­ums: »Die ver­än­der­te Bedro­hungs­la­ge in Euro­pa lässt kei­nen Zwei­fel dar­an, dass wir uns auf unse­ren Kern­auf­trag fokus­sie­ren müs­sen: Lan­des- und Bünd­nis­ver­tei­di­gung. (…) Wir brau­chen eine hand­lungs­fä­hi­ge und reak­ti­ons­schnel­le Bun­des­wehr mit einer kla­ren Füh­rungs- und Befehls­struk­tur. Mit dem Osna­brücker Erlass wer­den wir die­sen neu­en Her­aus­for­de­run­gen gerecht.« Wohin die­se auf Kriegs­tüch­tig­keit aus­ge­rich­te­te Rei­se der Bun­des­wehr gehen soll, ließ sich bereits zuvor in der Zeit­schrift für inne­re Füh­rung (IF 2/​24) der Bun­des­wehr erkun­den, wo Oberst i. G. Lamatsch gleich im Edi­to­ri­al die Leser­schaft mit den Wor­ten begrüßt: »Kriegs­tüch­tig wer­de ich nur inner­halb einer Gesell­schaft, die mir das not­wen­di­ge Rüst­zeug und die Unter­stüt­zung gibt, um in der von Tod und Gewalt gepräg­ten Aus­ein­an­der­set­zung zu gewin­nen.« Und Gene­ral­leut­nant Mais geht weni­ge Sei­ten spä­ter noch einen grün-oliv-far­be­nen Schritt wei­ter und schreibt: »Kriegs­tüch­tig­keit geht expli­zit auch die Fähig­keit ein­her, in einem mög­li­chen Krieg den Sieg errin­gen zu kön­nen.« Dafür sei ein »kriegs­taug­li­ches Mind­set« not­wen­dig, ergänzt sodann Oberst­leut­nant Rohr­mo­ser. Und des­halb wer­de eine »wehr­haf­te Bevöl­ke­rung« benö­tigt, die »Russ­land als Bedro­hung« wahr­neh­me, zur »Ertüch­ti­gung der Bun­des­wehr« ste­he, eine »Akzep­tanz für die ›kämp­fen­de Trup­pe‹« ent­wick­le, »offen für Wehr­dienst« sei und eine »per­sön­li­che Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft« beja­he, so der in das glei­che Horn bla­sen­de Mili­tär­so­zio­lo­ge Dr. Graf. Am Ende der Bun­des­wehr­jour­nail­le heißt es dann zusam­men­fas­send: »Die Kriegs­tüch­tig­keit der Bun­des­wehr und die Wehr­haf­tig­keit der Gesamt­ge­sell­schaft« sei­en »zu neu­en Schlüs­sel­be­grif­fen im Umgang mit den Kri­sen und Kon­flik­ten gewor­den, mit denen sich die Bun­des­re­pu­blik als Teil der Nato im 21. Jahr­hun­dert kon­fron­tiert« sehe.

War­um aber hat Pisto­ri­us aus­ge­rech­net das histo­ri­sche Rat­haus der Stadt Osna­brück zur Ver­kün­dung des für die Bun­des­wehr so weg­wei­sen­den »Osna­brücker Erlas­ses« gewählt? Weil er dort gebo­ren und sie­ben Jah­re Ober­bür­ger­mei­ster gewe­sen ist? Oder weil das geschichts­träch­ti­ge Osna­brücker Rat­haus eine kon­ge­nia­le (der-Wolf-hat-Krei­de-gefres­se­ne-) Kulis­se bie­tet für die Postu­lie­rung des »kriegs­taug­li­chen Mind­sets«? War es doch jenes Rat­haus, in dem im Okto­ber 1648 (neben dem Rat­haus in Mün­ster) einer der Frie­dens­ver­trä­ge unter­zeich­net wor­den ist, der den Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg been­de­te und denen seit­dem als »West­fä­li­scher Frie­de« ein ewi­ger Platz in den Geschichts­bü­chern sicher ist. Oder war es ein­fach nur Zufall? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt! In der offi­zi­el­len Ein­la­dung zum Pres­se­ter­min des Mini­ste­ri­ums zur fei­er­li­chen Unter­zeich­nung des Osna­brücker Erlas­ses heißt es hier­zu: »Der neue Erlass ist ein wei­te­rer Mei­len­stein bei der Fokus­sie­rung des Geschäfts­be­reichs des BMVg auf den ver­fas­sungs­recht­li­chen Kern­auf­trag der zeit­ge­mä­ßen Lan­des- und Bünd­nis­ver­tei­di­gung und schreibt die Grund­sät­ze der neu­en Struk­tur ver­bind­lich für den Geschäfts­be­reich fest« – ein Ver­weis zur Wahl des Ortes fin­det sich indes auch hier nicht. Und über­haupt fin­det sich in dem »Osna­brücker Erlass« auch so man­ches ande­re ein­fach wohl des­halb nicht, weil es dann eher einem kriegs­un­taug­li­chen bzw. einem pazi­fi­sti­schen Mind­set ent­spre­chen wür­de. In der von der Fried­rich-Ebert-Stif­tung im ver­gan­ge­nen Febru­ar ver­öf­fent­lich­ten Stu­die »Neue Per­spek­ti­ven: Frie­dens­för­de­rung und Kon­flikt­be­ar­bei­tung in einer sich wan­deln­den Welt­ord­nung« fin­det sich hier­zu jedoch so man­ches, was aber für die gegen­wär­ti­ge Pistorius’sche Denk­schu­le ganz offen­sicht­lich nicht von beson­de­rem Inter­es­se zu sein scheint. In Euro­pa wer­de, heißt es in der Stu­die, »Russ­lands breit­flä­chi­ger Angriff auf die Ukrai­ne seit Febru­ar 2022 – der erste gro­ße zwi­schen­staat­li­che Krieg in einer von inner­staat­li­chen Kon­flik­ten gepräg­ten Zeit – oft als histo­ri­scher Ein­schnitt für Frie­den und Sicher­heit oder in den Wor­ten von Bun­des­kanz­ler Scholz als ›Zei­ten­wen­de‹ bezeich­net. Die­ser Ein­schät­zung schließt man sich nicht über­all auf der Welt an. Der indi­sche Außen­mi­ni­ster Sub­rah­man­yam Jais­han­kar mahn­te zum Bei­spiel: ›Euro­pa muss aus der Denk­wei­se her­aus­wach­sen, dass Euro­pas Pro­ble­me die Pro­ble­me der Welt sind‹, aber die Pro­ble­me der Welt nicht die Pro­ble­me Euro­pas. Es wer­de oft über­se­hen, dass für wei­te Tei­le der Welt poli­tisch ganz ande­re Prio­ri­tä­ten gel­ten.« Das habe unmit­tel­ba­re Aus­wir­kun­gen in den aktu­el­len Kon­flikt- und Post­kon­flikt­län­dern auf der gan­zen Welt, so die Stu­die, wes­halb über eine neue »Frie­dens­för­de­rung in einer sich wan­deln­den Welt­ord­nung« nach­ge­dacht wer­den müs­se: »Ange­sichts der welt­wei­ten Fru­stra­ti­on über wahr­ge­nom­me­ne Dop­pel­mo­ral west­li­cher Län­der im Umgang mit Kon­flik­ten und über struk­tu­rel­le Ungleich­hei­ten im mul­ti­la­te­ra­len System ist es an der Zeit, inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit neu zu den­ken und zu gestal­ten.« In wel­chem Mind­set Ihres Mini­ste­ri­ums kommt all das auch nur im Ansatz vor, Herr Pisto­ri­us? Und wann stellt eigent­lich Ihr Mini­ste­ri­um hier­zu eine weg­wei­sen­de Erklä­rung vor, Frau Baerbock?