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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Halt, stehen bleiben!«

Je älter der Mensch wird, je eher ist er der Auf­fas­sung, man habe zwar nicht alles, aber vie­les schon erlebt. Das gilt im Guten wie im Schlech­ten. Grund­sätz­lich mag das ja auch stim­men, aber manch­mal muss man doch die Erfah­rung machen, dass das Gesche­he­ne neu ist und erschüt­ternd zugleich. Mir ging dies vor eini­gen Tagen so, und das Ereig­nis beschäf­tigt mich noch immer. Aus dem thü­rin­gi­schen Gotha war ich am Mor­gen des 10. Mai nach Ber­lin auf­ge­bro­chen, um – wie bereits seit Jah­ren Tra­di­ti­on – am Nach­mit­tag am »Lesen gegen das Ver­ges­sen« auf dem Bebel­platz teil­zu­neh­men. All­jähr­lich erin­nern hier Künst­ler und Schrift­stel­ler an die von den Nazis 1933 an die­sem Platz und ande­ren Orten in Deutsch­land insze­nier­te Bücher­ver­bren­nung. Was die Faschi­sten als »Ungeist« bezeich­ne­ten, wur­de den Flam­men über­ge­ben, und man hat­te wohl die Illu­si­on, damit alle fort­schritt­li­chen Gedan­ken, die bis dahin auf­ge­kom­men und lite­ra­risch fest­ge­hal­ten wur­den, ver­nich­ten zu kön­nen. So absurd die­ser Gedan­ke ist, so sehr wur­de er damals zele­briert. Ich war am 10. Mai die­ses Jah­res etwas frü­her am Ver­an­stal­tungs­ort ange­kom­men. Alle bereit­ge­stell­ten Stüh­le für die Zuschau­er waren noch unbe­setzt. Da die Son­ne sehr inten­siv strahl­te, und ich wuss­te, dass ich die­ser dann für die Dau­er der Ver­an­stal­tung noch min­de­stens für zwei Stun­den aus­ge­setzt sein wür­de, ging ich seit­lich hin­ter das in der unmit­tel­ba­ren Nach­bar­schaft gele­ge­ne Gebäu­de der Deut­schen Staats­oper. Dort war auch im Schat­ten eine Bank und der Platz gefiel mir gut. Von da aus konn­te ich in Rich­tung des wie­der erbau­ten Stadt­schlos­ses, aber auch zu mei­ner alten Hum­boldt-Uni­ver­si­tät hin­über­blicken. Vie­le Men­schen gin­gen hin und her, man hör­te unter­schied­li­che, frem­de Spra­chen. Dann kam auch eine Braut im wei­ßen Kleid mit Bräu­ti­gam und eini­gen Hoch­zeits­gä­sten. Das erin­ner­te mich dar­an, dass auch mein Sohn im näch­sten Monat den Bund der Ehe schlie­ßen wird. Ich saß etwa 20 Minu­ten, als aus Rich­tung der Neu­en Wache meh­re­re jun­ge Leu­te – sie mögen so zwi­schen 17 und 20 Jah­ren alt gewe­sen sein – die Stra­ße Unter den Lin­den zu mir hin­über­wech­sel­ten. In etwa 5 m Ent­fer­nung gin­gen sie an mir vor­bei und erweck­ten beim besten Wil­len kei­nen auf­fäl­li­gen Ein­druck. Etwa vier von ihnen gin­gen zu den übri­gen drei mit einem Abstand von eini­gen Metern vor­aus. Alle gehör­ten aber irgend­wie zusam­men. Plötz­lich rief einer aus der hin­te­ren Grup­pe zu den vor­de­ren: »Halt, ste­hen blei­ben! Gehei­me Staats­po­li­zei!« Ich glaub­te mei­nen Ohren nicht zu trau­en. Die vor­de­ren stopp­ten auch und dreh­ten sich zu den hin­te­ren um. Lachend kom­men­tier­ten sie die Auf­for­de­rung zum Hal­ten. Als alle wie­der auf glei­cher Höhe waren, gin­gen sie ver­gnügt und völ­lig unbe­küm­mert wei­ter. In mir hat­te die­se Situa­ti­on jetzt erst rich­tig begon­nen, ver­ar­bei­tet zu wer­den. Mei­ne Fas­sungs­lo­sig­keit hät­te man mir ver­mut­lich ange­se­hen. Was ver­an­lasst jun­ge Leu­te auf der­art unwür­di­ge Wei­se mit dem Nazi­vo­ka­bu­lar umzu­ge­hen, als wür­de man einen schlech­ten Witz machen? Die Auf­for­de­rung mit dem benutz­ten Text war ver­mut­lich Jahr­zehn­te vor­her oft der Beginn der Fest­nah­me, Inhaf­tie­rung und Ver­schlep­pung von Men­schen in ein KZ oder eine ande­re Fol­ter­stät­te. Nicht sel­ten bedeu­te­te das den siche­ren Tod, die Ermor­dung und vor­an­ge­gan­ge­ne grau­sa­me Fol­te­rung. War das den jun­gen Leu­ten nicht bewusst? Hat­ten sie davon etwa noch nie gehört? Wohl kaum!

Die Ver­wen­dung des Voka­bu­lars lässt aber nur den Schluss zu, dass sie sich deren Bedeu­tung nicht annä­hernd bewusst waren. Wie viel Nach­hol­be­darf mag es dies­be­züg­lich geben? In einer Stadt wie Ber­lin gäbe es genü­gend Gele­gen­hei­ten, sein Wis­sen auf­zu­fri­schen und sich anzu­se­hen, wohin die Nazi­dik­ta­tur führ­te und wel­che men­schen­ver­ach­ten­den Ver­hal­tens­wei­sen sie her­vor­brach­te. Allein im gegen­über­lie­gen­den Deut­schen Histo­ri­schen Muse­um wäre Gele­gen­heit dazu. Doch die jun­gen Leu­te gin­gen in eine ande­re Rich­tung, schein­bar nicht nur mit den Füßen. Inzwi­schen war die Zeit her­an­ge­kom­men, sodass ich um die Ecke zum Bebel­platz ging, um dort auf einem der Stüh­le Platz zu neh­men und auf den Beginn der Ver­an­stal­tung zu war­ten. Bald kamen auch Bea­te und Ser­ge Klars­feld, die zu die­sem Anlass bereits seit Jah­ren aus Paris anrei­sen, weil Bea­te zu den Akteu­ren der Ver­an­stal­tung gehört. Bei­de sind inzwi­schen weit über 80 Jah­re alt und haben fast ihr gesam­tes Leben der Auf­spü­rung nazi­sti­scher Gewalt­ver­bre­cher gewid­met und dafür Sor­ge getra­gen, dass man­cher von ihnen spä­ter vor Gericht gestellt wer­den konn­te. Ser­ge ist nur durch glück­li­che Umstän­de der Depor­ta­ti­on als Kind ent­gan­gen und damit auch dem siche­ren Tod. Was wäre wohl in ihm vor­ge­gan­gen, wenn er statt mei­ner die beschrie­be­ne Situa­ti­on hät­te erle­ben müssen?