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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Finanziert durch Russland?

Der neue Kal­te Krieg hält sich in all sei­nen Facet­ten an die 10 Gebo­te der Kriegs­pro­pa­gan­da, wel­che der bri­ti­sche Poli­ti­ker Arthur Pon­son­by vor fast 100 Jah­ren aus der Erfor­schung des Ersten Welt­krie­ges ermit­teln konn­te. Sie lauten:

  1. Wir wol­len kei­nen Krieg!
  2. Der Geg­ner ist allein für den Krieg verantwortlich!
  3. Der Füh­rer des feind­li­chen Lagers ist ein Teufel!
  4. Wir ver­tei­di­gen ein edles Ziel und kei­ne beson­de­ren Interessen!
  5. Der Feind begeht absicht­lich Grau­sam­kei­ten, wenn wir Feh­ler machen, geschieht dies unbeabsichtigt.
  6. Der Feind benutzt uner­laub­te Waffen.
  7. Wir erlei­den gerin­ge Ver­lu­ste, die Ver­lu­ste des Fein­des sind erheblich.
  8. Aner­kann­te Kul­tur­trä­ger und Wis­sen­schaft­ler unter­stüt­zen unser Anliegen.
  9. Unser Anlie­gen hat etwas Heiliges.
  10. Wer unse­re Pro­pa­gan­da in Zwei­fel zieht, arbei­tet für den Feind und ist damit ein Verräter.

Und jetzt fin­den Sie bit­te eines der 10 Gebo­te, wel­ches (noch) nicht in direk­ter oder indi­rek­ter Wei­se von Herrn Habeck und Frau Baer­bock, den Her­ren Kie­se­wet­ter, Hof­rei­ter, Rött­gen, Frau Strack-Zim­mer­mann und ihren media­len Begleit­ma­schi­nen Lanz, Mios­ga, Zam­pe­ro­ni und Slom­ka von »Radio Rhein­me­tall« (ARD, ZDF, SPIEGEL, BILD usw.) vor­ge­bracht wur­de. Ehr­lich gesagt, das fällt schwer.

Inso­fern ist es auch nicht erstaun­lich, dass nun – wie wei­land in den 1950ern »alle Wege des Mar­xis­mus füh­ren nach Mos­kau (CDU)« – allen Zweif­lern am Nato-Nar­ra­tiv Kreml-Nähe bzw. rus­si­sche Finan­zie­rung unter­stellt wird. Da wir aber schon mal dabei sind, wäre es doch schön, an eine tat­säch­li­che rus­si­sche Finan­zie­rung in der gemein­sa­men euro­päi­schen Geschich­te zu erin­nern und dabei gleich­zei­tig beson­ders an Peters­burg zu den­ken (oder, wie ich es lie­be­voll nen­ne: »St. Lenin­grad«, um auch an sei­ne Opfer der deut­schen Nazi-Ver­nich­tungs­blocka­de von 1941-1944 zu erin­nern, einem in Deutsch­land bis heu­te ver­dräng­ten Völ­ker­mord an über einer Mil­li­on Menschen).

Kom­men wir zurück zum Erfreu­li­chen: Es han­delt sich um die rus­si­sche Finan­zie­rung der euro­päi­schen respek­ti­ve fran­zö­si­schen Aufklärung.

Wie bit­te?

Ja, genau. Es geht um die Finan­zie­rung z. B. von Vol­taire und Dide­rot (einer von Marx’ »Lieb­lings­schrift­stel­lern«) durch die rus­si­sche Kai­se­rin Katha­ri­na die Gro­ße (1729-1796). Es geht dar­um, dass sich des­halb die Biblio­the­ken Vol­taires und Dide­rots in Peters­burg befin­den. Dide­rots Biblio­thek ging (wie auch die Vol­taires) in die 1795 gegrün­de­te Rus­si­sche Natio­nal­bi­blio­thek in Peters­burg ein.

Es geht dar­um, dass z. B. Wer­ke von Dide­rot wie »Rame­aus Nef­fe« zu Leb­zei­ten des gro­ßen Enzy­klo­pä­di­sten gar nicht auf Fran­zö­sisch oder auch sonst wie gedruckt wur­den bzw. wer­den durf­ten. Zur Zeit sei­ner Abfas­sung in den 1750er/​60er Jah­ren war die »Enzy­klo­pä­die« gera­de mal wie­der ver­bo­ten und gro­ße Mei­ster­wer­ke von Vol­taire oder Rous­se­au wur­den in Paris noch von der kle­ri­ka­len »Can­cel Cul­tu­re« öffent­lich ver­brannt. Die Vor­ge­schich­te der spä­ter erfolg­rei­chen fran­zö­si­schen Auf­klä­rung und der gro­ßen Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on wird oft etwas ver­schämt ver­drängt. Lan­ge nach Dide­rots Tod (1784) fand der deut­sche Dich­ter Fried­rich Maxi­mi­li­an Klin­ger 1804 in der Peters­bur­ger Biblio­thek ein fran­zö­si­sches Manu­skript von »Rame­aus Nef­fe«, über­gab es Schil­ler, und der konn­te noch kurz vor sei­nem eige­nen Tode Goe­the davon über­zeu­gen, das Mei­ster­werk des dia­lek­ti­schen Den­kens ins Deut­sche zu über­set­zen. Aus der Rück­über­set­zung die­ser Goethe’schen Ver­si­on des Diderot’schen Wer­kes wur­de dann erst 1821 die erste fran­zö­si­sche Ver­si­on von »Rame­aus Neffe/​Le Neveu de Rameau« in Frank­reich gedruckt. Somit haben wir es hier mit einer fran­zö­sisch-rus­sisch-deut­schen Kul­tur­ge­schich­te zu tun. Und wem ist das also auch zu ver­dan­ken? Der gro­ßen Zarin aus Stet­tin und Zerbst (bzw. Anhalt-Zerbst, heu­te: Sachsen-Anhalt).

In sei­nem Anek­do­ten­band schreibt André Mül­ler Sen.: »Katha­ri­na von Russ­land, die man die Semi­ra­mis des Nor­dens nann­te, war vie­le Jah­re Dide­rots Mäze­nin. Sie kauf­te sei­ne Biblio­thek auf, lieh sie ihm zur Nut­zung auf Lebens­zeit und zahl­te ihm ein Gehalt als Biblio­the­kar, und zwar für fünf­zig Jah­re im Vor­aus. Dide­rot rei­ste nach Peters­burg, um Katha­ri­na sei­nen Dank abzu­stat­ten. Die Zarin und Dide­rot ver­stan­den sich gut, und er hat­te jeden Tag drei Stun­den frei­en Zutritt zu ihr, um über Phi­lo­so­phie zu dis­ku­tie­ren. Dide­rot ließ dabei nicht von sei­ner Gewohn­heit ab, im erreg­ten Gespräch sei­nen Part­nern auf die Schen­kel zu schlagen.

Der Besuch von Dide­rot war nach jeder Sei­te ein Gewinn‹, kom­men­tier­te Katha­ri­na spä­ter. ›Ich habe gar nicht gewusst, wie schnell die Phi­lo­so­phie einem blaue Flecken ein­brin­gen kann‹« (André Mül­ler Sen.: Über das Unglück geist­reich zu sein, Eulen­spie­gel Ver­lag Ber­lin 2012, S. 72).

Die euro­päi­sche Auf­klä­rung also mit-finan­ziert durch Russland?

Igitt!

Igitt? Oder einer der gemein­sa­men und gera­de heu­te sehr erin­nerns­wer­ten Höhe­punk­te euro­päi­scher Kultur?

Wenn das die Nato-Wis­sen­schaft­le­rin Flo­rence Gaub wüss­te, die her­aus­ge­fun­den haben will, dass Rus­sen zwar aus­se­hen wie Euro­pä­er, aber in Wirk­lich­keit gar kei­ne sei­en! Oder Frau Baer­bock, die für vier Jah­re gewählt wur­de, aber »für immer« kei­ne Roh­stof­fe mehr aus Russ­land nach Deutsch­land zulas­sen möchte.

Alle ande­ren könn­ten viel­leicht auch ein­fach mal sagen: Spa­si­ba – und ein lan­ges Leben, lie­bes Müt­ter­chen. Lasst uns gute Nach­barn sein.