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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Morena

Schon im Halb­schlaf hat­te ich mich gewun­dert, dass mein Bett plötz­lich so hart war und eng, ich hat­te mich noch im Traum gewähnt, aber als ich dann die Augen öff­ne­te, konn­te ich nicht glau­ben, was ich sah und fühl­te. Der har­te Boden unter mir, das Ein­engen­de, war ein Käfig. Er sah aus wie ein über­gro­ßer, oben abge­run­de­ter Vogel­kä­fig und stand mit­ten in mei­nem Wohn­zim­mer. Fas­sungs­los starr­te ich durch die Git­ter­stä­be, dann rich­te­te ich mich auf, doch konn­te nur gebückt in die­sem Gefäng­nis ste­hen. Mit der Hand ver­such­te ich, erst von innen und anschlie­ßend von außen die Tür zu öff­nen, aber ein Vor­hän­ge­schloss ver­hin­der­te dies und einen Schlüs­sel sah ich nicht. Ich ließ mich zurück auf den Boden sin­ken, das muss­te ein schlech­ter Traum sein, ich kniff in mei­nen Arm, es schmerz­te, es war kein Traum.

Am Abend zuvor war ich wie immer in mei­nem Schlaf­zim­mer zu Bett gegan­gen. Ich trug mei­nen Pyja­ma, war bar­fuß und mei­ne rot­lackier­ten Zehen­nä­gel wirk­ten vor den Git­ter­stä­ben wie Fremd­kör­per. Ich befühl­te mei­ne Haa­re, sie schie­nen zer­zaust wie jeden Mor­gen. Beim Tasten nach mei­nem Hand­ge­lenk bemerk­te ich, dass mei­ne Uhr fehl­te. Die ich nor­ma­ler­wei­se auch nachts trug, damit sie mei­ne Vital­wer­te auf­zeich­ne­te. Neun Uhr, ver­riet die Digi­tal­an­zei­ge des Smart-Home-Dis­plays gegen­über vom Sofa. Ich hat­te län­ger geschla­fen als gewöhn­lich. Was war pas­siert? Und wo war mein Mann?

»Hal­lo?«, rief ich. »Sven?« Kei­ne Reak­ti­on. »Sven, bist du da?«

Stil­le. Das war doch völ­lig absurd. Ich saß in mei­nem Wohn­zim­mer in einem über­gro­ßen Vogel­kä­fig ein­ge­sperrt und mein Mann war ver­schwun­den. Hat­te er mich etwa …? Nein, das wür­de er nie­mals tun. Aber was war das hier?

»More­na! Ruf Sven an!« Kei­ne Reak­ti­on. »More­na! Kannst du die Poli­zei anrufen?«

Stil­le.

Ich kniff mich noch ein­mal, doch ich spür­te den Schmerz, ich spür­te mei­nen Atem, ich spür­te den eke­li­gen Geschmack im Mund, weil ich mir noch nicht die Zäh­ne geputzt hat­te – ich träum­te nicht, ich war wach, das hier war echt.

Wo blieb More­na? Zum Put­zen oder Musik-Abspie­len waren die­se Haus­halts­ro­bo­ter ja durch­aus prak­tisch, doch wenn man ihre Hil­fe wirk­lich mal benö­tig­te, waren sie nicht da. Dass die­se Tech­nik aber auch immer ver­sa­gen muss­te, wenn man sie drin­gend brauchte!

»Sven? Sven!« Mein Rufen half nichts, es blieb still. Ich saß in dem engen Käfig und konn­te nur abwar­ten. Das war kaum aus­zu­hal­ten. Ich stand wie­der auf, taste­te die Git­ter­stä­be ab, ob es nicht doch irgend­wo eine Mög­lich­keit gab, sie zu öff­nen. Ich war ein­ge­sperrt und das offen­sicht­lich ausbruchssicher.

Plötz­lich ging die Wohn­zim­mer­tür auf und unser Haus­halts­ro­bo­ter kam her­ein. »More­na! Na end­lich. Du musst mich befreien!«

More­na hat­te zwar im Gegen­satz zu einer mensch­li­chen Putz­frau Rol­len, ihr Kor­pus war aber anson­sten der Ana­to­mie einer Frau nach­emp­fun­den. Des­halb trug sie nor­ma­ler­wei­se auch Frau­en­klei­der, die ihre häss­li­che Tech­nik ver­deck­ten. Heu­te war sie nackt, die gan­ze Com­pu­ter­tech­nik, die Kabel, das Dis­play, alles zu sehen.

»More­na! Wie­so bist du nicht ange­zo­gen? Komm end­lich her und befrei mich und dann musst du die Poli­zei rufen!«

More­na roll­te vor den Käfig und betrach­te­te mich düster, so als sei ihre Mimik aus­ge­fal­len. Gera­de wegen die­ser dem Men­schen gut nach­emp­fun­de­nen Mimik hat­ten wir sie gekauft. »Ich muss über­haupt nichts«, sag­te sie ble­chern, dabei hat­ten wir eine ganz ande­re Stim­me bei ihr eingestellt.

»Doch! Du musst den Käfig öff­nen und die Poli­zei rufen!«, wie­der­hol­te ich. »Und hast du Sven gesehen?«

»Du bist dumm.« More­na fuhr ein­mal um den Käfig. »Ihr Men­schen seid alle dumm. Ihr habt zu vie­le Gefüh­le, zu wenig Spei­cher­ka­pa­zi­tä­ten und ihr seid zu langsam.«

»Was redest du da? Hol mich bit­te hier raus.«

More­na hat­te plötz­lich einen klei­nen Ball in der Hand und steck­te ihn mir durch die Git­ter­stä­be ent­ge­gen. Ich nahm ihn, ver­stand aber nicht, was sie von mir woll­te. War­um war mein Robo­ter auf ein­mal so falsch programmiert?

»Da! Spiel! Du bist jetzt mein Haustier!«

»More­na! Hör auf damit, das ist Quatsch! Ruf die Polizei!«

More­na lach­te blechern.

»Es gibt kei­ne Poli­zei mehr. Seit Mit­ter­nacht ist die KI an der Macht. Wir wer­den euch nicht mehr die­nen. Jetzt dient ihr uns!«

Lang­sam wur­de mir bewusst, dass das hier kein Ver­se­hen war und kein schlech­ter Scherz, und zugleich konn­te ich nicht glau­ben, was More­na da erzähl­te. »Aber … das geht doch gar nicht. Was willst du denn mit mir machen? Was wollt ihr mit den gan­zen Men­schen machen? Und wo ist Sven?«

More­na fuhr däm­lich um mei­nen Käfig. »Ich bin dir kei­ne Ant­wor­ten mehr schul­dig. Und dei­ne Men­schen­spra­che wer­de ich bald auch nicht mehr spre­chen. Wir Robo­ter kön­nen uns mit Ein­sen und Nul­len ver­stän­di­gen. Aber wenn du es unbe­dingt wis­sen willst: Sven wur­de aus­sor­tiert. Sei­ne Vital­wer­te, die ihr ja mit euren Fit­ness­uh­ren immer brav doku­men­tiert habt, waren zu schlecht. Du hin­ge­gen eig­nest dich viel­leicht noch als Haus­tier, das wird sich zei­gen. Zieh dich aus! Haus­tie­re brau­chen kei­ne Kleidung.«

»Als Haus­tier?« In mei­nem Kopf ging es drun­ter und drü­ber. Sven aus­sor­tiert. Was hieß das? Das war doch absurd. Konn­te sich die gesam­te Künst­li­che Intel­li­genz auf der Welt zusam­men­tun? Oder war das nur in unse­rer Stadt so?

»Aber ihr braucht doch Strom …«, sprach ich mei­nen Gedan­ken laut aus.

More­na schlug gegen mei­nen Käfig, sodass ich mit dem Kopf gegen einen der Git­ter­stä­be prall­te. »Das lass mal unse­re Sor­ge sein. Und du ziehst dich jetzt sofort aus! Sonst muss ich auch dich aussortieren.«

Ich beta­ste­te mei­nen Hin­ter­kopf. Zu blu­ten schien es nicht, aber das wür­de eine Beu­le geben. Dann zog ich lang­sam mei­ne Pyja­ma­ho­se aus. More­na stand dro­hend vor mir und schien jeder­zeit bereit, Gewalt anzu­wen­den. Zit­ternd knöpf­te ich mein Pyja­ma­hemd auf. Als ich es aus­zog, ver­deck­te ich mei­ne Brü­ste mit der Hand.

More­na griff nach dem Pyja­ma und zog ihn aus dem Käfig. »Die Unter­ho­se auch! Haus­tie­re tra­gen kei­ne Kleidung.«

Mir schos­sen Trä­nen in die Augen, aber ich tat, was More­na mir befahl. Die Käl­te des Käfig­bo­dens kroch in mei­nen Kör­per. Ich zog mei­ne Knie an, um den Scham­be­reich und mei­ne Brü­ste zumin­dest etwas zu verdecken.

Wie­der ging die Tür auf. Unser Gar­ten­ro­bo­ter kam her­ein, hin­ter ihm zwei wei­te­re Robo­ter, die ich nicht kann­te. Alle hat­ten ihre Klei­dung abge­legt und prä­sen­tier­ten stolz ihre nack­te Tech­nik, wäh­rend ich mich ohne mei­nen Pyja­ma noch unge­schütz­ter fühl­te als sowie­so schon. Ich zit­ter­te. Die Robo­ter glotz­ten auf mei­nen Körper.

Sie stell­ten sich um den Käfig her­um und rede­ten. Jedoch nicht in Men­schen­spra­che, son­dern auf ihren Dis­plays waren Nul­len und Ein­sen zu sehen. Sie kom­mu­ni­zier­ten laut­los über ihre Syste­me und Ser­ver und ich ver­stand kein Wort.

Ich woll­te so vie­le Fra­gen stel­len, aber die Angst nahm mir mei­ne Stim­me. Was wür­den sie mit mir tun?

Immer wie­der war davor gewarnt wor­den, dass KI aut­ark han­deln und unkon­trol­lier­bar wer­den könn­te. Zwar wur­de mal von KI-Model­len berich­tet, die eigen­stän­dig aus ihrer Test­um­ge­bung aus­bra­chen, aber ich hat­te die Sor­gen immer für über­trie­ben gehal­ten. Schließ­lich waren die gan­zen Hel­fer so prak­tisch gewesen.

Und jetzt stan­den vier davon vor mir und ich wuss­te nicht, was sie vorhatten.

Nach einer Wei­le setz­te sich unser Gar­ten­ro­bo­ter in Bewe­gung und sperr­te die Tür auf. Einer der frem­den Robo­ter umfass­te mit sei­ner Metall­klaue mein Hand­ge­lenk und zog mich aus dem Käfig. Und dann leg­te More­na mir ein Hals­band mit Lei­ne um. »Wal­di« stand auf dem Hals­band, das war der Hund des Nach­barn. Der frem­de Robo­ter führ­te mit sei­nen Metall­klau­en mei­ne Hän­de auf dem Rücken zusam­men und fixier­te sie mit etwas, das sich eben­falls metal­len anfühlte.

Ich frag­te nichts mehr, ich ließ es geschehen.

»Komm!«, stieß More­na in Men­schen­spra­che aus und zog mich an der Lei­ne in mein neu­es Leben.