Schon im Halbschlaf hatte ich mich gewundert, dass mein Bett plötzlich so hart war und eng, ich hatte mich noch im Traum gewähnt, aber als ich dann die Augen öffnete, konnte ich nicht glauben, was ich sah und fühlte. Der harte Boden unter mir, das Einengende, war ein Käfig. Er sah aus wie ein übergroßer, oben abgerundeter Vogelkäfig und stand mitten in meinem Wohnzimmer. Fassungslos starrte ich durch die Gitterstäbe, dann richtete ich mich auf, doch konnte nur gebückt in diesem Gefängnis stehen. Mit der Hand versuchte ich, erst von innen und anschließend von außen die Tür zu öffnen, aber ein Vorhängeschloss verhinderte dies und einen Schlüssel sah ich nicht. Ich ließ mich zurück auf den Boden sinken, das musste ein schlechter Traum sein, ich kniff in meinen Arm, es schmerzte, es war kein Traum.
Am Abend zuvor war ich wie immer in meinem Schlafzimmer zu Bett gegangen. Ich trug meinen Pyjama, war barfuß und meine rotlackierten Zehennägel wirkten vor den Gitterstäben wie Fremdkörper. Ich befühlte meine Haare, sie schienen zerzaust wie jeden Morgen. Beim Tasten nach meinem Handgelenk bemerkte ich, dass meine Uhr fehlte. Die ich normalerweise auch nachts trug, damit sie meine Vitalwerte aufzeichnete. Neun Uhr, verriet die Digitalanzeige des Smart-Home-Displays gegenüber vom Sofa. Ich hatte länger geschlafen als gewöhnlich. Was war passiert? Und wo war mein Mann?
»Hallo?«, rief ich. »Sven?« Keine Reaktion. »Sven, bist du da?«
Stille. Das war doch völlig absurd. Ich saß in meinem Wohnzimmer in einem übergroßen Vogelkäfig eingesperrt und mein Mann war verschwunden. Hatte er mich etwa …? Nein, das würde er niemals tun. Aber was war das hier?
»Morena! Ruf Sven an!« Keine Reaktion. »Morena! Kannst du die Polizei anrufen?«
Stille.
Ich kniff mich noch einmal, doch ich spürte den Schmerz, ich spürte meinen Atem, ich spürte den ekeligen Geschmack im Mund, weil ich mir noch nicht die Zähne geputzt hatte – ich träumte nicht, ich war wach, das hier war echt.
Wo blieb Morena? Zum Putzen oder Musik-Abspielen waren diese Haushaltsroboter ja durchaus praktisch, doch wenn man ihre Hilfe wirklich mal benötigte, waren sie nicht da. Dass diese Technik aber auch immer versagen musste, wenn man sie dringend brauchte!
»Sven? Sven!« Mein Rufen half nichts, es blieb still. Ich saß in dem engen Käfig und konnte nur abwarten. Das war kaum auszuhalten. Ich stand wieder auf, tastete die Gitterstäbe ab, ob es nicht doch irgendwo eine Möglichkeit gab, sie zu öffnen. Ich war eingesperrt und das offensichtlich ausbruchssicher.
Plötzlich ging die Wohnzimmertür auf und unser Haushaltsroboter kam herein. »Morena! Na endlich. Du musst mich befreien!«
Morena hatte zwar im Gegensatz zu einer menschlichen Putzfrau Rollen, ihr Korpus war aber ansonsten der Anatomie einer Frau nachempfunden. Deshalb trug sie normalerweise auch Frauenkleider, die ihre hässliche Technik verdeckten. Heute war sie nackt, die ganze Computertechnik, die Kabel, das Display, alles zu sehen.
»Morena! Wieso bist du nicht angezogen? Komm endlich her und befrei mich und dann musst du die Polizei rufen!«
Morena rollte vor den Käfig und betrachtete mich düster, so als sei ihre Mimik ausgefallen. Gerade wegen dieser dem Menschen gut nachempfundenen Mimik hatten wir sie gekauft. »Ich muss überhaupt nichts«, sagte sie blechern, dabei hatten wir eine ganz andere Stimme bei ihr eingestellt.
»Doch! Du musst den Käfig öffnen und die Polizei rufen!«, wiederholte ich. »Und hast du Sven gesehen?«
»Du bist dumm.« Morena fuhr einmal um den Käfig. »Ihr Menschen seid alle dumm. Ihr habt zu viele Gefühle, zu wenig Speicherkapazitäten und ihr seid zu langsam.«
»Was redest du da? Hol mich bitte hier raus.«
Morena hatte plötzlich einen kleinen Ball in der Hand und steckte ihn mir durch die Gitterstäbe entgegen. Ich nahm ihn, verstand aber nicht, was sie von mir wollte. Warum war mein Roboter auf einmal so falsch programmiert?
»Da! Spiel! Du bist jetzt mein Haustier!«
»Morena! Hör auf damit, das ist Quatsch! Ruf die Polizei!«
Morena lachte blechern.
»Es gibt keine Polizei mehr. Seit Mitternacht ist die KI an der Macht. Wir werden euch nicht mehr dienen. Jetzt dient ihr uns!«
Langsam wurde mir bewusst, dass das hier kein Versehen war und kein schlechter Scherz, und zugleich konnte ich nicht glauben, was Morena da erzählte. »Aber … das geht doch gar nicht. Was willst du denn mit mir machen? Was wollt ihr mit den ganzen Menschen machen? Und wo ist Sven?«
Morena fuhr dämlich um meinen Käfig. »Ich bin dir keine Antworten mehr schuldig. Und deine Menschensprache werde ich bald auch nicht mehr sprechen. Wir Roboter können uns mit Einsen und Nullen verständigen. Aber wenn du es unbedingt wissen willst: Sven wurde aussortiert. Seine Vitalwerte, die ihr ja mit euren Fitnessuhren immer brav dokumentiert habt, waren zu schlecht. Du hingegen eignest dich vielleicht noch als Haustier, das wird sich zeigen. Zieh dich aus! Haustiere brauchen keine Kleidung.«
»Als Haustier?« In meinem Kopf ging es drunter und drüber. Sven aussortiert. Was hieß das? Das war doch absurd. Konnte sich die gesamte Künstliche Intelligenz auf der Welt zusammentun? Oder war das nur in unserer Stadt so?
»Aber ihr braucht doch Strom …«, sprach ich meinen Gedanken laut aus.
Morena schlug gegen meinen Käfig, sodass ich mit dem Kopf gegen einen der Gitterstäbe prallte. »Das lass mal unsere Sorge sein. Und du ziehst dich jetzt sofort aus! Sonst muss ich auch dich aussortieren.«
Ich betastete meinen Hinterkopf. Zu bluten schien es nicht, aber das würde eine Beule geben. Dann zog ich langsam meine Pyjamahose aus. Morena stand drohend vor mir und schien jederzeit bereit, Gewalt anzuwenden. Zitternd knöpfte ich mein Pyjamahemd auf. Als ich es auszog, verdeckte ich meine Brüste mit der Hand.
Morena griff nach dem Pyjama und zog ihn aus dem Käfig. »Die Unterhose auch! Haustiere tragen keine Kleidung.«
Mir schossen Tränen in die Augen, aber ich tat, was Morena mir befahl. Die Kälte des Käfigbodens kroch in meinen Körper. Ich zog meine Knie an, um den Schambereich und meine Brüste zumindest etwas zu verdecken.
Wieder ging die Tür auf. Unser Gartenroboter kam herein, hinter ihm zwei weitere Roboter, die ich nicht kannte. Alle hatten ihre Kleidung abgelegt und präsentierten stolz ihre nackte Technik, während ich mich ohne meinen Pyjama noch ungeschützter fühlte als sowieso schon. Ich zitterte. Die Roboter glotzten auf meinen Körper.
Sie stellten sich um den Käfig herum und redeten. Jedoch nicht in Menschensprache, sondern auf ihren Displays waren Nullen und Einsen zu sehen. Sie kommunizierten lautlos über ihre Systeme und Server und ich verstand kein Wort.
Ich wollte so viele Fragen stellen, aber die Angst nahm mir meine Stimme. Was würden sie mit mir tun?
Immer wieder war davor gewarnt worden, dass KI autark handeln und unkontrollierbar werden könnte. Zwar wurde mal von KI-Modellen berichtet, die eigenständig aus ihrer Testumgebung ausbrachen, aber ich hatte die Sorgen immer für übertrieben gehalten. Schließlich waren die ganzen Helfer so praktisch gewesen.
Und jetzt standen vier davon vor mir und ich wusste nicht, was sie vorhatten.
Nach einer Weile setzte sich unser Gartenroboter in Bewegung und sperrte die Tür auf. Einer der fremden Roboter umfasste mit seiner Metallklaue mein Handgelenk und zog mich aus dem Käfig. Und dann legte Morena mir ein Halsband mit Leine um. »Waldi« stand auf dem Halsband, das war der Hund des Nachbarn. Der fremde Roboter führte mit seinen Metallklauen meine Hände auf dem Rücken zusammen und fixierte sie mit etwas, das sich ebenfalls metallen anfühlte.
Ich fragte nichts mehr, ich ließ es geschehen.
»Komm!«, stieß Morena in Menschensprache aus und zog mich an der Leine in mein neues Leben.