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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Pistorius und der Krieg im Weltall

Die Rede des Bun­des­mi­ni­sters der Ver­tei­di­gung, Boris Pisto­ri­us, beim 3. Welt­raum­kon­gress des Bun­des­ver­ban­des der Deut­schen Indu­strie (BDI) in Ber­lin am 25. Sep­tem­ber 2026 wird in die Geschich­te ein­ge­hen. Nach jener, die größ­te kon­ven­tio­nel­le Armee Euro­pas auf­zu­bau­en, ist sie die zwei­te offi­zi­ell ver­kün­de­te und mili­tä­risch begrün­de­te poli­ti­sche Absicht, den poli­ti­schen Groß­macht­an­spruch der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zu fun­die­ren: »Deutsch­land muss sei­ne Inter­es­sen, sei­ne Sicher­heit und Frei­heit sowie sei­nen Wohl­stand auch im Welt­raum schützen.«

Es ist dies eine Anma­ßung, die schon seit 1989/​90 in natio­na­li­sti­schen Aus­wüch­sen for­dernd sich Bahn brach. Mili­tä­ri­sche Macht­po­li­tik kroch aus dem Ver­ei­ni­gungs­tau­mel her­vor: »Groß­macht«, »Macht­staat«, »Nor­ma­li­sie­rung«, deut­sche Füh­rungs­rol­le, mili­tä­ri­sche Inter­ven­ti­on oder Revi­si­on der Nach­kriegs­ord­nung setz­ten die ver­meint­lich »lin­ke« oder als »pazi­fi­stisch« ver­un­glimpf­te »Frie­dens­ord­nungs­po­li­tik« der Kohl-Regie­run­gen unter Druck, die alles war, aber kei­ne Poli­tik einer »Gemein­sa­men Sicher­heit«, deren Kon­tu­ren bald ver­schwam­men und ver­san­de­ten. Der Tod des frie­dens­po­li­ti­schen Mit­strei­ters und Nach­fol­gers von Egon Bahr, des Ham­bur­ger Frie­dens­for­schers Die­ter S. Lutz, bedeu­te­te im Janu­ar 2003 den Schluss­punkt letzt­lich ver­geb­li­cher Frie­dens­ord­nungs­po­li­tik. Lutz trug inner­par­tei­lich dazu bei, dass der SPD-Kanz­ler Ger­hard Schrö­der den völ­ker­rechts­wid­ri­gen Angriffs­krieg der Ver­ei­nig­ten Staa­ten und der Wil­li­gen gegen den Irak ablehn­te – was er 1999 beim Nato-Krieg gegen Jugo­sla­wi­en nicht schaff­te. Eine erheb­li­che Unter­stüt­zung, etwa der US-Mili­tär­ba­sen in Deutsch­land und ande­re mili­tä­ri­sche Hilfs­lei­stun­gen blie­ben in Kraft.

Nun ist es so weit: Pisto­ri­us wird als »Mili­ta­ri­sie­rungs- und Auf­rü­stungs­mi­ni­ster« in die Geschich­te Deutsch­lands ein­ge­hen, zudem als Mini­ster des Welt­raums, dem »sehr dar­an gele­gen ist«, den »Draht zwi­schen der Indu­strie und der Bun­des­wehr« enger zu zie­hen, wie er in bemer­kens­wert befremd­li­cher Wei­se Ende Sep­tem­ber aus­führ­te. »Wir haben so vie­le gemein­sa­me The­men, dass wir gar nicht häu­fig genug zusam­men­kom­men kön­nen«, hauch­te Pisto­ri­us den Indu­strie- und kom­men­den KI-Baro­nen ins Ohr. Dabei lässt der Herr Mini­ster uns aus sei­nem tief­sten Inne­ren wis­sen: »Es geht um eine Fas­zi­na­ti­on, die bis in mei­ne Jugend zurück­reicht und die bis heu­te anhält. Ein Fai­ble für all das, was unse­re Vor­stel­lungs­kraft her­aus­for­dert und Blicke in die unend­li­chen Wei­ten ermög­licht. Daher mache ich auch kein Staats­ge­heim­nis dar­aus, dass ich ein beken­nen­der Star-Trek-Fan bin. Wer die Serie kennt, der weiß: Es geht um weit mehr als den Welt­raum und die Wis­sen­schaft. Es geht um den Umgang mit Neu­em, um die Abwehr von Bedro­hun­gen und vor allem: um eine Phi­lo­so­phie des Mit­ein­an­ders. Eine der zen­tra­len Bot­schaf­ten ist: Unse­re Absich­ten sind fried­lich. Wir wol­len nichts erobern, son­dern von­ein­an­der ler­nen. Wenn wir kämp­fen, dann nur, um uns zu verteidigen.«

Hier geht es nicht um Ver­blö­dung! Wer das mei­nen könn­te, der irrt. In sol­chen Sät­zen ist die Spra­che längst zu einer »post­fa­schi­sti­schen« gemacht wor­den, um zu ver­klä­ren, zu ver­heim­li­chen und dann letz­ten Endes genau das durch­zu­set­zen, was man eigent­lich vor­hat. Ist doch seit Russ­lands Ein­marsch in die Ukrai­ne tag­täg­lich die Rede davon, dass »WIR« zum Krieg bereit sein müs­sen, wenn »der Rus­se« kommt – und das mit einer angst­ma­chen­den Pene­tranz, die Tag für Tag über die Medi­en zu uns hallt. Und da kön­nen die zahl­rei­chen wirk­li­chen Exper­ten, zum Bei­spiel der Ober­be­fehls­ha­ber der Nato, Ale­xus G. Gryn­ke­wich, und vie­le ande­re noch so oft die ver­schie­de­nen Grün­de anfüh­ren, die gegen einen Über­fall auf das EU-/Na­to-Euro­pa durch Russ­land spre­chen (man lese es in den Ossietzky-Aus­ga­ben der letz­ten vier Jah­re nach): Pene­trant wird wei­ter über den kom­men­den Angriff schwa­dro­niert, der uns droht, wenn bald die Rus­sen kommen.

 

Ein Deut­scher erobert den Weltraum

Pisto­ri­us baut an einem gewal­ti­gen Auf­rü­stungs­pro­gramm, für das die Bun­des­re­gie­rung alle Aus­ga­ben geneh­migt und unter­schrie­ben hat, wäh­rend die »Grü­nen« inzwi­schen noch viel mehr for­dern, noch wei­ter gehen. Wie die am sel­ben Tag statt­fin­den­de Bun­des­tags­de­bat­te bestä­tig­te, in der die histo­ri­sche Rake­ten­for­schung eines einst und immer noch glo­ri­fi­zier­ten Wern­her von Braun Erwäh­nung fin­det. Ein Deut­scher erobert den Welt­raum. Was man gar nicht mehr wis­sen will: Der Herr von Braun trat 1937 der NSDAP bei, gehör­te seit 1933/​34 einem SS-Rei­ter­sturm an und wur­de spä­ter erneut SS-Mit­glied, 1943 erhielt er den Rang eines SS-Sturm­bann­füh­rers, also den Rang eines Majors, gleich­zei­tig stieg er zum tech­ni­schen Lei­ter des Rake­ten­pro­gramms in Pee­ne­mün­de auf. Sei­ne Rake­ten­ent­wick­lung war ein zen­tra­les deut­sches Rüstungs­pro­jekt, die Pro­duk­ti­on der V2 wur­de schließ­lich unter Ein­satz von KZ-Häft­lin­gen in Mit­tel­bau-Dora/­Mit­tel­werk bei Nord­hau­sen in Thü­rin­gen durchgeführt.

Nun also Welt­raum-Fan Pisto­ri­us. Ich mag ihm nicht mit Hegel kom­men, »dass alle gro­ßen welt­ge­schicht­li­chen Tat­sa­chen oder Per­so­nen sich sozu­sa­gen zwei­mal ereig­nen«, der ver­ges­sen habe hin­zu­zu­fü­gen: »das eine Mal als Tra­gö­die, das ande­re Mal als Far­ce.« Denn als Far­ce, die aller­dings erneut die Qua­li­tät der Tra­gö­die anneh­men könn­te, muss man es wohl sehen, wenn sich der deut­sche Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster in sei­ner Rede zur Auf­rü­stung im Welt­raum vor dem Bund der Deut­schen Indu­strie rühr­se­lig erin­nert: »Es geht um eine Fas­zi­na­ti­on, die bis in mei­ne Jugend zurück­reicht und die bis heu­te anhält. Ein Fai­ble für all das, was unse­re Vor­stel­lungs­kraft her­aus­for­dert und Blicke in die unend­li­chen Wei­ten ermög­licht. Daher mache ich auch kein Staats­ge­heim­nis dar­aus, dass ich ein beken­nen­der Star-Trek-Fan bin. Wer die Serie kennt, der weiß: Es geht um weit mehr als den Welt­raum und die Wissenschaft.«

Der Captain-Kirk-und-Mr.-Spock-Fan ernst­haft: »Es geht um den Umgang mit Neu­em, um die Abwehr von Bedro­hun­gen und vor allem: um eine Phi­lo­so­phie des Mit­ein­an­ders.« Um die Phi­lo­so­phie des Mit­ein­an­ders!? … »Eine der zen­tra­len Bot­schaf­ten ist: Unse­re Absich­ten sind fried­lich. Wir wol­len nichts erobern, son­dern von­ein­an­der ler­nen. Wenn wir kämp­fen, dann nur, um uns zu verteidigen.«

Ach so, das meint er wohl: jenes Mit­ein­an­der, das man doch in den 1990er und den 2000er Jah­ren ver­spiel­te, als die Nato völ­ker­rechts­wid­ri­ge Krie­ge vom Zaun brach. Bei der Zer­schla­gung Jugo­sla­wi­ens ganz vor­ne, Deutsch­lands Mini­ster Fischer und Schar­ping, die Ausch­witz sich wie­der­ho­len sahen und ent­schie­den, wie Selbst­be­stim­mung zu regeln sei, und spä­ter, wenn es »der Rus­se« in und außer­halb Russ­lands mach­te, rie­fen: »So nicht! «

Wie schon alle die­se Her­ren und Frau­en (Madame Alb­right…) wol­len sie auch heu­te bestim­men, wel­cher Krieg gerecht, men­schen­recht­lich und »legi­tim« ist. Wir ken­nen inzwi­schen den Unter­schied zwi­schen »Lega­li­tät« (Völ­ker­recht) und »Legi­ti­mi­tät« (vom Staat selbst eigen­mäch­tig oder vom west­li­chen Bünd­nis neo­ko­lo­nia­li­stisch beschlos­sen), der selbst­ent­schie­de­nen »regel­ba­sier­ten Ord­nung«. Um die bit­te­re und ver­nich­ten­de Wirk­lich­keit (wie in Gaza) zu ver­decken und die Öffent­lich­keit zu ver­blö­den, die es sich gefal­len lässt und damit mit­hilft, es gesche­hen zu las­sen, kommt auch Pisto­ri­us der Legi­ti­mi­täts­ge­dan­ke in den Sinn. »Die­se Bot­schaft [die Mond­lan­dung] ist über 50 Jah­re alt und sie bringt auf den Punkt, was auch uns antreibt. Die fried­li­che Nut­zung des Welt­raums, Zusam­men­ar­beit, For­schung und Fort­schritt. Die Begei­ste­rung für die unend­li­chen Wei­ten beglei­tet uns seit Jahr­zehn­ten. Sie steht für Ent­decker­geist, für Inno­va­ti­on und Zukunft.«

Aber: Weil Russ­land und auch Chi­na uns bedro­hen, und »uns« angrei­fen (die Nato im Pazi­fik!) wol­len, müs­sen »wir uns« schüt­zen, auf­rü­sten in Bil­lio­nen-Euro-Höhe in den näch­sten Jah­ren, den Gür­tel enger schnal­len. Die ande­ren, die Frem­den, die bedro­hen uns, nicht »wir sie«! Pisto­ri­us: »Der Welt­raum ist nicht nur ein Ort der Wis­sen­schaft und Visio­nen. Immer mehr Staa­ten nut­zen ihn, um unein­ge­schränkt ihren geo­po­li­ti­schen Ein­fluss aus­zu­wei­ten. Er ist ein Ort, an dem Kon­flik­te und Bedro­hun­gen sehr real sind. Wir ste­hen dabei – genau­so wie auf der Erde – auch im Welt­raum für eine regel­ba­sier­te Ord­nung.« Und: »Das rus­si­sche Ver­hal­ten ist, auch und gera­de im Welt­raum, eine fun­da­men­ta­le Bedro­hung für uns alle. Eine Bedro­hung, die wir nicht län­ger igno­rie­ren dürfen.«

 

Zivil und mili­tä­risch zu tren­nen: »ein altes Denkmuster« 

Des­halb brau­chen wir auch eine Zeit­wen­de unse­res Ver­ständ­nis­ses vom Mensch­sein, dass Krieg und Zivi­li­tät zunächst trenn­te, dann den Sol­da­ten zum »Bür­ger in Uni­form« mach­te – die­se Tren­nung müs­se auf­ge­ho­ben wer­den, gegen die Bedro­hun­gen brau­chen wir eine Men­ta­li­tät der Krieger:

 

»Kom­mu­ni­ka­ti­on, Navi­ga­ti­on oder Erd­be­ob­ach­tung sind alle zugleich zivi­le, wirt­schaft­li­che und mili­tä­ri­sche Fra­gen. Wir müs­sen des­halb davon weg­kom­men, die­se The­men in ein­zel­ne Schub­la­den zu sor­tie­ren. Alte Denk­mu­ster, die zwi­schen ›zivil‹ und ›mili­tä­risch‹ scharf tren­nen, hel­fen uns nicht wei­ter. Im Gegen­teil: Sie blockie­ren. Der Welt­raum hat kei­ne Gren­zen, also soll­ten wir auch kei­ne zie­hen, wenn es um unse­re gemein­sa­me Sicher­heit geht. Wir müs­sen erken­nen, die­ses Vor­ha­ben ist ein gemein­sa­mes Pro­jekt: für Poli­tik, Indu­strie, For­schung und Streit­kräf­te. (…) Des­halb bau­en wir inner­halb der Bun­des­wehr Struk­tu­ren auf, um uns mit­tel- und lang­fri­stig auch im Welt­raum wirk­sam ver­tei­di­gen und abschrecken zu kön­nen. Die Bun­des­wehr ist ein wich­ti­ger Teil einer gesamt­staat­li­chen Welt­raum­si­cher­heits­ar­chi­tek­tur (…) eine resi­li­en­te Struk­tur aus Satel­li­ten­kon­stel­la­tio­nen, Boden­sta­tio­nen, gesi­cher­te Start­fä­hig­kei­ten und Ser­vices. Ein Gesamt­pa­ket, das Schutz und Wir­kung glei­cher­ma­ßen gewähr­lei­stet, (…) hier­für [neh­men wir] auch rich­tig Geld in die Hand. Allein bis 2030 pla­nen wir Haus­halts­mit­tel in Höhe von 35 Mil­li­ar­den Euro in Pro­jek­ten ein­zu­set­zen (…) [um] meh­re­re, ver­netz­te Satel­li­ten­kon­stel­la­tio­nen [zu] schaf­fen und auch über Offen­siv­fä­hig­kei­ten [zu] spre­chen. Auch im Welt­raum müs­sen wir abschrecken kön­nen, um ver­tei­di­gungs­fä­hig zu sein. Deutsch­land braucht außer­dem gesi­cher­te auch on-demand ver­füg­ba­re Trans­port­ka­pa­zi­tä­ten ins All – hier set­zen wir auf einen Mix: klei­ne Trä­ger­ra­ke­ten für fle­xi­ble Starts, mit­tel­fri­stig, aber auch euro­päi­sche Schwer­last­trä­ger, die im Wett­be­werb ent­ste­hen – und vor allem bestehen müs­sen. Und: Wir brau­chen ein eige­nes mili­tä­ri­sches Satel­li­ten-Betriebs­zen­trum im Welt­raum­kom­man­do der Bun­des­wehr. Nur so behal­ten wir die Kon­trol­le über unse­re Syste­me und kön­nen im Ernst­fall schnell reagieren.«

 

Bevor die­se gro­tes­ke und lächer­li­che Wie­der­ho­lung einer neo­im­pe­ria­len Spra­che unse­re Sin­ne ver­ne­belt, ver­langt es nach Ant­wort auf die Fra­ge: Was steckt an Ener­gien, Inter­es­sen und Äng­sten eigent­lich dahin­ter, alles dar­auf anzu­le­gen, um nicht dar­auf zu kom­men, durch Mit­ein­an­der spre­chen und Kom­pro­mis­se zu ver­hin­dern, das Rüstungs­geld, statt es zu ver­pul­vern, in sinn­vol­le Inve­sti­tio­nen für das gute Leben aller Men­schen zu stecken?

Und die Sci­ence-Fic­tion jenen zu über­las­sen, die damit kein Unheil anrichten.