Die Rede des Bundesministers der Verteidigung, Boris Pistorius, beim 3. Weltraumkongress des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) in Berlin am 25. September 2026 wird in die Geschichte eingehen. Nach jener, die größte konventionelle Armee Europas aufzubauen, ist sie die zweite offiziell verkündete und militärisch begründete politische Absicht, den politischen Großmachtanspruch der Bundesrepublik Deutschland zu fundieren: »Deutschland muss seine Interessen, seine Sicherheit und Freiheit sowie seinen Wohlstand auch im Weltraum schützen.«
Es ist dies eine Anmaßung, die schon seit 1989/90 in nationalistischen Auswüchsen fordernd sich Bahn brach. Militärische Machtpolitik kroch aus dem Vereinigungstaumel hervor: »Großmacht«, »Machtstaat«, »Normalisierung«, deutsche Führungsrolle, militärische Intervention oder Revision der Nachkriegsordnung setzten die vermeintlich »linke« oder als »pazifistisch« verunglimpfte »Friedensordnungspolitik« der Kohl-Regierungen unter Druck, die alles war, aber keine Politik einer »Gemeinsamen Sicherheit«, deren Konturen bald verschwammen und versandeten. Der Tod des friedenspolitischen Mitstreiters und Nachfolgers von Egon Bahr, des Hamburger Friedensforschers Dieter S. Lutz, bedeutete im Januar 2003 den Schlusspunkt letztlich vergeblicher Friedensordnungspolitik. Lutz trug innerparteilich dazu bei, dass der SPD-Kanzler Gerhard Schröder den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der Vereinigten Staaten und der Willigen gegen den Irak ablehnte – was er 1999 beim Nato-Krieg gegen Jugoslawien nicht schaffte. Eine erhebliche Unterstützung, etwa der US-Militärbasen in Deutschland und andere militärische Hilfsleistungen blieben in Kraft.
Nun ist es so weit: Pistorius wird als »Militarisierungs- und Aufrüstungsminister« in die Geschichte Deutschlands eingehen, zudem als Minister des Weltraums, dem »sehr daran gelegen ist«, den »Draht zwischen der Industrie und der Bundeswehr« enger zu ziehen, wie er in bemerkenswert befremdlicher Weise Ende September ausführte. »Wir haben so viele gemeinsame Themen, dass wir gar nicht häufig genug zusammenkommen können«, hauchte Pistorius den Industrie- und kommenden KI-Baronen ins Ohr. Dabei lässt der Herr Minister uns aus seinem tiefsten Inneren wissen: »Es geht um eine Faszination, die bis in meine Jugend zurückreicht und die bis heute anhält. Ein Faible für all das, was unsere Vorstellungskraft herausfordert und Blicke in die unendlichen Weiten ermöglicht. Daher mache ich auch kein Staatsgeheimnis daraus, dass ich ein bekennender Star-Trek-Fan bin. Wer die Serie kennt, der weiß: Es geht um weit mehr als den Weltraum und die Wissenschaft. Es geht um den Umgang mit Neuem, um die Abwehr von Bedrohungen und vor allem: um eine Philosophie des Miteinanders. Eine der zentralen Botschaften ist: Unsere Absichten sind friedlich. Wir wollen nichts erobern, sondern voneinander lernen. Wenn wir kämpfen, dann nur, um uns zu verteidigen.«
Hier geht es nicht um Verblödung! Wer das meinen könnte, der irrt. In solchen Sätzen ist die Sprache längst zu einer »postfaschistischen« gemacht worden, um zu verklären, zu verheimlichen und dann letzten Endes genau das durchzusetzen, was man eigentlich vorhat. Ist doch seit Russlands Einmarsch in die Ukraine tagtäglich die Rede davon, dass »WIR« zum Krieg bereit sein müssen, wenn »der Russe« kommt – und das mit einer angstmachenden Penetranz, die Tag für Tag über die Medien zu uns hallt. Und da können die zahlreichen wirklichen Experten, zum Beispiel der Oberbefehlshaber der Nato, Alexus G. Grynkewich, und viele andere noch so oft die verschiedenen Gründe anführen, die gegen einen Überfall auf das EU-/Nato-Europa durch Russland sprechen (man lese es in den Ossietzky-Ausgaben der letzten vier Jahre nach): Penetrant wird weiter über den kommenden Angriff schwadroniert, der uns droht, wenn bald die Russen kommen.
Ein Deutscher erobert den Weltraum
Pistorius baut an einem gewaltigen Aufrüstungsprogramm, für das die Bundesregierung alle Ausgaben genehmigt und unterschrieben hat, während die »Grünen« inzwischen noch viel mehr fordern, noch weiter gehen. Wie die am selben Tag stattfindende Bundestagsdebatte bestätigte, in der die historische Raketenforschung eines einst und immer noch glorifizierten Wernher von Braun Erwähnung findet. Ein Deutscher erobert den Weltraum. Was man gar nicht mehr wissen will: Der Herr von Braun trat 1937 der NSDAP bei, gehörte seit 1933/34 einem SS-Reitersturm an und wurde später erneut SS-Mitglied, 1943 erhielt er den Rang eines SS-Sturmbannführers, also den Rang eines Majors, gleichzeitig stieg er zum technischen Leiter des Raketenprogramms in Peenemünde auf. Seine Raketenentwicklung war ein zentrales deutsches Rüstungsprojekt, die Produktion der V2 wurde schließlich unter Einsatz von KZ-Häftlingen in Mittelbau-Dora/Mittelwerk bei Nordhausen in Thüringen durchgeführt.
Nun also Weltraum-Fan Pistorius. Ich mag ihm nicht mit Hegel kommen, »dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen oder Personen sich sozusagen zweimal ereignen«, der vergessen habe hinzuzufügen: »das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.« Denn als Farce, die allerdings erneut die Qualität der Tragödie annehmen könnte, muss man es wohl sehen, wenn sich der deutsche Verteidigungsminister in seiner Rede zur Aufrüstung im Weltraum vor dem Bund der Deutschen Industrie rührselig erinnert: »Es geht um eine Faszination, die bis in meine Jugend zurückreicht und die bis heute anhält. Ein Faible für all das, was unsere Vorstellungskraft herausfordert und Blicke in die unendlichen Weiten ermöglicht. Daher mache ich auch kein Staatsgeheimnis daraus, dass ich ein bekennender Star-Trek-Fan bin. Wer die Serie kennt, der weiß: Es geht um weit mehr als den Weltraum und die Wissenschaft.«
Der Captain-Kirk-und-Mr.-Spock-Fan ernsthaft: »Es geht um den Umgang mit Neuem, um die Abwehr von Bedrohungen und vor allem: um eine Philosophie des Miteinanders.« Um die Philosophie des Miteinanders!? … »Eine der zentralen Botschaften ist: Unsere Absichten sind friedlich. Wir wollen nichts erobern, sondern voneinander lernen. Wenn wir kämpfen, dann nur, um uns zu verteidigen.«
Ach so, das meint er wohl: jenes Miteinander, das man doch in den 1990er und den 2000er Jahren verspielte, als die Nato völkerrechtswidrige Kriege vom Zaun brach. Bei der Zerschlagung Jugoslawiens ganz vorne, Deutschlands Minister Fischer und Scharping, die Auschwitz sich wiederholen sahen und entschieden, wie Selbstbestimmung zu regeln sei, und später, wenn es »der Russe« in und außerhalb Russlands machte, riefen: »So nicht! «
Wie schon alle diese Herren und Frauen (Madame Albright…) wollen sie auch heute bestimmen, welcher Krieg gerecht, menschenrechtlich und »legitim« ist. Wir kennen inzwischen den Unterschied zwischen »Legalität« (Völkerrecht) und »Legitimität« (vom Staat selbst eigenmächtig oder vom westlichen Bündnis neokolonialistisch beschlossen), der selbstentschiedenen »regelbasierten Ordnung«. Um die bittere und vernichtende Wirklichkeit (wie in Gaza) zu verdecken und die Öffentlichkeit zu verblöden, die es sich gefallen lässt und damit mithilft, es geschehen zu lassen, kommt auch Pistorius der Legitimitätsgedanke in den Sinn. »Diese Botschaft [die Mondlandung] ist über 50 Jahre alt und sie bringt auf den Punkt, was auch uns antreibt. Die friedliche Nutzung des Weltraums, Zusammenarbeit, Forschung und Fortschritt. Die Begeisterung für die unendlichen Weiten begleitet uns seit Jahrzehnten. Sie steht für Entdeckergeist, für Innovation und Zukunft.«
Aber: Weil Russland und auch China uns bedrohen, und »uns« angreifen (die Nato im Pazifik!) wollen, müssen »wir uns« schützen, aufrüsten in Billionen-Euro-Höhe in den nächsten Jahren, den Gürtel enger schnallen. Die anderen, die Fremden, die bedrohen uns, nicht »wir sie«! Pistorius: »Der Weltraum ist nicht nur ein Ort der Wissenschaft und Visionen. Immer mehr Staaten nutzen ihn, um uneingeschränkt ihren geopolitischen Einfluss auszuweiten. Er ist ein Ort, an dem Konflikte und Bedrohungen sehr real sind. Wir stehen dabei – genauso wie auf der Erde – auch im Weltraum für eine regelbasierte Ordnung.« Und: »Das russische Verhalten ist, auch und gerade im Weltraum, eine fundamentale Bedrohung für uns alle. Eine Bedrohung, die wir nicht länger ignorieren dürfen.«
Zivil und militärisch zu trennen: »ein altes Denkmuster«
Deshalb brauchen wir auch eine Zeitwende unseres Verständnisses vom Menschsein, dass Krieg und Zivilität zunächst trennte, dann den Soldaten zum »Bürger in Uniform« machte – diese Trennung müsse aufgehoben werden, gegen die Bedrohungen brauchen wir eine Mentalität der Krieger:
»Kommunikation, Navigation oder Erdbeobachtung sind alle zugleich zivile, wirtschaftliche und militärische Fragen. Wir müssen deshalb davon wegkommen, diese Themen in einzelne Schubladen zu sortieren. Alte Denkmuster, die zwischen ›zivil‹ und ›militärisch‹ scharf trennen, helfen uns nicht weiter. Im Gegenteil: Sie blockieren. Der Weltraum hat keine Grenzen, also sollten wir auch keine ziehen, wenn es um unsere gemeinsame Sicherheit geht. Wir müssen erkennen, dieses Vorhaben ist ein gemeinsames Projekt: für Politik, Industrie, Forschung und Streitkräfte. (…) Deshalb bauen wir innerhalb der Bundeswehr Strukturen auf, um uns mittel- und langfristig auch im Weltraum wirksam verteidigen und abschrecken zu können. Die Bundeswehr ist ein wichtiger Teil einer gesamtstaatlichen Weltraumsicherheitsarchitektur (…) eine resiliente Struktur aus Satellitenkonstellationen, Bodenstationen, gesicherte Startfähigkeiten und Services. Ein Gesamtpaket, das Schutz und Wirkung gleichermaßen gewährleistet, (…) hierfür [nehmen wir] auch richtig Geld in die Hand. Allein bis 2030 planen wir Haushaltsmittel in Höhe von 35 Milliarden Euro in Projekten einzusetzen (…) [um] mehrere, vernetzte Satellitenkonstellationen [zu] schaffen und auch über Offensivfähigkeiten [zu] sprechen. Auch im Weltraum müssen wir abschrecken können, um verteidigungsfähig zu sein. Deutschland braucht außerdem gesicherte auch on-demand verfügbare Transportkapazitäten ins All – hier setzen wir auf einen Mix: kleine Trägerraketen für flexible Starts, mittelfristig, aber auch europäische Schwerlastträger, die im Wettbewerb entstehen – und vor allem bestehen müssen. Und: Wir brauchen ein eigenes militärisches Satelliten-Betriebszentrum im Weltraumkommando der Bundeswehr. Nur so behalten wir die Kontrolle über unsere Systeme und können im Ernstfall schnell reagieren.«
Bevor diese groteske und lächerliche Wiederholung einer neoimperialen Sprache unsere Sinne vernebelt, verlangt es nach Antwort auf die Frage: Was steckt an Energien, Interessen und Ängsten eigentlich dahinter, alles darauf anzulegen, um nicht darauf zu kommen, durch Miteinander sprechen und Kompromisse zu verhindern, das Rüstungsgeld, statt es zu verpulvern, in sinnvolle Investitionen für das gute Leben aller Menschen zu stecken?
Und die Science-Fiction jenen zu überlassen, die damit kein Unheil anrichten.