Skip to content

Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Menu

Debatte unerwünscht

War­um haben CSU und Freie Wäh­ler, im baye­ri­schen Land­tag unter­stützt von der AfD, eine Befra­gung des Mini­ster­prä­si­den­ten und sei­nes Stell­ver­tre­ters zu dem Skan­dal um das Flug­blatt der Brü­der Aiwan­ger abge­lehnt? War ihnen inzwi­schen klar gewor­den, dass es bei der Dis­kus­si­on um sehr viel mehr geht als um den in Bay­ern tief­sit­zen­den Antisemitismus?

Als einer, der wäh­rend der Nazi­zeit Gele­gen­heit hat­te, den deut­schen Hass auf die Juden im Ori­gi­nal ken­nen­zu­ler­nen, war mir schon beim ersten Satz des Flug­blat­tes klar, dass da nicht ein sieb­zehn­jäh­ri­ger Schü­ler ein paar Wit­ze über die Juden und die poli­ti­schen Geg­ner der Nazis zu Papier gebracht hat­te, son­dern dass mir der Dunst aus der Pro­pa­gan­da­kü­che der Nazis und der gif­ti­ge Atem des ober­sten Juden­has­sers Juli­us Strei­cher ins Gesicht blies. Jede Zei­le hät­te in des­sen Hetz­blatt Der Stür­mer gepasst.

Wer auch immer das in der Schu­le von Mal­lers­dorf-Pfaf­fen­berg ver­teil­te Pam­phlet ver­fasst hat, er scheint sich direkt aus dem brau­nen Sumpf bedient zu haben. Nicht von unge­fähr wei­ger­te sich die Prä­si­den­tin der Israe­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de Mün­chen und Ober­bay­ern, Char­lot­te Knob­loch, eine Ent­schul­di­gung Hubert Aiwan­gers anzu­neh­men. Die Urhe­ber des Flug­blat­tes gaben sich nicht damit zufrie­den, sich über die Opfer von Ausch­witz und das Leid der Über­le­ben­den des Holo­caust lustig zu machen, auch die von den Nazis poli­tisch Ver­folg­ten über­gos­sen sie mit Hohn und Spott.

Was die nazi­sti­sche Häme zu einem Skan­dal ersten Ran­ges macht, ist die poli­ti­sche Stoß­rich­tung des Flug­blat­tes, die von den betei­lig­ten Akteu­ren bis­lang offen­sicht­lich nicht erkannt wor­den ist. Es rich­te­te sich näm­lich gegen den 1973 von dem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Bun­des­prä­si­den­ten Gustav Hei­ne­mann aus­ge­ru­fe­nen bun­des­wei­ten Schü­ler­wett­be­werb »Deut­sche Geschich­te« Ein Mit­schü­ler Aiwan­gers namens Roman Ser­litz­ky hat­te 1988 bei dem Wett­be­werb mit einer Arbeit über die Ermor­dung von KZ-Häft­lin­gen den zwei­ten Platz belegt. So gelang­te sie in das Archiv der Gedenk­stät­te Dach­au. Bei­gefügt hat­te Roman Ser­litz­ky sei­ner preis­ge­krön­ten Arbeit »als Nega­tiv­bei­spiel, wie sich ande­re Jugend­li­che der­sel­ben Alters­stu­fe mit dem 3. Reich beschäf­ti­gen«, ein Exem­plar des Flug­blat­tes, das Hubert Aiwan­ger in sei­ner Schul­ta­sche mit sich führ­te. Außer­dem merk­te er an: »Das Flug­blatt bestä­tigt einen unter­schwel­lig immer vor­han­de­nen anti­se­mi­ti­schen Trend.«

Durch die in Groß­buch­sta­ben geschrie­be­ne Über­schrift BUNDESWETTBEWERB gaben die Urhe­ber des Flug­blatts zu ver­ste­hen, dass es ihnen dar­auf ankam, den von Gustav Hei­ne­mann ins Leben geru­fe­nen Schü­ler­wett­be­werb zur deut­schen Geschich­te lächer­lich zu machen. Viel­leicht soll­te sich die Oppo­si­ti­on im baye­ri­schen Land­tag mit den Aus­flüch­ten und neu­er­dings mit der Tot­schwei­ge­tak­tik der Her­ren Söder und Aiwan­ger nicht zufriedengeben.