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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Die Gräfin ist nich dot, die tut bloß so«

»Ißt sich gro­ßes Glick, daß ische so gutt kann daitsch. Sonst iche nix dirf­te schrei­ben an dir.« Schen­kel­klop­fer anno 1915 und ein typi­sches Kriegs­pro­dukt: Spott und Hohn in Hül­le und Fül­le, Patrio­tis­mus in Rein- und Reim­form. Gustav Hoch­stet­ter ver­fass­te in die­sem Jahr gleich ein gan­zes Buch über den »Iwan, Kosak gefan­ge­nes«, der das Land »särr komisch« fand. Ein zeit­ge­nös­si­scher Humor, den nie­mand bean­stan­de­te, gebo­ren aus der ver­meint­li­chen Nai­vi­tät des Kriegs­ge­fan­ge­nen, des­sen feh­ler­haf­tes Deutsch mit über­trie­ben rus­si­schem Akzent gepaart war.

Als 1915 Hoch­stet­ters »Marusch­ka Braut gelibb­tes!« ver­öf­fent­licht wur­de, leb­te Hoch­stet­ter bereits über ein Jahr­zehnt in Ber­lin. Seit 1903 war er Redak­teur der Zeit­schrift Lusti­ge Blät­ter, und die war – laut Eigen­aus­sa­ge – das »schön­ste bun­te Witz­blatt Deutsch­lands«. Das Blatt erschien seit 1886 wöchent­lich, bebil­dert wur­de es in der Fol­ge auch von so hoch­ka­rä­ti­gen Künst­lern wie Lyo­nel Fei­nin­ger oder Wal­ter Trier. Kaum ein Ber­li­ner Humor-Sam­mel­band damals ohne Hoch­stet­ter, und das als Nicht-Ber­li­ner, so auch in »100 Jah­re Ber­li­ner Humor« aus dem Jahr 1916. Erstaun­lich, also auch ein Bade­ner konn­te den spe­zi­el­len Humor tref­fen, der nicht nur laut, son­dern vor allem vor­laut war. Bei dem die Gren­zen zu Iro­nie und Sati­re schnell ver­wisch­ten und die Humo­ri­sten zu »Revol­ver­schnau­zen« wur­den, wie der Her­aus­ge­ber Gustav Manz so schön im Vor­wort des Ber­li­ner-Humor-Ban­des schrieb.

Dass die Ber­li­ner sich gern schon mal sel­ber auf die Schip­pe nah­men – das kann­te man min­de­stens seit 1838 –, beich­te­te Lud­wig Robert damals in sei­nen »Pro­me­na­den eines Ber­li­ners in sei­ner Vater­stadt«. Und Tra­di­ti­on ver­pflich­tet und muss gepflegt wer­den, unei­tel und keck, und das mün­de­te schon mal in sol­chen Rei­men aus der Feder von Ernst Hei­le­mann, der im »Alma­nach der Lusti­gen Blät­ter« frei­mü­tig bekann­te: »Ich lie­be die Ber­li­ner Frau­en, Die sind so nett und rund zu schau­en; Ber­li­ner Män­ner? Fürch­ter­lich! Betrach­ten Sie schon bloß mal mich!«

Aber auch die Damen kamen bei dem von Humo­ri­sten oft the­ma­ti­sier­ten Kampf der Geschlech­ter nicht so gut weg. Da ter­ro­ri­sier­ten sie mit kor­pu­len­ter Sta­tur ihre mage­ren und leid­ge­prüf­ten Ehe­män­ner: »Jüng­ling in den rei­fern Jah­ren, über­leg dir›s hun­dert­mal! Willst du dir die Ruh› bewah­ren, triff mit Vor­sicht dei­ne Wahl!« Die poten­ti­el­le Ehe­frau in Hoch­stet­ters »Hund oder hei­ra­ten?« wur­de so zum veri­ta­blen Schreck­ge­spenst. In Kriegs­zei­ten änder­te sich die Ziel­schei­be des Spot­tes blitz­schnell, man war also fle­xi­bel. Da wur­de der Geg­ner ver­bal gede­mü­tigt und ihm men­tal so man­cher Dolch­stoß ver­setzt. Etli­che Humo­ri­sten lie­fen sehr schnell zu die­ser Form des lite­ra­ri­schen Patrio­tis­mus über, anstatt gepflegt die Distanz zu wah­ren. Da war auch ein Hoch­stet­ter kei­ne Aus­nah­me, vor allem mit sei­ner »Marusch­ka«.

Aber was hat­te den Bade­ner eigent­lich nach Ber­lin ver­schla­gen? Gustav Hoch­stet­ter kommt am 12. Mai 1873 in Mann­heim als Sohn des (jüdi­schen) Kauf­manns Isaak Hoch­stet­ter und des­sen Ehe­frau Mat­hil­de Hoch­stet­ter, geb. Lipp­mann, zur Welt. Sei­ne aus Laden­burg zuge­zo­ge­ne Fami­lie, unter ande­rem ist sie mit dem Kom­po­ni­sten Kurt Weill ver­wandt, stammt ursprüng­lich aus Lie­dols­heim bei Karls­ru­he, in Mann­heim hat der Vater das Bür­ger­recht erworben.

Als Gustav Hoch­stet­ter gebo­ren wird, ist sein Lebens­weg ver­mut­lich bereits fest­ge­legt. Lebens­läu­fe ande­rer Ber­li­ner Redak­teu­re, wie zum Bei­spiel Leo Hel­ler oder Richard Wil­de, die die Autorin erforscht hat, bele­gen den häu­fi­gen Wider­stand der Väter gegen die »brot­lo­se Kunst«. Zehn Jah­re arbei­tet Hoch­stet­ter als Kauf­mann, wo, ist unbe­kannt. Als ihm Wil­helm Busch 1902 einen Brief schreibt, heißt es in der Adres­se: »Herr stud. phil. Gustav Hoch­stet­ter in Hei­del­berg«. Das Stu­di­um wird Hoch­stet­ter zugun­sten der Lite­ra­tur auf­ge­ge­ben haben. Durch sei­ne zahl­rei­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen, die par­al­lel zu sei­nem Stu­di­um in diver­sen Zeit­schrif­ten und Zei­tun­gen erschie­nen sind, ist Alex­an­der Mosz­kow­ski, der Her­aus­ge­ber der Lusti­gen Blät­ter in Ber­lin, offen­bar auf Gustav Hoch­stet­ter auf­merk­sam gewor­den. Als er ihm eine Stel­le anbie­tet, greift Hoch­stet­ter zu und ver­legt sei­nen Wohn­sitz kur­zer­hand nach Ber­lin. 1913 hei­ra­tet er in Bres­lau Mar­ga­re­te Pasch, die Toch­ter des dort ansäs­si­gen (jüdi­schen) Kauf­manns Albert Pasch. Ein Jahr spä­ter kommt, ent­ge­gen sei­ner eige­nen humo­ri­sti­schen »War­nung« – »So im Som­mer wie im Win­ter. Ist der Hund stets stu­ben­rein. Nimm mal an, du hät­test Kin­der, wür­den die das immer sein?« – die Toch­ter Eli­sa­beth Maria in Bad Saa­row zur Welt. Dort wird Hoch­stet­ter sich sein Refu­gi­um im Orts­teil Pies­kow inmit­ten der beschau­li­chen mär­ki­schen Land­schaft am Schar­müt­zel­see als Zweit­wohn­sitz ein­rich­ten. Kein Platz sei ihm lie­ber, wird er schwär­me­risch an Wal­ter Trier schrei­ben, dem Illu­stra­tor sei­nes erfolg­rei­chen Maruschka-Buches.

Zu Beginn der 1920er Jah­re ist Hoch­stet­ter in Ber­lin stadt­be­kannt. Die Auf­la­ge der Lusti­gen Blät­ter hat sich nahe­zu ver­drei­facht. Bei öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen wie dem Herbst­fest des Reichs­ver­ban­des der Deut­schen Pres­se darf er für einen wohl­tä­ti­gen Zweck »Rei­me schmie­den«, oder aber er tanzt auf dem all­seits belieb­ten all­jähr­li­chen »Lusti­ge Blät­ter-Ball« in den Mor­gen hin­ein. Eigent­lich kann er sich beru­higt zurück­leh­nen und auf ein reich­hal­ti­ges Oeu­vre zurück­blicken; er hat zudem Ein­gang in »Kürsch­ners Lite­ra­tur­le­xi­kon« und dem Per­so­nen­le­xi­kon »Wer ist’s« gefun­den. Dem Moloch Ber­lin kann er gen Pies­kow ent­flie­hen, mit sei­ner zwei­ten Ehe­frau und sei­ner Toch­ter aus erster Ehe. Durch den Ber­li­ner Redak­teur Alfred Brie, einem Ver­wand­ten sei­ner Frau, wird er mit dem Kino bekannt gemacht – und fängt Feu­er. »Miss Rocke­fel­ler filmt« bleibt nicht sein ein­zi­ger lite­ra­ri­scher Aus­flug in die Kino­welt. »Sie wis­sen, war­um man den Gra­fen bespit­zelt /​ War­um die Dame den Glat­zen­mann kit­zelt /​ Und sie sagen, des siche­ren Blickes froh: /​ ›Die Grä­fin ist nich dot; die tut bloß so‹.« Ein ech­ter Hoch­stet­ter, der die durch die Reiz­über­flu­tung ver­wirr­ten Ber­li­ner Kino­gän­ger ver­ulkt, ent­hal­ten in dem von Alfred Brie »gekur­bel­ten« »Film-Zau­ber (Illu­strier­ter Taschen-Humor)«.

In der Mit­te der 1920er Jah­re ver­ab­schie­det sich der mitt­ler­wei­le über 60jährige aus der Redak­ti­on der Lusti­gen Blät­ter – und wird frei­er Schrift­stel­ler. Dabei macht er durch­aus Zuge­ständ­nis­se an den beschwing­ten Zeit­geist, 1932 begibt er sich mit »Leu­te machen Klei­der« humor­voll in die Welt der Mode rund um den Haus­vog­tei­platz. Ver­öf­fent­licht wird das Werk in sei­ner eige­nen »Biblio­thek-Gesell­schaft m.b.H. zu Pies­kow (Schar­müt­zel­see)«, die auch ein Büro in der Pots­da­mer Stra­ße betreibt und deren Direk­tor er ist. Eine Gesell­schaft, die zudem Mit­glied der Reichs­schrift­tums­kam­mer ist, und die spielt schließ­lich eine äußerst unrühm­li­che Rol­le in der Schmä­hung der Wer­ke jüdi­scher Autoren. Doch Hoch­stet­ter ver­kennt die brenz­li­ge Lage, fühlt sich zu alt, um sein Hei­mat­land zu ver­las­sen. Nach­dem bereits die ersten Bücher in Flam­men auf­ge­gan­gen sind, schreibt er an Wal­ter Trier: »Die Nazis kom­men und gehen (…), lie­ber Wal­ter Trier. War­ten wir doch erst mal ab.« Noch 1938 fin­det man Hoch­stet­ter unter der Anschrift »Pots­da­mer Stra­ße« im Ber­li­ner Adress­buch. Auf­grund der »Zwei­ten Ver­ord­nung vom 17. August 1938 zur Durch­füh­rung des Geset­zes über die Ände­rung von Fami­li­en- und Vor­na­men« zwingt man auch ihn dazu, den zwei­ten Vor­na­men »Isra­el« anzu­neh­men, der ihn als Jude brand­markt. Für eine Emi­gra­ti­on ist es zu spät. 1940 wird sei­ne zwei­te Ehe mit der (nicht­jü­di­schen) Hil­de­gard Modes, die er 1931 in Wil­mers­dorf gehei­ra­tet hat, geschie­den – zu ihrem Schutz.

Am 11. Juni 1942 ist Hoch­stet­ters Leben in Ber­lin und auf sei­nem gelieb­ten »Hoch­stet­ters­hof« in Pies­kow unwi­der­ruf­lich vor­bei: Im Arbeits­la­ger Rad­in­ken­dorf zwingt man den fast 70jährigen zu vier Mona­ten Zwangs­ar­beit, bevor man ihn dann in das Ghet­to von The­re­si­en­stadt depor­tiert. Was er nicht ahnt: Sei­ne Toch­ter ist kurz zuvor im Ghet­to von Minsk gestor­ben. Am 26. Juli 1944 wird Gustav Hoch­stet­ter in The­re­si­en­stadt ermor­det. Mar­ga­re­te Hof­stet­ter über­lebt ihn über vier­zig Jah­re, am 6. Novem­ber 1985 stirbt sie als »Mar­ga­ret Hot­ter« im hohen Alter von 95 Jah­ren in Birmingham.

Am 20. Novem­ber 2008 wur­de für Gustav Hoch­stet­ter vor sei­nem ehe­ma­li­gen Wohn­ort in Pies­kow ein Stol­per­stein ver­legt. Heu­te scheint sich eine Wie­der­be­le­bung sei­ner kes­sen Tex­te und der flot­ten Rei­me anzu­bah­nen. Die Sän­ge­rin Eva Hom­rig­hau­sen macht den Anfang und tritt mit ver­ton­ten Gedich­ten aus sei­ner Feder auf. Kunst und Lite­ra­tur als »Bal­sam für die See­le« – so wie es auch Pies­kow für Gustav Hoch­stet­ter war.

Ein Schrift­stel­ler, der 1914 »Wir sind das Volk der Wäch­ter, der Ver­nich­ter. Das sich die Wege bahnt mit grim­men Hieb« reim­te, aber die eige­ne Gefahr, in der er selbst schweb­te, nicht erkannte.