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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Heimkehr nach Safe Harbour

Wer die­ses Buch liest, soll­te sich nicht täu­schen las­sen: Zum einen vom Cover, das die Rück­an­sicht einer Frau im Bade­an­zug zeigt – wirk­sa­mer Blick­fang viel­leicht, aber es geht im Buch nicht um Frei­zeit­spaß. Zum ande­ren nicht von der über­schwap­pen­den Bered­sam­keit, ja Red­se­lig­keit sei­ner Autorin, die Schwach­punk­te des Tex­tes ver­ur­sa­chen. Strin­gen­ter erzählt – wir hät­ten es mit einer Geschich­te zu tun, die ganz und gar in den Bann schlägt. Dass man trotz der Weit­schwei­fig­keit, vie­ler Neben­ge­schich­ten, dem dau­ern­den Tee­trin­ken (zuneh­mend aller­dings Whis­ky), der Ess­ze­re­mo­nien und stän­dig wie­der­hol­ter Flos­keln gefes­selt bleibt und wei­ter­le­sen will, hat mit der Geschich­te zu tun, die kalt und klar die­se ist: Bei der Putz­frau Fran­ces Delaney, 58 Jah­re alt, wird ein aggres­si­ver Hirn­tu­mor dia­gno­sti­ziert. »Glio­bla­sto­ma mul­ti­for­me«, sagt sie laut zur Ärz­tin. Und sie fügt, nach innen spre­chend, hin­zu: »Ich wuss­te, dass ich es rich­tig aus­ge­spro­chen hat­te, und war zufrie­den.« Was viel­leicht ein wenig rot­zig klingt, zeich­net aber die­se vom Leben nicht ver­wöhn­te Frau für den Leser ganz scharf. Sie ist so: Mit schar­fem Ver­stand begabt, bele­sen, schüch­tern, ein­sam, von ihrer Putz­ar­beit wirk­lich erfüllt, beschei­den, ein­ver­stan­den mit dem Platz, auf den das Leben sie gestellt hat. Der Autorin, der ehe­ma­li­gen Psych­ia­te­rin Bob­bi French, gelingt es, und das ist ein Vor­zug des Buches, die Figur Fran­ces Delaney glaub­haft vor­zu­füh­ren – auch wenn die­se Gestalt gewiss aus meh­re­ren Bio­gra­fien ent­stan­den ist.

Fran­ces lehnt die mög­li­chen The­ra­pien ab, die ihre Lebens­zeit von viel­leicht noch zehn bis zwölf Mona­ten etwas ver­län­gern wür­den: »Mona­te, die ich krank, ver­äng­stigt, allein und, was viel­leicht am wich­tig­sten war, ohne Ein­kom­men ver­brin­gen wür­de.« Ster­ben lie­ge in ihrem Bud­get, resü­miert sie, das Dahin­sie­chen nicht. Es sei nicht ein­fach, einen Staub­sauger vor sich her zu schie­ben, mit einem Fuß im Grabe.

Die Sze­ne die­ses Dra­mas – die von Dia­lo­gen gepräg­te Erzähl­wei­se legt die Bezeich­nung eben­falls nahe – spielt im kana­di­schen Neu­fund­land, haupt­säch­lich in der Pro­vinz­haupt­stadt St. John’s und im, nach Ver­si­che­rung der Autorin, fik­ti­ven Safe Har­bour, weil es näm­lich einen Ort glei­chen Namens gibt.

In Kana­da prak­ti­ziert man einen libe­ra­len Umgang mit dem ärzt­lich assi­stier­ten Sui­zid. Wer den Roman liest, soll­te sich beglei­tend ein paar Infor­ma­tio­nen dar­über ver­schaf­fen, denn als Fran­ces sich dazu ent­schließt, liest sich das bei Bob­bi French so: »Sie müs­sen einen offi­zi­el­len, schrift­li­chen Antrag stel­len, und Sie brau­chen eine unab­hän­gi­ge Per­son, die alles bezeu­gen kann. Neh­men Sie sich Zeit, um in Ruhe dar­über nach­zu­den­ken. Sie kön­nen Ihre Mei­nung jeder­zeit ändern.«

Fran­ces tut das nicht und lebt gewis­ser­ma­ßen unter Voll­dampf auf ihr nahes Ende zu, des­sen Ter­min sie selbst fest­legt. Die »unab­hän­gi­ge Per­son«, die Zeu­gin, ist die ehe­ma­li­ge Non­ne Schwe­ster Barb, die aber nicht Gott den Rücken gekehrt hat, wie sie sagt. Sie ist, obwohl sie nur weni­ge »Auf­trit­te« im Buch hat, eine der Figu­ren, die mit ihrer zurück­hal­ten­den Mensch­lich­keit, ihrer Fähig­keit zur Zuwen­dung und ver­ständ­nis­vol­len Hilfs­be­reit­schaft im Gedächt­nis blei­ben. Viel­leicht auch, weil die Autorin sie nicht mit der sprach­lich rup­pi­gen Atti­tü­de auf­tre­ten lässt, die den mei­sten ande­ren Roman­fi­gu­ren eig­net. Frei­lich ist im Umgang mit Fran­ces eine har­sche Aus­drucks­wei­se auch Schutzschild.

Die Begeg­nung Fran­ces‘ mit Schwe­ster Barb ist ein Wie­der­se­hen. Denn sie wirk­te einst in einem katho­li­schen »Heim«, in dem unge­wollt schwan­ger gewor­de­ne Frau­en, hier bes­ser Mäd­chen, ihre Kin­der zur Welt brin­gen konn­ten, die dann zur Adop­ti­on frei­ge­ge­ben wurden.

Das weg­ge­nom­me­ne Kind heißt nach Fran­ces‘ Mut­ter Geor­gi­na, deren Leben durch Selbst­mord endet. Fran­ces‘ Vater ist auf See umgekommen.

Mit all die­sen Defi­zi­ten und Ver­lu­sten lebt Fran­ces Delaney nun ein­mal rück­wärts und gleich­zei­tig, fast rausch­haft, vor­wärts. Denn in den weni­gen Wochen, die ihr zum ohne­hin ein­ge­schränk­ten Leben blei­ben, wird ihr geschenkt, wonach sie ein Leben lang ver­geb­lich gesucht hat: Lie­be. Eine Jugend­li­che wird ihr zur Freun­din und eigent­lich zur Toch­ter, sie lernt die Welt der Fri­sier­sa­lons und Bars ken­nen, sie begeg­net in Safe Har­bour ihrer Jugend­freun­din Annie wie­der, nach Jah­ren der Miss­ver­ständ­nis­se und des gegen­sei­ti­gen Mei­dens. Fran­ces und Annie begin­nen sogar ein Lie­bes­ver­hält­nis, das bei­den Frau­en die Erfül­lung gibt, die sie vor­her nie gefun­den haben.

Das Leben pras­selt also zuletzt in sei­nem Über­fluss auf Fran­ces nie­der, und das wird durch­aus fes­selnd vor­ge­führt. Auch wird über­zeu­gend gezeigt, wie man sich ange­sichts der »letz­ten Din­ge« selbst ver­ste­hen und anneh­men, mit sich Frie­den machen kann. Wenn die Autorin auch manch­mal etwas zu viel des Guten tut und alle gro­ßen und klei­nen Pro­ble­me und Bana­li­tä­ten der Gegen­wart in die Hand­lung hin­ein­presst, so wird das Leben Fran­ces‘ doch kon­se­quent zu Ende erzählt. Dass man sie lesend unbe­dingt beglei­ten, gar nichts ande­ren tun kann und will, zeigt ganz klar, dass mit die­sem Buch etwas the­ma­ti­siert wird, wor­über wir in unse­rem Land end­lich ein­mal spre­chen soll­ten, ohne uns der Sprach­hül­sen unse­rer »Stand­punk­te« zu bedie­nen. Denn wich­tig ist doch, dass, wie in die­sem Fal­le Fran­ces Delaney, Men­schen heim­keh­ren kön­nen, wenn sie es wollen.

 Bob­bi French, Die guten Frau­en von Safe Har­bour, Roman, aus dem Eng­li­schen von Cari­na Tes­sa­ri, Diede­richs 2022, 352 S., 22 €.