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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Erde – Osterinsel im All

Der Gedan­ke, die Erde als Oster­in­sel im All zu sehen, als ein­sa­me, viel­leicht ein­sam­ste Insel des Kos­mos, stammt vom berühm­ten Mee­res­for­scher Jac­ques-Yves Cou­steau. Die Erde ist einer von neun Pla­ne­ten unse­res Son­nen­sy­stems, das eins von sehr, sehr vie­len Son­nen­sy­ste­men der Milch­stra­ße, unse­rer Gala­xie, ist. Die wie­der­um ist nur eine von einer uns nicht bekann­ten Zahl von Gala­xien im Raum. Die Erde ist der dich­te­ste, fünft­größ­te und der Son­ne dritt­näch­ste Pla­net unse­res Son­nen­sy­stems. Ihr Durch­mes­ser beträgt unge­fähr 12.700 Kilo­me­ter, ihr Alter etwa 4,6 Mil­li­ar­den Jah­re. Wis­sen­schaft­ler haben ihr mög­li­ches Alter, abhän­gig von der Son­ne, mit wei­te­ren ca. 5 Mil­li­ar­den Jah­ren geschätzt. Auf der Erde leben zur­zeit, im Jahr 2022, geschätzt acht Mil­li­ar­den Men­schen. Die Mei­nun­gen über die Zahl der Men­schen, die sich auf der Erde ernäh­ren könn­ten, gehen auseinander.

Die abseits gele­ge­ne Oster­in­sel, viel­leicht die ein­sam­ste der Welt, als Bei­spiel für die Lage des bewohn­ten Pla­ne­ten Erde im Kos­mos zu neh­men, liegt nahe. Die Oster­in­sel im Pazi­fi­schen Oze­an fin­det man auf 27 Grad 9 Minu­ten Süd und 109 Grad 25 Minu­ten West. Dort liegt die­ser Klecks in der rie­si­gen Was­ser­wü­ste. 3.690 Kilo­me­ter von Chi­le, 2970 Kilo­me­ter von den Juan-Fer­nan­dez-Inseln vor der Süd­west­kü­ste Chi­les, 4.190 Kilo­me­ter von Tahi­ti ent­fernt. Fer­di­nand Magel­lan segel­te im Jahr 1520 nach Umrun­dung der spä­ter Kap Hoorn genann­ten Spit­ze Süd­ame­ri­kas mit sei­nen Leu­ten dar­an vor­bei. Als die Insel knapp 200 Jah­re spä­ter von hol­län­di­schen See­fah­rern ent­deckt wur­de, war sie bereits seit län­ge­rer Zeit besiedelt.

Die Oster­in­sel ist einer der geheim­nis­voll­sten Orte in der gan­zen Welt. Wer und wozu hat dort die gigan­ti­schen Stein­sta­tu­en auf­ge­stellt? War­um ist die dor­ti­ge uralte Zivi­li­sa­ti­on aus­ge­stor­ben, und zwar offen­sicht­lich so rasant, dass vie­le Figu­ren unvoll­endet geblie­ben sind?

Am 5. April 1722 lan­de­te der Nie­der­län­der Jakob Rog­ge­ve­en, der im Auf­trag der West­in­di­schen Han­dels­kom­pa­nie unter­wegs war, am Oster­sonn­tag dort mit drei Schif­fen. Er nann­te die Insel Paasch-Eyland, was dem deut­schen Namen Oster­in­sel ent­spricht, spa­nisch Isla de Pascua; in der Spra­che der Urein­woh­ner hieß sie Rapa Nui, was auch die Bezeich­nung ihrer Spra­che ist. An der Expe­di­ti­on nahm der Meck­len­bur­ger Carl Fried­rich Beh­rens teil, des­sen Bericht über die Expe­di­ti­on in Euro­pa erschien.

Die Oster­in­sel ist ein vul­ka­ni­scher Gip­fel, der dem Salas-y-Gómez-Rücken auf­sitzt, einem 2500 km lan­gen, sub­ma­ri­nen Höhen­zug im Süd­ost­pa­zi­fik. Sie ist außer der Insel Salas y Gómez der ein­zi­ge Berg einer unter dem Oze­an lie­gen­den aus Vul­ka­nen bestehen­den Ket­te, der über die Mee­res­ober­flä­che hin­aus­ragt. Es gibt kein Koral­len­riff, die Küste fällt bis zu einer Mee­res­tie­fe von 3.000 Metern steil ab. Der Küsten­saum ist stei­nig und zer­klüf­tet, nur an weni­gen Stel­len gibt es klei­ne stei­ni­ge Sand­strän­de. An der Süd­west­spit­ze sowie im Osten ragen bis zu 300 Meter hohe Klif­fe empor.

Die Oster­in­sel hat eine Flä­che von 162,5 Qua­drat­ki­lo­me­tern, die maxi­ma­len Län­ge beträgt 24 km, die maxi­ma­le Brei­te 13 km. Die Land­schaft ist vul­ka­ni­schen Ursprungs und besteht im Wesent­li­chen aus den drei Vul­ka­nen Rano Kao im Süd­we­sten, dem Poi­ke mit sei­nem Haupt­gip­fel Maun­ga Puaka­ti­ki im Osten und Maun­ga Ter­eva­ka im Nor­den sowie deren ero­dier­ten Neben­kra­tern. Der Maun­ga Ter­eva­ka ist mit 507,41 Metern der höch­ste Berg. Die Vul­ka­ne sind vor Urzei­ten erlo­schen, es gibt in jün­ge­ren Zei­ten kei­ne Akti­vi­tä­ten mehr.

Die Her­kunft der Ein­woh­ner ist umstrit­ten. Sie kön­nen von ande­ren Inseln Ost-Poly­ne­si­ens gekom­men sein. Die Rapa­nui-Spra­che gehört dem malay­sisch-poly­ne­si­schen Zweig an und ähnelt der ton­gai­schen, der tahi­tia­ni­schen und der hawai­ischen Spra­che. Wie man heu­te weiß, waren die Bewoh­ner Poly­ne­si­ens und Mela­ne­si­ens um das Jahr 1.000 her­um bereits erfah­re­ne See­leu­te, die die Ster­nen­na­vi­ga­ti­on beherrschten.

Eine ande­re Hypo­the­se besagt, dass die Vor­fah­ren der Rapa­nui-Ein­woh­ner aus Süd­ame­ri­ka gekom­men sei­en. Die­ser Mei­nung war auch der nor­we­gi­sche Archäo­lo­ge, Rei­sen­de und Schrift­stel­ler Thor Heyer­dahl. Um sei­ne Ver­mu­tung zu bestä­ti­gen, unter­nahm er im Jahr 1947 sei­ne spek­ta­ku­lä­re Floß­fahrt »Kon Tiki« von Süd­ame­ri­ka aus in die Wei­te des pazi­fi­schen Oze­ans, eine 6.980 Kilo­me­ter lan­ge Rei­se aus Peru zum Atoll Raroia (Archi­pel Tua­mo­tu). Für die süd­ame­ri­ka­ni­sche Ver­si­on spre­chen unter ande­rem spe­zi­fi­sche Bau­wei­sen, die für die Inka typisch waren. Außer­dem wur­den dort bereits 1722 Süß­kar­tof­feln und Fla­schen­kür­bis ange­baut, die damals nur in Süd­ame­ri­ka bekannt waren.

Das größ­te Geheim­nis der Oster­in­sel besteht in der Fra­ge, wer die rie­si­gen Stein­sta­tu­en Moai auf­ge­stellt hat, und war­um. Ihr Alter lässt sich zur­zeit nicht genau fest­stel­len. Es gilt, dass sie zwi­schen den Jah­ren 1.000 und 1.600 gebaut wur­den, wobei etli­che Sta­tu­en unvoll­endet blie­ben. Im Lau­fe die­ser 600 Jah­re wur­den etwa 800 Sta­tu­en auf­ge­stellt. Mehr als 230 ste­hen auf stei­ner­nen Platt­for­men am Insel­ufer, fast 400 wur­den nie fer­tig gebaut. Eine von ihnen ist 21 Meter hoch und mehr als 200 Ton­nen schwer.

Es heißt, dass auf der Oster­in­sel höch­stens 3.000 Men­schen leb­ten, als die Euro­pä­er dort erschie­nen. Es ist frag­lich, ob eine der­ma­ßen klei­ne indi­ge­ne Gemein­de, deren Ent­wick­lungs­ni­veau rela­tiv pri­mi­tiv war, hun­der­te rie­si­ge Sta­tu­en auf­ge­stellt haben könn­te. Des­halb wird ver­mu­tet, dass es dort zu älte­ren Zei­ten eine Zivi­li­sa­ti­on mit einer ent­wickel­ten sozia­len Struk­tur und kom­pli­zier­ten reli­giö­sen Kul­ten gab.

Hin­sicht­lich des Aus­ster­bens der Rapa­nui-Zivi­li­sa­ti­on gibt es ver­schie­de­ne Hypo­the­sen. Unter ande­rem wird ver­mu­tet, dass eine Umwelt­ka­ta­stro­phe oder ein mili­tä­ri­scher Kon­flikt gesche­hen sein könn­ten (sic!). Eine wei­te­re Ver­si­on ver­mu­tet, dass die Ein­woh­ner sich zuneh­mend mit dem Sta­tu­en­bau beschäf­tigt und die wirt­schaft­li­chen Akti­vi­tä­ten ver­nach­läs­sigt und/​oder gegen­ein­an­der gekämpft und Tei­le der Bevöl­ke­rung aus­ge­rot­tet hät­ten. Eine Grup­pe US-ame­ri­ka­ni­scher Anthro­po­lo­gen um Robert Di Napo­lin der Ore­gon-Uni­ver­si­tät hat her­aus­ge­fun­den, dass die Bau­zeit der Moai viel län­ger gedau­ert hat­te, als ursprüng­lich ver­mu­tet wor­den war: bis zu den 1750er Jah­ren. Als die Euro­pä­er auf der Insel erschie­nen, hat­ten die dor­ti­gen Ein­woh­ner noch neue Moai-Platt­for­men gebaut. Davon zeu­gen die Tage­bü­cher nie­der­län­di­scher, spa­ni­scher und bri­ti­schen Seefahrer.

Das wür­de bedeu­ten, dass es Anfang des 17. Jahr­hun­derts noch kei­nen Kol­laps gege­ben hat­te. Als die Hol­län­der kamen, konn­ten kei­ne Hin­wei­se auf Riva­li­tä­ten zwi­schen ver­schie­de­nen Stäm­men gefun­den wer­den. Obwohl ande­re Quel­len von zwei Völ­kern spre­chen, den Lang­oh­ren und den Kurz­oh­ren, die sich befeh­det hätten.

Die Zivi­li­sa­ti­on auf der Oster­in­sel könn­te wegen eines Kli­ma­wan­dels aus­ge­stor­ben sein – die­ser Auf­fas­sung sind Wis­sen­schaft­ler aus Chi­na, Spa­ni­en und Nor­we­gen. Die Autoren sind Exper­ten auf den Gebie­ten Umwelt­schutz, Geschich­te und Archäo­lo­gie. Ihre For­schung stütz­te sich auf soge­nann­te paläo­kli­ma­ti­sche Rekon­struk­tio­nen, die es ihnen ermög­lich­ten, die kau­sa­len Zusam­men­hän­ge der natür­li­chen und sozia­len Ereig­nis­se auf der Insel nach­zu­voll­zie­hen. Die Situa­ti­on auf Rapa­nui war nie idyl­lisch: Die Ein­woh­ner die­ser win­zi­gen Insel mit­ten im Stil­len Oze­an muss­ten stän­dig ums Über­le­ben kämp­fen. In die­ser Regi­on spielt zum Bei­spiel die soge­nann­te »El Niño-Sou­thern Oscil­la­ti­on« (ENSO) eine wich­ti­ge Rol­le – so nennt man das Auf­tre­ten von unge­wöhn­li­chen, nicht zykli­schen, ver­än­der­ten Mee­res­strö­mun­gen im ozea­no­gra­fisch-meteo­ro­lo­gi­schen System des äqua­to­ria­len Pazi­fiks. Die war­me Pha­se die­ser Oszil­la­ti­on ist als »El Niño« bekannt, die kal­te als »La Niña«. Laut der Stu­die geschah die Ver­rin­ge­rung der Bevöl­ke­rungs­zahl auf der Oster­in­sel nor­ma­ler­wei­se wäh­rend kal­ter Pha­sen, wenn die Nie­der­schlä­ge mini­mal waren. Das führ­te zu man­gel­haf­ten Ern­ten und zu Hun­ger­zei­ten. Hil­fe von außen gab es nicht.

Es gab auf Rapa­nui min­de­stens drei sozia­le Kri­sen. Die erste brach zwi­schen 1450 und 1550 aus und war mit einem Kli­ma­wan­del ver­bun­den. Euro­pa litt gleich­zei­tig unter der soge­nann­ten »Klei­nen Eis­zeit«. Die zwei­te Kri­se ereig­ne­te sich zwi­schen dem Erschei­nen der ersten Euro­pä­er auf der Insel und den 1770er Jah­ren. Die drit­te Kri­se im 19. Jahr­hun­dert ergab sich durch den Skla­ven­han­del und ver­schie­de­ne durch Euro­pä­er ein­ge­schlepp­te Seu­chen. Jeden­falls haben die Wis­sen­schaft­ler kei­ne Bewei­se für eine ein­zi­ge und klar aus­ge­präg­te sozia­le Kri­se ent­decken kön­nen. Die Bevöl­ke­rungs­zahl auf Rapa­nui schwank­te zwi­schen 10.000 bis 15.000 Ein­woh­nern in den besten Zei­ten und 2.000 bis 3.000 in den schlech­ten Perioden.

Die Bevöl­ke­rungs­zahl und die Lebens­be­din­gun­gen waren auf ein sehr nied­ri­ges Niveau gesun­ken, als die Euro­pä­er auf­tauch­ten und mög­li­cher­wei­se als Ret­ter betrach­tet wur­den. Was sie aber nicht waren, da sie im End­ef­fekt die Lebens­grund­la­gen der Insel­be­völ­ke­rung – nicht nur hier – ver­schlech­ter­ten. Sie waren nicht gekom­men, um zu ret­ten, son­dern um Res­sour­cen zu erbeu­ten. Was sie im End­ef­fekt bis heu­te welt­weit tun.

Die Men­schen­zahl auf der Erde wächst, man rech­net in abseh­ba­rer Zeit mit 11 Mil­li­ar­den. Ob die alle ernährt wer­den kön­nen oder Platz zum Leben haben wer­den, ist offen. Ret­ten­de Hol­län­der gibt es nicht. Und ein Umden­ken zu einer nicht alles zer­stö­ren­den, ver­brau­chen­den und ver­schwen­den­den Lebens­wei­se ist all­ge­mein nicht in Sicht. Es gibt zwar etli­che klu­ge und nütz­li­che Über­le­gun­gen, sie wer­den aber zur­zeit von den Ent­schei­dungs­trä­gern nicht umgesetzt.

Da die Mensch­heit auf der Erde mehr Res­sour­cen ver­braucht als »nach­wach­sen« kön­nen, gibt es Fan­ta­sien zur Besie­de­lung ande­rer Pla­ne­ten. Lei­der sind nach bis­he­ri­gem Wis­sen die Bedin­gun­gen auf ande­ren Pla­ne­ten oder Son­nen­sy­ste­men für uns nicht brauch­bar. In sei­nem Roman »Mars an Erde« schil­dert der Schrift­stel­ler Jür­gen Lode­mann, dass es auf dem Mars schon ein­mal eine Atmo­sphä­re gege­ben haben könn­te und Leben. Aber bei­des ver­schwand. Also dort war­tet kei­ne Ret­tung für die Mensch­heit, ein­schließ­lich Tier- und Pflanzenwelt.

Die Zukunft der ein­sa­men Oster­in­sel »Erde« im All ist ungewiss.