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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Verräter von Julian Assange

(Dies ist eine gekürz­te Fas­sung einer Rede von John Pil­ger, die er am 10. März in Syd­ney hielt, um die Ein­füh­rung von Davi­de Dor­mi­nos Skulp­tur von Juli­an Assan­ge, Chel­sea Man­ning und Edward Snow­den, »Figu­ren des Mutes«, in Austra­li­en zu fei­ern. Aus dem Eng­li­schen von Danie­la Lobmueh.)

Ich ken­ne Juli­an Assan­ge, seit ich ihn 2010 in Lon­don zum ersten Mal inter­viewt habe. Ich moch­te sofort sei­nen trocke­nen, dunk­len Humor, der oft mit einem anstecken­den Kichern daher­kommt. Er ist ein stol­zer Außen­sei­ter: scharf­sin­nig und nach­denk­lich. Wir sind Freun­de gewor­den, und ich habe in vie­len Gerichts­sä­len geses­sen und zuge­hört, wie die Tri­bü­nen des Staa­tes ver­such­ten, ihn und sei­ne mora­li­sche Revo­lu­ti­on im Jour­na­lis­mus zum Schwei­gen zu bringen.

Mein per­sön­li­cher Höhe­punkt war, als sich ein Rich­ter am Roy­al Courts of Justi­ce über sei­nen Rich­ter­tisch lehn­te und mich anknurr­te: »Sie sind nur ein umher­zie­hen­der Austra­li­er wie Assan­ge.« Mein Name stand auf einer Liste von Frei­wil­li­gen, die für Juli­an eine Kau­ti­on stel­len woll­ten, und die­ser Rich­ter erkann­te in mir den­je­ni­gen, der über sei­ne Rol­le im berüch­tig­ten Fall der ver­trie­be­nen Chagos-Insu­la­ner berich­tet hat­te. Unge­wollt mach­te er mir damit ein Kompliment.

Ich habe Juli­an vor kur­zem in Bel­marsh gese­hen. Wir spra­chen über Bücher und die beklem­men­de Idio­tie des Gefäng­nis­ses: die fröh­lich-klat­schen­den Slo­gans an den Wän­den, die klein­li­chen Stra­fen; sie las­sen ihn immer noch nicht in den Fit­ness­raum. Er muss allein in einem käfig­ar­ti­gen Bereich trai­nie­ren, an dem ein Schild davor warnt, den Rasen zu betre­ten. Aber es gibt kei­nen Rasen. Wir haben gelacht; für einen kur­zen Moment schien man­ches gar nicht so schlimm zu sein.

Das Lachen ist natür­lich ein Schutz­schild. Als die Gefäng­nis­wär­ter began­nen, mit ihren Schlüs­seln zu klim­pern, wie sie es ger­ne tun, um anzu­zei­gen, dass unse­re Zeit abge­lau­fen war, wur­de er still. Als ich den Raum ver­ließ, hielt er sei­ne Faust hoch und ball­te sie, wie er es immer tut. Er ist die Ver­kör­pe­rung von Mut.

Zwi­schen ihm und der Frei­heit ste­hen die­je­ni­gen, die das Gegen­teil von Juli­an sind: Sie ken­nen kei­nen Mut, kei­ne Prin­zi­pi­en und kei­ne Ehre. Damit mei­ne ich nicht das mafiö­se Regime in Washing­ton, des­sen Ver­fol­gung eines guten Man­nes uns alle ein­schüch­tern soll, son­dern viel­mehr die­je­ni­gen, die immer noch behaup­ten, in Austra­li­en gebe es eine gerech­te Demokratie.

Antho­ny Alba­ne­se hat schon lan­ge vor sei­ner Wahl zum austra­li­schen Pre­mier­mi­ni­ster im ver­gan­ge­nen Jahr sei­ne Lieb­lings­flos­kel »Genug ist genug« in den Mund genom­men. Er hat vie­len von uns, auch Juli­ans Fami­lie, gro­ße Hoff­nung gemacht. Als Pre­mier­mi­ni­ster füg­te er dann noch hin­zu, dass er »kein Ver­ständ­nis« für die Taten von Juli­an habe. Offen­sicht­lich muss­ten wir sein Bedürf­nis ver­ste­hen, sei­nen wohl­ver­sorg­ten Hin­tern zu schüt­zen, falls Washing­ton ihn zur Ord­nung rufen sollte.

Wir wuss­ten, dass es außer­ge­wöhn­li­chen poli­ti­schen, wenn nicht gar mora­li­schen Mut erfor­dern wür­de, wenn Alba­ne­se sich im austra­li­schen Par­la­ment – dem­sel­ben Par­la­ment, das im Mai US-Prä­si­dent Joe Biden die Ehre geben wird – erhe­ben und sagen würde:

Als Pre­mier­mi­ni­ster ist es die Ver­ant­wor­tung mei­ner Regie­rung, einen austra­li­schen Staats­bür­ger nach Hau­se zu holen, der ein­deu­tig das Opfer einer gro­ßen, rach­süch­ti­gen Unge­rech­tig­keit ist: ein Mann, der für die Art von Jour­na­lis­mus ver­folgt wur­de, die ein wah­rer Dienst an der Öffent­lich­keit ist, ein Mann, der nicht gelo­gen oder getäuscht hat – wie so vie­le sei­ner Nach­ah­mer in den Medi­en –, son­dern der den Men­schen die Wahr­heit dar­über gesagt hat, wie die Welt funktioniert.

»Ich for­de­re die Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf«, könn­te ein muti­ger und mora­li­scher Pre­mier­mi­ni­ster Alba­ne­se sagen, »ihren Aus­lie­fe­rungs­an­trag zurück­zu­zie­hen: die bös­ar­ti­ge Far­ce zu been­den, die Groß­bri­tan­ni­ens einst bewun­der­te Gerich­te befleckt hat, und die bedin­gungs­lo­se Frei­las­sung von Juli­an Assan­ge zu sei­ner Fami­lie zu ermög­li­chen. Dass Juli­an in sei­ner Zel­le in Bel­marsh ver­bleibt, ist ein Akt der Fol­ter, wie der Bericht­erstat­ter der Ver­ein­ten Natio­nen es genannt hat. So ver­hält sich eine Dik­ta­tur.« Lei­der stößt mein Tag­traum, dass Austra­li­en sich um Juli­an küm­mert, an sei­ne Gren­zen. Das Schü­ren von Hoff­nun­gen durch Alba­ne­se kommt nun einem Ver­rat gleich, für den ihn das histo­ri­sche Gedächt­nis nicht ver­ges­sen und vie­le ihm nicht ver­ge­ben wer­den. Wor­auf war­tet er dann noch?

Erin­nern wir uns dar­an, dass Juli­an 2013 von der ecua­do­ria­ni­schen Regie­rung poli­ti­sches Asyl gewährt wur­de, vor allem weil sei­ne eige­ne Regie­rung ihn im Stich gelas­sen hat­te. Allein dafür soll­ten sich die Ver­ant­wort­li­chen schä­men: näm­lich die Labor-Regie­rung von Julia Gillard.

Gil­lard war so erpicht dar­auf, mit den Ame­ri­ka­nern zusam­men­zu­ar­bei­ten, um Wiki­Leaks für sei­ne Wahr­heits­fin­dung zu stop­pen, dass sie woll­te, dass die austra­li­sche Bun­des­po­li­zei (AFP) Assan­ge ver­haf­tet und ihm sei­nen Pass weg­nimmt, weil er, wie sie es nann­te, »ille­gal« publi­ziert. Die AFP wies dar­auf hin, dass sie kei­ne sol­chen Befug­nis­se habe: Assan­ge habe kein Ver­bre­chen begangen.

Es ist, als ob man Austra­li­ens außer­ge­wöhn­li­chen Sou­ve­rä­ni­täts­ver­zicht dar­an mes­sen könn­te, wie es mit Juli­an Assan­ge umgeht. Gil­lards pan­to­mi­mi­sche Krie­che­rei vor bei­den Häu­sern des US-Kon­gres­ses ist auf You­Tube zu bestau­nen. Austra­li­en, so wie­der­hol­te sie, sei Ame­ri­kas »gro­ßer Freund«. Oder war es »klei­ner Freund«?

Ihr Außen­mi­ni­ster war Bob Carr, ein wei­te­rer Poli­ti­ker der Labor-Maschi­ne, den Wiki­Leaks als ame­ri­ka­ni­schen Infor­man­ten ent­larv­te, einen von Washing­tons nütz­li­chen Jungs in Austra­li­en. In sei­nen ver­öf­fent­lich­ten Tage­bü­chern prahl­te Carr damit, Hen­ry Kis­sin­ger zu ken­nen; tat­säch­lich lud der gro­ße Kriegs­trei­ber den Außen­mi­ni­ster zum Zel­ten in die kali­for­ni­schen Wäl­der ein, wie wir erfahren.

Austra­li­sche Regie­run­gen haben wie­der­holt behaup­tet, Juli­an habe vol­le kon­su­la­ri­sche Unter­stüt­zung erhal­ten, was sein gutes Recht ist. Als sein Anwalt Gareth Peirce und ich den austra­li­schen Gene­ral­kon­sul in Lon­don, Ken Pas­coe, tra­fen, frag­te ich ihn: »Was wis­sen Sie über den Fall Assange?«

»Nur das, was ich in der Zei­tung gele­sen habe«, ant­wor­te­te er lachend.

Heu­te berei­tet Pre­mier­mi­ni­ster Alba­ne­se die­ses Land auf einen lächer­li­chen Krieg mit Chi­na unter ame­ri­ka­ni­scher Füh­rung vor. Mil­li­ar­den von Dol­lar sol­len für eine Kriegs­ma­schi­ne­rie aus U-Boo­ten, Kampf­jets und Rake­ten, die Chi­na errei­chen kön­nen, aus­ge­ge­ben wer­den. Die Kriegs­trei­be­rei der »Exper­ten« in den älte­sten Zei­tun­gen des Lan­des, Syd­ney Mor­ning Herald und Mel­bourne Age, ist eine natio­na­le Pein­lich­keit, oder soll­te es zumin­dest sein. Austra­li­en ist ein Land ohne Fein­de, und Chi­na ist sein größ­ter Handelspartner.

Die­se gei­stes­ge­stör­te Unter­wür­fig­keit gegen­über der US-Aggres­si­on ist in einem außer­ge­wöhn­li­chen Doku­ment mit der Bezeich­nung »US-Austra­lia Force Postu­re Agree­ment« nie­der­ge­legt. Dar­in heißt es, dass die ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen die »aus­schließ­li­che Kon­trol­le über den Zugang zu (und) den Ein­satz von« Waf­fen und Mate­ri­al haben, die in Austra­li­en in einem Angriffs­krieg ein­ge­setzt wer­den können.

Dazu gehö­ren mit ziem­li­cher Sicher­heit auch Atom­waf­fen. Alba­ne­ses Außen­mi­ni­ste­rin Pen­ny Wong »respek­tiert« das ambi­va­len­te Schwei­gen der Ame­ri­ka­ner zu die­sem The­ma, hat aber offen­sicht­lich kei­nen Respekt vor dem Recht der Austra­li­er, es zu erfahren.

Eine sol­che Unter­wür­fig­keit gab es schon immer – nicht unty­pisch für eine Sied­ler­na­ti­on, die noch immer kei­nen Frie­den mit ihren indi­ge­nen Ursprün­gen geschlos­sen hat –, aber jetzt ist sie gefährlich.

Chi­na als die gel­be Gefahr passt wie die Faust aufs Auge zu Austra­li­ens ras­si­sti­scher Ver­gan­gen­heit.* Es gibt jedoch noch einen ande­ren Feind, über den nicht gespro­chen wird. Das sind wir, die Öffent­lich­keit. Wir haben das Recht, es zu wis­sen. Und das Recht, Nein zu sagen.

Seit 2001 wur­den in Austra­li­en 82 Geset­ze erlas­sen, um die schwa­chen Rech­te auf Mei­nungs­äu­ße­rung und abwei­chen­de Mei­nun­gen zu beschnei­den und die Kal­te-Kriegs-Para­noia eines zuneh­mend gehei­men Staa­tes zu schüt­zen, in dem der Lei­ter des wich­tig­sten Nach­rich­ten­dien­stes ASIO Vor­trä­ge über die Dis­zi­plin der »austra­li­schen Wer­te« hält. Es gibt Geheim­ge­rich­te, gehei­me Bewei­se und gehei­me Justiz­irr­tü­mer. Austra­li­en gilt als Vor­bild für den Chef jen­seits des Pazifiks.

Ber­nard Col­laery, David McBri­de und Juli­an Assan­ge – zutiefst mora­li­sche Män­ner, die die Wahr­heit sag­ten – sind die Fein­de und Opfer die­ser Para­noia. Sie und nicht die edwar­dia­ni­schen Sol­da­ten, die für den König mar­schier­ten, sie sind unse­re wah­ren Nationalhelden.

Was Juli­an Assan­ge betrifft, so hat der Pre­mier­mi­ni­ster zwei Gesich­ter. Das eine Gesicht lässt uns hof­fen, dass sei­ne Inter­ven­ti­on bei Biden zu Juli­ans Frei­heit füh­ren wird. Das ande­re Gesicht erlaubt den Ame­ri­ka­nern, mit ihrem Vasal­len zu tun, was sie wol­len: Zie­le zu set­zen, die für uns alle in einer Kata­stro­phe enden könnten.

Wird Alba­ne­se Austra­li­en oder Washing­ton in Bezug auf Juli­an Assan­ge unter­stüt­zen? Wenn er »auf­rich­tig« ist, wie die eher blau­äu­gi­gen Anhän­ger der Labor Par­ty sagen, wor­auf war­tet er dann noch? Wenn es ihm nicht gelingt, Juli­ans Frei­las­sung zu errei­chen, wird Austra­li­en auf­hö­ren, sou­ve­rän zu sein. Wir wer­den klei­ne Ame­ri­ka­ner sein. Offiziell.

Hier geht es nicht um das Über­le­ben einer frei­en Pres­se. Es gibt kei­ne freie Pres­se mehr. Es gibt Zufluchts­or­te im Sami­s­dat, wie die­se Sei­te. Es geht in erster Linie um Gerech­tig­keit und unser wert­voll­stes Men­schen­recht: frei zu sein.

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*Anm. d. Übers.: Austra­li­en war bis 1973 ein ras­si­sti­sches Apart­heits­re­gime wie Süd­afri­ka, dann been­de­te der Labour-Pre­mier Gough Wit­lam (der »Wil­ly Brandt Austra­li­ens«) die Ras­sen­tren­nung. 1975 wur­de er dafür und für wei­te­re Refor­men durch eine Justiz­in­tri­ge der Bri­ti­schen Kro­ne gestürzt, die­ser Hoch­ver­rat wur­de nie zuge­ge­ben und Wit­lams bahn­bre­chen­de Refor­men wer­den bis heu­te weit­ge­hend aus dem Gedächt­nis der west­li­chen Öffent­lich­keit gelöscht.