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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Extremisten

Ein ver­gleichs­wei­se glimpf­lich aus­ge­hen­des Som­mer­ge­wit­ter ruft mich auf, an Samu­el Bra­wand sen. zu erin­nern. Der Schwei­zer, wohl 1868 gebo­ren, war Berg­bau­er und Berg­füh­rer gewe­sen. Am 20. August 1902 wur­de er auf dem Gip­fel des Wet­ter­horns (rund 3.700 m) kalt erwischt, und zwar von einem Gewit­ter. Der wacke­re Mann fiel durch einen Blitz. Er war erst 34. Sein vier­jäh­ri­ger Sohn war erfreu­li­cher­wei­se noch nicht dabei. Dafür kamen, neben Bra­wand, des­sen Berufs­kol­le­ge Fritz Boh­ren (31) und bei­der Schütz­lin­ge Robert (31) und Hen­ry Fearon (29) aus Irland um, wie ich der Thu­ner Jung­frau Zei­tung vom 19. August 2002 ent­neh­me. Der schreck­li­che Vor­fall trug aller­dings nicht zur Erleuch­tung von Bra­wand jun. bei, der eben­falls Samu­el getauft wor­den war. Juni­or wur­de zunächst Berg­füh­rer wie Papa und hef­te­te sich eini­ge alpen­län­di­sche »Erst­be­stei­gun­gen« an den Filz­hut. Dann stieg er, als Sozi­al­de­mo­krat, zum Natio­nal- und Regie­rungs­rat auf. Er starb erst 2001 mit 103 in Grindelwald.

Ange­sichts vie­ler Alpen-Akro­ba­ten, die kei­ne Berg­bau­ern sind, und frei­lich auch ange­sichts der bekann­ten, furcht­erre­gen­den Ber­ge an Coro­na-Toten darf ich mir viel­leicht die Bemer­kung erlau­ben: Lie­be »Extrem­sport­le­rIn­nen«, Ihr seid nicht allein auf der Welt, wenn Ihr euch, als Berg­stei­ge­rIn­nen, auch gern auf einem Gip­fel so vor­kommt! Jeder von euch nimmt mit den guten Aus­sich­ten auf ein frü­hes Ende lei­der auch die Lasten in Kauf, die er sei­nen soge­nann­ten Lie­ben sowie dem Gesund­heits- und Ret­tungs­we­sen aller betrof­fe­nen Län­der auf­bür­det. 2019 fie­len allein in Öster­reich beim Berg­stei­gen oder -wan­dern, Ski­fah­ren, Klet­tern, Moun­tain­bi­ken, Jagen 304 Tote an, falls dem dor­ti­gen Kura­to­ri­um für Alpi­ne Sicher­heit zu trau­en ist. Ein paar wil­lent­li­che Selbst­mör­de­rIn­nen sind ein­ge­schlos­sen. Dazu fie­len knapp 8.000 Ver­letz­te an. Die dürf­ten bei­spiels­wei­se schon wie­der für 200 Roll­stüh­le gut sein. Jeder Berg­un­fall setzt eine kost­spie­li­ge Ret­tungs­ma­schi­ne­rie in Gang. Woll­te man die­se Kosten schät­zen, käme man bereits, welt­weit betrach­tet, auf etli­che Mil­li­ar­den Dol­lar jähr­lich. Näh­me man das Ret­tungs­we­sen aller übri­gen frag­wür­di­gen Unfall­sor­ten hin­zu, wäre man viel­leicht schon bei den 275 Bil­lio­nen, die Ernst Wolff vor knapp zwei Jah­ren für den Welt­schul­den­stand ange­ge­ben hat.

Leo Madusch­ka (1908–1932) hät­te mir wahr­schein­lich nur zuge­knurrt, dies alles gin­ge ihm flott am Arsch vor­bei. Er hat­te 1932 mit sei­ner Zeit­schrif­ten­se­rie Berg­stei­gen als roman­ti­sche Lebens­form auf­hor­chen las­sen. Just im sel­ben Jahr, Anfang Sep­tem­ber, rück­te der 24jährige baye­ri­sche Berg­stei­ger, Nietz­sche-Anhän­ger, Ein­sam­keits-Apo­stel und Schrift­stel­ler der Civet­ta Nord­west­wand der Dolo­mi­ten, Ita­li­en, auf den Leib – wo er auf­grund eines Wet­ter­stur­zes, in einen Fels­spalt ver­keilt, über Nacht erfror.