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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Historische Lektionen

Dass Krieg stets Kon­junk­tur hat, erfah­ren wir in die­sen Mona­ten nur zu deut­lich. Was soll da ein Buch, das sich mit Frie­dens­kon­zep­ten befasst und den unter­schied­li­chen Ver­su­chen der letz­ten 250 Jah­re, krie­ge­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die zu Mil­lio­nen von Toten und Ver­krüp­pel­ten, zur sinn­lo­sen Ver­wü­stung und Zer­stö­rung gan­zer Land­stri­che geführt haben, ein für alle Mal abzu­schaf­fen? Gera­de in der deut­schen Poli­tik scheint man an einem sol­chen Pro­jekt wenig Inter­es­se zu haben. Lie­ber will man den Alb der Ver­gan­gen­heit, aus der man angeb­lich gelernt hat, abwer­fen und end­lich die wider­wil­lig geüb­te Zurück­hal­tung auf­ge­ben, um mili­tä­risch wie­der welt­weit aktiv zu wer­den. Und die Main­stream Pres­se – nicht nur die deut­sche – mischt mit und übt sich in blin­der Kriegs­pro­pa­gan­da. Da der ukrai­ni­sche Stell­ver­tre­ter­krieg so lan­ge wie mög­lich hin­aus­ge­zö­gert wer­den soll, wir­ken Frie­dens­ideen deplatz­iert oder gar defä­ti­stisch. Die Grün­de für den der­zei­ti­gen Krieg in der Ukrai­ne wer­den gar nicht erst dis­ku­tiert. Man kon­zen­triert sich auf den Über­fall, der einer­seits erwar­tet wur­de, ande­rer­seits aus hei­te­rem Him­mel gekom­men sein soll. Offen­sicht­lich gilt ein Krieg dann, wenn die diplo­ma­ti­schen Mit­tel (angeb­lich) aus­ge­schöpft sind, wie­der als legi­tim, ja, wünschenswert.

Im 18. Jahr­hun­dert, in den Jahr­zehn­ten vor der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, war man da wei­ter. Hier setzt der ita­lie­ni­sche Phi­lo­soph Dome­ni­co Losur­do, bekannt für sei­ne Gegen­ge­schich­ten zum herr­schen­den libe­ral-kon­ser­va­ti­ven Welt­bild und sei­nen kri­ti­schen Blick auf bestimm­te lin­ke Denk­tra­di­tio­nen des eige­nen Lagers, in einem sei­ner letz­ten Bücher ein. In »Welt ohne Krieg« geht es um das Frie­dens­ide­al und des­sen Schick­sa­le im histo­ri­schen Kon­text. Um 1780 habe man, so Losur­do, den Des­po­tis­mus der feu­da­li­sti­schen Herr­schaft als Ursa­che nicht nur ein­zel­ner Krie­ge, son­dern des Krie­ges schlecht­hin aus­ge­macht. Die riva­li­sie­ren­den Adels­cli­quen führ­ten Krieg, um ihre Macht zu ver­grö­ßern. Dies geschah schon damals auf Kosten der Zivil­be­völ­ke­rung. Die Lösung lag damit nahe: die Abschaf­fung des Feu­da­lis­mus. Sobald die Bevöl­ke­rung poli­ti­schen Ein­fluss habe, käme es nicht mehr zu Krie­gen, die nie­man­dem nutz­ten und fast allen scha­de­ten. Die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on über­trug das Ide­al der Brü­der­lich­keit auch auf die Bezie­hun­gen zwi­schen Staa­ten. In der Ver­fas­sung von 1793 wur­den zudem die Prin­zi­pi­en der natio­na­len Sou­ve­rä­ni­tät und der Nicht­ein­mi­schung in die Ange­le­gen­hei­ten ande­rer Staa­ten festgeschrieben.

Unter dem Ein­fluss der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on ver­fass­te Imma­nu­el Kant, der zunächst noch vom Nut­zen des Krie­ges geschrie­ben hat­te, 1795 sei­ne Schrift vom »Ewi­gen Frie­den«. Eine dau­er­haf­te fried­li­che Koexi­stenz von Staa­ten sei, so Kant, unter der Bedin­gung mög­lich, dass sie »repu­bli­ka­nisch« ver­fasst sind. Fer­ner müs­se unter den Staa­ten, die ihre natio­na­len Eigen­hei­ten behiel­ten, das Prin­zip der Gleich­heit gel­ten. Hege­mo­nie­an­sprü­che sei­en zu vermeiden.

Die jun­ge fran­zö­si­sche Repu­blik hat­te frei­lich mit einer Pha­lanx außen­po­li­ti­scher Geg­ner zu tun, denn nahe­zu alle euro­päi­schen Ver­tre­ter des anci­en régime schlos­sen sich zu inva­si­ons­be­rei­ten Koali­tio­nen zusam­men, um die neue Regie­rung in Frank­reich, der sie jeg­li­che Legi­ti­mi­tät bestrit­ten, zu Fall zu brin­gen. Dies führ­te dann zu (völ­lig gerecht­fer­tig­ten) Ver­tei­di­gungs­krie­gen, da es galt, das eige­ne Land und die Errun­gen­schaf­ten der Revo­lu­ti­on vor feind­li­chen Über­grif­fen zu schüt­zen. Es kam aber auch zu den ersten Erobe­rungs­krie­gen, die nament­lich die Gren­ze im Nor­den und Nord­we­sten sichern sol­len. Einen Revo­lu­ti­ons­ex­port hat­te der Jako­bi­ner Maxi­mi­li­en Robes­pierre noch 1792 abge­lehnt, doch bald setz­te ein schritt­wei­ses Umden­ken ein: Erst wenn ande­re Län­der dem fran­zö­si­schen Bei­spiel fol­gen und ihre ana­chro­ni­sti­schen Regime abschüt­teln, erscheint auch ein all­ge­mei­ner, dau­er­haf­ter Frie­de möglich.

Dies bleibt frei­lich Wunsch­den­ken. Napo­le­on Bona­par­te über­zieht schließ­lich den Kon­ti­nent mit syste­ma­ti­schen Erobe­rungs­feld­zü­gen und macht die Skla­ven­be­frei­ung in den Kolo­nien wie­der rück­gän­gig. All dies schlägt sich in den poli­tisch-phi­lo­so­phi­schen Kampf­schrif­ten die­ser Jah­re nie­der. Losur­do zeich­net die wider­sprüch­li­che Ent­wick­lung vor allem am Bei­spiel Johann Gott­lieb Fich­tes nach, der als Befür­wor­ter der Revo­lu­ti­on zunächst noch deren Export, dann aber den anti­na­po­leo­ni­schen Volks­krieg unter­stützt, den er als Qua­si-Revo­lu­ti­on begrüßt, ohne deren Abglei­ten ins Natio­na­li­stisch-Kon­ser­va­ti­ve abschät­zen zu kön­nen. Erst Hegel gelingt es schließ­lich, die histo­ri­schen Pro­zes­se im Zusam­men­hang zu reflektieren.

Losur­do zeigt an ver­schie­de­nen histo­ri­schen Bei­spie­len, wie das Ide­al des Frie­dens wei­ter­lebt und gleich­zei­tig gra­vie­ren­den Wand­lun­gen unter­liegt. So arti­ku­liert Nova­lis (in »Die Chri­sten­heit oder Euro­pa«) sei­ne Sehn­sucht nach einer auf mit­tel­al­ter­lich-christ­li­cher Grund­la­ge beru­hen­den Ein­heit­lich­keit – die u. a. Nicht-Chri­sten aus­schließt. Die poli­ti­sche Ent­spre­chung stellt die Hei­li­ge Alli­anz Preu­ßens, Öster­reichs und Russ­lands dar, für die der Frie­den eben­falls auf christ­lich-kon­ser­va­ti­ven Wer­ten beruht, deren Ver­let­zung durch strik­te Straf­ak­tio­nen geahn­det wer­den. Bei dem Staats­theo­re­ti­ker Ben­ja­min Con­stant taucht die fol­gen­rei­che, bis heu­te wirk­sa­me The­se auf, dass der kapi­ta­li­sti­sche Han­del auf einen all­ge­mei­nen Frie­den hin­wir­ke, ein Argu­ment, das bereits Kant kri­ti­siert hatte.

Für Engels und Marx ist schon früh klar, dass der inter­na­tio­nal agie­ren­de Kapi­ta­lis­mus durch einen bru­ta­len Kon­kur­renz­kampf der füh­ren­den Natio­nen gekenn­zeich­net ist, der jeder­zeit zu einem »indu­stri­el­len Ver­nich­tungs­krieg« füh­ren kön­ne. Ein wah­rer Frie­de sei erst als über­na­tio­na­le »Alli­anz der Arbei­ter« zu den­ken – frei­lich nach der Abschaf­fung des Kapi­ta­lis­mus. Zum inter­na­tio­na­len Kon­kur­renz­kampf im 19. Jahr­hun­dert gehö­ren auch die zahl­lo­sen Kolo­ni­al­krie­ge, die zu Dut­zen­den Mil­lio­nen von Opfern führ­ten. Es ist gera­de die­se stets ver­schwie­ge­ne Schat­ten­sei­te des Libe­ra­lis­mus, die Losur­do in sei­ner »Gegen­ge­schich­te« des Libe­ra­lis­mus (unter dem Titel »Frei­heit als Pri­vi­leg«) immer wie­der her­aus­ge­stri­chen hat.

Die rus­si­sche Okto­ber­re­vo­lu­ti­on setzt den inter­na­tio­na­len Frie­den von Anfang an auf die Tages­ord­nung und bezieht klar Stel­lung gegen die kolo­nia­len Tra­di­tio­nen des »Westens«. Auch für die­se Revo­lu­tio­nä­re stellt sich die Fra­ge des Revo­lu­ti­ons­ex­ports, der von Lenin wie von Sta­lin abge­lehnt wird. Dem setzt der dama­li­ge ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Wil­son das Kon­zept des Demo­kra­tie­ex­ports ent­ge­gen, der durch inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen wie den Völ­ker­bund abge­si­chert wer­den soll. Dem Krieg soll so für alle Zei­ten der Krieg erklärt wer­den. Doch die ame­ri­ka­ni­sche Poli­tik behält gleich­zei­tig klar umris­se­ne Ein­fluss­zo­nen im Sin­ne der Mon­roe-Dok­trin bei und ver­zich­tet oben­drein auf eine deut­li­che Abgren­zung von kolo­nia­len oder neo­ko­lo­nia­len Praktiken.

Das so dekla­rier­te Ide­al besteht also, vor allem nach 1945, in einer Pax Ame­ri­ca­na, einer inter­na­tio­na­len Ord­nung, die durch einen Hege­mon bestimmt wird. Nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on ver­stärkt sich die­se Ten­denz, wofür auch jene »neo­kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on« ver­ant­wort­lich zu machen ist, deren Reprä­sen­tan­ten seit den spä­ten 1980ern Losur­do zu Recht gro­ßes Gewicht bei­misst. Dazu gehö­ren die Ableh­nung der UN mit ihrer brei­ten Reprä­sen­tanz und die Bereit­schaft, Prin­zi­pi­en des Völ­ker­rechts bei Bedarf zu igno­rie­ren. Gestützt auf öko­no­mi­sche und vor allem mili­tä­ri­sche Macht kann die­ser Hege­mon jeder­zeit das mora­li­sche »Recht« in Anspruch neh­men, die eige­nen Ein­fluss­zo­nen zu bestim­men. Dies stellt aber kei­nes­falls die Grund­la­ge für einen inter­na­tio­na­len Frie­den dar, wie die stets kata­stro­phal ver­lau­fen­den Straf­ex­pe­di­tio­nen und angeb­lich »huma­ni­tä­ren« Krie­ge seit 1991 zeigen.

Hier ist der eigent­li­che Ansatz­punkt für Losur­dos bereits 2016 auf Ita­lie­nisch erschie­ne­nes Buch zu sehen. Das selbst­herr­lich ver­kün­de­te »Ende der Geschich­te«, das den end­gül­ti­gen Sieg west­li­cher Demo­kra­tie­vor­stel­lun­gen ver­kün­de­te, war nur der Anfang einer Rei­he von blu­ti­gen und kost­spie­li­gen Straf­ex­pe­di­tio­nen, die immer öfter gegen das Völ­ker­recht ver­stie­ßen und ent­spre­chen­de UNO-Beschlüs­se ignorierten.

Die seit 1990 herr­schen­de Pax Ame­ri­ca­na ist also kei­ne. Statt ewi­gem Frie­den gibt es end­lo­se Krie­ge gegen miss­lie­bi­ge Quer­trei­ber oder öko­no­mi­sche Kon­kur­ren­ten. Poli­tisch-ideo­lo­gi­sche Alter­na­ti­ven scheint es allen­falls in Chi­na und den auf­stre­ben­den Län­dern des glo­ba­len Südens zu geben. Gera­de der »west­li­che Mar­xis­mus« hat die­sen welt­po­li­ti­schen Blick noch ein­zu­üben, wie Losur­do 2017, kurz vor sei­nem Tod, ausführte.

Losur­do zieht also eine ernüch­tern­de Bilanz, was das bis­he­ri­ge Schick­sal der Frie­dens­idee betrifft. Die Uto­pie ist immer wie­der ins Dys­to­pi­sche umge­schla­gen. Doch als hege­lia­nisch geschul­ter Mar­xist ver­traut Losur­do dar­auf, dass aus den Debat­ten und Nie­der­la­gen der letz­ten 250 Jah­re zu ler­nen ist, wenn man sie im Kon­text der histo­ri­schen Ent­wick­lung ent­schlüs­selt. Dabei sieht er letzt­lich sogar ein stär­ke­res uni­ver­sa­li­sti­sches Bewusst­sein. Der Frie­den wird jetzt in der Tat als Fra­ge der Welt­po­li­tik wahr­ge­nom­men, die alle Natio­nen betrifft. Die übli­che Spal­tung in eine zivi­li­sier­te Erste Welt, die den Krieg in ihren eige­nen Rei­hen zumin­dest ein­däm­men kann, und eine unzi­vi­li­sier­te Zwei­te und Drit­te Welt, die man mit wenig beach­te­ten oder gar igno­rier­ten Krie­gen über­zie­hen kann, ist weit­ge­hend über­wun­den. Die kom­ple­xe Krieg-Frie­den-The­ma­tik kann somit auf einer höhe­ren Stu­fe reflek­tiert wer­den. Dabei ver­schie­ben sich ggf. auch alt­be­kann­te Fron­ten: Frie­dens­freun­de oder Pazi­fi­sten stel­len sich, wie das Bei­spiel der deut­schen Grü­nen zeigt, als aggres­si­ve Bel­li­zi­sten her­aus; Real­po­li­ti­ker, die bis­lang stets auf mili­tä­ri­sche Auf­rü­stung und natio­na­le Inter­es­sen­wahr­neh­mung poch­ten, sind da mög­li­cher­wei­se eher frie­dens­fä­hig. Und auf rea­li­sti­sche Schrit­te zur Ein­däm­mung von destruk­ti­ven Krie­gen und zur Ein­he­gung (oder Abschaf­fung) der pro­fit­gie­ri­gen Rüstungs­in­du­strie des Westens wird es letzt­lich ankommen.

 Dome­ni­co Losur­do: Eine Welt ohne Krieg. Die Frie­dens­idee von den Ver­hei­ßun­gen der Ver­gan­gen­heit bis zu den Tra­gö­di­en der Gegen­wart. Aus dem Ita­lie­ni­schen von Chri­stel Buch­in­ger. Papy­Ros­sa, Köln 2022, 464 S., 28 €.