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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Krieg, Frieden, Menschenrechte

Mit dem Beginn des rus­si­schen Angriffs­krie­ges gegen die Ukrai­ne wur­de die euro­päi­sche und trans­at­lan­ti­sche Sicher­heits­ar­chi­tek­tur nach­hal­tig erschüt­tert, was viel­fäl­ti­ge geo­po­li­ti­sche Ver­wer­fun­gen men­schen­recht­li­cher, öko­lo­gi­scher und öko­no­mi­scher Art nach sich gezo­gen hat. Seit­dem wer­den von den poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­gern Ant­wor­ten gesucht, um jene Sicher­heits­ar­chi­tek­tur wie­der auf per­spek­ti­visch trag­fä­hi­ge Füße zu stellen.

Jene Suche wird von kon­tro­ver­sen und lei­den­schaft­li­chen innen­po­li­ti­schen Debat­ten beglei­tet, in denen mög­li­che Lösungs­an­sät­ze kate­go­risch auf mili­tä­ri­sche Optio­nen beschränkt zu sein schei­nen. Der Ruf nach einer nicht-mili­tä­ri­schen Lösung des Kon­flikts und dies­be­züg­li­cher diplo­ma­ti­scher Bemü­hun­gen wird dabei nur all­zu oft als naiv und illu­so­risch des­avou­iert, wäh­rend der Ruf nach noch mehr Waf­fen immer lau­ter, drän­gen­der und hem­mungs­lo­ser wird.

Weit weni­ger prä­sent in der öffent­li­chen Debat­te ist hin­ge­gen die Fra­ge, inwie­weit unse­re Unter­stüt­zung der Ukrai­ne mit finan­zi­el­len und mili­tä­ri­schen Mit­teln sowie der Aus­bil­dung ukrai­ni­scher Sol­da­ten auf Bun­des­wehr­stütz­punk­ten mit dem Frie­dens­ge­bot des Grund­ge­set­zes und der UN-Char­ta in Ein­klang zu brin­gen sind. Der fol­gen­de Text ver­sucht dar­auf eine Ant­wort zu geben und wird dabei auch die Fra­ge auf­wer­fen, ob es nicht ganz grund­sätz­lich ein Men­schen­recht auf Frie­den gibt. Zugleich wird er den juri­sti­schen Stand dies­be­züg­li­cher Kla­gen vor den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten Ber­lin, Köln und Koblenz skizzieren.

Frie­den ist zum einen Nega­tiv-Zustand im Sin­ne des Nicht-Krie­ges bzw. der Abwe­sen­heit mili­tä­ri­scher Gewalt. Und Frie­den ist zugleich eine Exi­stenz­form, die dazu ver­pflich­tet, alles zu unter­las­sen, was zur Ent­fes­se­lung eines Krie­ges füh­ren kann. Der posi­ti­ve Frie­den for­dert des­halb die Frie­dens­ge­stal­tung. Frie­den ist somit nicht nur ein pas­si­ver Zustand, son­dern er muss andau­ernd geschaf­fen wer­den. Der nega­ti­ve und der posi­ti­ve Frie­den sind bei­de im Frie­dens­ge­bot des Völ­ker­rechts und des Ver­fas­sungs­rechts der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ange­legt. Es bedurf­te dafür der trau­ma­ti­schen Erfah­rung des Zwei­ten Welt­krie­ges, um, anders als noch in der vor­ma­li­gen Völ­ker­bund­sat­zung, ein umfas­sen­des Ver­bot der Andro­hung und Anwen­dung mili­tä­ri­scher Gewalt zwi­schen den Staa­ten auf­zu­neh­men. Die in Art. 1 und 2 der Char­ta ver­an­ker­ten Grund­prin­zi­pi­en des Völ­ker­rechts sind für die Mit­glieds­staa­ten der Ver­ein­ten Natio­nen nicht nur auf­grund ihrer Rati­fi­zie­rung der Char­ta ver­bind­lich, sie sind auch aner­kann­te Nor­men des Völ­ker­ge­wohn­heits­rechts. Die wesent­li­chen Grund­ge­setz­nor­men, die das Frie­dens­ge­bot zum Gegen­stand haben, sind die Prä­am­bel sowie Art. 1 und 26 GG. Mit Art. 25 GG fin­den die all­ge­mei­nen Regeln des Völ­ker­rechts, in denen sich das Frie­dens­ge­bot vor allem im Gewalt­ver­bot und der Pflicht zur fried­li­chen Zusam­men­ar­beit mani­fe­stie­ren, in der deut­schen Rechts­ord­nung unmit­tel­ba­re Anwen­dung. Als wich­tig­ste all­ge­mei­ne Regel des Völ­ker­rechts im Sin­ne des Art. 25 GG und wesent­li­cher Bestand­teil des Frie­dens­ge­bots gilt das umfas­sen­de Ver­bot der Andro­hung und Anwen­dung mili­tä­ri­scher Gewalt zwi­schen Staa­ten. Die zen­tra­le Aus­sa­ge zur Frie­dens­wah­rung ent­hält die Prä­am­bel des Grund­ge­set­zes mit der Rechts­pflicht, »in einem ver­ein­ten Euro­pa dem Frie­den der Welt zu die­nen«. Das Grund­ge­setz erhebt damit das Frie­dens­ge­bot zum Staats­ziel und stellt in die­sem Sin­ne einen ver­fas­sungs­recht­lich deter­mi­nier­ten Auf­trag zur Frie­dens­wah­rung und Frie­dens­ge­stal­tung sowie eine Ori­en­tie­rung für die Aus­le­gung der Bestim­mun­gen des Grund­ge­set­zes mit Frie­dens­be­zug dar. Dar­aus lässt sich die Ver­pflich­tung einer an Gewalt­frei­heit ori­en­tier­ten Hand­lungs­ma­xi­me für die Ver­fas­sungs­or­ga­ne und die Bun­des­re­gie­rung ablei­ten. Ein Krieg geht sei­nem Wesen nach mit schwer­sten Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ein­her und ist den­noch kein rechts­frei­er Raum. In außer­or­dent­li­chen Aus­nah­me­si­tua­tio­nen, wie bewaff­ne­te Kon­flik­te sie dar­stel­len, wer­den ein­zel­ne Men­schen­rech­te als der­art fun­da­men­tal betrach­tet, dass sie nicht gegen­über ande­ren Erfor­der­nis­sen geop­fert wer­den dür­fen. So sind in Arti­kel 15 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on u.a. das Recht auf Leben und das Ver­bot der Fol­ter als not­stands­fest erklärt wor­den und haben somit stets Vor­rang vor poli­tisch-mili­tä­ri­schen Zwecken jeg­li­cher Couleur.

Die Bun­des­re­gie­rung unter­stützt den Krieg in der Ukrai­ne mit Waf­fen­lie­fe­run­gen, finan­zi­el­len Mit­teln und der Aus­bil­dung von ukrai­ni­schen Sol­da­ten. Damit ist Deutsch­land im völ­ker­recht­li­chen Sin­ne Kriegs­par­tei gewor­den, was auch der Wis­sen­schaft­li­che Dienst des Deut­schen Bun­des­ta­ges in einem Gut­ach­ten (Rechts­fra­gen der mili­tä­ri­schen Unter­stüt­zung der Ukrai­ne durch Nato-Staa­ten zwi­schen Neu­tra­li­tät und Kon­flikt­teil­nah­me) insi­nu­iert hat: »Wenn neben der Belie­fe­rung mit Waf­fen auch die Ein­wei­sung der Kon­flikt­par­tei bzw. Aus­bil­dung an sol­chen Waf­fen in Rede stün­de, wür­de man den gesi­cher­ten Bereich der Nicht­kriegs­füh­rung ver­las­sen.« Zugleich fällt auf, dass sich die Bun­des­re­gie­rung (Stand Sep­tem­ber) mit diplo­ma­ti­schen Bemü­hun­gen zur Her­bei­füh­rung eines Waf­fen­still­stands und zur Suche nach einer nicht-mili­tä­ri­schen Lösung des Krie­ges auf­fal­lend zurück­hält. Bun­des­au­ßen­mi­ni­ste­rin Baer­bock betont hier­zu immer wie­der, dass allein der rus­si­sche Prä­si­dent Putin den Krieg been­den kön­ne, wenn er nur wollte.

Ver­letzt die Bun­des­re­gie­rung mit die­ser sto­isch-mili­ta­ri­stisch anmu­ten­den Hal­tung die zuvor skiz­zier­ten Bestim­mun­gen des Frie­dens­ge­bo­tes des Grund­ge­set­zes und der UN-Char­ta? Um dar­auf eine Ant­wort zu bekom­men sind bei den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten Ber­lin, Köln und Koblenz Kla­gen anhän­gig, in denen es um Anfra­gen an die Bun­des­re­gie­rung und die Bun­des­wehr zu den Hin­ter­grün­den ihrer »Tätig­kei­ten und Ent­schei­dun­gen im Umgang mit dem Krieg in der Ukrai­ne« geht. Zudem geht es um einen »Antrag auf Aus­rich­tung« jener Tätig­kei­ten und Ent­schei­dun­gen »nach den Bestim­mun­gen des Grund­ge­set­zes und der UN-Char­ta«. Mit den Kla­gen sol­len Bun­des­re­gie­rung und Bun­des­wehr dazu gebracht wer­den, ihr Vor­ge­hen im Zusam­men­hang mit dem Ukrai­ne­krieg trans­pa­rent dar­zu­le­gen, um es somit einem öffent­li­chen Dis­kurs zuzu­füh­ren und damit die zivil­ge­sell­schaft­li­che Kon­trol­le staat­li­chen Han­delns bei Fra­gen von Krieg und Frie­den zu ermög­li­chen. Der Aus­gang der Kla­gen ist noch nicht abseh­bar, aber es soll der ver­wal­tungs- und ver­fas­sungs­recht­li­che Instan­zen­weg bestrit­ten wer­den, um damit Ein­fluss auf die künf­ti­ge Recht­spre­chung in Fra­gen von Krieg und Frie­den zu neh­men. Um Unter­stüt­zung für die bereits jetzt fäl­li­gen Gerichts­ko­sten wird drin­gend gebe­ten (Her­mann Thei­sen, GLS Gemein­schafts­bank, IBAN: DE88 4306 0967 6008 7785 00).

»Es ist Frie­den. Und. Um alles rich­ti­ger zu machen, damit es rich­tig wird. Wir wer­den unser Leben ern­ster neh­men müs­sen dar­in, in wel­chen Zusam­men­hän­gen und mit wel­chen Fol­gen wir in der Welt sind. Das Recht auf Frie­den gilt welt­weit. Das Recht auf Frie­den welt­weit durch­zu­set­zen, bedeu­tet gleich­zei­tig die Erhal­tung der Welt demo­kra­ti­scher­wei­se mit­zu­den­ken. Frie­den für alle hie­ße alle Res­sour­cen für alle. Frie­den ist ein ande­res Wort für Gerech­tig­keit« (Mar­le­ne Stree­ru­witz in ihrem soeben erschie­ne­nen »HANDBUCH gegen den Krieg«).