Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close

Im Oderbruch

Der Blick geht weit. Bis hin­über nach Polen. Wir ste­hen auf dem Krug­berg bei Wer­big. Hin­ter uns rau­schen die Blät­ter im Frie­dens­wald, durch den der frü­he Herbst­wind weht. Davor steht eine wuch­ti­ge Bank. Das Holz ist erkenn­bar frisch, blank wie die Mes­sing­ta­fel an der Rück­leh­ne. »Erin­nern Mah­nen Wider­stand«, lau­tet die erste Zei­le. »Gestif­tet zum Welt­frie­dens­tag am 01.09.2020«.

Eini­ge Kilo­me­ter von hier erhebt sich ein meh­re­re Meter gro­ßer Bron­ze­sol­dat, des­sen lin­ke Hand auf einem zer­stör­ten Pan­zer ruht. Dort steht er seit 75 Jah­ren, weil es Shu­kow befahl. Der Befehl zur Errich­tung des Ehren­mals erging im Mai 1945, zeit­gleich mit jenem für das in Ber­lin-Tier­gar­ten. Bei­de Anla­gen wur­den ein hal­bes Jahr spä­ter ein­ge­weiht. Das Ehren­mal in Ber­lin mit einer Para­de aller vier Alliierten.

Den Frie­dens­wald bei Wer­big hat der loka­le Krug­berg­ver­ein initi­iert, pro­te­giert wur­de er von Mini­ster­prä­si­dent Man­fred Stol­pe und dem sei­ner­zei­ti­gen Bür­ger­mei­ster Ger­not Schmidt. Der ist inzwi­schen seit fast andert­halb Jahr­zehn­ten Land­rat von Mär­kisch-Oder­land und eben­falls erschie­nen. Er erklärt den Umste­hen­den, Ein­hei­mi­schen wie aus Ber­lin Ange­rei­sten, mit aus­grei­fen­den Gesten die Lage und die Histo­rie. Hier kennt er sich aus. Der gelern­te Agro­tech­ni­ker, nach dem Dienst in der NVA im Forst und in der Melio­ra­ti­on tätig, stammt zwar aus Anklam, lebt aber die läng­ste Zeit sei­nes Lebens im Oder­bruch. Schmidt geht auf die sech­zig zu. Also dort lagen die sowje­ti­schen Ein­hei­ten, hier die deut­schen. Er spricht auch spä­ter, bei der Podi­ums­dis­kus­si­on im See­lower Kul­tur­haus, nur von Rot­ar­mi­sten und Sowjet­sol­da­ten und erwähnt die Abwehr ukrai­ni­scher Bestre­bun­gen, die Grä­ber in See­low nach eth­ni­schen Kri­te­ri­en zu tren­nen. Die Sol­da­ten tru­gen die glei­che Uni­form, sie kämpf­ten zusam­men gegen Nazi­deutsch­land, sie star­ben gemein­sam vor den See­lower Höhen und lie­gen nun hier zu Zehn­tau­sen­den in deut­scher Erde. Hier kämpf­te halb Euro­pa, sagt Schmidt.

Er steht mit bei­den Bei­nen fest auf der Erde und in der Geschich­te. Da lässt er sich, wie er erklärt, weder von der Tages­po­li­tik noch von natio­na­len und irra­tio­na­len Ver­ren­kun­gen in Ber­lin und Brüs­sel, Mos­kau oder Kiew beein­flus­sen. Er sagt: Das ist ein loka­ler Gedenk­ort. Wir haben mit den Rus­sen bis zu ihrem Abzug zusam­men­ge­lebt, wir haben meist sym­pa­thi­sche, warm­her­zi­ge Men­schen ken­nen­ge­lernt. Sie sind wie wir. Auf die­ser Ebe­ne fand in Jahr­zehn­ten Aus­söh­nung und Ver­söh­nung statt.

Des­halb gibt es auch den Frie­dens­wald bei Wer­big seit 1991, kei­nen Hekt­ar groß, mit inzwi­schen fast vier­hun­dert Bäu­men. Er war der Auf­takt für eine Ket­te von Frie­dens­wäl­dern, die über Polen bis nach Russ­land reicht: Gór­zy­ca (1993), Brest (1994), Mos­kau (1995). In jedem Jahr wird zum 8. Mai ein neu­er Baum gesetzt, in die­sem Jahr eine Ess­ka­sta­nie. Ging­ko, Eschen, Bir­ken et cete­ra ste­hen neben­ein­an­der. Sie sind ver­schie­den und bil­den doch gemein­sam einen Wald. Um der vie­len Men­schen zu geden­ken, die damals star­ben. Sinn­los, wie es heu­te gedan­ken­los heißt. Die­se Voka­bel macht den Anlass unkennt­lich. Nazi­deutsch­land führ­te gegen die Sowjet­uni­on einen geplan­ten Raub- und Ver­nich­tungs­krieg: Es ging um Raum und Res­sour­cen und um die Ver­nich­tung der Sla­wen, vor allem der Bol­sche­wi­sten. Die Ost­völ­ker setz­ten sich gemein­sam zur Wehr. Der Viel­völ­ker­staat Sowjet­uni­on schick­te sei­ne Arme­en bis nach Ber­lin, um die Urhe­ber des Völ­ker­mords mili­tä­risch zu schla­gen. Das tat die Rote Armee nicht allein – sie war bekannt­lich Teil einer Viel­völ­ker­al­li­anz, der Anti­hit­ler­ko­ali­ti­on. Aber sie trug die Haupt­last: an Men­schen und Mate­ri­al, an Ver­lu­sten und Opfern. Das wird mit Vor­satz unter­schla­gen und ver­drängt, wenn man etwa die kriegs­ent­schei­den­den Schlach­ten in die Nor­man­die ver­legt, als dort im Som­mer 1944 die Zwei­te Front von den West­al­li­ier­ten errich­tet wor­den war.

In Wer­big, vorm Krug­berg, trug sich ein Teil der Ber­li­ner Ope­ra­ti­on der Roten Armee zu. Der Ort liegt abseits des Weges und erkenn­bar im Schat­ten von See­low, wes­halb auch der Tross dort­hin wei­ter­zieht, um Krän­ze und Blu­men am Welt­frie­dens­tag auf den Grä­bern nie­der­zu­le­gen. Danach besich­ti­gen alle die Aus­stel­lung im Muse­um. Das klei­ne Gebäu­de aus den sieb­zi­ger Jah­ren ist dem sei­ner­zei­ti­gen Befehls­stand von Shu­kow auf dem Reit­wei­ner Sporn nach­emp­fun­den. Das Emp­fangs­ge­bäu­de dane­ben ist jün­ge­ren Datums und besitzt ein ein­zig­ar­ti­ges Kunst­werk. Harald Metz­kes hat in Wegen­dorf um die Ecke sein Ate­lier, man ken­ne sich gut und schät­ze sich sehr, erzählt Schmidt. Vor eini­gen Jah­ren sei er zu Metz­kes gefah­ren und habe ihn um ein Anti­kriegs­bild für die Gedenk­stät­te gebe­ten. Dafür hat­te er, wie der Land­rat lau­nig berich­tet, dem Kreis­tag einen fünf­stel­li­gen Betrag abge­trotzt. Der fast neun­zig­jäh­ri­ge Metz­kes sag­te, er habe nur ein ein­zi­ges Anti­kriegs­bild gemalt, das kön­ne er haben. Nun also hängt das Ölbild »Selbst, 16.4.1945, Nähe See­low« dort an der Wand. Es zeigt eine Grup­pe Sol­da­ten von hin­ten, der eine – Schmidt weist auf den Klein­sten im Trupp – ist Metz­kes selbst. Das Bild wird gefüllt von einer gewal­ti­gen wei­ßen Rauch­säu­le, einem Gey­sir gleich, die in den blau­en Früh­lings­him­mel schießt. Was denn aus dem bereit­ge­stell­ten Geld gewor­den sei, fragt einer, wenn denn Metz­kes das Bild geschenkt habe. Der Land­rat lächelt, damit habe man ande­re Künst­ler finan­zie­ren kön­nen. Der stäm­mi­ge Grau­kopf zeigt das Lächeln eines selbst­be­wuss­ten Prag­ma­ti­kers, der weiß, wie man Poin­ten setzt.

Am Abend trifft man sich im Saal des Kul­tur­hau­ses an der Erich-Wei­nert-Stra­ße. Die Stüh­le ste­hen weit aus­ein­an­der, am Ein­gang muss man coro­nabe­dingt sei­ne Adres­se hin­ter­le­gen, im Saal sam­melt man zum zwei­ten Mal Namen und Anschrif­ten ein. Es han­delt sich um eine Ver­an­stal­tung, zu der die Rosa-Luxem­burg-Stif­tung, die Mod­row-Stif­tung und der Ver­ein »alter­na­ti­ven den­ken« ein­ge­la­den haben, da braucht man Bele­ge fürs öffent­li­che Inter­es­se. Das ist erkenn­bar groß, und das Spek­trum ist so weit wie das des Podi­ums, auch ein Mili­tär­de­kan der Bun­des­wehr ist dabei. Der, das erstaunt man­chen im Saal, von der Mehr­heit nicht unbe­dingt erwar­te­te Über­zeu­gun­gen äußert. Sie wer­den mit Bei­fall bedacht. Der Afgha­ni­stan­ve­te­ran spricht von Frie­dens- und Ver­söh­nungs­ar­beit, von Begeg­nungs­ar­beit mit den Rus­sen als Alter­na­ti­ve zu der poli­ti­schen Ent­frem­dung und Kon­fron­ta­ti­on. »Arbeit« kommt ihm oft von den Lip­pen, nichts geschieht von allein, soll das hei­ßen, und wenn man sich nur auf die »da oben« ver­las­se, sei man mit­un­ter ver­las­sen. Der Seel­sor­ger Otto Ado­mat sagt auch, dass See­low mit Ver­dun zu ver­glei­chen sei, womit er auf die bun­des­wei­te Bedeu­tung des Ortes ver­weist, was er im gesamt­deut­schen Bewusst­sein ver­an­kert wis­sen möchte.

Da bremst der sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Lokal­pa­tri­ot aus dem Land­rats­amt ein wenig, er hat die letz­ten drei­ßig Jah­re bewusst erlebt. Wenn sich die Men­schen hier nicht ihrer eige­nen Kraft und Geschich­te bewusst gewe­sen wären und nicht die­sen Gedenk­ort nicht nur bewahrt, son­dern auch in eige­ner Ver­ant­wor­tung besorgt hät­ten – wer weiß, wie er heu­te aus­sä­he … Und Schmidt wider­spricht dem Bedürf­nis, den Umgang mit der Gedenk­stät­te und des­sen Nut­zung durch die DDR auf rei­ne Pro­pa­gan­da zu redu­zie­ren. Auch das sei Aus­druck des Rin­gens um die Schuld­fra­ge gewe­sen. Eine Gedenk­stät­te wie die­se sei für ihn kein Ort zur Erklä­rung von Diktaturen.

Dann bricht auch die aka­de­mi­sche Sei­te des Dis­puts durch. Die einen sind der Mei­nung, die Rezep­ti­ons­ge­schich­te der Gedenk­stät­te müs­se stär­ker deut­lich gemacht wer­den, vor­nehm­lich die Benut­zung des Ortes durch das »SED-Regime« für poli­ti­sche Zwecke. Die ande­ren wol­len »ent­zer­ren«, schließ­lich han­de­le es sich um ein sowje­ti­sches – vul­go sta­li­ni­sti­sches – Denk­mal, um einen Sol­da­ten­fried­hof und drit­tens um ein Muse­um. Das gehe gar nicht zusam­men. Und man müs­se ent­rüm­peln und moder­ni­sie­ren, der Drei­ta­ge-Bart-Mann mit der modi­schen Schlag­ho­se spricht von »Pro­fes­sio­na­li­sie­rung«, um für jun­ge Leu­te attrak­tiv zu wer­den. Die­se woll­ten nicht wis­sen, was sich hier im Nach­gang ereig­ne­te, son­dern was 1945 war. Das sagt der Mann nicht, aber viel­leicht schwebt ihm das vor: Dis­ney-Land auf dem ein­sti­gen Schlacht- und Toten­feld. Es sehe aus wie schon immer, wür­den die Leu­te angeb­lich kla­gen. Mit Ver­laub: Die Pyra­mi­den sehen schon seit mehr als vier­tau­send Jah­ren so aus, und nie­mand nahm bis­lang dar­an Anstoß. Man müs­se weg vom »sta­li­ni­sti­schen Hel­den­pa­thos« und der »Über­for­mung durch kom­mu­ni­sti­sche Pro­pa­gan­da«, wozu der Red­ner zum Bei­spiel den Kriegs­schrott auf dem Vor­platz zählt, und der­glei­chen zeit­gei­sti­ges Geschwur­bel zieht durch den Saal. Es folgt Widerspruch.

So geht denn die leb­haf­te Debat­te hin und her, es mel­den sich vie­le zu Wort, die irgend­ei­ne Bezie­hung zu der Gedenk­stät­te haben, dar­un­ter auch deren kom­pe­ten­ter lang­jäh­ri­ge Lei­ter sowie Leh­rer, Abge­ord­ne­te und Geschichts­in­ter­es­sier­te. Eine älte­re Dame erklärt am Mikro­fon, sie sei vor sechs Jah­ren aus dem Westen nach See­low gezo­gen und habe noch nie eine so qua­li­fi­zier­te und sach­li­che Debat­te erlebt. Sie begrei­fe lang­sam, war­um die hier leben­den Men­schen ein ande­res Bild von den Rus­sen haben als die mei­sten ihrer Lands­leu­te in der Gegend, in der sie frü­her lebte.

»Zukunft der Erin­ne­rung« hat­te man die Dis­kus­si­on über­schrie­ben. Dabei zeig­te sich, dass es vor allem um die Gegen­wart ging. Denn da ist noch vie­les zu klä­ren. War­um, so frag­te der 93-jäh­ri­ge Mod­row, der als 17-Jäh­ri­ger in den Kriegs muss­te, nann­te nicht einer der füh­ren­den Poli­ti­ker der Bun­des­re­pu­blik am 8. Mai in die­sem Jahr die Sowjet­uni­on und die Rote Armee beim Namen? Da war der 1985 amtie­ren­de Bun­des­prä­si­dent schon ein­mal wei­ter gewe­sen. Der Rück­fall hin­ter einst sicher geglaub­te und im öffent­li­chen Bewusst­sein ver­meint­lich eta­blier­te Erkennt­nis­se sei nicht zu übersehen.