Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Erinnerungen – wer will sie haben?

Wir ver­le­gen Stol­per­stei­ne, wir bege­hen Jah­res­ta­ge, wir besu­chen Gedenk­stät­ten, wir ver­an­stal­ten anti­fa­schi­sti­sche Stadt­rund­gän­ge. Alles, um die Erin­ne­rung wach zu hal­ten. Erin­nern ist eine wich­ti­ge Auf­ga­be, fin­den wir.

Wir wol­len nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten las­sen, was ande­re in der Ver­gan­gen­heit getan haben. Damit es nie wie­der pas­siert. Fra­gen wir uns auch manch­mal, wie in zwan­zig oder drei­ßig Jah­ren unse­re eige­ne Erin­ne­rung aus­se­hen wird? Wird es eine gute Erin­ne­rung sein, mit der wir zufrie­den, auf die wir viel­leicht sogar ein wenig stolz sein kön­nen? Oder eine quä­len­de, die uns wie eine Wür­ge­schlan­ge den Brust­korb zuschnürt und den Atem nimmt?

In ihrem Ein-Mann-Thea­ter­stück »Zigeu­ner-Boxer« stellt Rike Rei­ni­ger sol­che Fra­gen. Das gan­ze Stück besteht aus einem Mono­log, mit dem sich der Dar­stel­ler an das Publi­kum wen­det. Histo­ri­scher Auf­hän­ger ist das Schick­sal des deut­schen Boxers Johann Wil­helm Troll­mann, genannt »Ruke­li« (1907–1944). Weil er Sin­to war, durf­te er 1928 nicht an der Olym­pia­de in Amster­dam teil­neh­men. Als er 1933 bei den deut­schen Mei­ster­schaf­ten im Halb­schwer­ge­wicht sieg­te, wur­de ihm der Titel vom Deut­schen Box­ver­band aberkannt. Er habe »undeutsch« geboxt, hieß es. 1944 wur­de Troll­mann im Außen­la­ger Wit­ten­ber­ge des KZ Neu­en­gam­me von einem Kapo erschla­gen, der es nicht ertra­gen konn­te, dass er bei einem erzwun­ge­nen Box­kampf gegen den »Zigeu­ner« ver­lo­ren hatte.

Aber nicht der rea­le Troll­mann spricht zu uns in Rei­ni­gers Stück, son­dern sein fik­ti­ver Freund Hans. Der wird von quä­len­den Erin­ne­run­gen geplagt, die er los­wer­den will. Ver­geb­lich. Nie­mand will sie haben.

 

Ein Sin­to für Deutschland?

Hans und »Ruki« sind bei­de in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen (»in der Alt­stadt«) auf­ge­wach­sen. Die Kin­der dort sind sich alle zum Ver­wech­seln ähn­lich: »mager, dreckig, strup­pi­ge Haa­re, schlech­te Zäh­ne und geflick­te Hosen von den älte­ren Geschwi­stern«. Die Sin­ti-Kin­der unter­schei­den sich nur durch die dunk­le­re Tönung ihrer Haut und ihre schwar­zen Haa­re. Als die eige­ne Fami­lie Hans› zwölf­ten Geburts­tag ver­ges­sen hat und er ohne Früh­stück zur Schu­le gehen muss, schenkt ihm Ruki, dem er an die­sem Tag zum ersten Mal begeg­net, einen Apfel: Soli­da­ri­tät. Nicht ein­mal dar­an möch­te sich Hans im Nach­hin­ein erin­nern, zu sehr schämt er sich sei­nes spä­te­ren unso­li­da­ri­schen Verhaltens.

Die Jungs ver­lie­ren sich zunächst aus den Augen, tref­fen sich nach Jah­ren wie­der und wer­den Freun­de. Bei­de boxen, Ruki qua­li­fi­ziert sich für die Olym­pia­de. Als sein Name auf der Teil­neh­mer­li­ste gestri­chen und durch einen ande­ren ersetzt wird, nimmt Hans das wider­spruchs­los hin. Einer wie Ruki als Ver­tre­ter Deutsch­lands bei den Spie­len? Für Hans kei­ne ernst gemein­te Fra­ge. Und über­haupt: »Die Chefs der Box­ver­bän­de tref­fen sol­che Ent­schei­dun­gen. Denen kann jemand wie ich nicht reinreden.«

Den eige­nen Ent­schul­di­gun­gen möch­te Hans gern glau­ben, aber noch nach so vie­len Jah­ren erin­nert er sich genau an den Blick, den ihm Ruki zuwarf, »als ob er auf etwas war­te. Aber gesagt hat er auch nichts.«

 

Ein Abschied

Als Ruki nach Ber­lin zieht, ruft Hans dem schei­den­den Freund zu: »Mach›s gut, Zigeu­ner-Boxer!« Der weist ihn zurecht: »Mach›s auch gut, Hans! Im Übri­gen hei­ße ich Wil­helm Weiss. Mei­ne Freun­de nen­nen mich Ruki. Zigeu­ner nen­nen sie mich nicht.« Ein belang­lo­ser Vor­fall? Hans spürt, dass die Freund­schaft in Gefahr ist. Er ist wütend, nicht auf sich selbst und sei­ne gedan­ken­lo­se Nach­plap­pe­rei, son­dern auf die Zei­tungs­leu­te, die vom Ver­ein, die Zuschau­er, die Ruki den Namen »Zigeu­ner-Boxer« gege­ben hat­ten. Er redet sich die Sache schön: »Zigeu­ner war kein Schimpf­wort. Für mich nicht.« Er bewun­der­te Ruki doch. Aber er hat­te sich noch nie gefragt, »war­um Ruki für einen Moment auf­hör­te zu lächeln, wenn man ihm Zigeu­ner-Boxer zurief«. Und es war ihm »nicht in den Sinn gekom­men, dass die Leu­te da drau­ßen etwas ande­res mei­nen könn­ten, wenn sie Zigeu­ner sag­ten. Etwas ande­res als ich. Viel­leicht etwas, das man nicht hören möch­te, wenn man Zigeu­ner ist.«

 

Die Über­le­gen­heit der ari­schen Rasse

Hans erin­nert sich an wei­te­re Epi­so­den, die er gern unge­sche­hen machen wür­de: So hat­te er zum Bei­spiel alle Zei­tungs­ar­ti­kel über Rukis – meist erfolg­rei­che – Box­kämp­fe in Ber­lin gesam­melt und im Box­club auf­ge­hängt. Als er merk­te, dass jemand sie ent­fern­te, fand er plötz­lich »kei­ne Zeit« mehr dafür: »Nun ja. Anschei­nend woll­te jemand die Berich­te dort sowie­so nicht hän­gen haben.«

Dann der Besuch von Ruki in sei­ner Hei­mat­stadt. In einem Lokal wur­de er von SA-Schlä­gern ange­grif­fen. Er wehr­te sich. Die SA-Leu­te zer­trüm­mer­ten die Ein­rich­tung. Ruki wur­de vom Inha­ber des Lokals höf­lich gebe­ten, künf­tig anders­wo ein­zu­keh­ren. Und Hans hat auch dazu geschwie­gen. Unwill­kür­lich dach­te er, dass der Lokal­be­sit­zer »aus sei­ner Sicht« doch recht damit hat­te, Ruki und sei­ne Cli­que rauszuschmeißen.

Nach­dem sich Hans schon in harm­lo­se­ren Situa­tio­nen nicht soli­da­risch an Rukis Sei­te gestellt hat, wagt er das auch nicht, als dem Freund der deut­sche Mei­ster­ti­tel 1933 aberkannt wird. Kurz dar­auf wird dem Sin­to die Box­li­zenz ent­zo­gen. Vor­her fin­det ein letz­ter Kampf statt, die Über­le­gen­heit der »ari­schen Ras­se« auch beim Boxen soll end­gül­tig bewie­sen wer­den. Frei­lich wird der ari­schen Über­le­gen­heit auf dra­sti­sche Wei­se nach­ge­hol­fen. Alles, was dem Sin­to als »undeutsch« ange­krei­det wor­den war – sei­ne Schnel­lig­keit und Beweg­lich­keit, sei­ne intel­li­gen­te Tak­tik, sei­ne Art, anzu­täu­schen und aus­zu­wei­chen – ist ihm ver­bo­ten. Troll­mann weiß, dass sei­ne Lage aus­sichts­los ist. Er greift sei­ne Geg­ner auf ande­rer Ebe­ne an: »Vor dem Kampf lief Ruki in SA-Uni­form durch den Saal. In den Ring stieg er mit Haa­ren blond gefärbt, mit Haut von Mehl weiß bestäubt. Die Leu­te lach­ten. Ein deut­scher Boxer.« Er »stell­te sich in die Mit­te des Rings und tat nichts. Täusch­te nicht an, wich nicht aus. Der Geg­ner stutz­te, schlug ein­mal. Nichts. Er schlug wie­der. Wie­der nichts. Ruki stand im Ring und ließ sich zusam­men­schla­gen.« Der Sieg des Ari­ers war nichts wert. Das Publi­kum fei­er­te Ruki. »Nie­mals gab es einen grö­ße­ren Sieg! … Mit die­sem Knock-Out ist er zum größ­ten Boxer aller Zei­ten geworden.«

Was er selbst in die­sem Moment getan hat, ver­schweigt Hans. Er will auch nichts mehr sagen über alles, was danach geschah. Ende der Erinnerung!

Aber es geht nicht. Die Erin­ne­run­gen sind da und müs­sen ans Tages­licht, will er nicht dar­an ersticken. Erin­ne­rungs­ge­rüm­pel. Nie­mand will es haben

Die letz­te Erin­ne­rung spielt im KZ, wo bei­de inhaf­tiert sind. Anders als in der rea­len Ver­gan­gen­heit, wird in Rike Rei­ni­gers Thea­ter­stück Troll­mann nicht von einem Kapo erschla­gen, son­dern auf Befehl eines SS-Man­nes aus der Wach­mann­schaft von Hans erschos­sen. Der hat sich vor­ge­nom­men, zu über­le­ben, und ist dafür zu allem bereit. »Tau­send Jah­re hab ich über­stan­den«, sagt er am Schluss, aber einen neu­en Anfang hat es nicht gege­ben. Das Ende? »Ich hab gedacht, viel­leicht kann jemand von euch mei­ne Erin­ne­rung gebrau­chen. Dann bin ich sie los. So wie die Leu­te das Gerüm­pel aus ihren Kel­lern loswerden.«

Bei der Auf­füh­rung des »Zigeu­ner-Boxer« am 5. Sep­tem­ber im Zir­kus­zelt am Bal­ters­berg bei Ravens­burg (mit Alex Nies als Hans in einer Insze­nie­rung des Stadt­thea­ters Ravens­burg, Regie: Emrah Elci­bo­ga) woll­te nie­mand die Erin­ne­run­gen von Hans haben.

 

In Mün­chen wird der »Zigeu­ner-Boxer« am 29. und 30. Okto­ber jeweils um 19 und 21 Uhr in der Pasin­ger Fabrik auf­ge­führt (toll­haus thea­ter com­pa­gnie, Regie: Ulri­ke Auras. Es spielt: Chri­sti­an Auras). Kar­ten­vor­be­stel­lung: Tele­fon 089-8292 9079 /​ Di – So, 17.30 – 20.30 Uhr. Zita­te aus: Rike Rei­ni­ger, Zigeu­ner-Boxer – Mono­log. Inter­view (mit Troll­manns Toch­ter Rita). Chro­no­lo­gie, KLAK Ver­lag 2015, 62 Sei­ten, 9,90 €