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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Nestor der DDR-Satire

Der Sati­ri­ker, Kaba­ret­tist und Sprach­a­kro­bat Hans­ge­org Sten­gel wäre am 30. Juli hun­dert Jah­re alt gewor­den. Zu dem run­den Jubi­lä­um hat der Mär­ki­sche Ver­lag, der die belieb­te Lyrik­rei­he »Poe­sie­al­bum« seit 2007 wei­ter­führt, das Heft 186 mit Ver­sen des Autors aus dem Jahr 1983 in einer Nach­auf­la­ge her­aus­ge­bracht. Aller­dings in erwei­ter­ter Form mit 86 Titeln, was ein abso­lu­ter »Poesiealbum«-Rekord ist. Die Aus­wahl der Tex­te, die den Bän­den »Epi­gram­me und Gedich­te« (1980) und »Dicht an dicht – Sämt­li­che Gedich­te« (2002) ent­nom­men wur­den, über­nahm der Jour­na­list und Publi­zist Hans-Die­ter Schütt, der auch eine kur­ze »Tat­wort­be­sich­ti­gung« zum Jubi­lä­um ver­fass­te. Die bei­den Gra­fi­ken auf dem Cover und im Innen­teil, die schon die 1983-Aus­ga­be illu­strier­ten, stam­men von Rolf Felix Mül­ler (1932-2021). Die Neu­auf­la­ge ent­stand übri­gens auf Anre­gung von Harald Kretzschmar.

Bekannt war Hans­ge­org Sten­gel für sei­ne Unbeug­sam­keit. Stets ging er sei­ner Nase nach, die wie ein Erker aus sei­nem Gesicht rag­te. Wie sein poin­tier­ter Wort­witz war sie sein Mar­ken­zei­chen. Mit spit­zer Feder und Wort­ge­wandt­heit fühl­te Sten­gel in Ver­sen, Kaba­rett­sze­nen und Sati­ren nicht nur sei­nen Mit­men­schen, son­dern auch den klei­nen Schwä­chen und gro­ßen Män­geln im sozia­li­sti­schen All­tag auf den Zahn. Lan­ge bevor Basti­an Sick als Sprach­kri­ti­ker Erfolg hat­te, zog Sten­gel als Wort­po­li­zist gegen sprach­li­che Schlu­de­rei­en zu Fel­de, und mit der Recht­schreib­re­form konn­te er sich über­haupt nicht anfreun­den, schließ­lich woll­te die aus sei­nem Namen einen »Stän­gel« machen. Nein, er woll­te sich nicht ver­um­lau­ten las­sen. Über meh­re­re Jah­re nahm er mit sei­nen »Wortadella«-Glossen in der Ost­thü­rin­ger Zei­tung Sprach­wur­ste­lei­en aufs Korn.

Am 30. Juli 1922 wur­de Hans­ge­org Sten­gel in Greiz in eine Leh­rer­fa­mi­lie hin­ein­ge­bo­ren. Bereits mit 14 Jah­ren konn­te er erste Gedich­te in der Lokal­zei­tung ver­öf­fent­li­chen. Nach­dem er aus dem Kriegs­dienst und der Kriegs­ge­fan­gen­schaft zurück­kehr­te, stu­dier­te er Ger­ma­ni­stik und spä­ter auch im Fern­stu­di­um (Leip­zig) Jour­na­li­stik. Anfang 1950 zog der Vogt­län­der – auf sei­ne süd­öst­li­che Thü­rin­ger Her­kunft leg­te Sten­gel gro­ßen Wert, bloß kein Sach­se sein – nach Ber­lin, wo er als Autor für die Sati­re-Zeit­schrift Fri­scher Wind, aus der 1954 der Eulen­spie­gel her­vor­ging, und bis 1959 als Redak­teur tätig war. Bis zu sei­nem Tod blieb er stän­di­ger Mit­ar­bei­ter. Neben­bei ver­fass­te Sten­gel auch Tex­te für ver­schie­de­ne Kaba­rett­büh­nen (»Klei­ne Büh­ne«, »Distel« oder »Her­ku­les­keu­le«). Danach war er frei­schaf­fen­der Schrift­stel­ler in Ber­lin und begann 1971 eine Kar­rie­re als Vor­trags­künst­ler. Mit eige­nen Pro­gram­men rei­ste er als »noma­di­sie­ren­der Solo­ka­ba­ret­tist« (so bezeich­ne­te er sich selbst) quer durch die Repu­blik. Dadurch wur­de er bekannt wie ein bun­ter Hund; doch trotz gro­ßer Popu­la­ri­tät hat­te er kaum Fern­seh­auf­trit­te. Es wäre ihm ein abso­lu­ter Graus gewe­sen, wenn »irgend­wel­che Leu­te« in sei­nen Manu­skrip­ten viel­leicht poli­tisch moti­vier­te Ver­än­de­run­gen vor­ge­nom­men hät­ten. Und so genoss er auf den klei­ne­ren Büh­nen weit­ge­hend Nar­ren­frei­heit – bei mit­un­ter 150 Auf­trit­ten im Jahr.

Noch in sei­ner Grei­zer Zeit erschien mit »mit schrub­ber und besen« sein erstes Buch. Rund fünf­zig wei­te­re Publi­ka­tio­nen soll­ten fol­gen, dar­un­ter auch der Kin­der­buch-Klas­si­ker »So ein Struw­wel­pe­ter«, der bis heu­te immer wie­der Nach­auf­la­gen erlebt. Mit den lusti­gen Tex­ten vom bocki­gen Mar­tin, dem fern­seh­ver­rück­ten Frank oder vom Faxen­ma­cher Franz und den drol­li­gen Illu­stra­tio­nen von Karl Schra­der ist wohl jedes ost­deut­sche Kind auf­ge­wach­sen. Bei zahl­rei­chen Buch­ti­teln spiel­te er mit sei­nem Namen: »Unschulds­s­ten­gel«, »Sten­gels­ge­duld« oder »Mit Sten­gels­zun­gen«. Die Gesamt­auf­la­ge sei­nes umfas­sen­den Wer­kes beträgt zwei Millionen.

Nach der Wen­de ver­än­der­te Sten­gel sein künst­le­ri­sches Pro­fil kaum; die tur­bu­len­ten Ver­än­de­run­gen waren für ihn wei­ter­hin eine Fund­gru­be sei­ner bis­si­gen Kri­tik. Zwar zog er 1995 mit sei­ner Frau in den West­teil des nun ver­ein­ten Ber­lins, doch 1998 ver­such­te er im Bun­des­tags­wahl­kreis Greiz /​ Alten­bur­ger Land für die PDS ein Direkt­man­dat zu errin­gen. Zu sei­nem 81. Geburts­tag erlaub­te sich Hans­ge­org Sten­gel dann eine pie­tät­lo­se Poin­te, denn er starb just am 30. Juli 2003. Auf dem Zen­tral­fried­hof Fried­richs­fel­de wur­de er bestattet.

Zum Schluss noch den Sten­gel-Vier­zei­ler »Betriebs­un­fall«:

»Er häng­te sein Män­tel­chen in den Wind.
Und folg­te dem Luft­zug gehor­sam und blind,
geriet aber den­noch in Schleudergefahr,
als des­ori­en­tie­ren­de Wind­stil­le war.«