Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Auslandseinsätze akzeptabel?

Die Debat­te um eine Sinn­haf­tig­keit von Bun­des­wehr-Aus­lands­ein­sät­zen unter einem UN-Man­dat ist inner­halb der Par­tei Die LINKE nicht neu. Bereits Mit­te der 1990er Jah­re plä­dier­te Gre­gor Gysi vehe­ment für die­se Opti­on. In den letz­ten Mona­ten und Wochen ist die­ses zur Gret­chen­fra­ge inner­halb der Par­tei mutiert: Wie hältst du es mit den Aus­lands­ein­sät­zen? Unre­flek­tiert klin­gen Ein­sät­ze unter UN-Man­dat plau­si­bel. War­um soll­ten sich hier­bei ein­zel­ne Mit­glieds­län­der, zumal ein wirt­schaft­lich und poli­tisch star­kes Land wie Deutsch­land sol­chen kol­lek­ti­ven Ver­pflich­tun­gen ent­zie­hen? Teil­wei­se erin­nert die medi­al stark kom­men­tier­te Debat­te auch an frü­he­re Kon­tro­ver­sen zwi­schen »Rea­los« und »Fun­dis« in der Par­tei Die Grünen.

Die UNO ist zur Lösung zwi­schen­staat­li­cher Kon­flik­te und inter­na­tio­na­ler Koope­ra­ti­on alter­na­tiv­los. Die­ses gilt unge­ach­tet der vor­han­de­nen Defi­zi­te, wozu auch vom UN-Sicher­heits­rat ohne Veto-Stim­men beschlos­se­ne Man­da­te gehö­ren kön­nen. Schließ­lich wur­den in die­sem Gre­mi­um in der Ver­gan­gen­heit sogar Kriegs­ein­sät­ze abge­nickt, zuletzt 2011 mit der Tarn­be­zeich­nung »Flug­ver­bots­zo­nen« in Liby­en. Das Resul­tat ist bekannt: Das wirt­schaft­lich und gesell­schaft­lich am wei­te­sten ent­wickel­te Land Afri­kas wur­de zum »fai­led sta­te«, und bis heu­te ist nicht in Sicht, wie der Scher­ben­hau­fen wie­der zusam­men­ge­fügt wer­den kann. Übri­gens erfolg­te die­ser UN-Sicher­heits­rats­be­schluss ohne deut­sche Zustim­mung unter dem dama­li­gen Außen­mi­ni­ster Gui­do Westerwelle.

Doch in der aktu­el­len Debat­te geht es (nur vor­der­grün­dig?) um UN-Blau­helm­ein­sät­ze. Die­sen liegt das Kon­zept einer Sta­bi­li­sie­rung von fra­gi­len staat­li­chen Insti­tu­tio­nen und der zivi­len Infra­struk­tur zugrun­de. Stark pro­pa­giert wur­de die­ses mit dem Begriff der zivil-mili­tä­ri­schen Zusam­men­ar­beit (civil-mili­ta­ry coope­ra­ti­on – CIMIC) vor allem Anfang der Nul­ler Jah­re vor dem Hin­ter­grund des ISAF-Ein­sat­zes der Bun­des­wehr in Afgha­ni­stan. Unstrit­tig dürf­te sein, dass das Mili­tär bei Natur­ka­ta­stro­phen huma­ni­tä­re Hilfs­dien­ste durch logi­sti­sche Unter­stüt­zung lei­sten kann, wenn auf­grund des Umfangs oder der beson­de­ren Umstän­de der Kata­stro­phe zivi­le Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen nicht allein oder schnell genug Hilfs­maß­nah­men auf den Weg brin­gen kön­nen. Für erfolg­rei­che Ein­sät­ze die­ser Art gibt es eini­ge histo­ri­sche Bei­spie­le. Anders sieht es aber aus, wenn es um huma­ni­tä­re Hil­fe­lei­stun­gen in poli­ti­schen Kri­sen­re­gio­nen geht. Bei bür­ger­kriegs­ähn­li­chen Zustän­den wird von der Zivil­be­völ­ke­rung die blo­ße Prä­senz von aus­län­di­schem Mili­tär als mili­tä­ri­scher Auf­trag zugun­sten einer Kon­flikt­par­tei wahr­ge­nom­men, was den Prin­zi­pi­en huma­ni­tä­ren Han­delns ent­ge­gen­steht. Vor allem aber ste­hen dabei mili­tä­risch und zivil ein­ge­setz­te Res­sour­cen in einem kras­sen Missverhältnis.

Ein inter­es­san­tes CIMIC-Fall­bei­spiel ist Hai­ti. Die­ses Land wur­de seit sei­ner for­ma­len Unab­hän­gig­keit 1804 wie­der­holt durch mili­tä­ri­sche Inter­ven­tio­nen der USA drang­sa­liert. Nach einem von den USA gesteu­er­ten Regime-Chan­ge 2004 wur­de eine von Bra­si­lia­nern gestell­te UN-Mili­tär­mis­si­on instal­liert, mit der aber gra­vie­ren­de Pro­ble­me des Lan­des wie z. B. eine Hun­ger­ka­ta­stro­phe 2008 nicht ange­gan­gen wur­den. In die­ser Situa­ti­on erschüt­ter­te Anfang 2010 auch noch ein Erd­be­ben das Land. In kür­ze­ster Zeit erreich­te eine gan­ze Flot­te mit einem Flug­zeug­trä­ger die Küste Hai­tis. Prak­tisch inner­halb eines Tages wur­den 12.000 US-Sol­da­ten an Land gebracht. Infol­ge von 200 US-Flug­be­we­gun­gen pro Tag war der Erd­be­ben-beschä­dig­te Haupt­stadt-Flug­ha­fen für die Lie­fe­rung huma­ni­tä­rer Hilfs­gü­ter etwa durch die UNICEF blockiert. Meh­re­re Mona­te nach dem ver­hee­ren­den Erd­be­ben wur­de Hai­ti von einer wei­te­ren Kata­stro­phe erschüt­tert, dem Aus­bruch einer Cho­le­ra-Epi­de­mie. Erst 2016 wur­de von Ver­tre­tern der UNO offi­zi­ell ein­ge­räumt, dass die Cho­le­ra durch nepa­le­si­sche UN-Sol­da­ten ins Land ein­ge­schleppt wur­de und damit die UNO offi­zi­ell für den Aus­bruch ver­ant­wort­lich war.

Prin­zi­pi­ell kann des­halb die zivil-mili­tä­ri­sche Zusam­men­ar­beit nicht als Recht­fer­ti­gung für ein mili­tä­ri­sches Ein­grei­fen her­hal­ten, auch wenn in Ein­zel­fäl­len nütz­li­che Ein­sät­ze mög­lich sind. Nach Aus­bruch der Ebo­la-Epi­de­mie 2014 bis 2016 in West­afri­ka und aus Furcht vor einem Ein­schlep­pen in die USA wur­de von Prä­si­dent Oba­ma das Pen­ta­gon auf­ge­for­dert, ein mili­tä­ri­sches Kom­man­do­zen­trum in Libe­ria ein­zu­rich­ten. Die­ser unge­wöhn­li­che Schritt erfolg­te in Erman­ge­lung ande­rer US-Insti­tu­tio­nen, denen Oba­ma eine sol­che Her­ku­les­auf­ga­be zuge­traut hät­te. Mit letzt­lich cir­ca 3.000 Mili­tär­kräf­ten wur­de die logi­sti­sche Unter­stüt­zung für ein medi­zi­ni­sches Hilfs­pro­gramm sicher­ge­stellt. Der eigent­li­che medi­zi­ni­sche Not­fall­ein­satz erfolg­te aber erfolg­reich durch 150 kuba­ni­sche Fach­ärz­te, die mit Spe­zia­li­sie­rung auf Kata­stro­phen­schutz und Epi­de­mio­lo­gie dort ein hal­bes Jahr tätig waren. Bekannt­lich lei­ste­ten Ärz­te der Bri­ga­de »Hen­ry Ree­ve« auch im letz­ten Jahr eini­ge (nicht-mili­tä­ri­sche) Aus­lands­ein­sät­ze gegen die Corona-Pandemie.

Inter­es­sant ist auch, dass in den Anfangs­jah­ren des Afgha­ni­stan­ein­sat­zes der Bun­des­wehr noch pro­pa­gan­di­stisch stark der »huma­ni­tä­re« Cha­rak­ter betont wur­de, was mit Stich­wor­ten wie »Brun­nen boh­ren durch die Bun­des­wehr« umschrie­ben wur­de. Mitt­ler­wei­le spielt dies bei der Begrün­dung von Man­dats­ver­län­ge­run­gen der etwa ein Dut­zend lau­fen­den Bun­des­wehr­ein­sät­ze im Aus­land kaum noch eine Rol­le. Uni­so­no wird nun von »Sta­bi­li­sie­rungs­mis­sio­nen« gespro­chen. Wohl­ge­merkt: Eine Mis­si­on dekla­riert stets eine (mili­tä­ri­sche) Auf­ga­be. Um einen Aus­lands­ein­satz poli­tisch zu bewer­ten, muss man jedoch die Ziel­set­zung ken­nen. Afgha­ni­stan kann man hier gera­de­zu als Lehr­stück anse­hen. Nach fast 20 Jah­ren Bun­des­wehr­ein­satz wäre es zwar nahe­lie­gend, von einem völ­li­gen Schei­tern zu spre­chen. Genau­er betrach­tet muss man aber fest­stel­len, dass bis heu­te kei­ne Ziel­set­zung in der deut­schen Öffent­lich­keit kom­mu­ni­ziert wur­de, mit der Erfolg oder Miss­erfolg bewer­tet wer­den könn­ten. Dass aktu­ell sei­tens der in Afgha­ni­stan prä­sen­ten NATO-Mit­glieds­län­der ver­sucht wird, das noch unter Trump aus­ge­han­del­te Frie­dens- und Trup­pen­ab­zugs­ab­kom­men mit den Tali­ban zu sabo­tie­ren, ver­weist ein­deu­tig auf ande­re Ziel­set­zun­gen. Aus­lands­ein­sät­ze sind mitt­ler­wei­le das »Kern­ge­schäft« der Bun­des­wehr. Aber was macht man mit einer Insti­tu­ti­on, der das Kern­ge­schäft weg­bricht? Im Bun­des­halt 2021 sind 104 Mrd. Euro Aus­ga­ben für die Funk­ti­ons­grup­pe »All­ge­mei­ne Dien­ste« aus­ge­wie­sen. Dar­an hat die »Ver­tei­di­gung« als der mit Abstand größ­ter »Dienst­lei­ster« des Bun­des einen Anteil von 47 Mrd. Euro. Zum Ver­gleich: Der in die­sem Gesamt­block aus­ge­wie­se­ne Anteil für »Wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung« beläuft sich auf rund 12 Mrd. Euro.

Ob über­haupt und inwie­weit Bun­des­wehr-Aus­lands­ein­sät­ze ver­tret­bar sind, kann nur anhand von offen kom­mu­ni­zier­ten Zie­len beant­wor­tet wer­den. Ein ent­schei­den­des Kri­te­ri­um wäre dabei, inwie­weit unter­ent­wickel­te Län­der zur Errei­chung der UN-Nach­hal­tig­keits­zie­le gemäß der Agen­da 2030 unter­stützt wer­den kön­nen. Zumin­dest für die wich­tig­sten Bun­des­wehr-Aus­lands­ein­sät­ze lässt sich jedoch fest­stel­len, dass damit kei­ne Pro­blem­lö­sun­gen in Ver­bin­dung mit ande­ren NATO- bzw. EU-Part­nern erfolgt sind. Das gilt ins­be­son­de­re für Afgha­ni­stan, die süd­ser­bi­sche Pro­vinz Koso­vo und Mali.

Das von Ser­bi­en 1999 zwangs­wei­se abge­spal­te­ne Koso­vo gilt bis heu­te als hoch­gra­dig kor­rupt, beherrscht von der alba­ni­schen Mafia und mei­len­weit von Rechts­staat­lich­keit und wirt­schaft­li­cher Ent­wick­lung ent­fernt. In Mali hat die seit 2013 erfol­gen­de, krie­ge­ri­sche »Sta­bi­li­sie­rung« bis­her kei­nen Erfolg gebracht. Die gesam­te Regi­on, inklu­si­ve der Nach­bar­staa­ten, gilt heu­te als andau­ernd desta­bi­li­siert, und eine Aus­wei­tung des Bun­des­wehr­ein­sat­zes wird unge­ach­tet der bis­he­ri­gen Wir­kungs­lo­sig­keit von der Bun­des­re­gie­rung angestrebt.

In Afgha­ni­stan wur­den zum zivi­len (Wieder-)Aufbau sei­tens der USA nach einer Ermitt­lung der ober­sten US-Rech­nungs­be­hör­de mehr als 15 Mrd. US-Dol­lar im Zeit­raum von elf Jah­ren in sinn­lo­se Pro­jek­te gesteckt. Von Deutsch­land wur­den gemäß einer Ende 2019 erfolg­ten Aus­kunft der Bun­des­re­gie­rung auf eine Klei­ne Anfra­ge bis ein­schließ­lich 2018 ins­ge­samt 2,3 Mrd. Euro für die ent­wick­lungs­po­li­ti­sche Zusam­men­ar­beit aus­ge­ge­ben. Denen ste­hen ins­ge­samt 11,9 Mrd. Euro an mili­tä­ri­schen Kosten gegen­über. Nach Ende der ISAF-Mis­si­on 2013 wur­den die Mit­tel für zivi­le Ent­wick­lung nicht auf­ge­stockt, und die Bun­des­wehr ist immer noch vor Ort. Die huma­ni­tä­ren Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen hin­ge­gen haben sich wei­test­ge­hend aus dem Land zurück­ge­zo­gen, nicht trotz, son­dern wegen der Militärpräsenz.

 

Der Autor Karl-Heinz Peil ist Mit-Initia­tor eines Auf­rufs aus der Frie­dens­be­we­gung an die Par­tei DIELINKE – sie­he dazu: https://frieden-links.de.