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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Lilo Sei­bel-Emmer­ling (*1932) erleb­te als Kind eines jüdi­schen Vaters und einer nicht-jüdi­schen Mut­ter die ras­si­sti­sche Ver­fol­gung durch die NS-Dik­ta­tur. (Sie berich­te­te dar­über im alpha-Forum von ARD-alpha am 13.5.2014.) Um dazu bei­zu­tra­gen, dass so etwas nie wie­der geschieht, trat sie in die SPD ein, wur­de Abge­ord­ne­te im baye­ri­schen Land­tag (1966 – 1980) und zum Euro­pa­par­la­ment (1980 – 1989). Für ihr Enga­ge­ment erhielt sie vie­le Aus­zeich­nun­gen, dar­un­ter der Baye­ri­sche Ver­dienst­or­den, die Euro­pa-Medail­le der Baye­ri­schen Staats­re­gie­rung, das Bun­des­ver­dienst­kreuz am Ban­de sowie 1. Klas­se. Das Euro­pa­par­la­ment mach­te sie zum Ehren­mit­glied. Jetzt ist die 88-Jäh­ri­ge, zusam­men mit ihrem Mann, dem Maler und Gra­phi­ker Alfred Emmer­ling (90), der Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Naziregimes/​Bund der Anti­fa­schi­stin­nen und Anti­fa­schi­sten (VVN-BdA) bei­getre­ten. Dem baye­ri­schen Ver­fas­sungs­schutz schrieb sie aus die­sem Anlass einen Brief: »Um Ihre Arbeit zu erleich­tern, tei­len wir Ihnen mit, dass wir ab sofort ein Beob­ach­tungs­ziel für Sie dar­stel­len.« Dem baye­ri­schen Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2018 hät­ten sie ent­nom­men, dass sie in des­sen »Beob­ach­tungs­mu­ster« pas­sen, »denn wir ori­en­tie­ren uns an den Ideen des Sozia­lis­mus und sind weit ent­fernt von aller Bewun­de­rung für Kapi­ta­lis­mus oder gar Faschis­mus«. Über­dies zei­ge sich ihre »links­ra­di­ka­le (in Ihrem Sprach­ge­brauch ›links­extre­mi­sti­sche‹) Auf­fas­sung« auch dar­in, dass sie »den tota­len, unge­hemm­ten Kapi­ta­lis­mus für eine wesent­li­che Ursa­che für Faschis­mus, Rechts­extre­mis­mus und Krieg hal­ten«. Sehr beru­higt, so Lilo Sei­bel-Emmer­ling in ihrem Brief an den baye­ri­schen Ver­fas­sungs­schutz wei­ter, »hat uns natür­lich Ihre For­mu­lie­rung ›Anti­fa­schis­mus ist nicht gene­rell links­extre­mi­stisch. Es kommt viel­mehr dar­auf an, was die jewei­li­gen Anti­fa­schi­sten kon­kret unter ›Faschis­mus‹ ver­ste­hen.‹ Ich kann Ihnen hier kei­ne voll­stän­di­ge Defi­ni­ti­on des Begrif­fes Faschis­mus geben, nur eine all­ge­mein­gül­ti­ge Fest­stel­lung: Er zeigt sich in viel­fäl­ti­ger Gestalt. Aber jedes sei­ner Gesich­ter ist inhu­man, grenzt Men­schen aus, ver­neint die Gleich­heit aller Men­schen, neigt zu Gewalt, bedroht und zer­stört mensch­li­ches Leben, dem er unter­schied­li­che Bedeu­tung zumisst, und ver­nich­tet demo­kra­ti­sche Gesell­schaf­ten.« Was Faschis­mus heißt, habe sie am eige­nen Leib als eines sei­ner Mil­lio­nen Opfer erlebt. »Nun sind mein Mann und ich 90 und 88 Jah­re alt und damit nicht mehr all­zu beweg­lich, auf­merk­sam und umtrie­big«, schließt Frau Sei­bel-Emmer­ling ihren Brief. »Die Beob­ach­tung unse­rer ›extre­mi­sti­schen‹ Akti­vi­tä­ten wird also wohl nicht alle Ihre Kräf­te bin­den. Wie wäre es des­halb mit einem etwas ver­stärk­ten Blick nach rechts oder gar in Ihre eige­nen Reihen??«

An die VVN-BdA schrieb Lilo Sei­bel-Emmer­ling: »… Natür­lich wur­de ich schon oft gefragt, ob ich nicht dabei sein will. Bis jetzt hielt mich man­che ande­re Sicht­wei­se über gemein­sam erkann­te Pro­ble­me davon ab, um die Mit­glied­schaft anzu­su­chen. Die unheim­li­che Ver­än­de­rung unse­rer Gesell­schaft macht die Unter­schie­de unse­rer Ansich­ten sehr klein gegen­über dem gemein­sa­men Ziel: Nie wie­der Faschis­mus! Da Brecht lei­der so recht hat mit ›… der Schoß ist frucht­bar noch, aus dem das kroch‹, bit­te ich Euch nun um Auf­nah­me für mich und mei­nen Mann Alfred Emmerling …«

Seit das Ber­li­ner Finanz­amt der VVN-BdA im Novem­ber die Gemein­nüt­zig­keit ent­zo­gen hat, sind mehr als 2000 Men­schen der »größ­ten links­extre­mi­stisch beein­fluss­ten anti­fa­schi­sti­schen Orga­ni­sa­ti­on in der BRD« (baye­ri­scher VS-Bericht) beigetreten.

Der voll­stän­di­ge Text der bei­den Brie­fe von Lilo Sei­bel-Emmer­ling ist in der Zeit­schrift anti­fa – Maga­zin der VVN-BdA für anti­fa­schi­sti­sche Poli­tik und Kul­tur veröffentlicht.