Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Seuche, Macht und Kapitalismus (I)

Her­aus­for­de­rung und Machtstrukturen

Die Welt ist erst­mals glo­bal von einer Bedro­hung erfasst wor­den, die mit gerin­ger Zeit­ver­set­zung und unter­schied­li­cher Kon­se­quenz zu ähn­li­chen Reak­tio­nen führt: ver­ord­ne­te Lahm­le­gung des öffent­li­chen Lebens ein­schließ­lich wei­ter Tei­le der Wirt­schaft, poli­ti­scher Aus­nah­me­zu­stand mit Son­der­voll­mach­ten der Regie­run­gen und Ein­schrän­kung par­la­men­ta­risch-demo­kra­ti­scher und erst recht basis­de­mo­kra­ti­scher Wil­lens­bil­dung, Sus­pen­die­rung wesent­li­cher Bür­ger­rech­te, Aus­nah­me­re­ge­lun­gen im medi­zi­ni­schen Bereich, weit­ge­hen­de regie­rungs­na­he Syn­chro­ni­sie­rung staat­lich beein­fluss­ter wie pri­va­ter Medi­en, Wie­der­errich­tung natio­nal­staat­li­cher Allein­ver­ant­wor­tung ein­schließ­lich Grenz­ho­heit und Siche­rung der Eigen­in­ter­es­sen, fak­ti­sche Aus­schal­tung inter­na­tio­na­ler Struk­tu­ren, egal ob EU, UNO, selbst weit­ge­hend der WHO, im Inter­es­se natio­na­ler Allein­gän­ge. Es ist die »Stun­de der Exekutive«!

Auf­fäl­lig ist die Par­al­le­li­tät der getrof­fe­nen Ent­schei­dun­gen in Staa­ten unter­schied­li­cher poli­ti­scher Aus­rich­tung, egal ob auto­ri­tär dik­ta­to­risch oder par­la­men­ta­risch-demo­kra­tisch ver­fasst. Es wird im Aus­nah­me­zu­stand regiert, demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen sind nur ein­ge­schränkt wirk­sam, und selbst die gern beschwo­re­ne Gewal­ten­tei­lung in Gestalt rich­ter­li­cher Ent­schei­dun­gen spielt nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Wo Gerich­te aktiv wer­den, so die deut­sche Erfah­rung, geht es um die Ver­füg­bar­keit von Eigen­tum, Öff­nung von Geschäf­ten, die Bewe­gungs­frei­heit, das Ver­samm­lungs­recht und die Reli­gi­ons­aus­übung. Ihre Ent­schei­dun­gen geben im Ein­zel­fall den Klä­gern Recht, ohne bis­lang die staat­li­chen Durch­grif­fe in Fra­ge zu stel­len. End­lo­se Dis­kus­sio­nen pas­sen der­zeit nicht. Aller­dings erzeugt die Dau­er der Restrik­tio­nen Wider­spruch, zual­ler­erst von Wirt­schaft und wirt­schafts­na­hen Eli­ten. Es gäbe höhe­re Güter als das Leben, so Bun­des­tags­prä­si­dent Schäuble.

Für die BRD bemer­kens­wert ist, dass die Not­stands­ar­ti­kel des Grund­ge­set­zes offi­zi­ell nicht genutzt wer­den, dass ein Infek­ti­ons­schutz­ge­setz als ober­ster Regu­la­tor her­an­ge­zo­gen wird und gleich­zei­tig die Arbeits­fä­hig­keit der Bun­des- und Lan­des­par­la­men­te durch dra­sti­sche Ein­grif­fe in ihre Rech­te und die der Frak­tio­nen und Abge­ord­ne­ten redu­ziert werden.

Der Kern der poli­ti­schen Macht stützt sich auf eine Exper­to­kra­tie, die ihre fach­li­chen Vor­trä­ge den Poli­ti­kern zur poli­ti­schen Ent­schei­dung anheim­stellt. Das anfäng­li­che Nase­rümp­fen über die als dik­ta­to­risch dif­fa­mier­ten Maß­nah­men Chi­nas ist schnell dem Ver­lan­gen gewi­chen, ähn­lich durch­re­gie­ren zu kön­nen. Aller­dings schei­nen Macht­sy­ste­me wie in Chi­na oder ande­ren ost­asia­ti­schen Staa­ten eher geeig­net zu sein, Schnel­lig­keit und Rigo­ro­si­tät von Maß­nah­men zu gewähr­lei­sten. Nicht das Über­maß an demo­kra­ti­schen Mit­spra­che­mög­lich­kei­ten, aber die Sou­ve­rä­ni­täts­rech­te föde­ra­ler Sub­jek­te, so die deut­sche Erfah­rung, füh­ren zu Reibungsverlusten.

Ver­glei­chen­de Unter­su­chun­gen wer­den künf­tig sinn­voll sein, um Gemein­sam­kei­ten, Unter­schie­de benen­nen und mög­li­che gemein­sa­me Schlüs­se für ähn­li­che Situa­tio­nen zie­hen zu kön­nen. Sie wer­den Fra­gen nach der Gestal­tungs­kraft von Regie­run­gen in Not­si­tua­tio­nen her­aus­ar­bei­ten müs­sen, nach demo­kra­ti­schen Siche­run­gen und Mit­wir­kungs­mög­lich­kei­ten zu fra­gen haben, auch nach der Bereit­schaft der Bevöl­ke­rung, sich sol­chem Aus­nah­me­recht zu unterwerfen.

Wir ste­hen erst am Anfang die­ser Ent­wick­lung, deren öko­no­mi­sche und sozia­le Fol­gen zwar erahnt, viel­leicht auch berech­net wer­den kön­nen, die aber in ihren Aus­wir­kun­gen auf Bür­ger, Arbei­ten­de oder Arbeits­lo­se bis­her nur teil­wei­se durchschlagen.

Auch wenn die bun­ten Bild­chen eines eigent­lich freund­lich aus­se­hen­den Virus es ver­decken: In sei­nem Schat­ten gehen die poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen der Vor-Coro­na-Zeit unver­min­dert wei­ter. Das Ver­hal­ten der USA gegen Russ­land, Chi­na oder den Iran ist so kon­fron­ta­tiv wie zuvor. Auch deut­sche Medi­en blicken mit Häme oder Aggres­si­vi­tät auf die Vor­gän­ge bei den öst­li­chen Mäch­ten und kri­ti­sie­ren pau­schal deren Hand­lun­gen. Dass auch das Ver­sa­gen der Trump-Admi­ni­stra­ti­on nicht aus­ge­klam­mert wird, ver­än­dert an die­ser Sicht­wei­se wenig. Und dass allein das Virus die pro­vo­ka­to­ri­sche Manö­ver­se­rie »Defen­der 2020« zum Schei­tern brach­te, ist auch wenig tröst­lich. Wenn im Schat­ten von Coro­na eine der här­te­sten Aus­ein­an­der­set­zun­gen auf dem Erd­öl­markt statt­fin­det, die sich klar gegen Russ­land, den Iran, Vene­zue­la und ande­re nicht wohl­ge­lit­te­ne Staa­ten rich­tet, so ist das eine Facet­te; die Fort­set­zung der mili­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Nahen und Mitt­le­ren Osten las­sen eben­falls wenig Gutes erwar­ten. »Moder­ne­re« Kern­waf­fen und die Suche nach Trä­ger­flug­zeu­gen für die deut­sche »nuklea­re Teil­ha­be« zei­gen, die der­zei­ti­ge Apo­ka­lyp­se genügt nicht.

Histo­ri­sche Dimension

Nie­mand kann heu­te das Aus­maß der Bedro­hung tat­säch­lich erfas­sen. Dass es zum Bei­spiel 2012 dazu rea­li­täts­na­he Plan­spie­le gab, bedeu­tet lei­der nicht, dass Exper­ten aus Wis­sen­schaft und Poli­tik sich damit Gehör ver­schaff­ten und mehr als Pla­nungs­sze­na­ri­en in Schub­la­den able­gen konn­ten. Damals galt solch Pan­de­mie mit einem Virus »Modi-SARS« als nur bedingt wahr­schein­lich: sta­ti­stisch zwi­schen 100 und 1000 Jah­ren nur ein­mal. Des­halb das Wirt­schaf­ten umstellen?

Als dann der »unwahr­schein­li­che Fall« ein­trat, hat das Bedro­hungs­po­ten­ti­al der Seu­che die aller­mei­sten Staa­ten zu den erwähn­ten har­schen Maß­nah­men ver­an­lasst, deren Locke­rung jetzt begon­nen hat. Aber offen­sicht­lich kön­nen nur effek­ti­ve Behand­lungs­mit­tel und ein Impf­stoff die Seu­che ein­däm­men und been­den. Die gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Fol­gen sind damit aber nicht aus der Welt. Im Unter­schied zu frü­he­ren glo­ba­len Brü­chen durch Krieg und mas­si­ve Wirt­schafts­kri­sen gibt es einen Hoff­nungs­schim­mer: Es sind weder die Wirt­schafts­struk­tu­ren vom Groß- bis zum Klein­be­trieb noch die Wirt­schafts­be­zie­hun­gen zwin­gend dau­er­haft brach­ge­legt. Auch ist nicht zu erwar­ten, dass die bis­her Beschäf­tig­ten durch Tod oder Siech­tum in Grö­ßen­ord­nun­gen ausfallen.

Die aktu­el­len Exit-Dis­kus­sio­nen schie­ben sozia­le, psy­cho­lo­gi­sche Fak­to­ren vor. Im Kern geht es aller­dings um das Wie­der­hoch­fah­ren der Wirt­schaft – die Siche­rung der kapi­ta­li­sti­schen Ver­wer­tungs­pro­zes­se sowohl für die Groß­un­ter­neh­men als auch für die fra­gi­len klein- und mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­men. Dabei wer­den Gesund­heits­ri­si­ken bewusst »ein­ge­preist« und klas­sisch neo­li­be­ra­le Rezep­te aus­ge­stellt. Gleich­zei­tig steht dahin­ter die Fra­ge, wie schnell die erstaun­lich rasch bereit­ge­stell­ten finan­zi­el­len Stüt­zungs­mit­tel für Wirt­schaft, Beschäf­tig­te und sozia­le wie kul­tu­rel­le Infra­struk­tur wie­der ein­ge­fah­ren wer­den können.

Die jet­zi­ge Seu­che hat ein­schnei­den­de­re Fol­gen als alle Pan­de­mien in der Ver­gan­gen­heit, ins­be­son­de­re die Pest und die Pocken, die in der Römer­zeit und im Mit­tel­al­ter über Jahr­hun­der­te gras­sier­ten und Regio­nen und Staa­ten tra­fen und zurückwarfen.

Die glo­bal radi­kal ein­grei­fen­de Wir­kung ist bei den natür­li­chen Pro­zes­sen bedingt mit »Acht­zehn­hun­dertun­d­er­fro­ren« zu ver­glei­chen, also dem durch eine Vul­k­anex­plo­si­on aus­ge­lö­sten »Jahr ohne Som­mer 1816«, das mit Hun­gers­nö­ten und Wirt­schafts­kri­sen zumin­dest in Euro­pa die nach­na­po­leo­ni­sche Restau­ra­ti­on und den Vor­marsch der Reak­ti­on beförderte.

Die Welt­wirt­schafts­kri­sen ab 1929 bezie­hungs­wei­se 2007/​08 hat­ten eben­falls glo­ba­le Wir­kung, tra­fen die ein­zel­nen Staa­ten aber unter­schied­lich und ermög­lich­ten auch Aus­nah­men und erfolg­rei­che Lösungs­stra­te­gien für ein­zel­ne Groß­mäch­te (Sowjet­uni­on bezie­hungs­wei­se BRD oder China).

Die Welt­krie­ge des 20. Jahr­hun­derts haben dage­gen in den betrof­fe­nen Regio­nen und dar­über hin­aus zer­stö­rend, mor­dend gewirkt und jeweils brei­te sozia­le und natio­na­le Bewe­gun­gen aus­ge­löst, die in der Tat einen radi­ka­len Bruch mit der jewei­li­gen Vor­kriegs­ord­nung und über Jahr­zehn­te für einen Teil der Staa­ten einen Aus­bruch aus den bis­he­ri­gen poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Gege­ben­hei­ten des Kapi­ta­lis­mus ermög­lich­ten. Hun­gers­nö­te und Seu­chen spiel­ten in dem Kon­text auch eine Rol­le. Sie ver­schärf­ten die Kri­se, haben sie aber nur indi­rekt inten­si­viert. Das fällt beson­ders für die gegen­wär­tig gern zitier­te »Spa­ni­sche Grip­pe« 1918/​20 auf, die eben nicht Aus­lö­ser der natio­na­len und sozia­len Revo­lu­tio­nen im Gefol­ge des Welt­krie­ges und der Rus­si­schen Revo­lu­tio­nen wur­de, son­dern Regie­run­gen wie Oppo­si­ti­on glei­cher­ma­ßen schwä­chen konnte.

Aller­dings zeigt der Ver­gleich die­ser Umbruchs- und Kri­sen­pro­zes­se – bei erheb­li­chen natio­na­len Unter­schie­den – sowohl 1929 wie auch 1914 und 1939 sowie in den jeweils fol­gen­den Jah­ren, dass es ent­schei­dend dar­auf ankam, ob poli­ti­sche und gei­sti­ge Kräf­te für einen im Ide­al­fall in sich geschlos­se­nen gei­sti­gen, ideo­lo­gi­schen, poli­ti­schen, vor allem macht­po­li­ti­schen Umbruch bereit­stan­den und in den tie­fen Kri­sen han­del­ten. Spä­te­stens 2007/​08 war erkenn­bar, dass Unmut, Pro­test und inho­mo­ge­ne und letzt­lich eher macht­ab­sti­nen­te Kräf­te eine sol­che Situa­ti­on nicht zu nut­zen vermochten.

Bei der gegen­wär­tig auch unter Lin­ken regen Dis­kus­si­on über die Zeit nach der Coro­na-Kri­se mit Hoff­nun­gen auf eine ver­än­der­te – und hier ist gemeint eine sozi­al und öko­lo­gisch bes­se­re – Welt sind erheb­li­che Zwei­fel ange­bracht. Aus Kri­sen geht nie­mand anders her­vor, als er in sie hin­ein­ge­gan­gen ist und sie gestal­tet hat. Er mag indi­vi­du­ell geläu­tert sein, er mag unter­ge­hen oder die Kri­se für sich genutzt haben, mehr nicht. Einen Aus­weg aus der Kri­se fin­den nur jene Kräf­te, die in Kon­fron­ta­ti­on mit dem herr­schen­den Block von Regie­rung, Kapi­tal und Medi­en einen Vor­lauf an theo­re­ti­scher Ein­sicht, an hand­fe­sten Losun­gen, an Orga­ni­sa­ti­on und Füh­rungs­kraft besit­zen. Trotz­dem: Jede Kri­se eröff­net auch neue Wege – Chan­cen wie Risiken.

Auch die aktu­el­le Kri­se wird, wenn sie aus der unmit­tel­ba­ren, exi­sten­ti­el­len, medi­zi­ni­schen Pha­se end­gül­tig in eine offe­ne Wirt­schafts­kri­se mit Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit, Lohn- und Sozi­al­ab­bau, mög­li­cher­wei­se fort­ge­setz­ter Repres­si­on über­geht so wie auch schon 2007 und in den Fol­ge­jah­ren neue sozia­le Bewe­gun­gen akti­vie­ren oder reak­ti­vie­ren, wahr­schein­lich in enge­rer Ver­bin­dung auch mit den vor der Kri­se im Schwan­ge befind­li­chen öko­lo­gi­schen Bewe­gun­gen unter dem Label der »Kli­ma­kri­se«. Wenn es aber kei­ne poli­tisch geschlos­se­ne, orga­ni­sier­te und füh­rungs­star­ke Bewe­gung geben wird – so die Erfah­run­gen von Occu­py bis Gilets jau­nes (Gelb­we­sten) –, dann wer­den Wider­stand und Alter­na­tiv­ver­such in den täg­li­chen Exi­stenz­äng­sten der Mehr­heit der Bür­ger zer­fled­dern. Oder schlim­mer: Die Suche nach Alter­na­ti­ven wird von rechts besetzt, mit natio­na­li­sti­schen, ras­si­sti­schen, demo­kra­tie­feind­li­chen Kon­zep­ten und Bewegungen.