Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Die Ruhr und die Kultur

Das Ruhr­ge­biet ist eine der viel­fäl­tig­sten Kul­tur­land­schaf­ten in Euro­pa, nur dass sich die­se Tat­sa­che im Ran­king bun­des­deut­scher Städ­te nie­mals nie­der­schlägt und folg­lich viel zu wenig bekannt ist. Da bele­gen Dort­mund, Bochum, Essen und so wei­ter unter 30 aus­ge­wähl­ten Städ­ten stets die Abstiegs­rän­ge. Rein for­mal haben die­je­ni­gen, die sol­che Tabel­len auf­stel­len, zwar recht, aber sie lie­gen trotz­dem weit dane­ben, weil sie vom Ruhr­ge­biet nichts ver­ste­hen. Und zwar gar nichts. Dort­mund hat eine Oper, ein tol­les Bal­lett, ein Thea­ter, aber kein Eisen­bahn­mu­se­um. Das hat Bochum, dane­ben ein Spit­zen­thea­ter, und das seit Jahr­zehn­ten, aber kein Iko­nen­mu­se­um. Das wie­der­um hat Reck­ling­hau­sen, dem aller­dings ein Lehm­bruck­mu­se­um für Skulp­tu­ren und Pla­sti­ken wie in Duis­burg fehlt. Man könn­te die Liste lan­ge fort­set­zen. War­um um Him­mels wil­len soll im Ruhr­ge­biet jede Stadt alles haben, wo das doch in der näch­sten, kei­ne zwan­zig Kilo­me­ter ent­fernt, längst vor­han­den ist. Köln hat so weit alles, auch Ham­burg, aber da fehlt auch jedes kul­tu­rel­le Umfeld. Was es in der Stadt nicht gibt, gibt‘s auch nicht im Umfeld. Aber im Ruhr­ge­biet ist das anders. Es ist nicht unty­pisch, dass die Ruhr­ge­biets­städ­te so ein­ge­ord­net wer­den, sie haben mit uralten Kli­schees zu kämpfen.

Dass es hier nicht mehr ver­staubt und dreckig ist, haben inzwi­schen wenig­stens eini­ge kapiert, wir leben nicht mehr auf einer Koh­le­hal­de, auch wenn man als Zuschau­er des Dort­mund-Tat­orts genau das den­ken muss. Da spie­len die Hand­lun­gen in Bruch­bu­den mit Prot­ago­ni­sten, die schon mor­gens besof­fen sind. Und das durch­gän­gig. Gut, Pro­blem­vier­tel gibt es im Ruhr­ge­biet, und zwar genug. Aber wo, lei­der, gibt es die nicht! Der Dort­mun­der Ober­bür­ger­mei­ster hat neu­lich gegen einen die­ser Tat­ort­kri­mis beim WDR pro­te­stiert, ich habe sei­nen Pro­test unter­stützt, aber er war noch viel zu zahm. Ich glau­be nicht, dass die ARD es wagen wür­de, sol­che Kri­mis in Stutt­gart oder Mün­chen zu drehen.

Als ich mal Schrift­stel­ler durch den ver­ru­fe­nen Dort­mun­der Nor­den führ­te, sag­te mir die eng­li­sche Kol­le­gin, dass dies in Leeds ein Vier­tel für »hig­her level« sei. Genau­so urteil­te die Autorin Petra Reski, die aus dem Ruhr­ge­biet stammt und in Vene­dig lebt. Pro­blem­vier­tel in Ita­li­en sähen ent­schie­den anders aus, ergänz­te sie, drecki­ger näm­lich und kaputter.

Aber dann kommt plötz­lich eine ande­re Sta­ti­stik zum Tra­gen, die aller­dings kaum bekannt ist. Unter den grün­sten Städ­ten in Deutsch­land befin­den sich, las ich neu­lich, gleich meh­re­re aus dem Ruhr­ge­biet. Selbst das hoch ver­schul­de­te Ober­hau­sen kam hier tat­säch­lich gut weg, da staun­ten selbst die Ruhrgebietler.

War­um sich man­che Vor­ur­tei­le bis hin in Fern­seh­se­ri­en so hart­näckig hal­ten, hat aller­dings auch mit dem Ruhr­ge­biet selbst zu tun. Die Kul­tur­land­schaft ist sehr ent­wickelt, aber sie lebt zu wenig in der Bevöl­ke­rung. Anne Sophie Mut­ter hat mal geur­teilt, der beste Klang­raum in der Repu­blik sei das Kon­zert­haus in Dort­mund, der OB lässt – zu Recht – kei­ne Gele­gen­heit aus, das zu beto­nen, aber wer im Ruhr­ge­biet weiß das schon? Es geht an der Bevöl­ke­rung vor­bei, eher hört man, dass man viel zu viel Geld für das Kon­zert­haus aus­ge­ge­ben habe. So etwas wird dann bei uns stets mit sozia­len Argu­men­ten unter­mau­ert. Denk mal an die Kin­der­gär­ten und die Schu­len, was man da mit all dem Geld anfan­gen könn­te, höre ich oft. Dass Kul­tur ein wich­ti­ger Fak­tor im Zusam­men­le­ben ist, muss sich im Ruhr­ge­biet erst noch durchsetzen.

Dabei gibt sich das Kon­zert­haus ganz und gar nicht eli­tär. Orche­ster­mu­si­ker schwir­ren in die Nord­stadt aus und for­dern die Men­schen, die aus mehr als 50 Län­dern hier­her­ge­zo­gen sind, auf, ihre Instru­men­te zu holen und gemein­sam mit ihnen Musik zu machen. Ein tol­les Pro­gramm ist ent­stan­den, und als es im vol­len Kon­zert­haus auf­ge­führt wur­de, bestand die Hälf­te der Zuhö­rer aus Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Wir gehö­ren zusam­men, wur­de hier ein­drucks­voll demon­striert, aber irgend­wie bleibt trotz­dem nicht viel hän­gen, vor allem nicht dauerhaft.

Dort­mund hat seit ein paar Jah­ren ein Lite­ra­tur­haus, ein klei­nes, aber es ist schwie­rig, selbst das mit Lesun­gen zu fül­len. Die Struk­tur ist da, aber sie lebt, wie gesagt, nicht rich­tig in den Menschen.

»Wat will­ze mit dat Buch«, sagt mir jemand, dem ich mei­nen neu­en Roman schmack­haft machen möch­te. Ja, was will ich damit? Dass er es liest natür­lich, denn es behan­delt The­men, die ihn betref­fen. Max von der Grün hat jahr­zehn­te­lang in sei­nen Roma­nen die Pro­ble­me der Arbei­ter im Revier the­ma­ti­siert, er hat ihre Posi­ti­on bezo­gen, hat sich für sie rein­ge­hängt und die Arbei­ter lite­ra­tur­fä­hig gemacht, aber gele­sen wer­den nicht mehr »Irr­licht und Feu­er« oder »Stel­len­wei­se Glatt­eis«, son­dern der Jugend­ro­man »Vor­stadt­kro­ko­di­le«.

Das hat mit unse­rem schwach ent­wickel­ten Selbst­be­wusst­sein zu tun. Mein kürz­lich ver­stor­be­ner Freund Hans Til­kow­ski, zu sei­ner Zeit neben dem Rus­sen Lew Jaschin bester Fuß­ball­tor­wart der Welt, sag­te mal: »Wenn wir Ruhr­ge­biet­ler mit ein Meter fünf­zig Grö­ße durch eine zwei Meter hohe Tür gehen, bücken wir uns noch.« So ist es. Soli­da­ri­tät kann man im Ruhr­ge­biet erwar­ten, das ist nicht ein­fach bloß ein Wort, aber den Kopf nach oben raus­strecken, zu sagen, dass wir uns hin­ter ande­ren nicht ver­stecken müs­sen, fällt den Leu­ten im Revier schwer. Hier wir­ken die alten Zei­ten vor dem Struk­tur­wan­del nach: Koh­le, Stahl und Bier. Sech­zig Jah­re lang Beton­mehr­hei­ten für eine Par­tei, noch dazu gestützt von den Gewerk­schaf­ten, da war wenig Platz für künst­le­ri­schen, krea­ti­ven Dis­kurs. Für Dis­kurs über­haupt. Mei­ne Hei­mat­stadt Kamen wur­de vie­le Jah­re lang vom Betriebs­rats­bü­ro der Zeche aus regiert. Leu­te, die Kul­tur för­dern woll­ten, wur­den aus­sor­tiert. Einer mei­ner Freun­de war sogar für kur­ze Zeit Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der, aber weil er par­tout nicht von der Kul­tur las­sen woll­te, wur­de die­ser »Kul­tur­hengst«, wie er genannt wur­de, bei der näch­sten Wahl nicht mehr auf­ge­stellt. Er schaff­te es danach immer­hin noch, Lei­ter der Ruhr­fest­spie­le zu wer­den. Für die Klein­stadt Kamen reich­te es nicht, aber Chef der ein­zi­gen Arbei­ter­fest­spie­le, die seit Jahr­zehn­ten ein Leucht­turm sind, konn­te er noch werden.

Fuß­ball, das wis­sen alle, ist im Ruhr­ge­biet wich­tig, aber wel­che sozio­kul­tu­rel­le Rol­le die­ser Sport spiel­te und immer noch spielt, ist den wenig­sten bekannt. Das Ruhr­ge­biet ist ein Schmelz­tie­gel. Zu Beginn der Indu­stria­li­sie­rung kamen die Leu­te aus Schle­si­en, Ost­preu­ßen, aus Polen und Bay­ern. Es gibt bis heu­te Bay­ern­ver­ei­ne in nahe­zu jeder Revier­stadt. Das sind die Leu­te, wird einem ger­ne erzählt, die bei ihren Festen so laut schrei­en, was sie jodeln nen­nen. Man amü­siert sich also und fin­det es trotz­dem schön. Dann hat­ten die­se Leu­te nicht einen Glau­ben, sie waren auch noch evan­ge­lisch oder katho­lisch, was in der ersten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts eine wich­ti­ge Rol­le spiel­te. Die Unter­schie­de zwi­schen die­sen Men­schen waren groß, aber da war ja der Fuß­ball. Lass die­sen oder jenen in Ruhe, der kommt zwar aus Polen und katho­lisch ist er auch noch, aber er schwärmt für Schal­ke oder Rot­weiß Essen oder Borus­sia Dort­mund. Das hat ver­bun­den, das war Sozi­al­kitt, der auch heu­te noch sei­ne Funk­ti­on erfüllt. Im Ruhr­ge­biet gibt es vie­le Migran­ten, Tür­ken vor allem, aber es gibt kei­ne Pegi­da, denn klar, hier gibt es den Fuß­ball. Ein brau­ner Fleck sind aller­dings die Neo­na­zis in Dort­mund-Dorst­feld, die gar nicht mal so vie­le sind, wie mir die Poli­zei ver­si­chert, aber lei­der sind sie sehr aktiv und daher inzwi­schen bun­des­weit bekannt. Leider.

Die kul­tu­rel­le Infra­struk­tur ist mehr als beacht­lich, die sozio­kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­de sind span­nend, aber man ist sich des­sen hier und damit, als Fol­ge, auch anders­wo viel zu wenig bewusst. Des­halb sind die Vor­ur­tei­le über das Ruhr­ge­biet, platt und längst über­holt, immer noch virulent.

Zum Schluss noch zwei Zah­len. Um 1980 leb­ten in Dort­mund noch 75 Pro­zent der Bevöl­ke­rung von Koh­le und Stahl. Bei­des ist voll­stän­dig ver­schwun­den. Dort, wo in Dort­mund das gro­ße Stahl­werk »Phoe­nix« stand, gibt es heu­te einen See, Lieb­lings­ort der Dort­mun­der für Spa­zier­gän­ge, den Phoe­nix­see. Hier ist das alte Ruhr­ge­biet im wahr­sten Sin­ne des Wor­tes unter­ge­gan­gen. Heu­te hat Dort­mund dank High­tech, Uni­ver­si­tät und Ver­wal­tun­gen eine Arbeits­lo­sig­keit von unter zehn Pro­zent. Jeder ein­zel­ne ist einer zu viel, das stimmt, aber was für eine Lei­stung. Das hat die kul­tur­fer­ne Beton­frak­ti­on mit den Gewerk­schaf­ten im Schlepp­tau dann doch gut hin­ge­kriegt! Respekt also.