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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Das ist des Pudels Kern«

Man will es ein­fach nicht glau­ben, aber die Mel­dung schlug wie Blitz und Don­ner in den Feuil­le­tons ein: Goe­thes »Faust« wird ab 2024 als Pflicht­lek­tü­re für baye­ri­sche Abitu­ri­en­ten gestri­chen. Wäh­rend der deut­sche Schul­be­trieb noch im Som­mer­fe­ri­en­mo­dus ver­harr­te, erfass­te das gan­ze Land der Mensch­heit gan­zer Jam­mer und ließ die ande­ren Kri­sen die­ses Jah­res für eini­ge Tage ver­schwin­den. Kein ver­pflich­ten­der »Faust« mehr?! In Nord­rhein-West­fa­len und ande­ren Bun­des­län­dern zwar schon seit ein paar Jah­ren – aber nun in Bay­ern? Da heul­ten die Sire­nen vom Unter­gang der Kul­tur. Die Klas­sik Stif­tung Wei­mar appel­lier­te an den baye­ri­schen Mini­ster­prä­si­den­ten, die Ent­schei­dung rück­gän­gig zu machen.

Die Gret­chen­fra­ge ist jedoch, wel­cher Prü­fungs­ka­non soll nun das wohl berühm­te­ste Dra­ma der deut­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te erset­zen? Mit Les­sings »Nathan der Wei­se«, Tho­mas Manns »Bekennt­nis­se des Hoch­stap­lers Felix Krull«, Georg Büch­ner, Theo­dor Fon­ta­ne, Franz Kaf­ka, Ber­tolt Brecht, Alfred Döblin, Anna Seg­hers oder Gün­ter Grass hat die deut­sche Lite­ra­tur genü­gend Bei­spie­le für eine ange­mes­se­ne Lek­tü­re und Abitur­prü­fung. Es bleibt jedoch zu befürch­ten, dass dar­über hit­zi­ge Grund­satz­de­bat­ten quer durch alle poli­ti­schen Lager geführt wer­den. Und am Ende ent­schei­det jedes Bun­des­land, jede Schu­le und jede/​r Deutsch­leh­re­rIn wohl selbst, was aller­dings das ange­streb­te ver­glei­chen­de Abitur fast unmög­lich macht.

Ach, bin ich froh, dass ich armer Tor nicht ent­schei­den muss. Mein Abitur liegt immer­hin schon fast sech­zig Jah­re zurück. Wir haben den »Faust« gele­sen, doch zum schrift­li­chen Deutsch­ab­itur hat­ten wir drei The­men zur Aus­wahl – neben der obli­ga­to­ri­schen Gedicht­in­ter­pre­ta­ti­on auch ein Goe­the-Zitat. Übri­gens besit­ze ich meh­re­re »Faust«-Ausgaben – vom ver­gilb­ten Reclam­heft bis zur illu­strier­ten Pracht­aus­ga­be. Sie haben wei­ter­hin Blei­be­recht in mei­nem Bücherschrank.