Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Déjà-vu

Wech­sel­ten wir vor dem 13. August 1961 zu Fuß vom Ost- in den West­teil Ber­lins, infor­mier­te uns ein Stra­ßen­schild auf Deutsch, Rus­sisch, Eng­lisch und Fran­zö­sisch, dass wir nun­mehr den »demo­kra­ti­schen Sek­tor« ver­lie­ßen. Bei der Rück­kehr hieß es auf der ande­ren Sei­te, eben­falls vier­spra­chig, in Ver­sa­li­en: YOUARELEAVINGTHEAMERICANSECTOR.

Als wir am 3. Okto­ber 2020, wir konn­ten uns vor der näch­sten Coro­na-Wel­le noch frei bewe­gen, auf das Land­gut Sto­ber in Groß Behnitz fuh­ren, las ich am Hof­ein­gang auf einer Tafel wie wei­land an der Ber­li­ner Sek­to­ren­gren­ze mehr­spra­chig: YOUARELEAVINGTHECORONAFREESECTOR. Offen­kun­dig soll­te auf die­se Wei­se signa­li­siert wer­den, dass man nach Über­schrei­ten die­ser Linie sich einen Mund­schutz umbin­den sollte.

Nun, wir taten es und nah­men auf der Ter­ras­se des Restau­rants in der Son­ne Platz. Von dort oben hat­ten wir einen wun­der­ba­ren Blick auf den Groß Behnit­zer See, der gesäumt wird von mäch­ti­gen Eichen und Buchen, rie­si­gen Sumpf­zy­pres­sen und jahr­hun­der­te­al­ten Pla­ta­nen. Dass der Natur­lehr­pfad, der an ihnen vor­über­führt, bereits in der DDR – auf Initia­ti­ve des Kul­tur­bun­des – ange­legt wor­den war, lässt sich aus dem Text einer Tafel von 2016 indi­rekt schlie­ßen. Der Anlass für deren Anbrin­gung näm­lich war der 50. Geburts­tag des lehr­rei­chen Weges. Offen­kun­dig denkt man hier immer ein wenig um die Ecke und setzt auf die Intel­li­genz der Besucher.

Dass das Anwe­sen mit Guts­wirt­schaft – einst von den Gra­fen von Itzen­plitz ange­legt und von den Bor­sigs 1866 über­nom­men – bis 1990 jahr­zehn­te­lang von einer Land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­ge­nos­sen­schaft geführt wur­de, erfährt man eben­so bei­läu­fig wie die Nach­richt, dass das von der LPG zwangs­wei­se ver­las­se­ne Objekt nach 1990 ver­wahr­lo­ste – obgleich sich doch die Denk­mal­pfle­ge um den Erhalt bemüh­te. Tja, wir hat­ten vie­les in der DDR nicht, aber danach hat­ten wir vie­les nicht mehr. Zum Bei­spiel Ver­ant­wor­tung fürs Erbe und eine Bahn­sta­ti­on in Groß Behnitz.

Ein Münch­ner Bau­un­ter­neh­mer erwarb 2000 die Immo­bi­lie mit Her­ren­haus, Park und den Wirt­schafts­ge­bäu­den aus roten Bran­den­bur­ger Zie­geln und rich­te­te alles, auch mit Mil­lio­nen aus euro­päi­schen und natio­na­len För­der­töp­fen, anse­hens­wert her. Nichts dage­gen zu sagen. Er füg­te auch ein neu­es »Bio-Hotel« hin­zu, das sich archi­tek­to­nisch in das Ensem­ble durch­aus har­mo­nisch ein­fügt, und stritt dann mit einem Bor­sig-Nach­fah­ren meh­re­re Jah­re und durch alle Instan­zen um den Namen des Gan­zen. Der Bun­des­ge­richts­hof ent­schied 2015 schließ­lich, dass die Bezeich­nung »Bor­sig« für das Anwe­sen kei­ne Ver­wen­dung fin­den dür­fe und folg­te dar­in der Argu­men­ta­ti­on des Klä­gers: »Mein Vater Ernst von Bor­sig setz­te auf Land­wirt­schaft und auf ein sozia­les Enga­ge­ment in der Regi­on. Was Herr Sto­ber aus dem Are­al gemacht hat, hat damit wenig zu tun. Das ist doch ein rei­ner Gewer­be­be­trieb.« So heißt denn seit­her das Unter­neh­men mit Kon­fe­renz- und Aus­stel­lungs­räu­men, Her­ber­ge und Stan­des­amt, Restau­rants und Muse­ums­stücken et cete­ra nach dem Eigen­tü­mer »Land­gut Stober«.

Dabei weist doch alles in die­sem Ort, der kei­ne sechs­hun­dert See­len zählt, auf die Ber­li­ner Unter­neh­mer­fa­mi­lie. Nicht nur die Grab­an­la­ge für Albert und Ernst von Bor­sig neben der Kir­che. Auch der zwei­flü­ge­li­ge schmie­de­ei­ser­ne Zugang zum Guts­haus tut es. Er trägt Tei­le des 1868 in Ber­lin abge­ris­se­nen Ora­ni­en­bur­ger Tores und eine Tafel, auf der es heißt, dass sich zwi­schen 1941 und 1943 »auf Ein­la­dung des Dr. Ernst von Bor­sig mehr­mals die Gra­fen Molt­ke und York von War­ten­burg mit füh­ren­den Mit­glie­dern des Kreis­au­er Krei­ses« hier getrof­fen hätten.

Die Fra­ge von Krieg und Frie­den spiel­te auch spä­ter in Groß Behnitz eine gewis­se Rol­le. Das lässt sich aus der tem­po­rä­ren Anwe­sen­heit der Rake­ten­ab­tei­lung 1 der Natio­na­len Volks­ar­mee (NVA) schlie­ßen. Die zog aber bereits 1986 ab, womit der Ort von der Liste der stra­te­gi­schen Angriffs­zie­le der Nato ver­schwand und der Regi­on Frie­den bescher­te. Und dem Havel­land neben Schloss Rib­beck ein zwei­tes tou­ri­sti­sches Kleinod.

Das schö­ne Gut ist aller­dings aktu­ell nicht mehr mit der Bahn erreich­bar. Obgleich doch die Fami­lie Bor­sig, als in den 1860er Jah­ren die Strecke von Ber­lin nach Han­no­ver gelegt wur­de, zehn­tau­send Taler und mehr als fünf­zehn Hekt­ar Land für einen Bahn­hof spen­dier­te. Der wur­de aus den glei­chen Bau­stei­nen errich­tet wie die gesam­te Guts­an­la­ge und steht, da er dem Klas­si­zis­mus zuge­rech­net wird, eben­falls unter Denk­mal­schutz. Aller­dings stop­pen dort gegen­wär­tig nur Bus­se. Erst 2034 sol­len hier wie­der Regio­nal­zü­ge halten.

So denn die kom­men­den Coro­na-Kosten sol­che Luxus-Inve­sti­tio­nen über­haupt noch erlau­ben werden.