Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Es führt kein Weg zurück

Da ste­hen sie, hin­ter­ein­an­der auf­ge­reiht und abruf­bar über die Home­page der »Initia­ti­ve Wie­der­auf­bau Born­platz­syn­ago­ge« (www.bornplatzsynagoge.org), 80 Per­sön­lich­kei­ten des öffent­li­chen Lebens Ham­burgs, die mei­sten ein Pla­kat mit stets dem­sel­ben Slo­gan prä­sen­tie­rend: »Nein zu Anti­se­mi­tis­mus – Ja zur Born­platz­syn­ago­ge«. Peter Tschent­scher (SPD), Erster Bür­ger­mei­ster Ham­burgs, eröff­net das Defi­lee und gibt die Rich­tung vor: »Jüdi­sche Reli­gi­on und Kul­tur müs­sen einen festen Platz haben in unse­rer viel­fäl­ti­gen Ham­bur­ger Stadt­ge­sell­schaft. Dazu gehört ein Wie­der­auf­bau der von den Nazis zer­stör­ten Syn­ago­ge am Born­platz im Grin­del­vier­tel, die wie­der zu einem zen­tra­len Ort der jüdi­schen Kul­tur und Reli­gi­on in Ham­burg wer­den soll.«

Katha­ri­na Fege­bank (Bünd­nis 90/​Die Grü­nen), Zwei­te Bür­ger­mei­ste­rin Ham­burgs, folgt auf dem Fuße: »Ich bin begei­stert von der Initia­ti­ve! Ich wer­de in mei­nem per­sön­li­chen und beruf­li­chen Umfeld dafür wer­ben, dass wirk­lich alle dabei sind und sagen: Nein zu Anti­se­mi­tis­mus. Ja zur Born­platz­syn­ago­ge.« Olaf Scholz (SPD), Vor­gän­ger Tschent­schers und jetzt Vize­kanz­ler in Ber­lin, ver­kün­det als Drit­ter: »Es ist gut, dass es wie­der jüdi­sches Leben in Deutsch­land gibt. Es ist wich­tig, dass wir uns gegen den Anti­se­mi­tis­mus stel­len, und es ist sehr gut, wenn die Born­platz­syn­ago­ge in Ham­burg wie­der­ersteht.« Shlo­mo Bistritz­ky, Lan­des­rab­bi­ner, sekun­diert: »Die Gesprä­che über den Wie­der­auf­bau der Born­platz­syn­ago­ge kom­men zur rich­ti­gen Zeit: Deutsch­land ist auf­ge­wacht, um etwas gegen den wach­sen­den Anti­se­mi­tis­mus zu unternehmen.«

Womit die wesent­li­chen Argu­men­te für den Wie­der­auf­bau genannt sind, ein ande­rer argu­men­ta­ti­ver Wider­hall kommt nicht mehr, wer auch immer sei­ne Stim­me erhebt. Vie­le sind dabei mit Rang und Namen in der Han­se­stadt: u. a. der Vor­stands­vor­sit­zen­de der otto group, der Geschäfts­füh­rer des BUND, Cam­pi­no von den »Toten Hosen«, die Vor­sit­zen­de des DGB Ham­burg, der Ärzt­li­che Direk­tor des Uni­ver­si­täts­kran­ken­hau­ses UKE, der Prä­si­dent des Ham­bur­ger Sport­bunds, der Vor­sit­zen­de der Tür­ki­schen Gemein­de, der Pastor der Jeru­sa­lem-Gemein­de, diver­se Ver­tre­ter der christ­li­chen Kir­chen, Bun­des­ab­ge­ord­ne­te und aller­lei Kul­tur­schaf­fen­de. Von außer­halb Ham­burgs befür­wor­ten u.a. Außen­mi­ni­ster Hei­ko Maas und der Grü­nen-Poli­ti­ker Cem Özde­mir den Wiederaufbau.

Die Crè­me de la Crè­me der Han­se­stadt zieht an einem Strang. Aber ist damit auch schon alles klar? Wir wer­den sehen: bei­lei­be nicht. Zuvor aber ein sehr kur­zer histo­ri­scher Exkurs in die erste Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts, um zu ver­ste­hen, wor­um es geht: An 13. Sep­tem­ber 1906 wur­de am Born­platz im Ham­bur­ger Grin­del­vier­tel, im heu­ti­gen Bezirk Eims­büt­tel gele­gen und zeit­wei­se Klein Jeru­sa­lem genannt, die Haupt­syn­ago­ge der Deutsch-Israe­li­schen Gemein­de ein­ge­weiht, mit 1200 Plät­zen eine der größ­ten in Nord­eu­ro­pa, mit einer Höhe von fast 40 Metern weit­hin sicht­bar. Erbaut wur­de die Syn­ago­ge im neo­ro­ma­ni­schen Stil, einem euro­päi­schen Kunst­stil des 19. Jahr­hun­derts, der auf Vor­bil­der aus dem 10. und 11. Jahr­hun­dert zurück­griff, der Epo­che der Roma­nik. Der Stil wur­de von den Bau­her­ren bewusst gewählt, soll­te er doch zei­gen, dass die israe­li­sche Gemein­de zur Stadt­ge­sell­schaft gehört, dass sie inte­griert ist. Der Sakral­bau war das Stein-gewor­de­ne Wahr­zei­chen eines selbst­be­wuss­ten Juden­tums und wur­de zum Mit­tel­punkt des blü­hen­den jüdi­schen Lebens in Hamburg.

In der Reichs­po­grom­nacht 1938 wur­de die Syn­ago­ge ver­wü­stet und 1939 auf Betrei­ben der NSDAP-Gau­lei­tung abge­ris­sen. Nach dem zwei­ten Welt­krieg erin­ner­te lan­ge Zeit nur eine Gedenk­ta­fel an den Kir­chen­bau. Sein frü­he­rer Stand­ort dien­te als Park­platz. Erst der bevor­ste­hen­de 50. Jah­res­tag der Zer­stö­rung führ­te 1986 zu einem Ideen­wett­be­werb um die Gestal­tung des Plat­zes. Nach dem Ent­wurf einer Künst­le­rin wur­den Grund­riss und Decken­ge­wöl­be der frü­he­ren Syn­ago­ge auf dem nur noch Fuß­gän­gern zugäng­li­chen Boden abge­bil­det, aus dunk­lem Mosa­ik­pfla­ster und polier­ten schwar­zen Granitsteinen.

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Am Anfang war das Wort, und zu lesen stand es am 28. Okto­ber 2019 im Ham­bur­ger Abend­blatt: »Rab­bi: Lasst uns die Syn­ago­ge am Born­platz wie­der­auf­bau­en«, hat­te die Zei­tung das Inter­view mit dem Lan­des­rab­bi­ner Shlo­mo Bistritz­ky über­schrie­ben. Eine öffent­li­che Debat­te hob an, rasch wuchs die Zustim­mung, und schon weni­ge Wochen spä­ter, am 8. Novem­ber, mel­de­te die Pres­se, Ham­burgs Erster Bür­ger­mei­ster Tschent­scher und die Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den von SPD, CDU und Grü­nen wür­den die Idee unter­stüt­zen. Am 12. Febru­ar 2020 brach­ten die Frak­tio­nen von SPD, Grü­nen, CDU, FDP und Lin­ken einen den Wie­der­auf­bau befür­wor­ten­den Antrag in die Bür­ger­schaft ein, als »star­kes Zei­chen gegen Anti­se­mi­tis­mus«. Der Deut­sche Bun­des­tag stell­te ein drei Vier­tel Jahr spä­ter 600.000 Euro für die Finan­zie­rung einer Mach­bar­keits­stu­die bereit, im Novem­ber 2020 gab der Haus­halts­aus­schuss des Bun­des­tags 65 Mil­lio­nen Euro für die Rekon­struk­ti­on der Syn­ago­ge frei. Der glei­che Betrag soll noch ein­mal aus dem Ham­bur­ger Haus­halt kom­men. Die euro­päi­sche Aus­schrei­bung der Stu­die ist im Janu­ar in die Wege gelei­tet wor­den. Frü­he­stens Ende 2021 wird ein Ergeb­nis vorliegen.

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»Lie­be Ham­bur­ger, wir wol­len gemein­sam mit Euch die Born­platz­syn­ago­ge wie­der auf­bau­en! Mit Eurer Unter­stüt­zung wol­len wir ein Zei­chen set­zen, dass die gan­ze Stadt die­se Syn­ago­ge will!« Mit die­sen Wor­ten lässt sich Phil­ipp Stri­ch­arz, der Vor­sit­zen­de der Jüdi­schen Gemein­de, als Mit­glied der Initia­ti­ve zitie­ren. Aber schon am 10. Febru­ar 2020 war in der Ham­burg-Aus­ga­be der Welt zu lesen: »Doch anders als die Jüdi­sche Gemein­de, die weit­ge­hend geschlos­sen hin­ter dem Syn­ago­gen­bau steht, stim­men nicht alle in den Kanon der Begei­ste­rung mit ein. Ver­schie­de­ne Mit­glie­der der jüdi­schen Com­mu­ni­ty in Ham­burg (…) kri­ti­sie­ren die Plä­ne. Ihr Kri­tik­punkt: Die­se wür­den den Ein­druck ver­mit­teln, den Abriss unge­sche­hen zu machen. Das Vor­ha­ben, eine Rekon­struk­ti­on der ein­sti­gen Syn­ago­ge zu errich­ten, gilt ihnen als rückwärtsgewandt.«

Als gegen Ende des Jah­res 2020 die Finan­zie­rungs­be­schlüs­se bekannt wur­den, posi­tio­nier­ten sich die Kri­ti­ker, durch­weg »pro­mi­nen­te Exper­ten« (Ham­bur­ger Abend­blatt, 28. Dezem­ber 2020), öffent­lich gegen die Mei­nungs­front. In ihrer Stel­lung­nah­me wer­ben sie für einen »brei­ten, offe­nen Dis­kurs«: »Wir begrü­ßen das Enga­ge­ment der maß­ge­ben­den Ham­bur­ger Poli­ti­ker und Poli­ti­ke­rin­nen, durch gro­ße staat­li­che Anstren­gun­gen die jüdi­sche Gemein­schaft und ein viel­fäl­ti­ges jüdi­sches Leben in unse­rer Stadt sicht­bar zu stär­ken. Damit wird ein deut­li­ches Zei­chen gegen jeg­li­chen Anti­se­mi­tis­mus gesetzt. Dazu kann auch der Neu­bau einer Syn­ago­ge gehö­ren. Der histo­ri­sie­ren­de Wie­der­auf­bau der Gro­ßen Born­platz-Syn­ago­ge scheint uns dage­gen aus vie­len Grün­den nicht der rich­ti­ge Weg zu sein. Wir hal­ten es des­halb für not­wen­dig, alle inter­es­sier­ten gesell­schaft­li­chen Grup­pen, Insti­tu­tio­nen und Per­so­nen an einem brei­ten, offe­nen und öffent­li­chen Dis­kurs zu beteiligen.«

Zu den »vie­len Grün­den«, die gegen einen histo­ri­sie­ren­den Wie­der­auf­bau ins Feld geführt wer­den, zäh­len laut Reso­lu­ti­on: Geschich­te las­se sich nicht rück­gän­gig machen oder revi­die­ren, son­dern müs­se ange­nom­men wer­den, um Schluss­fol­ge­run­gen aus ihr zu zie­hen. – An der histo­ri­sie­ren­den Rekon­struk­ti­on sei auf beson­de­re Wei­se pro­ble­ma­tisch, dass dadurch das Resul­tat ver­bre­che­ri­scher Hand­lun­gen unsicht­bar gemacht und die Erin­ne­rung an die­ses Ver­bre­chen erschwert wer­den, so als sei nie etwas gesche­hen. – Durch die Rekon­struk­ti­on am alten Platz wer­de ein zen­tra­ler erin­ne­rungs­kul­tu­rel­ler Ort Ham­burgs zer­stört. Das Boden­mo­sa­ik sei nur ein Teil des Denk­mals, der ande­re sei der durch den Abriss der Syn­ago­ge ent­stan­de­ne lee­re Platz, ein »Denk­raum«, der bei Besu­che­rin­nen und Besu­chern aus dem In- und Aus­land immer gro­ße Bewe­gung aus­lö­se. – Heu­te stün­de eine direkt an das wil­hel­mi­ni­sche Bau­werk anknüp­fen­de Wie­der­her­stel­lung in dia­me­tra­lem Gegen­satz zur Fort­schritt­lich­keit des frü­he­ren Juden­tums. Zu den Erst- und Fol­ge­un­ter­zeich­nern, Mit­te Janu­ar rund 90 Per­so­nen, gehö­ren Zeithistoriker/​innen, Kunstgeschichtler/​innen, die Direk­to­rin des Moses-Men­dels­sohn-Zen­trums für euro­pä­isch-jüdi­sche Stu­di­en der Uni­ver­si­tät Pots­dam, Vor­stands­mit­glie­der kul­tu­rel­ler Stif­tun­gen, Archi­tek­ten, Leiter/​innen von histo­ri­schen For­schungs­stel­len, Mit­glie­der der Stol­per­stein-Initia­ti­ve und vie­le ande­re mehr.

Auch Mos­he Zim­mer­mann gehört zu den Unter­zeich­nern, gebo­ren 1943 in Jeru­sa­lem, Histo­ri­ker und Pro­fes­sor em. an der Hebräi­schen Uni­ver­si­tät in Jeru­sa­lem. Im Ber­li­ner Tages­spie­gel vom 14. Janu­ar berich­tet er als Sohn einer jüdi­schen Fami­lie, die Ham­burg in der NS-Zeit Rich­tung Palä­sti­na ver­las­sen muss­te, dass die Born­platz­syn­ago­ge das Bet­haus der Fami­lie gewe­sen sei. Sie sei in Anwe­sen­heit des Groß­va­ters 1906 ein­ge­weiht wor­den. Zim­mer­mann wen­det sich gegen den Wie­der­auf­bau: An die­sem bestehen­den Erin­ne­rungs­ort brau­che er »kei­ne see­len­lo­se Mimi­kry«. Er wen­det sich auch gegen die Ver­knüp­fung der bei­den The­men Anti­se­mi­tis­mus und Wie­der­auf­bau, wie sie der Slo­gan der Befür­wor­ter PR-geschickt präsentiert.

Mit­te Janu­ar stell­ten sich zwei Frau­en, deren Wort in Ham­burg etwas gilt, in einem als Pres­se­mit­tei­lung ver­öf­fent­lich­ten Gespräch mit dem Ausch­witz-Komi­tee an die Sei­te der Geg­ner eines histo­ri­sie­ren­den Wie­der­auf­baus auf dem Born­platz: die immer noch auf­müp­fi­ge Peg­gy Par­nass, 1927 in Ham­burg gebo­ren, Kolum­ni­stin, Gerichts­re­por­te­rin, Autorin, deren Eltern im Ver­nich­tungs­la­ger Treb­lin­ka ermor­det wur­den, und die in vie­len anti­fa­schi­sti­schen Aktio­nen immer noch prä­sen­te Ester Beja­ra­no, Jahr­gang 1924, deutsch-jüdi­sche Über­le­ben­de des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Auschwitz-Birkenau.

Klar ist damit: Roma locu­ta est, cau­sa fini­ta est – die­se For­mel aus dem 5. Jahr­hun­dert, auf Augu­sti­nus zurück­ge­hend, greift hier nicht, trotz aller Vor-Ent­schei­dun­gen. Der Dis­kus­si­ons­pro­zess hat gera­de erst begonnen.