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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Für immer ehrlos …«

Frei­tag, 29. Okto­ber 1943, der Him­mel über Ber­lin ist leicht bewölkt, Son­nen­strah­len bre­chen immer wie­der durch. Die Reichs­kanz­lei in der Wil­helm­stra­ße errei­chen schlech­te Nach­rich­ten: Die Rote Armee tritt im Mit­tel­ab­schnitt der Ost­front west­lich von Smo­lensk zu einem neu­en Angriff gegen die dor­ti­gen deut­schen Trup­pen an. Und im nord­ita­lie­ni­schen Genua neh­men die Alli­ier­ten den Hafen ein und rücken gen Nor­den vor.

Nur weni­ge Geh­mi­nu­ten von der Wil­helm­stra­ße, in der Bel­le­vue­stra­ße 15, beginnt am Volks­ge­richts­hof der Pro­zess gegen Elfrie­de Scholz, vier­zig Jah­re alt, Schnei­de­rin, geschie­den, zuletzt wohn­haft in Dres­den, ange­klagt wegen »Wehr­kraft­zer­set­zung«. Wer ist Elfrie­de Scholz?

Am 25. März 1903 kommt sie als jüng­stes von fünf Kin­dern mit dem Nach­na­men Remark zur Welt. Die Geschwi­ster wach­sen in Osna­brück auf, wo die Fami­lie Remark in ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen lebt. Wäh­rend ihr Bru­der Erich Remark plant, Leh­rer zu wer­den, ent­schei­det Elfrie­de sich für eine Leh­re als Schnei­de­rin. Von Osna­brück zieht es Elfrie­de Remark erst nach Leip­zig, dann nach Ber­lin und schließ­lich nach Dres­den. Dort arbei­tet sie als selbst­stän­di­ge Haus­schnei­de­rin. Ihr Bru­der Erich wird unter­des­sen 1916 für den Krieg ein­ge­zo­gen. Erich Maria Remar­que – wie er sich nun nennt – erfährt am eige­nen Leib, wie leid­voll die Erfah­run­gen eines Krie­ges sind. Nach­dem der Erste Welt­krieg been­det ist, arbei­tet er eine Zeit lang als Leh­rer. Schluss­end­lich wid­met er sich aber doch der Schrift­stel­le­rei. Zunächst bleibt Remar­que erfolg­los. Erst mit »Im Westen nichts Neu­es« lan­det der jun­ge Autor einen Welt­erfolg. Ame­ri­ka ruft.

Auch wenn ihre Lebens­ent­wür­fe sehr unter­schied­lich sind – sei­ne pazi­fi­sti­sche Ein­stel­lung teilt Schwe­ster Remar­que mit dem bekann­ten Bru­der. 1933 wer­den sei­ne Bücher zusam­men mit Wer­ken von Erich Käst­ner, Ber­told Brecht, Franz Kaf­ka und vie­len ande­ren ver­bo­ten und ver­brannt. Wäh­rend ihr Bru­der zum inter­na­tio­na­len Star der Lite­ra­tur auf­steigt, muss Elfrie­de Remark sich durch­kämp­fen. Ihr Schnei­der-Geschäft läuft schlep­pend. Unter­stützt Remar­que sie zunächst noch finan­zi­ell, bricht ihr Kon­takt spä­ter ab. Der Autor lebt in einer »ande­ren«, einer mon­dä­nen Welt.

Elfrie­de lernt Heinz Scholz ken­nen, der als Schlag­zeu­ger einer Tanz­ka­pel­le in Dresd­ner Kaf­fee­häu­sern auf­tritt. Anfang Dezem­ber 1940 wird er zur Mari­ne­ar­til­le­rie ein­ge­zo­gen. Im Mai 1941 hei­ra­ten die bei­den wäh­rend eines kur­zen Front­ur­laubs. Doch die Ehe ist nicht glück­lich. Bereits vier Mona­te nach der Hoch­zeit ver­langt Heinz die Schei­dung. Doch Elfrie­de, die ihren Nach­na­men Scholz wei­ter­hin trägt, kann ihre klei­ne Schnei­de­rei in Dres­den eta­blie­ren und so der finan­zi­el­len Not ent­kom­men. Sie hat sich mit Inge­borg Riet­zel, einer ihrer Kun­din­nen ange­freun­det, sie besu­chen sich in ihren Woh­nun­gen, emp­fin­den gegen­sei­ti­ge Sym­pa­thie und Ver­trau­en. In Gesprä­chen erzählt Elfrie­de nicht nur von ihren Sor­gen, son­dern lässt auch ihrem Ärger über »die Poli­tik«, die Natio­nal­so­zia­li­sten und die Kriegs­fol­gen frei­en Lauf. Davon erzählt Inge­borg ihrem Mann, einem Haupt­mann der Wehr­macht. Der erstat­tet Anzeige.

Am 18. August 1943 steht die Gesta­po vor ihrer Tür. Elfrie­de Scholz wird ver­haf­tet, ver­hört, schließ­lich wegen »Wehr­kraft­zer­set­zung« ange­klagt. Nach kur­zer Poli­zei­haft kommt sie in das Unter­su­chungs­ge­fäng­nis Ber­lin-Moa­bit. Dort war­tet sie auf ihren Pro­zess. Am 26. Okto­ber wird ihr end­lich eine mehr­sei­ti­ge Ankla­ge­schrift aus­ge­hän­digt, unter­zeich­net von Reichs­an­walt Albert Wey­ers­berg. Sie wird beschul­digt, »fort­ge­setzt und öffent­lich die Wehr­kraft des deut­schen Vol­kes zu zer­set­zen und den Feind begün­stigt« zu haben. Als Beweis­mit­tel wer­den Zeu­gin­nen zitiert, unter ande­ren Inge­borg Riet­zel. Der Reichs­an­walt bean­tragt eine Haupt­ver­hand­lung vor dem Volks­ge­richts­hof, drei Tage spä­ter steht Elfrie­de Scholz als Ange­klag­te vor der Richterbank.

Den Vor­sitz hat Roland Freis­ler. Sein Vor­sitz ist gefürch­tet, er schreit, tobt und ernied­rigt Ange­klag­te mit Spott und Hohn. Mit sei­ner Ver­hand­lungs­füh­rung macht er den Gerichts­saal zur per­sön­li­chen Büh­ne. Der Gericht­saal ist gut besetzt: Par­tei­gän­ger in Uni­form, Justiz­an­ge­stell­te, aus­ge­wähl­tes Publi­kum, Redak­teu­re gleich­ge­schal­te­ter Zei­tun­gen. Als Freis­ler mit sei­nen Bei­sit­zern in roten Roben den Saal betritt, erhe­ben sich die Anwe­sen­den nicht nur wie im Gericht üblich, sie recken den Arm zum Hit­ler­gruß. Elfrie­de Scholz, die Ange­klag­te, ist die Ein­zi­ge, die ihren Arm nicht hebt.

Freis­ler eröff­net die Sit­zung. Mit schnei­di­ger, durch­drin­gen­der Stim­me fragt er nach ihrem Geburtsnamen.

»Remark? – in mei­ner Akte steht am Ende ein ›k‹ – ist das rich­tig? (…) Ihr wer­ter Herr Bru­der schreibt sich doch mit ›q‹«, stellt Freis­ler in mür­ri­schem Ton fest. »Die­ser ehr­lo­se Lump hat gegen die Hel­den des ver­gan­ge­nen Krie­ges gehetzt – und sie machen es ihm heu­te nach und het­zen gegen die Män­ner, die sich jetzt so hel­den­haft unse­ren Fein­den gegen­über­stel­len. Aber dafür wer­den Sie büßen. Ihr Bru­der ist uns lei­der ent­wischt. Sie ent­wi­schen uns nicht.«

Freis­ler ist ganz in sei­nem Ele­ment. Er brüllt, belei­digt, unter­bricht, Elfrie­de Scholz lässt er kaum zu Wort kom­men. Sie räumt ein, Kri­tik am Krieg geäu­ßert zu haben. »Hören Sie auf!«, fährt Freis­ler dazwi­schen, »ich ver­bie­te Ihnen, Ihre defai­ti­sti­sche Pro­pa­gan­da hier wei­ter­zu­be­trei­ben. (…) Sie sind wirk­lich kei­nen Deut bes­ser als ihr ver­kom­me­nes Bru­der­herz.« Sie starrt zu Boden und schweigt.

Nach gera­de mal einer Stun­de ver­kün­det Freis­ler das Urteil – »Im Namen des deut­schen Vol­kes«: »Frau Elfrie­de Scholz, geb. Remark, hat in mona­te­lan­gen maß­los het­zen­den defai­ti­sti­schen Äuße­run­gen gegen­über einer Sol­da­ten­frau sich bis zu Erklä­run­gen ver­stie­gen, sie möch­te dem Füh­rer eine Kugel durch den Kopf jagen, unse­re Sol­da­ten sei­en Schlacht­vieh, der Füh­rer habe sie auf den Gewis­sen (…). Als ehr­lo­se fana­ti­sche Zer­set­zungs-Pro­pa­gan­di­stin unse­rer Kriegs­fein­de ist sie für immer ehr­los. Sie wird mit dem Tode bestraft.«

Die Ver­hand­lung ist geschlos­sen. Elfrie­de Scholz wird von zwei Wach­be­am­ten aus dem Saal geführt. Auf Freis­ler und sei­ne Bei­sit­zer war­tet schon der näch­ste Pro­zess. Bis zum Ende des Krie­ges wird der Volks­ge­richts­hof 5200 Todes­ur­tei­le fäl­len, mehr als 2600 davon Freis­lers Senat.

Am 25. Novem­ber wird Elfrie­de Scholz vom Ber­li­ner Frau­en­ge­fäng­nis in die Haft­an­stalt Ber­lin-Plöt­zen­see trans­por­tiert. Die Vor­be­rei­tun­gen zur Hin­rich­tung wer­den getrof­fen. Sie weiß, dass sie ster­ben muss. In einem letz­ten Brie­fe an ihre Schwe­ster Erna schreibt sie: »Heu­te Mit­tag um 1 Uhr bin ich nicht mehr.«

Der Mor­gen graut, sie war­tet dar­auf, dass man sie zu ihrem Hen­ker bringt. Doch es geschieht nichts. Wegen der ver­stärk­ten Luft­an­grif­fe auf Ber­lin wird die Hin­rich­tung ver­scho­ben. Elfrie­de Scholz wird zurück in das Frau­en­ge­fäng­nis gebracht, ein neu­er Hin­rich­tungs­ter­min vom Ober­reichs­an­walt fest­ge­legt: 16. Dezem­ber. War­ten auf den Tod.

Am 16. Dezem­ber 1943, um 11 Uhr, erscheint der Voll­streckungs­lei­ter, Ober­staats­an­walt Hans Volk, beglei­tet von einem Justiz­be­am­ten und dem Anstalts­arzt. Kurz, im küh­len Ton, wird ihr mit­ge­teilt, dass die Voll­streckung des Urteils für 13 Uhr anbe­raumt wor­den sei. Der Ober­staats­an­walt wird spä­ter pro­to­kol­lie­ren, die Ver­ur­teil­te habe die Mit­tei­lung »ruhig und gefasst« ent­ge­gen­ge­nom­men. Beam­te holen sie ab. Der Weg führt durch einen lan­gen Flur, nie­mand spricht ein Wort. Sie errei­chen einen Flach­bau, in des­sen Vor­raum wei­te­re Gefäng­nis­be­am­te war­ten, dar­un­ter der Scharf­rich­ter Wil­helm Fried­rich Röttger.

Wil­helm Rött­ger, gelern­ter Schlos­ser, der ein Fuhr­ge­schäft für den Ber­li­ner Zen­tral- und Schlacht­hof betreibt und – gewis­ser­ma­ßen neben­be­ruf­lich – ein­mal pro Woche im Gefäng­nis-Plöt­zen­see Hin­rich­tun­gen voll­zieht, gilt als beson­ders eif­ri­ger Hen­ker. Für sein Henk­ers­amt erhält er ein Jah­res­fi­xum von 3000 Reichs­mark, zusätz­lich 65 Mark »Kopf­prä­mie« für jede Hin­rich­tung. Von allen Scharf­rich­tern des Drit­ten Reichs voll­zieht der Fami­li­en­va­ter die mei­sten Hin­rich­tun­gen. Es kommt vor, dass er wäh­rend einer »Schicht« mehr als drei­ßig Men­schen tötet – mit dem Fall­beil, aber auch mit dem Strick.

Nun steht er vor Elfrie­de Scholz. Hin­ter ihm ein schwar­zer Vor­hang, dahin­ter das metal­le­ne Fall­beil. Gehil­fen füh­ren Elfrie­de Scholz zum Fall­beil, legen ihren Kopf in eine Aus­spa­rung und schlie­ßen über ihren Hals einen Bügel. Im näch­sten Moment fällt das Fall­beil her­ab. »Die Voll­streckung dau­er­te von der Vor­füh­rung bis zur Voll­zug­mel­dung 8 Sekun­den«, wird es im Pro­to­koll des Ober­reichs­an­walts heißen.

Drei­ßig Minu­ten nach der Hin­rich­tung wird der Leich­nam in eine schmuck­lo­se Kiste gelegt und in das Ana­to­mi­sche Insti­tut der Ber­li­ner Cha­ri­té gebracht. Dort war­tet schon Pro­fes­sor Her­mann Stie­ve, der sich den weib­li­chen Geschlechts­zy­klus zum Haupt­for­schungs­ge­biet erko­ren hat und sich Leich­na­me aus dem Gefäng­nis Plöt­zen­see und dem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ravens­brück lie­fern lässt. In Stie­ves Obduk­ti­ons­li­ste, die spä­ter ent­deckt wird, erscheint der Namen Elfrie­de Scholz unter der Num­mer 105.

Das Gefäng­nis Plöt­zen­see teilt der Schwe­ster mit, Elfrie­de Scholz sei »amt­lich bestat­tet« wor­den. Von der Reichs­an­walt­schaft erhält sie eine Kosten­rech­nung: Für die »Voll­streckung« fal­len 300 Reichs­mark an, für Haft und Trans­port­ko­sten wer­den 195,68 Reichs­mark in Rech­nung gestellt, zuzüg­lich 12 Pfen­nig Por­to­ko­sten für die Über­sen­dung der Kosten­rech­nung, ins­ge­samt ein Betrag von 495,80 Reichsmark.

Erich Maria Remar­que, der in New York lebt, erfährt 1946 von Elfrie­des Hin­rich­tung – und ist erschüt­tert. Es quält ihn der Gedan­ke, dass sei­ne Schwe­ster sei­net­we­gen zum Tode ver­ur­teilt wor­den ist. In sei­nem Auf­trag bemüht sich der Anwalt Robert W. Kemp­ner bei der West­ber­li­ner Staats­an­walt­schaft um eine straf­recht­li­che Ver­fol­gung der noch leben­den Pro­zess­be­tei­lig­ten. Am 25. Sep­tem­ber 1970, erhält er den Ein­stel­lungs­be­schluss des Kam­mer­ge­richts Ber­lin. Laut Kemp­ner hat­te die Staats­an­walt­schaft nicht ein­mal den noch leben­den Pro­zess-Bei­sit­zer Kurt Lasch vernommen.

Erich Maria Remar­que erfährt das nicht mehr. Er stirbt am Tag der Ein­stel­lung des Ver­fah­rens im Alter von 72 Jah­ren an Herzversagen.

Hin­weis: Eini­ge Zita­te sowie der Wort­laut des Todes­ur­teils sind der groß­ar­ti­gen Dop­pel­bio­gra­fie »Die ver­lo­re­ne Schwe­ster« von Hein­rich Thiess (zu Klam­pen Ver­lag 2020, 28 €) entnommen.

Lese-Tipp: Hel­mut Ort­ner: Der Hin­rich­ter. Roland Freis­ler – Mör­der im Dien­ste Hit­lers, Nomen Ver­lag, Frank­furt 2022, 358 S., 20 €.