Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Hilfe, Polizei!

»Que fait la poli­ce?« heißt es in Frank­reich nor­ma­ler­wei­se, wenn man die Poli­zei wegen Unfä­hig­keit oder Untä­tig­keit kri­ti­sie­ren will. Letz­te­res kann man den Ein­satz­kräf­ten von Poli­zei und Gen­dar­me­rie kaum vor­wer­fen, wenn es um Ein­sät­ze gegen die seit letz­tem Novem­ber akti­ve Bewe­gung der Gelb­we­sten (gilets jau­nes) geht. Der fran­zö­si­sche Staat geht mit einer bis­her nicht gekann­ten Gewalt gegen die neue Bür­ger­be­we­gung vor. Da die Gelb­we­sten nur eine sehr lose Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur haben und es daher kaum Ver­ant­wort­li­che gibt, die belangt wer­den kön­nen, setzt man auf Zer­mür­bung und mas­si­ve Abschreckung. Dazu wur­den die Ein­hei­ten von Poli­zei und Gen­dar­me­rie sowie die kaser­nier­ten Kräf­te der Com­pa­gnies Répu­bli­cai­nes de Sécu­ri­té (CRS) mit neu­en Waf­fen aus­ge­rü­stet, die als »noch nicht töd­lich (sub­lé­ta­le)« bezeich­net wer­den. Beson­ders gefähr­lich ist eine Gra­na­te mit der Bezeich­nung GLI-F4. Sie ent­hält außer Trä­nen­gas 25 Gramm Spreng­stoff (TNT), der eine hef­ti­ge Druck­wel­le aus­löst und mit 165 Dezi­bel extrem laut ist. Die Waf­fe, von der es angeb­lich nur noch Rest­be­stän­de gibt, hat bei Demon­stran­ten schwe­re Ver­let­zun­gen wie abge­ris­se­ne Hän­de verursacht.

Sehr beliebt ist bei den Poli­zei­ein­hei­ten das Schwei­zer LBD 40. Im Dezem­ber 2018 bestell­te das Innen­mi­ni­ste­ri­um 1280 neue Exem­pla­re des mon­strö­sen Gewehrs, das Hart­gum­mi­ku­geln mit 40 Mil­li­me­tern Durch­mes­ser ver­schießt. Cir­ca 20 der Geschos­se rie­fen bei den Opfern schwe­re Augen­ver­let­zun­gen her­vor, bei eini­gen konn­te das Auge nicht geret­tet wer­den. Seit Beginn der Gelb­we­sten­be­we­gung wur­den fast 10.000 die­ser Gum­mi­pro­jek­ti­le ver­schos­sen. Frank­reich ist bis­her das ein­zi­ge euro­päi­sche Land, das sol­che Waf­fen ein­setzt. Ärz­te und Kran­ken­haus­per­so­nal haben sich wie­der­holt über die Schwe­re der Ver­let­zun­gen ein­ge­lie­fer­ter Demon­stran­ten empört. Aber selbst in den Not­auf­nah­men ist der Staat prä­sent. Kran­ken­häu­ser wur­den ver­pflich­tet, die Namen der Ver­letz­ten wei­ter­zu­lei­ten. Anfang Febru­ar wur­de im Eil­ver­fah­ren das »loi anti­cas­seurs« ver­ab­schie­det, ein »Gesetz gegen Ran­da­lie­rer«, das vor allem die Teil­neh­mer an den Demon­stra­tio­nen der Gelb­we­sten ein­schüch­tern soll und sie in die kri­mi­nel­le, ja ter­ro­ri­sti­sche Ecke stellt.

Der Fall einer 80-jäh­ri­gen Frau aus Mar­seil­le wur­de sogar außer­halb Frank­reichs auf­ge­grif­fen. Zineb Redoua­ne befand sich am 1. Dezem­ber 2018 wäh­rend einer Demon­stra­ti­on auf dem Bal­kon ihrer im vier­ten Stock gele­ge­nen Woh­nung. Sie wur­de von einer, ver­mut­lich aber zwei Trä­nen­gas­gra­na­ten getrof­fen und starb zwei Tage spä­ter an den Fol­gen ihrer Ver­let­zun­gen. Für die Poli­zei war schnell klar, dass Frau Redoua­ne nicht durch die Gas­gra­na­te, son­dern durch die Fol­gen der Ope­ra­ti­on im Kran­ken­haus gestor­ben sei. Im Übri­gen hät­te die Gra­na­te über den Köp­fen der Demon­stran­ten explo­die­ren sol­len und sei fehl­ge­lei­tet wor­den. Die Toch­ter der Ver­stor­be­nen ist sich sicher, dass ihre Mut­ter gezielt beschos­sen wur­de, weil sie mit ihrem Mobil­te­le­fon den Ein­satz gefilmt hat. Tat­säch­lich wer­den pri­va­te, mit dem Han­dy erstell­te Beweis­mit­tel für die Doku­men­ta­ti­on von Poli­zei­will­kür immer wich­ti­ger, da auch durch Arm­bin­den gekenn­zeich­ne­te Jour­na­li­sten und Repor­ter von der Poli­zei nicht ver­schont werden.

Bis Anfang die­ses Jah­res wur­den über 4500 Per­so­nen vor­über­ge­hend fest­ge­hal­ten; knapp 700 Ange­klag­te wur­den bis Anfang Janu­ar einem Straf­rich­ter vor­ge­führt, 216 zu Haft­stra­fen ver­ur­teilt. Auf den Demon­stra­tio­nen der Gelb­we­sten wird die Poli­zei­ge­walt immer häu­fi­ger zum Haupt­the­ma. Über 1000 Künst­ler, dar­un­ter Schau­spie­le­rin­nen wie Juli­et­te Binoche und Emma­nu­el­le Béart, ver­öf­fent­lich­ten am 5. Mai einen Auf­ruf, in dem sie sich mit den Gelb­we­sten soli­da­risch zeig­ten und das bru­ta­le Vor­ge­hen der Poli­zei ver­ur­teil­ten: »Die Bilanz der Repres­si­on ver­schlim­mert sich wöchent­lich. Bis zum 19. April 2019 gab es bereits einen Todes­fall, 248 Kopf­ver­let­zun­gen, 23 Per­so­nen, die ein Auge ver­lo­ren haben, fünf, die den Ver­lust ihrer Hand zu bekla­gen haben. Es ist unse­rer Repu­blik unwür­dig.« Wei­ter heißt es in dem Mani­fest: »Die bedroh­lich­ste Gewalt ist die wirt­schaft­li­che und sozia­le. Es ist die Gewalt einer Regie­rung, die die Inter­es­sen eini­ger weni­ger auf Kosten aller ver­tei­digt. Es ist die Gewalt, die ihre Spu­ren auf Kör­per und Geist der­je­ni­gen hin­ter­lässt, die sich kaputt­ar­bei­ten, um zu über­le­ben. … Wir las­sen uns nicht täu­schen! Wir kön­nen die über­mä­ßig abge­nutz­ten Stra­te­gien erken­nen, mit denen die Gelb­we­sten dis­kre­di­tiert wer­den sol­len, indem sie als Anti­öko­lo­gen, Extre­mi­sten, Ras­si­sten beschrie­ben wer­den.« (https://www.nousnesommespasdupes.fr/, eige­ne Über­set­zung) Schon Ende Febru­ar hat­te die Men­schen­rechts­kom­mis­sa­rin des Euro­pa­rats, Dun­ja Mija­to­vić, das Vor­ge­hen der fran­zö­si­schen Poli­zei scharf kri­ti­siert und ein Ver­bot der Hart­gum­mi­ge­schos­se gefordert.

»Que fait la poli­ce?« stand auch auf einem Trans­pa­rent, das auf einer Demon­stra­ti­on am 3. August in Nan­tes gezeigt wur­de. Es war eine Demon­stra­ti­on zum Geden­ken an Ste­ve Maia Cani­ço. Sei­ne Lei­che wur­de am 29. Juli aus der Loire gebor­gen. Was war gesche­hen? In der Nacht vom 21. zum 22. Juli wur­de am Quai Wil­son wie über­all in Frank­reich das »fête de la musi­que« began­gen. Gegen vier Uhr mor­gens ging die Poli­zei auf Grund der Lärm­be­lä­sti­gung mas­siv gegen die Teil­neh­mer vor. Da die Ufer­stra­ße nicht durch eine Absper­rung zur Loire geschützt ist, spran­gen eini­ge in Panik in den Fluss. Alle konn­ten sich ret­ten, bis auf einen: Ste­ve Maia Cani­ço. Der Nicht­schwim­mer blieb über fünf Wochen ver­schol­len, in der Stadt bil­de­te sich eine Ver­ei­ni­gung mit dem Namen »Où est Ste­ve?« (Wo ist Ste­ve?). Die Poli­zei ver­such­te von Anfang an, einen Zusam­men­hang zwi­schen dem Tod des jun­gen Man­nes und dem Poli­zei­ein­satz zu bestrei­ten. Wich­ti­ge Zeu­gen wur­den nicht gehört, das Mobil­te­le­fon von Ste­ve wur­de nur ober­fläch­lich aus­ge­wer­tet, selbst die Inspec­tion géné­ra­le de la Poli­ce natio­na­le (IGPN), eine Poli­zei­ein­heit, die aus­schließ­lich gegen Poli­zi­sten ermit­telt, ver­zich­te­te wie auch die ört­li­che Poli­zei auf eine Funk­ze­l­len­ab­fra­ge des Han­dys und über­prüf­te ledig­lich die letz­ten Anru­fe. Erst die Kri­mi­nal­po­li­zei von Ren­nes, der wegen der Befan­gen­heit der ört­li­chen Poli­zei die Ermitt­lun­gen über­tra­gen wur­den, fand her­aus, dass das Tele­fon von Ste­ve bis vier Minu­ten nach dem Poli­zei­ein­satz ein­ge­schal­tet war.

Unter Macron wur­de die Poli­zei mas­siv auf­ge­rü­stet und mit umfang­rei­chen Voll­mach­ten aus­ge­stat­tet. Dazu gehört auch die Vor­beu­ge­haft, bei der Per­so­nen in Gewahr­sam genom­men wer­den kön­nen, bei denen nur ver­mu­tet wird, dass sie eine Straf­tat bege­hen könn­ten. Das durf­ten auch drei jun­ge Deut­sche aus Nürn­berg erle­ben, die auf dem Weg zu ihrem Urlaubs­ort in Nord­spa­ni­en vier Tage vor dem Beginn des G-7-Gip­fels in Biar­ritz auf der Auto­bahn ver­haf­tet und im Schnell­ver­fah­ren zu drei Mona­ten Haft ver­ur­teilt wur­den. Bei dem Pro­zess war nur ein vom Staat bestell­ter Pflicht­an­walt zuge­las­sen. Die drei befan­den sich offen­sicht­lich auf einer Liste, die der fran­zö­si­schen Poli­zei von deut­schen Behör­den über­mit­telt wor­den war.

Wer gegen die Poli­zei juri­stisch vor­ge­hen will, braucht einen lan­gen Atem, das gilt nicht nur in Frank­reich. Laut einer Stu­die der Uni­ver­si­tät Bochum gibt es allein in Deutsch­land 12.000 mut­maß­lich rechts­wid­ri­ge Über­grif­fe durch die Poli­zei. Nur ein Fünf­tel davon wird ange­zeigt. Im Jahr 2018 wur­den 2000 Ver­fah­ren abge­schlos­sen; die wenig­sten der in der Stu­die befrag­ten Betrof­fe­nen erstat­te­ten eine Anzei­ge, da sie nicht glaub­ten, dass die beschul­dig­ten Poli­zi­sten bestraft wer­den. Oft ist es nicht mög­lich, die uni­for­mier­ten Täter zu iden­ti­fi­zie­ren, wich­tig­ste Bewei­se sind Zeu­gen­aus­sa­gen, ärzt­li­che Befun­de und Video­ma­te­ri­al. Nur in sie­ben Pro­zent aller Fäl­le wur­de Ankla­ge erho­ben, 93 Pro­zent der Ver­fah­ren wur­den ein­ge­stellt. Zudem wird der Klä­ger von dem beschul­dig­ten Beam­ten oft mit einer Gegen­kla­ge (Wider­stand, Kör­per­ver­let­zung) kon­fron­tiert. Dazu kommt, dass so gut wie nie Poli­zi­sten gegen Kol­le­gen aussagen.

Tra­di­tio­nell sind Poli­zi­sten eher dem rech­ten poli­ti­schen Lager zuzu­ord­nen. Anläss­lich der fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­wah­len 2017 hat das Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut IFOP her­aus­ge­fun­den, dass 51 Pro­zent der Gen­dar­men für die Par­tei von Mari­ne Le Pen stim­men woll­ten. In Deutsch­land gibt es sol­che Umfra­gen bis­her nicht, aber eine Affi­ni­tät von Poli­zi­sten zur AfD ergibt sich auch aus der Tat­sa­che, dass Poli­zi­sten in die­ser Par­tei deut­lich über­re­prä­sen­tiert sind. In Thü­rin­gen kom­men fünf der 38 Kan­di­da­ten für die Land­tags­wah­len im Okto­ber aus der Poli­zei. In fast allen Bun­des­län­dern gibt es immer wie­der Vor­fäl­le, bei denen Poli­zi­sten durch ras­si­sti­sche oder neo­fa­schi­sti­sche Äuße­run­gen auf­fal­len oder wie in Baden-Würt­tem­berg ent­spre­chen­den Orga­ni­sa­tio­nen wie dem Ku-Klux-Klan beitreten.

Ermitt­lun­gen wegen rechts­ra­di­ka­ler Umtrie­be wer­den oft ein­ge­stellt oder enden mit einer mil­den Rüge. Der Staat will es sich mit sei­nen Hütern offen­sicht­lich nicht ver­der­ben. Wenn es poli­tisch oppor­tun ist, wer­den frei­lich auch Poli­zei­ein­sät­ze hef­tig kri­ti­siert. In der Bericht­erstat­tung über die Pro­te­ste in Hong­kong liegt die Sym­pa­thie eher auf der Sei­te der alles ande­re als fried­li­chen Demon­stran­ten. Wür­de die Poli­zei dort wie ihre fran­zö­si­schen Kol­le­gen vor­ge­hen, gäbe es einen media­len Auf­schrei und ein­drucks­vol­le Bil­der von ver­letz­ten Opfern. Opfer sind aller­dings auch die Poli­zi­sten, denn sie sol­len mit Gum­mi­knüp­pel und Trä­nen­gas die Feh­ler der Poli­tik »rich­ten«. Eine bru­ta­le Aufgabe.