Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Sülze kochen, Zunge zeigen

Am 14. Novem­ber 2019 wäre der bedeu­ten­de Zeich­ner Horst Jans­sen 90 Jah­re alt gewor­den. Ihm ist einer der drei The­men­schwer­punk­te der Schrift »Frei­pass« gewid­met, die in der Gün­ter und Ute Grass Stif­tung erscheint. Sein auch heu­te noch als Post­kar­te erhält­li­ches Grass-Por­trät schmückt das Cover.

Jans­sen (1929–1995) war auch für Gün­ter Grass (1927–2015) einer »der ganz Gro­ßen«. Die Bezie­hung der bei­den sich in der jewei­li­gen Dop­pel-Bega­bung (oder ist Viel­fach-Bega­bung rich­ti­ger?) ähneln­den Künst­ler reicht bis in die 1960er Jah­re zurück. Jans­sen hat­te damals aus dem Lyrik­zy­klus »Zorn Ärger Wut« die »letz­te Stro­phe des zwei­ten Gedichts ›Irgend­was machen‹ sowie das kom­plet­te Gedicht­re­zept ›Die Schwei­ne­kopf­sül­ze‹ – das man real nach­ko­chen kann – von Hand abge­schrie­ben und mit vier Rand­zeich­nun­gen ver­se­hen«, wie im Vor­wort der Schrift zu lesen steht.

Einen wich­ti­gen Bei­trag zum Ver­ständ­nis des gei­sti­gen Ban­des, das die bei­den Kul­tur-Gigan­ten ver­band, lie­fert der Jour­na­list Man­fred Bis­sin­ger, der mit bei­den befreun­det war und daher auf Insi­der­wis­sen zurück­grei­fen konn­te. Für ihn war Jans­sen ein »hyper­sen­si­bler, blitz­schnell den­ken­der Intel­lek­tu­el­ler«, den aber »immer wie­der … die Cou­ra­ge vor sei­nen eige­nen Wor­ten ver­ließ« – im Gegen­satz zu Grass, darf ich aus per­sön­li­cher Erfah­rung hin­zu­fü­gen. Den Ver­such, »Horst Jans­sen kunst­ge­schicht­lich ein­zu­ord­nen«, unter­nimmt Jut­ta Moo­ster-Hoos, Lei­te­rin des Horst-Jans­sen-Muse­ums in Olden­burg. Dort wird zur­zeit eine gro­ße Schau zum 90. Geburts­tag vor­be­rei­tet, in deren Fokus die lite­ra­ri­sche Bega­bung des Künst­lers ste­hen soll.

Bei­trä­ge zur Grass-For­schung bil­den den zwei­ten Schwer­punkt mit Essays: zu sei­nem Fon­ta­ne und Fon­ta­nes Hof­tal­ler in dem gran­dio­sen Roman »Ein wei­tes Feld«; zu der Freund­schaft zwi­schen Grass und dem Schrift­stel­ler Nico­las Born (1937–1979); zur lite­ra­ri­schen Freund­schaft mit der Über­set­ze­rin, Ver­lags­lek­to­rin und Schrift­stel­le­rin Eva Figes (1932–2012); zum Kaschu­bi­schen bei Grass; zur Mari­en­ver­eh­rung in der Novel­le »Katz und Maus« und schließ­lich zur aktu­el­len Rezep­ti­on des Dich­ters im In- und Ausland.

»Zun­ge zei­gen«, unter die­sem mehr­deu­ti­gen Titel eines Grass-Buches aus dem Jah­re 1988, nach sei­nem Indi­en-Auf­ent­halt ent­stan­den, ver­sam­mel­ten die Her­aus­ge­ber die Bei­trä­ge des drit­ten Schwer­punkts. Hier geht es um Rechts­po­pu­lis­mus, Wer­te­ver­lust und Mord­an­schlä­ge sowie um die Fra­gen, wie Autorin­nen und Autoren dar­auf reagie­ren und was (Sprach-)Kunstwerke bewir­ken können.

Chri­sti­an Hip­pe, stell­ver­tre­ten­der Lei­ter am Lite­ra­tur­fo­rum im Ber­li­ner Brecht-Haus, gibt einen Über­blick über aktu­el­le Initia­ti­ven von Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­lern gegen rechts. Im Mit­tel­punkt steht die Ent­schei­dung – wie in den Jah­ren zuvor auch 2017 – rech­te Ver­la­ge auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se zuzu­las­sen und damit rech­ten Mei­nungs­füh­rern wie Björn Höcke oder öster­rei­chi­schen Iden­ti­tä­ren eine Platt­form zu bieten.

Gegen­ak­tio­nen und kri­ti­sche Stel­lung­nah­men rie­fen wie­der­um die Dresd­ner Buch­händ­le­rin und AfD-Sym­pa­thi­san­tin Susan­ne Dagen auf den Plan. Sie star­te­te unter dem Titel »Char­ta 2017« – unver­fro­ren auf die Bür­ger­rechts­be­we­gung »Char­ta 77« in der ČSSR anspie­lend – eine Online-Peti­ti­on, in der sie den Kri­ti­kern vor­hielt, dass »unse­re Gesell­schaft nicht mehr weit von einer Gesin­nungs­dik­ta­tur ent­fernt« sei. Zu den Erst­un­ter­zeich­nern gehör­ten die frü­he­re Abge­ord­ne­te der DDR-Volks­kam­mer Vera Lengs­feld, der ehe­ma­li­ge Spie­gel- und Welt-Jour­na­list Mat­thi­as Matus­sek und der mit dem Deut­schen Buch­preis aus­ge­zeich­ne­te Uwe Tell­kamp (»Der Turm«). Prompt star­te­ten 100 Unter­zeich­ner aus dem Lite­ra­tur- und Kul­tur­be­trieb mit dem »Auf­ruf Dresd­ner Autoren« eine Gegen­be­we­gung. Zu den wei­te­ren The­men die­ses infor­ma­ti­ven Schwer­punk­tes gehört ein Bericht über »Däni­sche Erfah­run­gen in der Aus­ein­an­der­set­zung mit rechts­po­pu­li­sti­schen Narrativen«.

Auch die Schrift­stel­le­rin und Über­set­ze­rin Dag­mar Leu­pold »zeigt Zun­ge«. In ihrem – hier abge­druck­ten – Eröff­nungs­vor­trag des Stu­di­en­jahrs 2018/​19 am Leib­niz-Kol­leg der Uni­ver­si­tät Tübin­gen spürt sie der Fra­ge nach, »was Mensch­sein aus­macht«, sowie der Rol­le von Spra­che, Begrif­fen, Kunst und Kul­tur. Zitat: »Wir brau­chen die Kunst als Quel­le lust­vol­ler, erkennt­nis­rei­cher ästhe­ti­scher Erfah­rung, als Stö­ren­fried und Unru­he­herd, als Wahr­neh­mungs­kor­rek­tiv und Spie­gel oder Zerr­spie­gel der Gesell­schaft, in deren Mit­te sie ent­steht. Und als Ermu­ti­gung, nicht nach­zu­las­sen im skep­ti­schen Hof­fen auf die Erfül­lung …. [der] Teil­ha­be aller am Wohl­stand, dem mate­ri­el­len wie dem imma­te­ri­el­len, [auf] fried­li­ches Zusam­men­le­ben in Viel­falt. Und wir brau­chen sie als Trost – nicht als Seda­tiv – wenn sich die­se Hoff­nung immer wie­der zer­schlägt. Es ist die Auf­ga­be von Poli­tik, Kunst und Kul­tur als unver­zicht­ba­ren inte­gra­len Bestand­teil offe­ner Gesell­schaf­ten zu ver­tei­di­gen, ein Bestand­teil, der nicht dem frei­en Spiel des Markts preis­ge­ge­ben wer­den darf.«

Dies ist genau der Platz, wo sich der »Frei­pass« verortet.

Vol­ker Neu­haus, Per Øhr­gaard, Jörg-Phil­ipp Thom­sa (Hg.): »Frei­pass – Forum für Lite­ra­tur, Bil­den­de Kunst und Poli­tik«, Band 4: Horst Jans­sen und Gün­ter Grass; Schrif­ten der Gün­ter und Ute Grass Stif­tung, Ch.Links Ver­lag, 297 Sei­ten, 20 €