Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Homeoffice-Tagebuch (VI)

27.5.: Trocken­obst für zwischendurch

Nach zehn Wochen Home­schoo­ling stellt San­dra Schee­res, Sena­to­rin für Bil­dung, Jugend und Fami­lie, den zu hei­mi­schen Hilfs­leh­rern zwangs­ver­pflich­te­ten Eltern den Rat­ge­ber »Ler­nen zu Hau­se. So kön­nen Sie Ihr Kind jetzt unter­stüt­zen« zur Ver­fü­gung. Die elf­sei­ti­ge Bro­schü­re ist digi­tal eine Zumu­tung und Unver­schämt­heit – sor­ry, die Ner­ven lie­gen all­mäh­lich blank. Das dün­ne Heft­chen kommt nicht nur reich­lich spät, es ist auch wirk­lich nur eins zu eins als PDF-Printex­em­plar an die E-Mail ange­hängt. Sol­len die Eltern doch schau­en, wie sie das ver­nünf­tig am PC oder mobi­len End­ge­rät lesen kön­nen, oder sich doch ein­fach mal einen Farb­drucker besor­gen, den man eigent­lich ja auch sonst für die heim­schu­li­sche Auf­ga­ben­er­fül­lung für die Coro­na-Tage braucht. Ber­lins Bil­dungs­chefin rät nun also, fürs Zuhauseler­nen »eine posi­ti­ve Stim­mung zu schaf­fen«. Gefragt sei­en »Auf­merk­sam­keit, Geduld und gern auch etwas Humor«. Und: »Ermu­ti­gen Sie Ihr Kind. Geben Sie ihm einen Ver­trau­ens­vor­schuss. Zei­gen Sie Inter­es­se an sei­nem Lern­er­folg. […] Und wie in der Schu­le gilt: Als Snack für die Pau­sen zwi­schen­durch eig­nen sich Obst, klein geschnit­te­nes Gemü­se oder auch Trocken­früch­te.« Na dann. Die Feri­en kön­nen kommen.

Im ZDF-Talk am Abend ist gro­ßes Chi­na-Bashing im Pro­gramm. Mar­kus Lanz, der Grü­nen-Poli­ti­ker Omid Nou­ri­pour und ZDF-Stu­dio­lei­ter Ost­asi­en Ulf Röl­ler, der aus Peking zuge­schal­tet ist, ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sie­ren über »Mund­schutz­di­plo­ma­tie« der chi­ne­si­schen Füh­rung und wet­tern frei nach Donald Trump über die von die­ser beein­fluss­te WHO. Bei dem Sperr­feu­er aus dem media­len Schüt­zen­gra­ben gegen die ver­hass­te Volks­re­pu­blik hilft auch kein Trocken­obst, posi­ti­ve Stim­mung zu schaffen.

 

28.5.: Jun­ge, komm bald wieder

Beim Ita­lie­ner gegen­über spielt das erste Mal wie­der ein jun­ger Stra­ßen­mu­si­kant für die Gäste an den Außen­ti­schen. »Jun­ge, komm bald wie­der« von Fred­dy Quinn auf dem Akkor­de­on, danach einen Wal­zer und noch ein Stück. Wun­der­bar, die gute Lau­ne reicht bis auf unse­ren Bal­kon zum Abend­essen. Für den Künst­ler ist es die erste Mög­lich­keit nach Wochen, etwas Geld zu verdienen.

 

29.5.: Phi­lo­so­phie in Echtzeit

Das erste Mal seit Mit­te März, dass alle drei Kin­der zum »Prä­senz­un­ter­richt« in der Schu­le sind, wenig­stens für ein paar Stun­den Home­of­fice ohne Mathe, Phy­sik, Deutsch und Geschich­te. Bis zu den Som­mer­fe­ri­en wird es nach jet­zi­gem Stand aber doch nur eine sel­te­ne Aus­nah­me bleiben.

In der Buch­hand­lung mei­nes Ver­trau­ens habe ich mir das gera­de erschie­ne­ne Buch »Covid-19: Was in der Kri­se zählt. Über Phi­lo­so­phie in Echt­zeit« (Reclam-Ver­lag, 120 Sei­ten, 6 Euro) besorgt. Die Phi­lo­so­phen Nikil Muker­ji und Adria­no Man­ni­no gehen der Fra­ge nach, was zu tun ist, wenn wie im Fall der Coro­na-Pan­de­mie exi­sten­ti­el­le Ent­schei­dun­gen ohne siche­re Daten­grund­la­ge und in größ­ter Eile zu tref­fen sind. Nach­drück­lich plä­die­ren sie in ihrem Essay, »wech­sel­sei­tig von unse­ren Erfah­run­gen und Feh­lern zu ler­nen, gera­de und beson­ders im Kon­text glo­ba­ler Kata­stro­phen­ri­si­ken«. Sie tun dies reflek­tiert und ohne Hyste­rie, fra­gen zuge­spitzt, »war­um die tra­gi­sche Fall­stu­die Nord­ita­li­en nötig war, die euro­päi­schen Gesell­schaf­ten wach­zu­rüt­teln. Wuhan hät­te eigent­lich genü­gen müs­sen. Die 11-Mil­lio­nen-Stadt erwirt­schaf­tet ein Pro-Kopf-BIP von 18.000 Dol­lar, hat ein pas­sa­bles Gesund­heits­sy­stem und wur­de bei nur weni­gen hun­dert doku­men­tier­ten Fäl­len unter mili­tä­risch über­wach­te Qua­ran­tä­ne gestellt. Den­noch kol­la­bier­ten die Kran­ken­häu­ser sofort. Auf die­ser Grund­la­ge allein hät­te sich das Urteil auf­drän­gen müs­sen, dass auch uns mit einer Wahr­schein­lich­keit Gefahr droht und schnel­le Vor­be­rei­tungs­maß­nah­men ange­zeigt sind.« Aus dem Ver­hal­ten Chi­nas habe sich der Schluss zie­hen las­sen, dass SARS-CoV-2 »hoch­gra­dig gefähr­lich sein könn­te«. Die wei­te­ren Indi­zi­en hät­ten die hie­si­gen Behör­den, die Poli­tik, die Wis­sen­schaft und die Gesell­schaft früh­zei­tig in hohe Alarm- und Reak­ti­ons­be­reit­schaft ver­set­zen müs­sen. »Die nach außen demon­strier­te Gelas­sen­heit zu Beginn »mag gut gemeint gewe­sen sein«, so die Autoren. »Sie war dem Ernst der Lage aber nicht ange­mes­sen.« Nikil Muker­ji und Adria­no Man­ni­no geht es nicht um Schuld­zu­wei­sun­gen, son­dern um einen phi­lo­so­phi­schen Bei­trag zur Prä­ven­ti­ons­ar­beit, deren Dilem­ma sie skiz­zie­ren: »Typi­scher­wei­se bekommt man für Prä­ven­ti­ons­ar­beit weder Lob noch Dank. Denn wenn ein Scha­den ein­tritt, war die Prä­ven­ti­on offen­bar schlecht oder nicht wirk­sam genug. Pas­siert dage­gen nichts, dann hät­te man sich die Mühe spa­ren kön­nen, weil am Ende ja nichts pas­siert ist. Prä­ven­ti­ons­ar­beit erscheint also immer ent­we­der schlecht oder über­flüs­sig.« Die Lek­tü­re des schma­len Bänd­chens sei den poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen wie auch den Hygie­ne­de­mon­stran­ten hier­mit nach­drück­lich emp­foh­len, die nur eine gro­ße Ver­schwö­rung von Bill Gates sehen wol­len, nicht aber die vie­len Toten in Wuhan, Ber­ga­mo, im Elsass, in Bel­gi­en und auch Schwe­den, in Trumps USA und Bol­so­na­ros Brasilien …

 

1.6.: West­li­che Doppelmoral

In den USA gehen seit Tagen Hun­dert­tau­sen­de Men­schen auf die Stra­ße und demon­strie­ren gegen ras­si­sti­sche Poli­zei­ge­walt und sozia­le Unge­rech­tig­keit. Aus­lö­ser ist die Ermor­dung des Schwar­zen Geor­ge Floyd am 25. Mai in Min­nea­po­lis. Die chi­ne­si­sche Regie­rung wirft der US-Füh­rung Dop­pel­mo­ral im Umgang mit den Anti-Ras­sis­mus-Pro­te­sten vor. Wäh­rend in Washing­ton noch jede Ran­da­le in Hong­kong zur Frei­heits­be­kun­dung umge­münzt wird, kommt in den US-Städ­ten neben der Poli­zei die Natio­nal­gar­de zum Ein­satz. Hu Xijin, Chef­re­dak­teur der chi­ne­si­schen Zei­tung Glo­bal Times, erin­nert denn auch: »Die Vor­sit­zen­de des US-Reprä­sen­tan­ten­hau­ses, Nan­cy Pelo­si, hat die gewalt­sa­men Pro­te­ste in Hong­kong einst als ›schö­nen Anblick‹ bezeich­net – nun kön­nen die US-Poli­ti­ker die­sen Anblick von ihren eige­nen Fen­stern aus genie­ßen.« (Über­set­zun­gen: AFP)