Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Once Upon a Time in America

»Rake­ten, Fern­bom­ber und Sabo­ta­ge­trupps: Knapp sech­zig Jah­re vor den Atten­ta­ten auf New York am 11. Sep­tem­ber 2001 träum­ten die Nazis davon, die US-Metro­po­le in Schutt und Asche zu legen. Dass ihre Plä­ne schei­ter­ten, lag an der Unmög­lich­keit ihrer Ideen – und am Dilet­tan­tis­mus ihres Agen­ten­per­so­nals«, schrieb am 9. Sep­tem­ber 2010 der »Spie­gel« in der Sto­ry »Bom­ben auf Big Apple«.

Wie dilet­tan­tisch das Agen­ten­per­so­nal vor­ging, wie das FBI agier­te, wie NS-begei­stert deut­sche Natio­na­li­sten in den »deut­schen« Vier­teln der Stadt Hit­ler als »Mann der Stun­de« fei­er­ten, von der Sym­pa­thie glei­cher­ma­ßen NS-begei­ster­ter anti­se­mi­ti­scher und ras­si­sti­scher ame­ri­ka­ni­scher Grup­pie­run­gen beglei­tet, das alles ist nach­zu­le­sen in dem in die­sem Früh­jahr erschie­ne­nen Buch »Der Emp­fän­ger« der in Ber­lin leben­den Schrift­stel­le­rin Ulla Len­ze. Sie hat in die­sem an Tat­sa­chen aus­ge­rich­te­ten Roman »die Lebens­ge­schich­te [ihres] Groß­on­kels Josef Klein zu gro­ßen Tei­len ver­ar­bei­tet«. Aller­dings ist die lite­ra­ri­sche Figur Josef Klein ihre »Erfin­dung«.

Klein wur­de 1903 in Neuss am Rhein gebo­ren und war somit nur ein Jahr jün­ger als der Prot­ago­nist in dem 1928 erschie­ne­nen Erfolgs­ro­man »Jahr­gang 1902« von Ernst Glae­ser, einer des­il­lu­sio­nie­ren­den Dar­stel­lung der Zeit um den Ersten Welt­krieg. Im Janu­ar 1925 wan­der­te er in die USA aus, für alle nur »Ame­ri­ka«, mit einer bil­li­gen Win­ter­fahr­kar­te auf dem Deck der drit­ten Klas­se, über das der schwar­ze Rauch aus den Schorn­stei­nen des Damp­fers fauchte.

»Er spür­te noch ihre Hand auf sei­nem Haar, das sie ihm am Tag vor­her geschnit­ten hat­te. Sie wür­den sich wohl nie wie­der­se­hen, denn wer nach Ame­ri­ka ging, der war weg. So sag­te das sei­ne Mut­ter, wer nach Ame­ri­ka geht, ist weg. Sie klang gefasst.«

Die Mut­ter sieht Klein tat­säch­lich nie wie­der. Die alte Hei­mat erst im Som­mer 1949. Dazwi­schen liegt ein Vier­tel­jahr­hun­dert, des­sen Ver­lauf der Aus­wan­de­rer sich mit Sicher­heit anders vor­ge­stellt hatte.

Die weit­läu­fig ver­wand­te Fami­lie, bei der er für den Anfang unter­zu­kom­men gehofft hat­te, ver­ließ er nach nur einer Nacht: »Sie wohn­te in einem specki­gen Zim­mer, fünf Kin­der, alle huste­ten.« »Die Stra­ße ging in die­sem Elend weiter.«

Tage, Wochen vaga­bun­dier­te er durch die »Schlucht[en] aus grau­em Stein. Ein Dröh­nen stieg aus der Stadt auf. Ein Häm­mern, Klop­fen, Metall auf Metall. Sire­nen heul­ten … Eili­ge Män­ner um ihn her­um, er selbst schien unsicht­bar, nur wenn er ste­hen blieb, konn­te er sie ärger­lich schnau­fen hören.« Treib­sand. Bis ihn Arthur ent­deck­te, mit sei­nem ver­traut-freund­li­chen Blick und dem »rot­blon­den Char­lie-Chap­lin-Schnurr­bart«: »Er erteilt sich den Befehl, Arthur zu ver­trau­en.« End­lich eine Unter­kunft, ein Schlafso­fa. Aus Josef wird Joe. Arthur hat eine Drucke­rei. Hier ent­ste­hen Flug­blät­ter, auch für ame­ri­ka­ni­sche Ras­si­sten und NS-Begei­ster­te. Joe bringt sie zu den jewei­li­gen Auftraggebern.

Joe hat eine Lei­den­schaft. Er ist Ama­teur­fun­ker. Sei­ne tech­ni­schen Fähig­kei­ten spre­chen sich auch in deut­schen Krei­sen her­um, und Anfang 1939 kommt Max in sei­ne Woh­nung, der über das Gerät lan­ge Zah­len­rei­hen nach Deutsch­land durch­gibt, obwohl Ver­schlüs­se­lung ver­bo­ten ist. Angeb­lich Bestel­lun­gen, Rekla­ma­tio­nen, Kun­den­da­ten, neue Stand­or­te im Auf­trag eines Import-/Ex­port­händ­lers, alles Geschäf­te. Zwan­zig Dol­lar sind der Lohn. Man spricht über Deutsch­land, wo inzwi­schen, wie Max sagt, »Swinghei­nis ver­haf­tet« wer­den. Man spricht über den kürz­li­chen Auf­marsch mit Haken­kreu­zen im Madi­son Squa­re Gar­den. Beim näch­sten Tref­fen ist ein zwei­ter Mann dabei, wie­der wer­den Zah­len­rei­hen gesen­det. Wie­der gibt es Dol­lars zum Lohn.

Als Joe Arthur berich­tet, er habe zwei selt­sa­me Typen in sei­ner Woh­nung, die sei­ne »Funk­sta­ti­on für eine Ham­bur­ger Tex­til­fir­ma in Beschlag neh­men und auch mich, … und dafür krie­ge [er] einen Hau­fen Geld«, warnt ihn Arthur: »Du weißt, dass du dafür ins Gefäng­nis kom­men kannst … Für die Deut­schen zu arbei­ten ist extrem leicht­sin­nig.« Eine Mei­nung, die auch die neue Freun­din teilt, eben­falls eine Funk­ama­teu­rin, mit deren Unter­stüt­zung sich Joe nach und nach von sei­ner naiv-ideo­lo­gi­schen Ver­blen­dung lösen kann. Den Rest besorgt im August 1940 das FBI, das die Grup­pe schon län­ger auf dem Raster hat­te und dem sich Joe auf Druck der Freun­din offen­bart. Eine Zeit­lang muss er auf Anwei­sung so wei­ter­ma­chen wie bis­her und das FBI über sei­ne Auf­trä­ge infor­mie­ren. Im Früh­jahr 1941 wer­den alle ver­haf­tet, 33 Agen­ten. Gefäng­nis, Inter­nie­rung auf Ellis Island, Abschie­bung ins vom Krieg zer­stör­te Deutsch­land im Juni 1949 sind der wei­te­re Weg.

Ohne Papie­re lan­det Josef bei sei­nem Bru­der in Neuss. Da sei­ne FBI-Con­nec­tion nicht bekannt gewor­den war, besorgt ein frü­he­rer NS-Ver­bin­dungs­mann, der eben­falls New York ver­las­sen hat, als Dank für die Unter­stüt­zung beim Fun­ken einen neu­en, gefälsch­ten Aus­weis. Die NS-Flucht­hel­fer haben in jenen Tagen viel zu tun. Und bald schon wird aus Josef/​Joe im fer­nen Costa Rica Don José, ein ange­se­he­ner Mit­ar­bei­ter des geo­gra­fi­schen Insti­tuts. Dort in Süd­ame­ri­ka, mit Schwer­punkt Argen­ti­ni­en, träu­men emi­grier­te Nazis davon, mit Hil­fe der Deut­schen Reichs­par­tei bei der Bun­des­tags­wahl im Herbst 1953 Ade­nau­er und sei­ne Cli­que weg­fe­gen zu kön­nen. Don José muss sich entscheiden.

*

Anmer­kung K. N.: Spit­zen­kan­di­dat der Deut­schen Reichs­par­tei (DRP) im Bun­des­tags­wahl­kampf 1953 war der Schlacht­flie­ger und höchst­de­ko­rier­te Sol­dat der Wehr­macht im Zwei­ten Welt­krieg Hans-Ulrich Rudel. Einer mei­ner Gym­na­si­al­leh­rer war glü­hen­der Ver­eh­rer Rudels und Anhän­ger der DRP. – Charles Lind­bergh, dem 1927 mit dem Non­stop­flug von New York nach Paris die erste Allein­über­que­rung des Atlan­tiks gelun­gen war, wird in dem Buch (S. 239) mit sei­ner War­nung vor dem Kriegs­ein­tritt der USA erwähnt. L. war der bekann­te­ste Spre­cher einer iso­la­tio­ni­sti­schen Ver­ei­ni­gung. Er trat dafür ein, sich mit den neu­en Macht­ver­hält­nis­sen in Euro­pa abzu­fin­den. Er galt vie­len als Sym­pa­thi­sant der Natio­nal­so­zia­li­sten und Anti­se­mit. Der Name der Grup­pe lau­te­te: Ame­ri­ca First (!) Committee.

 

Ulla Len­ze: »Der Emp­fän­ger«, Roman, Klett-Cot­ta, 302 Sei­ten, 22 €