Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Was kommt nach der Krise?

Von Anfang an wur­den nach dem 8. Mai 1945 Anti­fa­schi­sten von Ämtern mög­lichst fern­ge­hal­ten, und alte Nazis beka­men eine neue Per­spek­ti­ve. Adolf Hit­ler sah es vor­aus. Er hat in sei­nem Testa­ment vom 29. April 1945 das »Opfer unse­rer Sol­da­ten« als Kraft­quell dafür bezeich­net, dass »in der deut­schen Geschich­te so oder so ein­mal wie­der der Samen auf­ge­hen [wird] zur strah­len­den Wie­der­ge­burt der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Bewe­gung und damit zur Ver­wirk­li­chung einer wah­ren Volks­ge­mein­schaft«. Josef Goe­b­bels, der NS-Pro­pa­g­an­da­chef, wuss­te gar, wann das sein wird. Er schrieb am 25. April 1945 in sein Tage­buch für die Zeit einer Nie­der­la­ge: »… in fünf Jah­ren spä­te­stens wäre der Füh­rer eine legen­dä­re Per­sön­lich­keit und der Natio­nal­so­zia­lis­mus ein Mythos.«

Der »Samen« (Hit­ler) und »Mythos« (Goe­b­bels) wird heu­te wie­der beschwo­ren. Der Spre­cher der AfD Thü­rin­gen, Björn Höcke, sieht bereits das Nazi-Feu­er sich neu ent­fa­chen: »Wir wer­den auf jeden Fall alles tun, um aus die­ser Lebens­glut, die sich unter vier­zig Jah­ren kom­mu­ni­sti­scher Bevor­mun­dung erhal­ten hat und der auch der schar­fe Wind des nach­fol­gen­den kapi­ta­li­sti­schen Umbaus nichts anha­ben konn­te, wie­der ein leben­di­ges Feu­er her­vor­schla­gen zu las­sen.« (Süd­deut­sche Zei­tung, 27.3.2020) Nicht so sal­bungs­voll hat­ten sich im Herbst 1944 die Ver­tre­ter der SS und gro­ßer Kon­zer­ne auf einem Geheim­tref­fen in Straß­burg aus­ge­drückt: Wir legen eine Kas­se an, damit die Fort­füh­rung der Nazi-Par­tei eine Per­spek­ti­ve hat. (Juli­us Mader: »Der Ban­di­ten­schatz«, Ber­lin 1966) Noch reicht Höcke nicht der Deut­schen Bank und Rhein­me­tall die Hand – oder umge­kehrt. Doch wenn die umfas­sen­de Kri­se anders nicht über­wun­den wer­den kann, ist auch das Bünd­nis der öko­no­mi­schen Eli­ten mit den Rechts­au­ßen wie­der denkbar.

Was steht dem »leben­di­gen Feu­er« Höckes ent­ge­gen? Hof­fent­lich vie­les. Aller­dings sind die demo­kra­ti­schen Feu­er­weh­ren zur­zeit geschwächt, und nie­mand weiß, wie es nach der Coro­na-Kri­se wei­ter­ge­hen soll. Sie fällt zusam­men mit einer tief­ge­hen­den öko­no­mi­schen Kri­se, die nicht nur Coro­na geschul­det ist, mit der welt­wei­ten Ener­gie­kri­se und Kli­ma­kri­se und der Kri­se der inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen mit ihren dro­hen­den Kriegs­ge­fah­ren und dar­aus resul­tie­ren­den Migra­ti­ons­be­we­gun­gen – das macht ein unge­heu­res Kon­glo­me­rat von Gefah­ren­quel­len aus. Vor nahe­zu 100 Jah­ren gab es das schon ein­mal. Da lohnt es sich, auf jene Zeit zurückzublicken.

Und zwar auf den Tag, da Ver­tre­ter der öko­no­mi­schen Eli­ten sich mit Hit­ler ver­ban­den. Da hät­te Hit­ler gestoppt wer­den müs­sen. Emil Kir­dorf, der füh­ren­de Indu­stri­el­le der Koh­le- und Stahl­in­du­strie, traf am 27. April 1927 mit Hit­ler zusam­men, die­ser refe­rier­te ihm sein Pro­gramm, und Kir­dorf zahl­te eine dicke Spen­de, vor allem aber ver­brei­te­te er Hit­lers inter­ne Denk­schrift »Der Weg zum Wie­der­auf­stieg« unter den Indu­stri­el­len. Fünf Jah­re spä­ter beim Indu­stri­el­len­tref­fen im Düs­sel­dor­fer Indu­strie­club, da war das Bünd­nis per­fekt. Das Pro­gramm der Nazis besag­te die Ver­nich­tung des Mar­xis­mus und den Wie­der­auf­stieg mit mili­tä­ri­schen Mit­teln, und das pass­te den Herren.

Der­zeit gibt es eine Scheu, an jenen Vor­gang zu erin­nern. Doch anti­fa­schi­sti­sche Kapi­ta­lis­mus­kri­tik ist not­wen­dig. Das gehört zu den geschicht­li­chen Lehren.

Man bezeich­net die gegen­wär­ti­ge tie­fe Kri­se auch als die schwer­ste seit dem Zwei­ten Welt­krieg. Die Kanz­le­rin selbst gab die Ein­schät­zung her­aus. Da sind wir gut bera­ten nach­zu­schau­en, was nach 1945 zur Über­win­dung der Kri­sen­fol­gen aus­ge­sagt und getan wur­de. Die Kanz­ler­par­tei CDU schrieb in ihr erstes Par­tei­pro­gramm, jenes von Ahlen: »Das kapi­ta­li­sti­sche Wirt­schafts­sy­stem ist den staat­li­chen und sozia­len Lebens­in­ter­es­sen des deut­schen Vol­kes nicht gerecht gewor­den.« An die Stel­le des Kapi­ta­lis­mus gel­te es, »eine gemein­wirt­schaft­li­che Ord­nung« zu set­zen. »Die neue Struk­tur der deut­schen Wirt­schaft muß davon aus­ge­hen, daß die Zeit der unum­schränk­ten Herr­schaft des pri­va­ten Kapi­ta­lis­mus vor­bei ist. Es muß aber eben­so ver­mie­den wer­den, daß der pri­va­te Kapi­ta­lis­mus durch den Staats­ka­pi­ta­lis­mus ersetzt wird.«

Auch der Mar­xis­mus beinhal­tet eine Absa­ge an den Staats­ka­pi­ta­lis­mus. Fried­rich Engels sah es aller­dings so: Staats­ei­gen­tum sei nicht die Lösung des Kon­flikts, aber es ber­ge in sich »die Hand­ha­be der Lösung«. Wenn näm­lich die Gesell­schaft Besitz ergrei­fe von den Pro­duk­tiv­kräf­ten. Besitz ergrei­fen – nicht Mit­be­stim­mung erbitten.

Danie­la Dahn ergänzt: »Damit befin­det sich Engels übri­gens in Über­ein­stim­mung mit dem Grund­ge­setz, das sich in Arti­kel 15 Ver­ge­sell­schaf­tung auch nur auf der Basis von Gemein­ei­gen­tum und Gemein­wirt­schaft vor­stel­len kann.«

Ähn­li­che Aus­sa­gen wie die von Ahlen sind aus jener Zeit von SPD und KPD über­lie­fert. Und von den DGB-Gewerkschaften.

Ulrich Paet­zel, Chef von Emscher­ge­nos­sen­schaft und Lip­pe­ver­band, sag­te der West­fä­li­schen Rund­schau am 15. April: »Bestimm­te Fel­der der öffent­li­chen Daseins­vor­sor­ge dür­fen wir nicht dem Markt über­las­sen. Das wird eine der ent­schei­den­den Leh­ren aus der Coro­na-Kri­se sein.« Ja, es müss­te nicht­ka­pi­ta­li­sti­sche, plan­wirt­schaft­li­che Lösun­gen geben. Paet­zel for­dert einen regel­rech­ten »Infra­struk­tur-Sozia­lis­mus«, so im Gesund­heits­we­sen, bei der Was­ser­wirt­schaft, auf dem Ener­gie­sek­tor, dem Mobi­li­täts- und Ver­kehrs­sek­tor und bei der Digi­ta­li­sie­rung. Die Losung »Pri­vat vor Staat« wird wohl bald nie­mand mehr in den Mund neh­men. Das ist zu hoffen.

Wel­che Schlüs­se auch immer nach der Kri­se gezo­gen wer­den: Das anti­ka­pi­ta­li­sti­sche Denk­ver­bot – zum Bei­spiel des Ver­fas­sungs­schut­zes – muss besei­tigt wer­den. Klas­sen­kämp­fe von unten sind zu füh­ren. Arbei­ter­rech­te müs­sen bewahrt wer­den. Das Recht auf Arbeit, auch auf wirk­sa­me Mit­be­stim­mung ist unab­ding­bar. Der Kapi­ta­lis­mus muss nicht zum Faschis­mus füh­ren, aber bei uns ist es vor rund 100 Jah­ren gesche­hen. Und es kann wie­der gesche­hen. Daher müs­sen wir nach der Kri­se beson­ders wach­sam sein.