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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Charakterfragen

Goe­the wuss­te es mal wie­der am besten: »Es bil­det ein Talent sich in der Stil­le, sich ein Cha­rak­ter in dem Strom der Welt.« Da hat­te er etwas Wesen­haf­tes ans Tages­licht geho­ben. Und mein Deutsch­leh­rer mein­te es sicher gut mit mir, die­sen Spruch als Auf­satz­the­ma zur Abitur­prü­fung vor­zu­ge­ben. Mein sich still vor sich hin bil­den­des Talent war da lei­der noch unzu­läng­lich auf die schrei­ben­de Pfle­ge sprach­li­chen Aus­drucks trai­niert. Der Strom der Welt walk­te gera­de mei­nen Cha­rak­ter kräf­tig durch. Im Ergeb­nis zei­tig­te mein tief schür­fen­des Durch­grü­beln des span­nen­den The­mas zwar Ansät­ze zu ori­gi­nel­ler Inter­pre­ta­ti­on. Doch deren unbe­hol­fe­ne sti­li­sti­sche Aus­for­mung recht­fer­tig­te nur die Zen­sur Drei minus.

Der stra­fen­de Hieb in die mora­li­sche Magen­gru­be saß mal wie­der. Das The­ma soll­te mich nie wie­der los­las­sen. Talent­fra­gen beschäf­tig­ten mich sowie­so unun­ter­bro­chen. Es ging dar­um, Geist und Hand zu üben, den für mich cha­rak­te­ri­sti­schen Aus­druck zu fin­den. »Strom der Welt« ist gut gesagt. Cha­rak­ter­bil­dung heißt auch, eine über­zeu­gen­de Form zu schaf­fen. Der indi­vi­du­el­le Aus­druck einer Per­sön­lich­keit gehört dazu. Von der Stimm­fär­bung über Gestik bis zur eige­nen Art, gera­de­aus, leicht um die Ecke oder rund­um zu den­ken, geht das. Von da aus tut es gut, über Cha­rak­ter­li­ches nachzudenken.

Das Wort Cha­rak­ter ist ja fast zum Unwort mutiert. Bei der Ein­schät­zung per­sön­li­cher Qua­li­tä­ten spielt es eine so gerin­ge Rol­le – kaum wahr­nehm­bar. Also wenig erstre­bens­wert. Und als mora­li­sche Kate­go­rie hat es ohne­hin abge­wirt­schaf­tet. Seit es Mode gewor­den ist, über so etwas wie »Gut­men­schen« hem­mungs­los her­zu­zie­hen, wackelt da ein Image gehö­rig. Die eng­li­schen Voka­beln »good will« und »com­mon sen­se« – wo ist ihr Kurs­wert geblie­ben? »Gesun­des Volks­emp­fin­den« als Ersatz ist schlimm. Und »Poli­tik ver­dirbt den Cha­rak­ter« erweist sich als durch­aus zutref­fend: Ein inte­ger erschei­nen­der Wahl­sie­ger mutiert leicht zum skru­pel­lo­sen Macht­ha­ber. Der beschei­den­ste Tri­umph reißt mit­un­ter alle hem­men­den Bar­rie­ren ein.

Labi­le cha­rak­ter­li­che Anla­gen ver­fe­sti­gen sich da gern zu Dün­kel, Herrsch­sucht und Recht­ha­be­rei. Pikant: Die als »Sozia­le Medi­en« klas­si­fi­zier­te digi­ta­le Spiel­wie­se beweist, wie ein Sozi­al­emp­fin­den dabei ver­küm­mern kann. Wenn das Ego die Herr­schaft antritt, bringt das alle cha­rak­ter­li­chen Anla­gen in die Kri­se. Wie ein Virus frisst sich da etwas in die wan­kel­mü­ti­ge Men­ta­li­tät unfer­ti­ger Cha­rak­te­re. Mei­nungs­frei­heit den Mei­nungs­lo­sen ist anschei­nend die Devi­se. Was im täg­li­chen Leben ein juri­stisch gesi­cher­ter Moral­ko­dex regelt, ist da plötz­lich außer Kraft gesetzt. Schimpf­ka­no­na­den, aus unflä­ti­gem Wort­schatz gespeist, belei­di­gen Hinz wie Kunz. Eine kri­mi­nel­le Ener­gie brei­tet sich vir­tu­ell effek­tiv aus. Genau­ge­nom­men kann nicht alles ein Gesetz­ge­ber regeln. Gibt es denn nicht noch ande­re mora­li­sche Instan­zen? Da war doch mal was…

Ja, die hohe oder nie­de­re Geist­lich­keit war das. Doch sie ist stets ander­wei­tig beschäf­tigt. Fried­li­che Revo­lu­ti­on, wel­che Auf­ga­be! Eine mehr­heit­lich nicht mehr prak­ti­zier­te Reli­gi­on lief zur Hoch­form auf. Nie­der­zu­ma­chen, was an ihrer Stel­le erhöht war. Sie fand noch nie so schnell, so gründ­lich, so kurz Gehör. Geschich­te durf­te schrei­ben, wer rei­nen Her­zens war. Und wie mit Engels­zun­gen rede­te. Es galt den Teu­fel der Dik­ta­tur aus­zu­trei­ben. Ja, sogar deren schwer bewaff­ne­te Die­ner­schaft trat folg­sam an, um Reue zu zei­gen. Ohne dass ein ein­zi­ger Schuss fiel, durf­ten die Guten das Gute zur Gel­tung brin­gen. Vom »Strom der Welt« blitz­blank geputz­te Cha­rak­te­re strahl­ten nur so von lau­te­rer Edel-Gesin­nung. Doch Pech gehabt – das Glück eines Erfol­ges blieb ihnen ver­sagt. Denn gleich­zei­tig spül­te das Schick­sal Glücks­rit­ter aller Cou­leur auf die Siegerstrecke.

Die­se Leu­te sind in den zu über­lie­fern­den Anna­len als »Sie­ger der Geschich­te« fest­ge­hal­ten. Ihre unbe­zwei­fel­ba­ren Talen­te hat­ten sie spek­ta­ku­lär zu Erfolgs­brin­gern gebil­det. Sie waren mit der ihnen gemä­ßen Weis­heit löf­fel­wei­se gefüt­tert. Gern bereit, die­sel­be in ange­mes­se­ner Wei­se wei­ter­zu­ver­brei­ten, lie­ßen sie nichts ande­res mehr gel­ten. Ihre Cha­rak­te­re ver­hiel­ten sich »sie­he oben«. Denn die Ver­su­chung, Gewinn zu machen, rui­niert am Ende den besten Cha­rak­ter. Tricks erst geben den rech­ten Kick. Weil nun mal der »Strom der Welt« defor­miert – ist nun strom­li­ni­en­för­mi­ges Agie­ren ange­sagt. Talen­te, falls vor­han­den, sind zu ver­mark­ten. Und der Markt ist immer einer der extre­men Eitelkeiten.

Wer dage­gen sei­ne Tage got­tes­fürch­tig hin­bringt, ach­tet die Schöp­fung. Alles Schöp­fe­ri­sche ist ihm hei­lig. Eit­les Markt­ge­ha­be? Da hat er nichts ver­lo­ren. Denn im Namen Jesu gehö­ren Klug­schwät­zer und Gschaftl­hu­ber aus dem Tem­pel gewor­fen. Tage und Wochen mach­ten die fried­li­che Revo­lu­ti­on zu einer cha­rak­ter­lich lau­te­ren Revol­te. Bar­fü­ßer der Gesell­schaft betra­ten ver­schmutz­tes poli­ti­sches Par­kett. Doch wie schnell sor­tier­ten sich da die Cha­rak­te­re! Von der Dik­ta­tur Beeng­te lern­ten die Frei­heit, die Ell­bo­gen zu gebrau­chen. Der Par­tei­un­gen Gezänk ver­ein­nahm­te sie. Der ande­re Fall wäre denk­bar: Prie­ster­li­che Auto­ri­tä­ten aller Reli­gio­nen könn­ten Cha­ris­ma und Kom­pe­tenz bewei­sen, mora­li­sche Grund­sät­ze anzu­mah­nen. Aber wovon träu­men wir da …