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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ossietzky-Signet
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Israel und Antisemitismus

Seit den Anfän­gen sei­nes publi­zi­sti­schen Schaf­fens im Kai­ser­reich ließ Ossietzky sich zor­nig oder iro­nisch über anti­se­mi­ti­sche Äuße­run­gen und Aus­schrei­tun­gen aus, die in den ersten Jah­ren der Wei­ma­rer Repu­blik ver­stärkt auf­tra­ten, dann wie­der in der End­pha­se, als die Nazi-Obe­ren nach der für sie so über­aus erfolg­rei­chen Reichs­tags­wahl im Sep­tem­ber 1930 ihre Sturm­ab­tei­lun­gen von der Lei­ne lie­ßen. Wie­der­holt regi­strier­te er das all­täg­lich gewor­de­ne »Lapi­dar­wort ›Juden raus‹«, und es empör­te ihn, dass der Staat »anti­se­mi­ti­sche Gift­sprit­zen« in der Pres­se durch­ge­hen ließ. Bit­ter bemerk­te er dazu: »Wenn man der­einst die Geschich­te die­ser Repu­blik schreibt, dann wird das läng­ste Kapi­tel von ihren Unbe­greif­lich­kei­ten han­deln.« [1]

Er sel­ber leb­te in einem Milieu, in dem er Anti­se­mi­ten nicht unmit­tel­bar begeg­ne­te, in dem gar nicht zwi­schen Juden und Nicht­ju­den unter­schie­den wur­de, wie etwa der Brief­wech­sel bezeugt, den Ossietzky und Tuchol­sky führ­ten. Zwei Drit­tel der Autoren der von Jacob­sohn gegrün­de­ten Weltbühne waren jüdi­scher Her­kunft. Nicht viel anders dürf­te es bei dem von den »Juden« Groß­mann und Schwarz­schild gelei­te­ten Tage-Buch gewe­sen sein. Die Ber­li­ner Volks­zei­tung, an der Ossietzky sei­ne jour­na­li­sti­sche Lauf­bahn begann, gehör­te zum Ver­lag der jüdi­schen Fami­lie Mos­se. Über­haupt waren bei der demo­kra­ti­schen Pres­se vie­le Publi­zi­sten jüdi­scher Her­kunft tätig. Anti­se­mi­ten sahen dar­in eine Mög­lich­keit, gegen die­se Pres­se zu het­zen, weil sie »ver­ju­det« sei. Eine deut­sche Pres­se war für sie nicht demo­kra­tisch, son­dern nationalistisch.

In zwei Arti­keln: »Isra­els Streit­macht« vom April 1921 und »Zion« vom Sep­tem­ber 1929 ging Ossietzky näher dar­auf ein, wie er die jüdi­schen Sied­lun­gen in Palä­sti­na, das seit der Kon­fe­renz von San­re­mo 1920 vom Ver­ei­nig­ten König­reich als Man­dats­macht des Völ­ker­bun­des ver­wal­tet wur­de, gese­hen und bewer­tet hat.

Der bri­ti­sche Hoch­kom­mis­sar für Palä­sti­na plan­te die Schaf­fung einer Armee, die aus einem ara­bi­schen und einem jüdi­schen Batail­lon bestehen soll­te. Das Vor­ha­ben schei­ter­te, weil zwi­schen bei­den Bevöl­ke­rungs­grup­pen Kon­flik­te aus­bra­chen. Das aber wuss­te Ossietzky noch nicht, als er schrieb: »Die­se Nach­richt wird ohne Zwei­fel auf die Anti­se­mi­ten aller Län­der, die bis­her die Juden der Drücke­ber­ge­rei und der Feig­heit bezich­tig­ten, einen außer­or­dent­lich star­ken Ein­druck machen. […] Aber ich muß lei­der geste­hen, daß Judas etwas ver­spä­te­te mili­tä­ri­sche Renais­sance auf mich kei­nen erfreu­li­chen Ein­druck macht. Denn in den Juden ver­ehr­te ich das ein­zi­ge unkrie­ge­ri­sche Volk der soge­nann­ten zivi­li­sier­ten Welt, das Volk ohne Feld­we­bel. […] Spi­no­za hat phi­lo­so­phiert und, da er davon nicht leben konn­te, Bril­len­glä­ser geschlif­fen. Jehu­da ben Hale­vi und Hein­rich Hei­ne haben Ver­se gemacht und Roth­schilds Geld­ge­schäf­te. Aber Ahas­ver im Stech­schritt ist eine blan­ke Unmög­lich­keit.« [2]

Er warf einen düste­ren Blick in die Zukunft: »So holt Isra­el eif­rig nach, was es seit der Eva­ku­ie­rung durch Titus ver­säumt hat: es stellt die gei­sti­gen Waf­fen ins Zier­schränk­chen und schafft sich eine schim­mern­de Wehr an. Die­sen zeit­ge­mä­ßen Fort­schritt wer­den zunächst die armen Ara­ber­hor­den zu spü­ren bekom­men, die auf kar­gem Boden im Innern des Lan­des hau­sen …, ohne die gering­ste Ahnung vom histo­ri­schen Recht, des­sen tie­fe­re Bedeu­tung ihnen nun­mehr bald mit dem Maschi­nen­ge­wehr erschlos­sen wird …« [3]

Ossietzky nann­te Per­so­nen, die Bedeu­ten­des gelei­stet hat­ten, denen aber das Mili­tä­ri­sche fremd war. Er führ­te sie als Ange­hö­ri­ge eines Vol­kes an. Doch dar­über mach­te er sich kei­ne Gedan­ken. Wie es sei­ner Art ent­sprach, ergriff er Par­tei für Unter­drück­te und Ver­folg­te. Als aber die Fron­ten zwi­schen Angrei­fern und Ange­grif­fe­nen unüber­sicht­lich wur­den, änder­te er sei­ne Wer­tun­gen. In sei­nem Arti­kel »Zion«, den er acht Jah­re spä­ter anläss­lich blu­ti­ger Zusam­men­stö­ße zwi­schen Juden und Ara­bern schrieb, gehö­ren sei­ne Sym­pa­thien den Juden:

»Juden, die zurück­ge­kehrt sind ins Land der Erz­vä­ter und müh­sam auf­bau­en, was in jahr­hun­der­te­lan­ger Tür­ken­herr­schaft ver­schlampt und ver­schüt­tet wur­de, ste­hen im Kampf mit Ara­bern, die sich als die ältern Besit­zer füh­len. Stra­ßen­kampf und scheuß­li­che Met­ze­lei­en in Jeru­sa­lem, in Hebron, in Jaf­fa, in Hai­fa. […] Von Anbe­ginn war die Span­nung zwi­schen den Ein­ge­wan­der­ten und den ein­ge­ses­se­nen Ara­bern stark. Hier die Pio­nie­re, von sozia­li­sti­schen oder wenig­stens altru­isti­schen Idea­len getra­gen, in ihrem jun­gen Natio­nal­be­wußt­sein unbän­dig und oft wohl auch nicht die For­men der Andern respek­tie­rend. Dort die Ara­ber, Grund­be­sit­zer mit Feu­dal­be­grif­fen; uralte Sip­pen­po­li­tik, gemengt mit moder­ner natio­na­li­sti­scher Dem­ago­gie. Sie haben nur ein Zip­fel­chen von Euro­pa erwischt, und zwar nicht das beste.« [4]

Euro­päi­sche Pio­nie­re tref­fen im Ori­ent auf feu­da­le Grund­be­sit­zer, die Ossietzky nun anstel­le »armer Ara­ber­hor­den« aus­macht. Ein von altru­isti­schen Idea­len getra­ge­nes Natio­nal­be­wusst­sein trifft auf natio­na­li­sti­sche Dem­ago­gie. Ossietzky schloss sich hier Arnold Zweig an, der in der­sel­ben Aus­ga­be der Weltbühne empha­tisch dazu auf­rief, die neu gegrün­de­te »Liga für das arbei­ten­de Palä­sti­na« zu unter­stüt­zen. [5] »Die Arbei­ter­schaft Palä­sti­nas«, schrieb Zweig, die zu einem Teil in kom­mu­ni­sti­schen Sied­lun­gen lebe, lei­ste »Vor­po­sten­ar­beit für den Ver­such der gesam­ten Mensch­heit, neue und bes­se­re For­men des Zusam­men­le­bens und der gerech­ten Ver­tei­lung des Arbeits­er­tra­ges zu fin­den«. Deren Wider­part, den Groß­grund­be­sitz der Ara­ber, beschrieb er so: »Wie in Deutsch­land nimmt er auch in Palä­sti­na die Form des Hüters natio­na­ler Güter an. Um sei­ne gei­stig unge­wand­ten, leicht erreg­ba­ren Land­ar­bei­ter und Päch­ter dau­ernd in Abhän­gig­keit zu hal­ten, braucht er ihre Grup­pen­af­fek­te nur gegen die neue jüdi­sche Ein­wan­de­rung anzu­sta­cheln und eine natio­nal-ara­bi­sche Sache zu schaf­fen, die aufs Haar genau der natio­nal-preu­ßi­schen Gemein­schaft von Guts­be­sit­zern und Land­ar­bei­tern in Pom­mern oder Ost­preu­ßen gleicht.«

Eine wei­te­re Gefahr für die »jüdi­sche Arbei­ter­schaft« sah Zweig dar­in gege­ben, dass »inner­halb des bür­ger­li­chen Zio­nis­mus ein Geist sei­ne Ansprü­che anzu­mel­den [droht], der über­all auf der Erde zu fin­den ist und der die natio­na­len Ein­rich­tun­gen der Juden in Palä­sti­na nur nach ihrer Ren­ta­bi­li­tät erhal­ten wis­sen will«. Was das zwie­späl­ti­ge Ver­hal­ten des zwi­schen mate­ri­el­len Inter­es­sen und poli­ti­schen Idea­len schwan­ken­den Bür­ger­tums betrifft, und zwar nicht nur des jüdi­schen oder spe­zi­ell auch nur des bür­ger­lich-zio­ni­sti­schen, konn­te Ossietzky Zweig zustim­men, aber er wer­te­te die Arbeit der ein­ge­wan­der­ten Juden nicht so welt­um­span­nend; er ver­mu­te­te ledig­lich »einen Kon­flikt zwei­er Völ­ker«, die auf dem­sel­ben Boden woh­nen, über des­sen Ver­tei­lung sie sich nicht einig sind.

Arnold Zweig war Sozia­list, kein Zio­nist. Er emi­grier­te zwar nach Palä­sti­na, kehr­te aber nach der Befrei­ung Deutsch­lands vom Faschis­mus in die DDR zurück. Bei Ossietzky lösten Juden in Palä­sti­na kei­ne sozia­li­sti­schen Über­le­gun­gen aus. Ihm ging es um die bri­ti­sche Man­dats- über­haupt Ori­ent­po­li­tik, die er als »offen anti­jü­disch« bezeich­ne­te. Ihn beschäf­tig­te, dass »eine rei­ne Ideo­lo­gie in das System des rän­ke­vol­len bri­ti­schen Kolo­ni­al­im­pe­ria­lis­mus ein­ge­spannt« wer­de. Er sah aber auch, dass eine Jahr­tau­sen­de alte Idee macht­po­li­ti­sches Kal­kül über­rag­te: »Der Millen­nar­sehn­sucht eines in alle Welt ver­streu­ten Vol­kes die Erfül­lung in Aus­sicht« zu stel­len, war ein »wahr­haft erha­be­nes Geschenk an die Juden des gan­zen Erd­krei­ses«. Selbst wer den Waf­fen­rock der Mit­tel­mäch­te trug, sei »bei dem Klang des einen Wor­tes: Zion!« im Inner­sten bewegt worden.

Keh­ren wir von Palä­sti­na nach Deutsch­land zurück, wo Anti­se­mi­ten ihr Unwe­sen trie­ben. Ossietzky behan­del­te sie mit Spott und Ver­ach­tung, mit Empö­rung und Zorn aber auch Juden, die sich aus geschäft­li­chen Inter­es­sen, wie er mein­te, einem anti­se­mi­tisch infi­zier­ten natio­na­li­sti­schen Milieu anpass­ten, statt sich ent­schie­den zur Demo­kra­tie zu beken­nen. Er stell­te den Cen­tral­ver­ein deut­scher Staats­bür­ger jüdi­schen Glau­bens unter Gene­ral­ver­dacht und nann­te ihn spöt­tisch »Cen­tral­ver­ein deut­scher Staats­ju­den bür­ger­li­chen Glau­bens«, wobei »bür­ger­lich« als »bour­geois« zu lesen ist. Tuchol­sky schrieb: »Cen­tral­ver­ein jüdi­scher Staats­bür­ger deut­schen Glau­bens«, wobei er mit »deutsch« eine natio­na­li­sti­sche Gesin­nung mein­te, die demo­kra­ti­sches Den­ken über­la­gert. [6]

Im Wahl­kampf für den im Sep­tem­ber 1930 zu wäh­len­den Reichs­tag – das par­la­men­ta­ri­sche Regie­rungs­sy­stem war schon durch eine Prä­si­di­al­dik­ta­tur ersetzt wor­den – brach­te die Zei­tung des Cen­tral­ver­eins einen Leit­ar­ti­kel, über den sich Ossietzky hef­tig empör­te. Der Ver­fas­ser, Lud­wig Hol­län­der, warb für eine Annä­he­rung an die Deut­sche Staats­par­tei. Die erst Ende Juli 1930 ent­stan­de­ne Par­tei ging aus einer Ver­ei­ni­gung der bür­ger­li­chen Deut­schen Demo­kra­ti­schen Par­tei mit der Volks­na­tio­na­len Reichs­ver­ei­ni­gung her­vor, einer tak­tisch moti­vier­ten Grün­dung Artur Mahrauns, des »Hoch­mei­sters« des anti­se­mi­ti­schen Jung­deut­schen Ordens (Jung­do). Den Ari­er­pa­ra­gra­phen des Jung­do über­nahm sie nicht. Ossietzky erkann­te in dem Zusam­men­schluss bei­der Par­tei­en einen wei­te­ren Schritt der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Par­tei auf dem Weg, der die Repu­blik in die faschi­sti­sche Dik­ta­tur führ­te. Er war vol­ler Zorn und ließ das den Cen­tral­ver­ein spüren:

»In der Zei­tung des Cen­tral-Ver­eins deut­scher Staats­bür­ger jüdi­schen Glau­bens befaßt sich deren Leit­ar­tik­ler, Herr Lud­wig Hol­län­der, mit der Staats­par­tei und mit den ver­wickel­ten Erklä­run­gen Herrn Mahrauns, ob er und sei­ne Freun­de nun Anti­se­mi­ten sind oder nicht. […] Vom C. V. war nicht mehr zu erwar­ten als ein höf­li­ches Ver­har­ren in einer tra­di­tio­nel­len Posi­ti­on, mehr Weh­lei­dig­keit als Mili­tanz. Es ist aber viel ärger gekom­men: Herr Hol­län­der trom­pe­tet mit vol­len Backen zum Ver­las­sen der alten Stel­lung. Natür­lich kann er Beden­ken nicht ganz ver­schwei­gen, nicht ganz untern Tisch fal­len las­sen, daß der Jung­deut­sche Orden noch immer an sei­nem Ari­er­pa­ra­gra­phen fest­hält und Herr Mahraun noch jetzt auf der Zin­ne der neu­en Volks­ge­mein­schaft etwas viel von ›christ­li­cher und deut­scher Kul­tur‹ schwa­felt. Was das bedeu­tet, weiß nach der lan­gen leid­vol­len jüdi­schen Ver­gan­gen­heit wohl selbst der irr­ste Gemein­de­ir­re, und nur der Leit­ar­tik­ler des C. V. dreht und deu­telt dar­an. […] Das deut­sche Bür­ger­tum galop­piert Hals über Kopf aus sei­nen über­lie­fer­ten Pro­gram­men und Ideen­ge­bäu­den und läßt den alten Par­tei­ha­bit hin­ter sich. Und die jüdi­sche Bour­geoi­sie fin­det, daß Libe­ra­lis­mus und Demo­kra­tie, die Mäch­te ihrer Eman­zi­pa­ti­on, das frü­he­re Voll­ge­wicht ver­lo­ren haben, und wirft sich lie­ber in ein ver­zwei­felt unge­wis­ses Aben­teu­er. Aus Furcht vor mate­ri­el­ler Ein­bu­ße gesellt sie sich zu Leu­ten, die ›an den Grund­sät­zen der christ­li­chen und deut­schen Kul­tur‹ nicht rüt­teln las­sen wol­len, die aber um die­se Kon­zes­si­on bereit sind, jüdi­sches Geld zu verteidigen.«

Das sind hap­pi­ge Vor­wür­fe gegen die »jüdi­sche Bour­geoi­sie«. Per­sön­li­che Erfah­run­gen konn­te Ossietzky nicht ein­brin­gen. Er hat­te nur mit Juden Umgang, die unver­rück­bar an Libe­ra­lis­mus und Demo­kra­tie fest­hiel­ten. Die­ses poli­ti­sche Bekennt­nis kann bei Juden nicht über­ra­schen, hat­ten sie doch bei der Ent­ste­hung der »Mäch­te ihrer Eman­zi­pa­ti­on« maß­ge­bend mit­ge­wirkt, wie über­haupt bei der Schaf­fung unse­rer moder­nen auf­ge­klär­ten Welt, der sie sich nicht als einer schon vor­han­de­nen erst assi­mi­lier­ten. Man muss nicht gleich an Ein­stein, Freud und Marx, an Kaf­ka und Mah­ler und an Roth­schild den­ken, um das zu erken­nen. Eine anti­se­mi­ti­sche Ein­stel­lung zeigt sich in Ossietz­kys Wor­ten nicht. Im Gegen­teil: Er hät­te die jüdi­sche Bour­geoi­sie gegen Anti­se­mi­ten ver­tei­digt. Das ging nun nicht mehr, muss­te er feststellen:

»Der C. V. betont nicht mehr den jüdi­schen, son­dern den bür­ger­li­chen Glau­ben. Die­se deut­schen Staats­ju­den bür­ger­li­chen Glau­bens haben sich ent­schie­den und damit auch das Recht ver­wirkt, künf­tig über Anti­se­mi­tis­mus zu zetern. Ich glau­be hier nicht nur für mich, son­dern auch für vie­le frei­heit­lich gesinn­te Nicht­ju­den zu spre­chen, die durch lan­ge Jah­re den Anti­se­mi­tis­mus als die säku­la­re Schan­de bekämpft haben, wenn ich sage, daß wir die berühm­ten Appel­le des C. V. an das gemein­sa­me huma­ni­tä­re Gefühl in Zukunft gelas­se­ner ertra­gen wer­den. Nament­lich wenn bei die­ser Gele­gen­heit die offi­zi­ell als leer erkann­ten libe­ra­len und demo­kra­ti­schen Grund­sät­ze plötz­lich wie­der ihr frü­he­res Voll­ge­wicht erlan­gen soll­ten. Da eine reprä­sen­ta­ti­ve jüdi­sche Orga­ni­sa­ti­on, wie es der C. V. ist, selbst in der Exi­stenz­fra­ge des Juden­tums mit sich han­deln läßt, kann man schwer­lich von Nicht­ju­den ver­lan­gen, daß sie auf die Schan­zen stei­gen, wenn Holo­fer­nes wie­der ein­mal vor Bethu­li­en steht. Anti­se­mi­ten kann man bekämp­fen, das ist eine gra­de, offe­ne Rech­nung. Aber was in aller Welt soll man mit Juden machen, die sich selbst den gel­ben Fleck aufs Kleid tun, nur um für ihre Tre­sors und Auf­sichts­rats­po­sten die güti­ge Pro­tek­ti­on einer Anti­se­mi­ten­sip­pe zu gewin­nen –? Da bleibt nichts als Resi­gna­ti­on.« [7]

Im Mai 1932 ging Ossietzky ins Gefäng­nis. Er durf­te Zei­tun­gen und Bücher bezie­hen, was ihm ermög­lich­te, für die Weltbühne Rezen­sio­nen zu schrei­ben. Da es ihm aber nicht erlaubt war, sie zu publi­zie­ren, erschie­nen sie unter ver­schie­de­nen Pseud­ony­men. Nur einen Arti­kel, den Ossietzky schlicht und ein­fach »Anti­se­mi­ten« beti­tel­te, woll­te er unter sei­nem Namen ver­öf­fent­licht haben. Der Ver­lag fand einen Aus­weg. Er gab an, dass sich das Manu­skript in Ossietz­kys Redak­ti­ons­schreib­tisch gefun­den habe.

Genau­er beschäf­tig­te sich Ossietzky mit »lite­ra­ri­schen Anti­se­mi­ten«. Er stell­te zunächst fest, dass sie mit den »längst als brü­chig erkann­ten« Ras­sen­theo­rien, mit »Ari­er­tum« und dem »nor­di­schen Men­schen« nicht mehr viel her­mach­ten. [8] Die Aus­sa­ge ist gewiss auf­fäl­lig, besagt aber in der Sache nicht viel. So muss­te Ossietzky lesen, dass das »Blut« als eine »unver­än­der­li­che Sub­stanz« eines Vol­kes das Schick­sal der Völ­ker und Men­schen bestimmt. »Aus den Geheim­ge­set­zen des ›Blu­tes‹«, so refe­rier­te er, »wer­den sich Ger­ma­nen und Judä­er ent­ge­gen­ste­hen bis ans Ende der Tage, wer­den sie sich nie­mals mischen kön­nen, wer­den sie sich ewig inner­lich fremd blei­ben müs­sen.« [9]

Das Wort »Ras­se« taucht hier nicht auf, eine Theo­rie wird nicht in Anspruch genom­men, statt Ari­er wer­den Ger­ma­nen genannt, aber das Den­ken ist durch und durch ras­si­stisch geprägt. Wenn Ossietzky ledig­lich die Pro­pa­gie­rung eines »fei­er­li­chen Deutsch­tums« aus­macht, dann liegt das dar­an, dass nach sei­ner Ansicht Ras­sen­theo­rien nicht mehr ernst genom­men wür­den, die einst von einem »intel­lek­tu­el­len Anti­se­mi­tis­mus« auf­ge­stellt wur­den, der ein »Ari­er­tum« und den »nor­di­schen Men­schen« pro­pa­gier­te, und die von Gobi­ne­au, Hou­sten Ste­wart Cham­ber­lain und dem »bay­reu­ther Par­ve­nutum« ver­tre­ten wur­den. Mag sein, dass die ras­si­sti­schen Fun­da­men­te eines kom­ple­xe­ren Anti­se­mi­tis­mus, der von tra­di­tio­nel­len Quel­len gespeist wur­de, in den Augen Gebil­de­ter zu Ossietz­kys Zei­ten brü­chig gewor­den waren, doch nur wenig spä­ter wur­de unter der Nazi-Dik­ta­tur ras­si­sti­sches Den­ken die herr­schen­de Ideo­lo­gie, die auch den Anti­se­mi­tis­mus voll­kom­men durch­drang. Er lei­te­te vom Tren­nungs­wahn zum Ver­nich­tungs­wahn über, dem außer Juden auch Sin­ti und Roma zum Opfer fie­len. Völ­ker­viel­falt lässt die Idee der einen Mensch­heit bestehen; der Ras­sis­mus löst sie auf. Her­ren­ras­sen müs­sen min­der­wer­ti­ge ver­nich­ten, um ihre Rein­heit zu erhal­ten. Die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se, in denen die­ses inhu­ma­ne Den­ken ent­steht, dür­fen bei einem auf Völ­ker redu­zier­ten Den­ken nicht aus dem Blick geraten.

Weil sie »alle Krank­hei­ten ihrer Gat­tung ver­ei­nen, rapi­de umlau­fen und Unfug anrich­ten«, unter­zog Ossietzky zwei Publi­ka­tio­nen einer aus­führ­li­chen Kri­tik: Hans Blü­hers »Erhe­bung Isra­els gegen die christ­li­chen Güter« und Wil­helm Sta­pels »Anti­se­mi­tis­mus und Antigermanismus«.

Den mit Publi­ka­tio­nen über die Jugend­be­we­gung her­vor­ge­tre­te­nen Blü­her lob­te Ossietzky als einen Schrift­stel­ler »von wirk­lich pro­duk­ti­ven Ein­fäl­len«. Das war iro­nisch gemeint. So ent­deck­te er in dem rezen­sier­ten Werk eine »unge­woll­te Tra­ve­stie«. Er mein­te eine Pas­sa­ge, in der Blü­her zu den Pro­to­kol­len der Wei­sen von Zion, einer anti­se­mi­ti­schen Fäl­schung, die angeb­li­che Plä­ne für die Errich­tung einer jüdi­schen Welt­herr­schaft kol­por­tier­ten, schrieb: »Auch hier besagt die Echt­heit oder Unecht­heit gar nichts, son­dern nur ihr intel­li­gi­bler Inhalt. Die­ser aber ist […] unbe­dingt wahr. Denn das Juden­tum hat danach gehandelt.«

»Platt und wüst« wie in einer belie­bi­gen Sechser­bro­schü­re gehe es bei Blü­her zu, kri­ti­sier­te Ossietzky und brach­te als Bei­spiel ein aus­führ­li­ches Zitat: »Soll man hier sagen, eine deut­sche Frau, der es mög­lich ist, ihr Geheim­nis den Blicken eines jüdi­schen Arz­tes preis­zu­ge­ben und sei­ne Ein­grif­fe wil­len­los zu dul­den, hat so viel an Instinkt ver­lo­ren, daß man auf sie ver­zich­ten muß? Oder soll man lie­ber hier doch war­nen …? Die Uner­träg­lich­keit die­ser Vor­stel­lung: der Jude am Lebens­tor der deut­schen Ras­se ist kaum zu über­bie­ten.« [10]

Anders als Blü­her, so stell­te Ossietzky fest, ver­zich­te Sta­pel, »von sei­nen Bewun­de­rern für die beste Feder der Rech­ten gehal­ten«, mit dem Begriff »Ras­se« zu ope­rie­ren. Er wis­se, dass es damit kei­ne Lor­bee­ren zu holen gebe. Aber sei­ne Gegen­über­stel­lung von jüdi­schem und deut­schem »Volks­tum« sei nicht weni­ger nebel­haft. Ossietzky sah sich zu einer Klar­stel­lung ver­an­lasst, wobei er sich auf die wirk­li­chen Lebens­ver­hält­nis­se bezog: »Das ›Volks­tum‹ eines klei­nen jüdi­schen Ange­stell­ten ist nicht das glei­che wie das sei­nes jüdi­schen Chefs, der drei Autos hat. Das ›Volks­tum‹ des jüdi­schen Pro­le­ten wird sicher erwa­chen, wenn ein paar Haken­kreuz­lüm­mel die gott­ge­seg­ne­te Kraft ihrer Arme an ihm erpro­ben wol­len. Ob dies glei­che Bewußt­sein jedoch in ihm rege wird, wenn man sei­nen Chef so mit­nimmt – wir kön­nen es nicht unter­su­chen. Es ist auch ein Irr­tum der natio­na­li­sti­schen Theo­rie, daß wir den gan­zen Tag ›als Deut­scher‹, ›als Jude‹ etce­te­ra her­um­lau­fen. Der heu­ti­ge Berufs­mensch ist ganz anders fixiert. Über­haupt ist ›Volks­tum‹ kein Begriff, mit dem sich viel anfan­gen läßt. Staat und Wirt­schaft bestim­men das Schick­sal des Ein­zel­nen im wei­te­sten Sin­ne und geben die Stich­wor­te für die Tren­nung in Par­tei­en, wäh­rend der sozia­le All­tag die all­ge­mein gül­ti­gen Denk- und Lebens­for­men prägt.« [11]

»Viel Fin­ster­nis, viel Wirr­warr und noch mehr unfrei­wil­li­ge Komik« mach­te Ossietzky bei Sta­pel aus. Als »ein Humo­ri­sti­kum ganz gro­ßen Ran­ges« zitier­te er des­sen Inter­pre­ta­ti­on von Hei­nes »Lore­ley«: »Man gebe sich der Inno­va­ti­on des Sat­zes ›Ich weiß nicht, was soll es bedeu­ten‹ hin, sofort fah­ren uns die Wor­te in die Arme und zwin­gen uns zu einem Zucken der Ach­seln, wäh­rend die Hand­flä­chen aus­ein­an­der­ge­hen: eine typisch jüdi­sche Geste. Und der Schluß mit dem ›Ich glau­be …‹ und dem ›und das hat mit ihrem Sin­gen die Lore­ley getan‹ ist ein Muster­bei­spiel der jüdi­schen Sen­ti­men­ta­li­tät, der Sen­ti­men­ta­li­tät des schräg gehal­te­nen (ein wenig nach hin­ten geneig­ten) Kop­fes mit dem ver­lo­re­nen Blick, aus wel­cher Stel­lung der Jude sofort mit einem Sprung, mit einem Witz­wort her­aus­hup­fen kann; denn die­se Sen­ti­men­ta­li­tät ist der Iro­nie benach­bart, sie hat nicht das Schwer­blü­ti­ge der deut­schen Sen­ti­men­ta­li­tät.« [12]

Ohne die lei­se­ste Nobles­se schrieb Ossietzky vol­ler Zorn und Ver­ach­tung ein Resü­mee, wobei in die abschlie­ßen­de Äuße­rung die tief­sit­zen­de Ver­är­ge­rung eines Gefäng­nis­in­sas­sen ein­ge­flos­sen sein mag, dem in einem poli­tisch moti­vier­ten Pro­zess die red­li­che Gesin­nung abge­spro­chen wor­den war: »Die­se lite­ra­ri­schen Anti­se­mi­ten müs­sen in einem argen Dilem­ma her­um­lau­fen. Sie bewe­gen sich immer am Ran­de des Pogroms, sie naschen gleich­sam davon, aber sie scheu­en sich, so aktiv zu wer­den wie weni­ger intel­lek­tu­ell beschwer­te Zeit­ge­nos­sen. War­um so schüch­tern, mei­ne Her­ren? Geben Sie sich doch einen Ruck, ent­bin­den Sie das Stück Pöbel in sich, das in jedem Anti­se­mi­ten steckt! Neh­men Sie doch den Pfer­de­ap­fel auf, wer­fen Sie ihn dem jüdi­schen Mit­bür­ger ins Gesicht und rufen Sie ›Sau­jud‹ hin­ter ihm her! Sie wer­den Erleich­te­rung füh­len und, da wir in Deutsch­land leben, auch ein Gericht fin­den, das Ihrer bedräng­ten See­len­la­ge Ver­ständ­nis ent­ge­gen­bringt. Die­se klei­ne Anstren­gung befreit Sie von einem häß­li­chen, koti­gen Stück Ata­vis­mus und ent­hebt Sie der unan­ge­neh­men Ver­pflich­tung, Bücher zu schrei­ben, deren sub­jek­ti­ve Red­lich­keit nicht bezwei­felt wer­den soll, die jedoch durch ihre ver­quol­le­ne Art durch­aus geeig­net sind, die all­ge­mei­ne Ver­lo­gen­heit in die­sem Lan­de noch zu ver­grö­ßern.« [13]

 

[1]Carl von Ossietzky: »Sämt­li­che Schrif­ten«, Rowohlt 1994, Art. 444, Z. 15 ff.; [2] Art. 166, Z. 7-30; [3] Art. 166, Z. 38-45; [4] Art. 873, pas­sim; [5] Die Weltbühne vom 3.9.1929, Teil II S.345 ff.; [6] Erst­mals in der Weltbühne vom 6.12.1923, wie­der abge­druckt in: Kurt Tuchol­sky: »Gesamt­aus­ga­be«, Rowohlt 1997 ff., Bd. 6, Art. 46, Z. 97 f.; [7] Art. 945, Z. 131-140; [8] Art. 1061, Z. 49-53; [9] Ebd., Z. 64-67; [10] Ebd., Z. 142-147; [11] Ebd., Z. 298-311; [12] Ebd., Z. 401-412; [13] Ebd., Z. 464-479