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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Literaturstreifzug mit Kaminer

»Jude allein ist auch nicht abend­fül­lend«, soll der scharf­zün­gi­ge, unver­gess­li­che Fritz Kort­ner einst zu einem jun­gen Schau­spie­ler gesagt haben – doch gibt es erfreu­li­che Gegen­bei­spie­le. Gre­gor Gysi wäre zu nen­nen, von dem es heißt, dass er wie­der akti­ver im Bun­des­tag mit­wir­ken will, vor allem aber ein vor Jah­ren nach Ber­lin zuge­wan­der­ter, in Mos­kau gebo­re­ner Jude: Wla­di­mir Kami­ner – der könn­te allein wochen­lan­ge Fern­seh­aben­de fül­len, er spricht so beschleu­nigt, wie er schreibt. Für ein kürz­lich erschie­ne­nes Werk nahm er sich aber wohl soli­de etwas mehr Zeit, Titel: »Tol­stois Bart und Tsche­chows Schu­he«. Das klingt sehr fami­li­är, ist jedoch hieb- und stich­fest, da war ein Ken­ner am Werk. Selbst wer das gewiss anspruchs­vol­le Buch »Der Idi­ot« auf­merk­sam gele­sen hat, erfährt aus dem Dosto­jew­ski-Ein­gangs­es­say viel Über­ra­schen­des, das gilt auch für den Tol­stoi-Text. Eine beson­de­re Bin­dung bestand zwi­schen dem Schü­ler Kami­ner und dem 1930 im Selbst­mord geen­de­ten Maja­kow­ski; der Jun­ge schrieb Gedich­te im Sound sei­nes gelieb­ten Dich­ters und merkt an: »Majak bedeu­tet Leucht­turm auf Rus­sisch, er wur­de zur Wer­be­ta­fel des jun­gen sozia­li­sti­schen Staa­tes.« Das hat ihm die­ser Sta­lin-Staat schlecht gedankt. Ger­hard Zwe­renz, der den Revo­lu­ti­ons-Poe­ten eben­falls schätz­te, zitier­te 1961 des­sen bereits 1916 publi­zier­te Zei­len: »Immer öfter den­ke ich:/Wär’s nicht gescheiter,/auf die Stirn einen Schluss­punkt mit Blei zu set­zen?« Dem Leucht­turm Wla­di­mir M. wur­de die Poli­tik zum Ver­häng­nis, dem von Kami­ner sorg­sam por­trä­tier­ten Anton Tsche­chow die ange­bo­re­ne schwa­che Gesund­heit, Tuber­kel zer­stör­ten bei­de Lun­gen, sein Husten belä­stig­te die Mit­men­schen, zudem schien dem viel­sei­ti­gen Thea­ter-Autor, dass er »oben­drein auch immer das­sel­be schrieb«, notiert Kami­ner. Bei den ver­schie­de­nen deut­schen Fern­seh-Auf­füh­run­gen, meist sorg­fäl­tig insze­niert, hat­te ich nie den Ein­druck, dass der Büh­nen-Pro­fi in Men­schen und Sze­nen Dublet­ten lie­fer­te. Die­sen deli­ziö­sen Tsche­chow-Satz habe ich im Inter­net gen­as­sau­ert: »Eine Erzäh­lung ohne Frau ist eine Maschi­ne ohne Dampf.« Frü­he Schrit­te zur Gleich­be­rech­ti­gung von einem berühm­ten Mann, und die­sem Autor waren wegen der damals unheil­ba­ren Tuber­ku­lo­se gera­de mal 44 Lebens­jah­re gegönnt.

Man muss nicht über jeden Schrift­stel­ler im Kami­ner-Buch-Karus­sell in Hosi­an­na aus­bre­chen. »Der Mei­ster und Mar­ga­ri­ta«, erst Jahr­zehn­te nach Bul-gakows Tod publi­ziert, war eine Welt­sen­sa­ti­on, auf einem nied­ri­ge­ren Level spä­ter Nabo­kovs »Loli­ta«, bei­de Her­ren – lei­der begabt – doch in der Wol­le gefärb­te Reak­tio­nä­re – davon gibt es genug, das muss man sich nicht antun.

Man kann wie Brecht oder Tuchol­sky das eine oder ande­re gegen Tho­mas Mann ein­wen­den, doch ein hoch­ge­bo­re­ner arro­gan­ter Lüm­mel wie Nabo­kov über­zieht gewal­tig, wenn er Tho­mas Mann einen »Voll­idio­ten« nennt. Dem einst wohl­ha­ben­den, spä­ter ver­arm­ten, dann wie­der ver­mö­gen­den Schmet­ter­lings­schwär­mer ging, wie Kami­ner tref­fend for­mu­liert »das Schick­sal der Mensch­heit an der Feder vor­bei«. Halt, nur Schel­ten kann pein­lich sein, vor vie­len Jah­ren war ich mal fas­zi­niert vom Nabo­kov-Roman »Ada oder das Ver­lan­gen«, spä­ter hat­te sich das ver­lo­ren. Ein Kabi­nett-Stück lie­fert Kami­ner lie­be- und kennt­nis­voll mit der zise­lier­ten Bio­gra­phie von Daniil Charms – was für eine Wahn­witz-Figur – bit­te selbst nachlesen.

Wla­di­mir Kami­ner: »Tol­stois Bart und Tsche­chows Schu­he«, Wun­der­raum, 320 Sei­ten, 20 €