Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Über den Mord an Siegfried Buback

Micha­el Buback, der Sohn des 1977 ermor­de­ten Gene­ral­bun­des­an­walts Sieg­fried Buback, hat ein drit­tes Buch über den Mord an sei­nem Vater geschrie­ben. Die­ses »Der Gene­ral muss weg« beti­tel­te Buch befasst sich mit dem Pro­zess gegen die als Mit­tä­te­rin des Atten­tats Ange­klag­te Vere­na Becker, der am 30. Sep­tem­ber 2010 vor einem Straf­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart im Mehr­zweck­ge­bäu­de der Justiz­voll­zugs­an­stalt Stutt­gart-Stamm­heim begann und mit Urteil vom 6. Juli 2012 ende­te. Micha­el Buback, der als Neben­klä­ger auf­trat, wur­de von sei­ner Frau beglei­tet, die eini­ge Kapi­tel zu dem Buch bei­trug. Dar­in beschreibt sie ihre Ein­drücke vom Pro­zess­ge­sche­hen anschau­lich und kri­tisch. Von Micha­el Buback erfah­ren wir ein­lei­tend eini­ges über das Leben und den gewalt­sa­men Tod sei­nes Vaters. Und dann folgt eine Schil­de­rung der Haupt­ver­hand­lung, deren Details einem stel­len­wei­se den Atem ver­schla­gen. Man erlebt Auf­trit­te eines Bun­des­an­walts, der jeden Respekt vor der Per­sön­lich­keit des Neben­klä­gers ver­mis­sen lässt und unge­ho­bel­te Umgangs­for­men prak­ti­ziert, wie sie sich in der Ära Reb­mann bei der Bun­des­an­walt­schaft ein­ge­bür­gert haben. Das Ver­hal­ten des Bun­des­an­walts lässt in pein­li­cher Wei­se erken­nen, dass er den Hoch­mut des stu­dier­ten Juri­sten gegen­über einem Nicht­ju­ri­sten (Micha­el Buback war Pro­fes­sor für Tech­ni­sche und Makro­mo­le­ku­la­re Che­mie an der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen) aus­spielt und des­sen über­aus gründ­li­che Recher­chen, Akten- und Sach­kennt­nis­se herabwürdigt.

Es wird all­zu deut­lich, dass es der Bun­des­an­walt­schaft dar­um ging, alle Zeu­gen­aus­sa­gen und Sach­be­wei­se zu igno­rie­ren oder zu baga­tel­li­sie­ren, die dafür spre­chen, dass Vere­na Becker auf dem Täter-Motor­rad geses­sen und die töd­li­chen Schüs­se auf den Gene­ral­bun­des­an­walt und des­sen Beglei­ter abge­ge­ben hat. Es ent­steht der Ein­druck, dass eine schüt­zen­de Hand über Vere­na Becker gebrei­tet wird, um ihre Zusam­men­ar­beit mit einer staat­li­chen Instanz zu decken.

Micha­el Buback war offen­sicht­lich bemüht, die Mord­tat mit gewis­sen­haf­ter Objek­ti­vi­tät auf­zu­klä­ren, die sich deut­lich von der dem Schutz von Vere­na Becker die­nen­den Par­tei­nah­me der Bun­des­an­walt­schaft unter­schied. Das hat wohl dazu bei­getra­gen, dass Buback Details der Beweis­auf­nah­me mit peni­bler Genau­ig­keit wie­der­ge­ge­ben hat, was die Les­bar­keit des Buches erschwert. Es wäre scha­de, wenn das dazu füh­ren wür­de, dass eini­ge Höhe­punk­te des Buches über­se­hen wer­den. Das gilt zum Bei­spiel für die nur kurz erwähn­te Begeg­nung mit Vere­na Becker bei einer Zug­fahrt. Wie ver­hält sich einer, der über­ra­schend eine Per­son trifft, die mut­maß­lich sei­nen Vater ermor­det hat? Micha­el Buback bot ihr ein Gespräch an, was sie mit »ich weiß, ich weiß« zurück­wies. Ich dach­te: So war auch Sieg­fried Buback, jeder­zeit bereit, auch mit Fein­den zu spre­chen. Ich erin­ne­re mich an eine Podi­ums­dis­kus­si­on bei einer SPD-Ver­an­stal­tung in einem gro­ßen über­füll­ten Saal in Frank­furt, bei der außer Buback und mir ein Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter der SPD und ein Spie­gel-Redak­teur über poli­ti­sche Justiz dis­ku­tier­ten. Uns erwar­te­te ein auf­müp­fi­ges Publi­kum, das schon die für uns vor­ge­se­he­nen Stüh­le besetzt hat­te, so dass wir mit bau­meln­den Bei­nen auf dem Tisch Platz neh­men muss­ten. Das hät­te nicht jeder Gene­ral­bun­des­an­walt mit­ge­macht. Und er hielt auch Stand, als aus dem Publi­kum unqua­li­fi­zier­te Zuru­fe kamen, gegen die wir uns gemein­sam wehrten.

Sieg­fried Buback war ein Mann, für den ich immer gro­ße Hoch­ach­tung und Sym­pa­thie emp­fun­den habe. Ich ver­ste­he, dass sein Sohn nicht auf­hört, für die Auf­klä­rung der Mord­tat zu kämp­fen, auch wenn das bestimm­tem Staats­die­nern missfällt.

 

Micha­el Buback/​Elisabeth Buback: »Der Gene­ral muss weg! Sieg­fried Buback, die RAF und der Staat«, Osburg Ver­lag, 404 Sei­ten, 26 €