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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Natur der Dinge

Die in der DDR gern gepfleg­te Frei­kör­per­kul­tur wur­de in Ahrens­hoop erkämpft. Ende der 1950er Jah­re soll dort ein hoher Par­tei­funk­tio­när (Alex­an­der Abusch) nackt mit einem Schild durch den Ort mar­schiert sein, um einen klei­nen Trupp anzu­füh­ren, der für die FKK ein­trat. Der Dich­ter Johan­nes R. Becher war dage­gen, er hat­te Ahrens­hoop ja als Ort des gesamt­deut­schen Kul­tur­bun­des zur demo­kra­ti­schen Erneue­rung Deutsch­lands erko­ren. Die neun Jah­re jün­ge­re Roman­schrift­stel­le­rin Anna Seg­hers hin­ge­gen fühl­te sich mit frei­em Kör­per am Strand am wohlsten.

Becher spa­ziert im wei­ßen Anzug am Strand von Ahrens­hoop entlang.
Eine nack­te Frau liegt dort mit einem Neu­en Deutsch­land als Son­nen­schutz auf dem Gesicht.
Er geht vor­bei und sagt: »Sie alte Sau!«
Die nack­te Frau nimmt die Zei­tung vom Gesicht, es ist Anna Seghers.
Becher dar­auf: »Oh.«

Kur­ze Zeit spä­ter erhält Anna Seg­hers in Ber­lin den Natio­nal­preis, über­reicht vom Kul­tur­mi­ni­ster der DDR, Johan­nes R. Becher, dicht umringt von den gela­de­nen Gästen.

Anna Seg­hers bedankt sich und sagt laut: »Für Dich aber immer noch DUALTESAU.« (NB. Übri­gens erwies Seg­hers dem Dich­ter spä­ter an sei­nem Sarg den Dienst der Totenwache).

Auf jeden Fall wur­de die FKK-Fra­ge auf höch­ster poli­ti­scher Ebe­ne ent­schie­den und setz­te sich im gan­zen Land als selbst­ver­ständ­lich, unpro­ble­ma­tisch und natür­lich durch. Es gab ja die pro­le­ta­ri­sche Tra­di­ti­on der Zwan­zi­ger Jah­re, als es auch in den Städ­ten Ver­ei­ne gab, die die­se Kul­tur ver­foch­ten. Ahrens­hoop wird noch heu­te bewor­ben als ein Ort der Frei­kör­per­kul­tur. Die aber nun über­wie­gend aus West­deutsch­land kom­men­den Gäste wol­len davon oft nichts wis­sen und ver­der­ben die Sache emp­find­lich – wohl nicht zuletzt, weil ihnen Sta­tus­geh­a­be und tief­sit­zen­de Kir­chen­mo­ral offen­bar wich­ti­ger sind als Freikörperkultur.