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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Schlagende Argumente

Aus­ge­löst durch For­schungs­er­geb­nis­se von Psy­cho­lo­gen, wonach jedes Kind ent­schei­den­de Ent­wick­lungs­an­stö­ße in sei­nen ersten Lebens­jah­ren erhält, war die Kin­der­er­zie­hung Anfang der sieb­zi­ger Jah­re ein viel dis­ku­tier­tes The­ma, das auch im SPIEGEL erör­tert wur­de (z. B. mit der Titel­sto­ry im Heft Nr. 44 vom 26.10.1070: »Kin­der­er­zie­hung: Ver­lo­re­ne Jah­re?«). Da in mei­nem Hei­mat­ort, dem nahe Mann­heim gele­ge­nen Dorf Hed­des­heim, gera­de in die­ser Zeit zwei neue kon­fes­sio­nel­le Kin­der­gär­ten gebaut wer­den soll­ten, griff ich zusam­men mit mei­ner dama­li­gen Freun­din und spä­te­ren Frau das The­ma in einem Flug­blatt auf, das am 22.11.1970 auf der Trep­pe vor dem Ein­gang der evan­ge­li­schen Kir­che ver­teilt wur­de. Denn in der Kir­che ver­an­stal­te­te der Män­ner­ge­sang­ver­ein ein Wohl­tä­tig­keits­kon­zert zugun­sten der geplan­ten Neu­bau­ten. Unter Beru­fung auf die im SPIEGEL vor­ge­brach­ten Argu­men­te wur­de von uns gefor­dert, einen über­kon­fes­sio­nel­len, statt zwei kon­fes­sio­nel­len Kin­der­gär­ten zu bau­en, zumal gera­de in Hed­des­heim damals noch ein regel­rech­ter »Reli­gi­ons­krieg« zwi­schen den katho­li­schen und evan­ge­li­schen Chri­sten herrsch­te. Wenn Jugend­li­che ins hei­rats­fä­hi­ge Alter kamen, wur­de dar­auf geach­tet, dass sie bei­de der­sel­ben Reli­gi­on ange­hör­ten, damit es kei­ne »Misch­ehen« gibt.

Als der evan­ge­li­sche Pfar­rer die Flug­blatt­ak­ti­on mit­be­kam, rief er den CDU-Bür­ger­mei­ster an, der wut­schnau­bend her­bei­eil­te und sofort zur Tat schritt: Er beschimpf­te uns als »Drecks­o­ze« und »Schwei­ne«, prü­gel­te mit der Faust auf uns ein und gab mei­ner Freun­din einen so hef­ti­gen Stoß, dass sie die sie­ben Kir­chen­trep­pen hin­un­ter­fiel und sich schwe­re Schürf­wun­den zuzog. Die der SPD nahe­ste­hen­de All­ge­mei­ne Tages­zei­tung (AZ) berich­te­te aus­führ­lich über die »Tem­pel­rei­ni­gung mit Kess­lers schla­gen­den Argu­men­ten«, wäh­rend der kon­ser­va­ti­ve Mann­hei­mer Mor­gen die Über­schrift zu sei­nem Arti­kel vor­sich­tig for­mu­lier­te: »Hat Bür­ger­mei­ster Kess­ler Jung­so­zia­li­sten geschlagen?«

Nach dem bru­ta­len Schla­g­ein­satz such­ten wir einen Arzt auf und erstat­te­ten anschlie­ßend auf der Poli­zei­sta­ti­on in der Nach­bar­stadt Laden­burg Straf­an­zei­ge gegen den Rat­haus­chef, der dafür bekannt war, in sei­ner Gemein­de wie ein Des­pot auf­zu­tre­ten. Ein in der Tages­zei­tung ver­öf­fent­lich­tes Foto zeigt uns mit Ver­bän­den umwickelt vor der Poli­zei­wa­che. Obwohl cir­ca hun­dert Sän­ger Zeu­gen der Gewalt­ak­ti­on waren, woll­te kei­ner etwas gese­hen haben, und der Bür­ger­mei­ster mach­te zunächst von sei­nem Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht Gebrauch. Spä­ter erklär­te er bei der Ver­neh­mung, dass er »beim besten Wil­len nicht mehr sagen kön­ne, wie es zu dem Sturz der Flug­blatt­ver­tei­le­rin gekom­men« sei, mit dem Zusatz: »Soll­te ich dar­an auch nur die gering­ste Schuld haben, bedaue­re ich dies zutiefst.« Er sei als »Orts­po­li­zei­be­hör­de« ein­ge­schrit­ten und bei dem Ein­satz als »Faschist« beschimpft wor­den, was ihn in Rage gebracht habe. Bei sei­ner Ver­neh­mung stell­te er »für­sorg­lich« Straf­an­trag gegen mich wegen »fre­chen Lachens, des Aus­drucks ›Faschist‹ u. a.«, womit ich ihn belei­digt hätte.

Die von uns gegen den Bür­ger­mei­ster ein­ge­brach­te Kla­ge wur­de vom Ersten Staats­an­walt mit der Begrün­dung zurück­ge­wie­sen, dass der Vor­fall gering­fü­gig sei und dass »kein öffent­li­ches Inter­es­se an einer straf­ge­richt­li­chen Ver­fol­gung« bestehe. Der Gene­ral­staats­an­walt stell­te sich hin­ter die­se Ent­schei­dung. So haben der Land­rat und die Justiz den prü­geln­den Bür­ger­mei­ster vor dem Rück­tritt bewahrt, der zwin­gend erfor­der­lich gewe­sen wäre. Wir konn­ten uns ledig­lich über die Über­wei­sung von DM 124,60 für Scha­dens­er­satz und Schmer­zens­geld freu­en, die der Gerichts­voll­zie­her bei dem zah­lungs­un­wil­li­gen Bür­ger­mei­ster ein­ge­trie­ben hat.

Anläss­lich des 1.100jährigen Orts­ju­bi­lä­ums brach­te Hed­des­heim im Jahr 2017 eine umfang­rei­che Chro­nik her­aus. Der Lei­ter der Redak­ti­on setz­te gegen hef­ti­ge Wider­stän­de aus der Ver­wal­tung durch, dass der »Streit auf der Kirch­trep­pe« auf­ge­nom­men wur­de, weil es ein typi­scher Vor­fall für die Zeit um 1968 gewe­sen sei.