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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Stenglish for you«

Ich möch­te schein­tot sein, um zu erle­ben, wie mei­ne Freun­de mir am Grab verzeih’n.

Das wür­de a) mein Selbst­be­wusst­sein heben und b) für mich ein Spaß­ver­gnü­gen sein.

Und mei­ne Fein­des­freun­de wür­den stie­ren und stump­fen Blicks in wei­te Fer­nen sehn.

Ich aber könn­te stadt­wärts pro­me­nie­ren und als St. Engel in ein Klo­ster gehn.

(Aus: Mit wei­ßer Weste, in: Hans­ge­org Sten­gel, Epi­gram­me und Gedich­te, Eulen­spie­gel Ver­lag Ber­lin, 1. Auf­la­ge)

Selbst­be­wuss­ter und sati­ri­scher kann man in eige­nem Namen (St. Engel) eigent­lich kaum for­mu­lie­ren. Dazu passt die Tat­sa­che, dass Hans­ge­org Sten­gel am 30.07.22 gebo­ren wur­de und sich haar­ge­nau am sel­ben Tage wie­der aus dem Erden­da­sein davon mach­te. Wenn auch gebeug­te 81 Jah­re spä­ter. Sonst hät­te es der ein­ge­fleisch­te Vogt­län­der und umge­sie­del­te Ber­li­ner am 30.07.21 exakt auf 99 stol­ze Len­ze gebracht.

Für lite­ra­tur- und kaba­rett­be­flis­se­ne DDR-Bür­ger war der Dich­ter, Mode­ra­tor, Jour­na­list und Allein­un­ter­hal­ter eine der spit­ze­sten Zun­gen der Mit­tel­ge­birgs­re­pu­blik zwi­schen der Schwar­zen und der Wei­ßen Elster. In letz­te­rer unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft am Grei­zer Schloss­berg gebo­ren, belie­fer­te er bereits als 14Jähriger die ost­thü­rin­gi­sche Lokal­pres­se mit Gedich­ten, bevor er sich in den 1950ern in den haupt­städ­ti­schen Teil von Ber­lin zurück­zog und beim Fri­schenWind und dem fort­set­zen­den Eulen­spie­gel eine Hei­mat fand. Wie vie­le Schau­spie­ler, Schrei­ber und ande­re knap­pe Spe­zia­li­sten wech­sel­te auch er eines Tages die Ber­li­ner Him­mels-rich­tung von Ost nach West – im Gegen­satz zu ande­ren Künst­lern aller­dings erst 1995, als der Senat für die wie­der­ver­ei­nig­te Stadt bereits im Roten Rat­haus sei­nen Regie­rungs­sitz auf­ge­schla­gen hat­te. Und das hat­te kei­ne poli­ti­schen, son­dern woh­nungs­po­li­ti­sche Gründe.

Sei­ne sati­ri­sche Viel­falt und Ernst­haf­tig­keit, mess­bar an der Tuchol­skys, offen­bar­te Sten­gel mit schar­fem Wort­witz und in unver­söhn­li­cher Feh­de mit Sprach­schlu­de­rei­en. So ent­stan­den »Wer lernt mir deutsch?«, »Steng­lish for you«, »Wort­a­del­la«, »Ret­tet dem Dativ«, »Wil­li Wusch­kes Gere­de­schup­pen« und wei­te­re unschlag­ba­re Bei­trä­ge für Kaba­rett­pro­gram­me und Sati­re­kom­pen­di­en. Der saf­ti­ge Spott über sprach­li­che Ver­ball­hor­nun­gen ver­band ihn übri­gens eben­so mit Tucho wie die Lie­be zu trocke­nem Rot­wein. Für den Eulen­spie­gel erfand Sten­gel die Kreuz­wort­rät­sel für Quer­den­ker, mit Karl Schra­der erfand er eine aktu­el­le Fas­sung des »Struw­wel­pe­ter«, und mit NBI-Chef­bild­ner Ger­hard Kies­ling, einem Lands­mann, schuf er die »Grei­zer Sonate«.

Über­haupt leg­te er gro­ßen Wert auf sei­ne vogt­län­di­sche Her­kunft, die er als beson­de­re Fügung betrach­te­te. Dass der Astro­naut Mer­bold eben­falls Grei­zer war und der Kos­mo­naut Jähn zumin­dest naher Vogt­län­der, wun­der­te ihn nicht. Er beton­te aber auch sein Ver­ständ­nis für alle Mit­bür­ger, denen die­ses Pri­vi­leg durch eine ande­re Geburts­ge­gend ver­sagt geblie­ben war. Spe­zi­ell für die Anlie­ger ver­fass­te er hei­mat­na­he Apho­ris­men, so etwa: »Eine Blatt­laus aus Lan­gen­hes­sen hat­te ihr Manu­skript ver­ges­sen. Drum fand das Refe­rat nicht statt, denn Blatt­läu­se lesen nur vom Blatt.«

Den Frau­en, und nicht nur denen aus sei­ner Hei­mat­ge­gend, galt stets sei­ne ganz beson­de­re Aufmerksamkeit.

»Um Chri­stel bemüh­ten sich vie­le Knaben,

doch immer wie­der schmoll­te sie: Nein!

Ich möch­te nicht nur einen Frei­er haben,

es muss schon ein Ein­wand­frei­er sein!«

Für das neue deutsch­land schrieb er die Gast­ko­lum­ne »Mit dem Kropf durch die Wand«, und in sei­ner Ver­an­stal­tungs­rei­he »Lachen und lachen las­sen« kamen solch unbe­que­me Gei­ster wie Ernst Röhl, Eddi Külow, Jochen Peters­dorf, Otto­kar Dom­ma und Lothar Kusche zu Wort. Die­se Rei­he war wohl auch einer der Grün­de dafür, dass das Fern­se­hen der DDR nur sehr spar­sam mit ihm umging. Denn auf poli­ti­sche Ein­wän­de gegen sei­ne treff­si­che­ren Poin­ten reagier­te er all­er­gisch. Als man dem schon Betag­ten bei einem Solo-Auf­tritt an der Tech­ni­schen Hoch­schu­le Ilmen­au einen Stuhl zuschob, lehn­te er die Für­sor­ge mit der Bemer­kung »Wel­cher Sati­ri­ker sitzt schon gern?« dan­kend ab.

Er war von sich über­zeugt, hat­te aber auch allen Grund dazu. Dem Autor die­ser Zei­len, eben­falls Vogt­län­der, der Sten­gel um ein Urteil über sei­ne als Wer­be­text bear­bei­te­te »Erlkönig«-Fassung bat, erklär­te er, dass er für der­ar­ti­ge Anfra­gen eine Sati­re-Ska­la von 1 bis 10 ent­wickelt habe. Er habe den Text dem 7. Rang­platz zugeordnet.

Dar­über freut sich noch heu­te Wolf­gang Helfritsch