Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close

Syrien: Stiller Tod durch Sanktionen

Der Rat der Euro­päi­schen Uni­on hat am 1. Juni erneut ein­stim­mig die eigen­mäch­ti­gen, als »Sank­tio­nen« bezeich­ne­ten Blocka­de­maß­nah­men der EU gegen Syri­en um ein Jahr ver­län­gert. Die USA haben ihre in den letz­ten Mona­ten sogar noch ver­schärft. Dabei machen die Ver­ein­ten Natio­nen (UNO) und Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen sie seit lan­gem und in hohem Maße für die mise­ra­blen Lebens­be­din­gun­gen im Land mit­ver­ant­wort­lich. Die Zeit dage­gen ver­tei­digt sie in ihrer Aus­ga­be vom 1. März vehe­ment. In einem Gast­bei­trag bestrei­tet die grü­ne Poli­to­lo­gin Ben­te Schel­ler jeg­li­che nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen der wirt­schaft­li­chen Zwangs­maß­nah­men auf die Bevöl­ke­rung. Berich­te über Man­gel an Nah­rung, Medi­ka­men­ten, Ersatz­tei­len für medi­zi­ni­sche Gerä­te et cete­ra tut sie salopp als »abstru­se Gerüch­te« ab, die hier­zu­lan­de nur von der AfD sowie Tei­len der Links­par­tei und der Frie­dens­be­we­gung ver­brei­tet wür­den. Von Sank­tio­nen betrof­fen sei »nichts, was huma­ni­tä­re Belan­ge beträ­fe«. »Das Regime« wol­le sie nur los­wer­den, weil sie den Wie­der­auf­bau behin­dern und benut­ze dabei das »Leid der Zivil­be­völ­ke­rung als Waffe«.

Die Autorin ist Lei­te­rin des Büros der grü­nen­na­hen Hein­rich-Böll-Stif­tung in Bei­rut und war zuvor unter ande­rem Refe­ren­tin für Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung an der deut­schen Bot­schaft in Damas­kus. Wäre sie nicht so fest ver­bun­den mit grü­ner Par­tei- und deut­scher Außen­po­li­tik, könn­te sie es daher bes­ser wis­sen. Schließ­lich gibt es schon seit län­ge­rem Berich­te, die ihrer Sicht fun­da­men­tal wider­spre­chen, unter ande­rem von der UN-Orga­ni­sa­ti­on für Wirt­schaft und Sozia­les in West­asi­en (ESCWA) und dem Welt­ernäh­rungs­pro­gramm (WFP).

Die Zeit selbst hät­te am 29. Mai die Gele­gen­heit gehabt, sich auf einer Pres­se­kon­fe­renz in Ber­lin von sach­kun­di­ger Sei­te über die tat­säch­li­chen Fol­gen der Sank­tio­nen zu infor­mie­ren. Auf Ein­la­dung der ärzt­li­chen Frie­dens­or­ga­ni­sa­ti­on IPPNW berich­te­te der UN-Son­der­be­richt­erstat­ter Idriss Jazai­ry über die Ergeb­nis­se sei­ner Unter­su­chun­gen vor Ort. Sei­ne Aus­füh­run­gen waren bri­sant, ins­ge­samt eine vehe­men­te Ankla­ge gegen die west­li­che Sank­ti­ons­po­li­tik. Das Medi­en­in­ter­es­se blieb jedoch gering. Nicht ein­mal jun­ge Welt und neu­es deutsch­land hiel­ten es für nötig, dar­über zu berich­ten, der Nach­rich­ten­agen­tur dpa war es anschlie­ßend nur eine Kurz­mel­dung wert. Aus­führ­lich berich­te­ten dage­gen die Nach­rich­ten­por­ta­le Sput­nik News und RT Deutsch.

Die Stel­le des »Son­der­be­richt­erstat­ters über nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen ein­sei­ti­ger Zwangs­maß­nah­men auf die Gewähr­lei­stung von Men­schen­rech­ten« war vom UN-Men­schen­rechts­rat geschaf­fen wor­den, weil inner­halb der Ver­ein­ten Natio­nen eine Mehr­heit der Ansicht ist, so Jazai­ry, dass die Anwen­dung sol­cher Maß­nah­men »gegen inter­na­tio­na­les Recht, das huma­ni­tä­re Völ­ker­recht, die Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen und die Nor­men und Grund­sät­ze für fried­li­che Bezie­hun­gen zwi­schen Staa­ten ver­sto­ßen« könne.

Der alge­ri­sche Diplo­mat und Men­schen­rechts­ex­per­te Jazai­ry ist seit vie­len Jah­ren in lei­ten­den Posi­tio­nen der UNO tätig und unter ande­rem auch Grün­dungs­mit­glied des Men­schen­rechts­ra­tes. Er besuch­te Syri­en 2018 in Aus­übung sei­nes Amtes und stell­te dabei eine »dra­ma­ti­sche Zunah­me des Lei­dens des syri­schen Vol­kes« fest. Es sei selbst­ver­ständ­lich nicht leicht, so Jazai­ry, die Aus­wir­kun­gen der Sank­tio­nen von denen des Krie­ges zu tren­nen. Wobei, wie er ein­lei­tend klar­stell­te, der auch von ihm teil­wei­se ver­wen­de­te Begriff »Sank­tio­nen« nicht kor­rekt sei, da nur der UN-Sicher­heits­rat legi­ti­miert ist, Straf­maß­nah­men zu erlas­sen. Die von ihm unter­such­ten Zwangs­maß­nah­men wur­den aber von den USA und den EU-Staa­ten eigen­mäch­tig ver­hängt. Die USA hat­ten schon 1979 damit begon­nen und sie ab 2011 ver­schärft. Die EU zog ab 2011 mit und ergriff ähn­li­che Maß­nah­men, die sie in der Fol­ge 52 Mal aus­wei­te­te und verschärfte.

Dar­un­ter fällt eine Rei­he soge­nann­ter geziel­ter Maß­nah­men, die sich gegen Ein­zel­per­so­nen rich­ten, etwa wegen ihrer Ver­bin­dung zur syri­schen Regie­rung oder auch nur auf­grund fami­liä­rer Bezie­hun­gen. Den zer­stö­re­risch­sten Effekt hät­ten jedoch die kol­lek­ti­ven Maß­nah­men. Dazu gehö­ren Han­dels­ver­bo­te für bestimm­te Waren und Dienst­lei­stun­gen, aber auch Maß­nah­men, die inter­na­tio­na­le Finanz­trans­fers ver­hin­dern. Die Über­la­ge­rung ver­schie­de­ner Maß­nah­men­pa­ke­te in Ver­bin­dung mit den gene­rel­len finan­zi­el­len Beschrän­kun­gen ent­spre­che einer umfas­sen­den Wirt­schafts­blocka­de Syri­ens, wie Jazai­ry fest­stellt. Er spricht von »ver­hee­ren­den Aus­wir­kun­gen auf die gesam­te Wirt­schaft und das täg­li­che Leben der ein­fa­chen Men­schen«. Der Krieg habe die Situa­ti­on dann noch mas­siv verschlimmert.

Der UN-Diplo­mat berich­tet: Seit 2011 sei das Brut­to­in­lands­pro­dukt Syri­ens um zwei Drit­tel gesun­ken. Weil inter­na­tio­na­le Ver­mö­gens­wer­te ein­ge­fro­ren wur­den, sei­en die Wäh­rungs­re­ser­ven auf­ge­braucht, und der Kurs der syri­schen Lira sei gegen­über dem Dol­lar auf ein Zehn­tel ein­ge­bro­chen. Die Infla­ti­on habe dra­ma­tisch zuge­nom­men, die Prei­se von Lebens­mit­teln sei­en um das Acht­fa­che gestiegen.

Wie schon zuvor ESCWA und WFP stellt auch der UN-Exper­te fest, dass die »nomi­nell gel­ten­den ›huma­ni­tä­ren Aus­nah­men‹«, die die Grund­ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung sicher­stel­len soll­ten, nicht grif­fen und letzt­lich »irrele­vant« sei­en. Haupt­hin­der­nis für die Auf­recht­erhal­tung der Ver­sor­gung sei­en die feh­len­den Finan­zie­rungs­mög­lich­kei­ten. Da die USA alle Trans­ak­tio­nen unter­bin­den kön­nen, die über Stel­len in den USA lau­fen, an denen US-Stel­len betei­ligt sind oder die in Dol­lar abge­wickelt wer­den, sei Syri­en vom welt­wei­ten Ban­ken­sy­stem weit­ge­hend abge­schnit­ten. Die blo­ße Unsi­cher­heit, Trans­ak­tio­nen könn­ten viel­leicht gegen irgend­wel­che west­li­chen Zwangs­maß­nah­men ver­sto­ßen, schrecke inter­na­tio­na­le Ban­ken und Unter­neh­men vor Geschäf­ten mit syri­schen Fir­men und Ein­rich­tun­gen sowie auch mit den in Syri­en täti­gen Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen ab.

Unab­hän­gig von ihrer Funk­ti­on und unab­hän­gig davon, ob es sich um eine Pri­vat­per­son oder einen Unter­neh­mer han­de­le, wür­den alle Syrer dar­an gehin­dert, inter­na­tio­na­le Finanz­trans­ak­tio­nen durch­zu­füh­ren, auch für Waren, die nicht unter Embar­go ste­hen. Sie sei­en nun gezwun­gen, auf alter­na­ti­ve Trans­fer­sy­ste­me wie das tra­di­tio­nel­le »Hawa­la« aus­zu­wei­chen, wodurch Mil­lio­nen von Dol­lar über teu­re Ver­mitt­ler und intrans­pa­ren­te Kanä­le flös­sen, die die Trans­ak­ti­ons­ko­sten dra­stisch erhöhten.

Par­al­lel dazu hät­ten die Lie­fer­ver­bo­te für Aus­rü­stun­gen, Maschi­nen und Ersatz­tei­le auch die syri­sche Indu­strie weit­ge­hend zer­stört. Aus­fal­len­de Was­ser­pum­pen beein­träch­tig­ten die Was­ser­ver­sor­gung, über­al­ter­te und nicht mehr gewar­te­te Kraft­wer­ke die Strom­ver­sor­gung. Strom­aus­fäl­le beschä­dig­ten wie­der­um kom­ple­xe Gerä­te, Fabrik­ma­schi­nen und medi­zi­ni­sche Pro­duk­te. Die Sicher­heit von Zivil­flug­zeu­gen sei nicht mehr gewähr­lei­stet und der öffent­li­che Nah­ver­kehr in einem erbärm­li­chen Zustand.

Syri­en stellt allen Bür­gern eine kosten­lo­se Gesund­heits­ver­sor­gung zur Ver­fü­gung, die vor dem Krieg und den Sank­tio­nen als eine der besten der Regi­on galt. Hat der Krieg das Gesund­heits­sy­stem bereits stark über­for­dert, so blockie­ren die Sank­tio­nen den Wie­der­auf­bau. Vor allem die Finanz­blocka­den hin­dern Kran­ken­häu­ser dar­an, Medi­ka­men­te, Gerä­te, Ersatz­tei­le und Soft­ware zu kau­fen und zu bezah­len. Theo­re­tisch fal­len sie unter die huma­ni­tä­ren Aus­nah­men. In der Pra­xis sind inter­na­tio­na­le Lie­fe­ran­ten jedoch nicht bereit, die not­wen­di­gen Hür­den zu nehmen.

West­li­che Regie­run­gen und Medi­en wür­den ihm ent­geg­nen, so der UN-Diplo­mat, dass der Anteil der Sank­tio­nen an den kata­stro­pha­len Lebens­be­din­gun­gen der Bevöl­ke­rung nicht genau zu bezif­fern sei. Dies schmä­le­re jedoch »kei­nes­wegs die Not­wen­dig­keit, Maß­nah­men zur Wie­der­her­stel­lung ihrer fun­da­men­ta­len Men­schen­rech­te zu ergrei­fen«. Es sei »para­dox«, dass die Sank­tio­nen mit der Sor­ge um die Men­schen­rech­te in Syri­en begrün­det wür­den, wäh­rend durch sie die huma­ni­tä­re Kri­se im Land mas­siv ver­schärft werde.

Trotz der in den mei­sten Gebie­ten des Lan­des zu beob­ach­ten­den Sta­bi­li­sie­rung, die den Beginn des Wie­der­auf­baus dort mög­lich mache, wür­den die Zwangs­maß­nah­men gegen das Land nicht nur auf­recht­erhal­ten, die USA sei­en seit meh­re­ren Mona­ten dabei, sie wei­ter zu eska­lie­ren, indem sie Unter­neh­men aus Dritt­staa­ten mit Stra­fen droh­ten, wenn sie das US-Ein­fuhr­ver­bot von Erd­öl an Syri­en unterliefen.

Die Ver­län­ge­rung der Sank­tio­nen wer­de damit gerecht­fer­tigt, dass die syri­sche Regie­rung nach wie vor die Men­schen­rech­te der Syrer ver­let­ze. »Das ist gleich­be­deu­tend mit dem Ansatz, die Flam­men der Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen nicht mit einem Was­ser­schlauch, son­dern mit einem Flam­men­wer­fer zu bekämpfen!«

Jazai­ry war nach der Pres­se­kon­fe­renz zusam­men mit Mit­strei­tern der IPPNW zu einem Tref­fen mit Ver­tre­tern des Aus­wär­ti­gen Amtes ein­ge­la­den, um eini­ge Aspek­te der Doku­men­ta­ti­on der Ärz­te­or­ga­ni­sa­ti­on über den Krieg in und gegen Syri­en (s. Ossietzky 4/​2019) zu dis­ku­tie­ren, dar­un­ter auch die Aus­wir­kun­gen der Sank­tio­nen. Die Ver­tre­ter des Aus­wär­ti­gen Amtes hät­ten dabei ihre Behaup­tung auf­recht­erhal­ten, berich­te­te Jazai­ry abends wäh­rend einer Podi­ums­dis­kus­si­on, dass sich die west­li­chen Zwangs­maß­nah­men aus­schließ­lich gegen die syri­sche Regie­rung rich­te­ten und es aus­rei­chend huma­ni­tä­re Aus­nah­men gebe. Sei­ne Schil­de­run­gen des mise­ra­blen Zustands des Gesund­heits­sy­stems hät­ten sie mit dem Vor­wurf zu kon­tern ver­sucht, die syri­sche Armee bom­bar­die­re ja auch häu­fig Kran­ken­häu­ser. Er habe sie dar­auf­hin gefragt, ob es denn »gna­den­vol­ler« sei, wenn Men­schen auf dem Ope­ra­ti­ons­tisch ster­ben, weil durch Sank­tio­nen die Strom­ver­sor­gung aus­fällt und not­wen­di­ge Medi­ka­men­te fehlen?

Der oft vor­ge­brach­ten Recht­fer­ti­gung, Sank­tio­nen sei­en eine gewalt­lo­se Alter­na­ti­ve zum Krieg, ent­geg­ne­te er: »Die­se Men­schen ster­ben still. Ist das bes­ser und gna­den­vol­ler, wenn Men­schen still ster­ben als durch eine Bom­ben­ex­plo­si­on?« Auch die Fol­gen von Wirt­schafts­blocka­den sei­en eine Tragödie.

Syri­en ist nur eines von einer wach­sen­den Zahl an Län­dern, die Wirt­schafts­sank­tio­nen aus­ge­setzt sind. Ins­ge­samt sei­en bereits 20 Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung in irgend­ei­ner Wei­se davon betrof­fen, eine Rei­he von ihnen ähn­lich schwer wie Syri­en. Schon häu­fig hät­ten sie auch Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen wie Amnes­ty Inter­na­tio­nal und Human Rights Watch auf die sich dar­aus erge­ben­den schwe­ren Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen hin­ge­wie­sen. Die­se hät­ten jedoch kein Inter­es­se gezeigt, das aufzugreifen.

Er ver­fol­ge kei­ne poli­ti­sche Agen­da, beton­te der UN-Diplo­mat, ihm gehe es vor allem dar­um, den Betrof­fe­nen eine Stim­me zu geben. Er wün­sche sich, dass ihm mehr Men­schen und Insti­tu­tio­nen zuhörten.