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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Widerstand mit Klassik

»Gei­gen­tö­ne statt Kriegs­ge­dröh­ne«, »A-Moll statt A-Müll« oder »Auf­spie­len statt Abschie­ben«. Mit die­sen und ande­ren phan­ta­sie­vol­len Wort­spie­len als Mot­to agiert die Grup­pe »Lebens­lau­te« inzwi­schen län­ger als 30 Jah­re. Sie lässt über­all dort klas­si­sche Musik erklin­gen, wo sich poli­ti­scher Pro­test for­miert. Jahr für Jahr musi­zie­ren und sin­gen die locker ver­netz­ten Lebens­lau­ten in gro­ßer und klei­ner Beset­zung gegen lebens­feind­li­che Poli­tik und Gefah­ren an. Dafür sind die Hob­by- und Pro­fi­mu­si­ke­rIn­nen 2014 mit dem Aache­ner Frie­dens­preis geehrt worden.

Bei ihren Auf­trit­ten set­zen sie bewusst auch auf Aktio­nen gewalt­frei­en zivi­len Unge­hor­sams, die sie basis­de­mo­kra­tisch im Kon­sens pla­nen und neben ihren Orche­ster- und Chor­pro­ben akri­bisch vor­be­rei­ten. Spek­ta­ku­lär war ihre »musi­ka­li­sche Inspek­ti­on« im August 2009, als nach einem Kon­zert in der Dan­nen­ber­ger Johan­nis­kir­che 120 Musi­ke­rIn­nen mit ihren Instru­men­ten die vier Meter hohe Mau­er um das geplan­te Atom­müll-End­la­ger in Gor­le­ben über­stie­gen. Unter den Augen und Ohren der über­rasch­ten Poli­zei gaben sie auf dem Gelän­de ein unge­neh­mig­tes Open-Air-Kon­zert: »A-Moll statt A-Müll«. Der Bei­fall vie­ler Zuhö­re­rIn­nen fei­er­te sie von der ande­ren Sei­te der Mau­er, die im Rah­men der Ener­gie­wen­de inzwi­schen abge­ris­sen wor­den ist.

»Lebens­lau­te« hat ihre Inter­ven­tio­nen jetzt in einem groß­for­ma­ti­gen Buch doku­men­tiert mit dem Titel: »Wider­stän­di­ge Musik an unmög­li­chen Orten«. Mehr als 30 Akti­vi­stIn­nen erin­nern sich in kür­ze­ren und län­ge­ren Tex­ten an ihre Kon­zer­te und Begeg­nun­gen, ihre Erfah­run­gen, Hoff­nun­gen und Äng­ste. Die Tex­te sind sub­jek­tiv und viel­fach so anrüh­rend geschrie­ben, dass sie dem Leser ein Lächeln ins Gesicht zau­bern. So ent­fal­tet sich die beson­de­re Wir­kung der lebens­lau­ten Musi­kan­ten auch beim Stö­bern in den lie­be­voll gestal­te­ten und reich bebil­der­ten 250 Sei­ten ihres Buches. Eine bei­lie­gen­de DVD erweckt eini­ge Aktio­nen in Kurz­fil­men zum Leben und macht sie hörbar.

Abge­druckt sind auch Fak­si­mi­les histo­ri­scher Doku­men­te. 1994 schreibt zum Bei­spiel eine Akti­vi­stin an die Poli­zei: »Da die­se Akti­on, die nicht auf Eska­la­ti­on ange­legt ist, vie­le Men­schen anzie­hen wird, beson­ders auch Kin­der, möch­ten wir Sie bit­ten, Ihre Ein­satz­kräf­te so zurück­hal­tend wie mög­lich ein­zu­set­zen. Dar­über hin­aus möch­ten wir ver­mei­den, dass es zu unschö­nen Sze­nen im Umgang mit den Instru­men­ten kommt. Vie­le der Teil­neh­me­rIn­nen sind Pro­fi­mu­si­ke­rIn­nen und leben von ihrem Instrument.«

Das »Lebenslaute«-Herausgeberteam – Gerd Bünt­z­ly, Hed­wig Sau­er-Gür­th, Kat­ja Tem­pel, Andre­as und Sabi­ne Will – hat ein fas­zi­nie­ren­des Kalei­do­skop kom­po­niert, ihm ist eine ganz beson­de­re Chro­nik des außer­par­la­men­ta­ri­schen Pro­te­stes in Deutsch­land seit 1986 gelun­gen. Damals hat »Lebens­lau­te« die Sitz­blocka­den der Frie­dens­be­we­gung erst­mals mit einer »Kon­zert­blocka­de« in Mut­lan­gen unter­stützt, um vor der Mili­tär­ba­sis ein Zei­chen gegen die Pers­hing-II-Atom­ra­ke­ten zu set­zen, die dann im Rah­men des zwi­schen der UdSSR und den USA abge­schlos­se­nen INF-Abrü­stungs­ver­tra­ges ver­schrot­tet wurden.

Und falls immer noch jemand zwei­feln soll­te, dass lebens­lau­te Musik Wir­kung ent­fal­ten kann, der lese »Die Schnee­flocke«. Kat­in­ka Poens­gen hat die­se ihre »Lieb­lings­ge­schich­te« an das Ende ihrer Erin­ne­run­gen an ein Kon­zert 2011 im Leip­zi­ger Flug­ha­fen (»Pia­no und For­te statt Kriegs­trans­por­te«) gestellt: ›Da fragt die Mei­se die Tau­be, wie viel eine Schnee­flocke wiegt. Nicht mehr als ein Nichts, ant­wor­tet die Tau­be. Da erzählt ihr die Mei­se, wie sie ein­mal die Schnee­flocken zähl­te, die auf einen Tan­nen­zweig fie­len – und als die drei­mil­lio­nen­sie­ben­hun­dert­und­vier­zig­tau­send­neun­hun­dert­drei­und­fün­zig­ste Flocke nie­der­fiel, nicht mehr als ein Nichts, brach der Ast ab.‹ Damit flog die Mei­se davon – und die Tau­be, seit Noahs Zei­ten Spe­zia­li­stin in die­ser Fra­ge, sag­te sich nach kur­zem Nach­den­ken: Viel­leicht fehlt nur die Stim­me eines ein­zi­gen Men­schen zum Frie­den in der Welt.«

Lebens­lau­te (Hg.): »Wider­stän­di­ge Musik an unmög­li­chen Orten. 33 Jah­re Lebens­lau­te«, Ver­lag Gras­wur­zel­re­vo­lu­ti­on, 249 Sei­ten und DVD, 25 €