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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wiederbegegnung

Die Ein­la­dung zur Jubi­lä­ums­aus­stel­lung des 80-jäh­ri­gen Malers Hans Ticha im Kurt Tuchol­sky Lite­ra­tur­mu­se­um im Schloss Rheins­berg führ­te zu einer wun­der­ba­ren Wie­der­be­geg­nung, noch dazu in einer durch die Pan­de­mie bela­ste­ten Zeit.

Dass sich Peter Böthig, Chef des in der Bun­des­re­pu­blik ein­ma­li­gen Tuchol­sky-Lite­ra­tur­klein­ods, stän­dig dar­um bemüht, die Samm­lung von Zeit­zeug­nis­sen aus der viel zu knap­pen Lebens­zeit und dem per­sön­li­chen Umfeld des viel­sei­ti­gen Schrift­stel­lers und bis­si­gen Spöt­ters nicht nur zu ergän­zen, son­dern die Attrak­ti­vi­tät des Muse­ums durch Vor­trä­ge und Aus­stel­lun­gen in den histo­ri­schen Schloss­räu­men zu berei­chern, waren wir gewohnt. Außer den Bio­gra­phen des Man­nes, den jewei­li­gen Stadt­schrei­bern und wei­te­ren inter­es­san­ten Lite­ra­ten und Künst­lern aus der Regi­on oder ent­fern­te­ren Gebie­ten haben wir um den ori­gi­na­len Schreib­tisch Tuchol­skys her­um schon manch anre­gen­de Ver­an­stal­tung erle­ben können.

Nun also eine Ein­la­dung zu Hans Tichas »Geburts­tags­bil­dern«, und das am 15. August, weni­ge Tage vor sei­nem 80. Wie­gen­fest. Bis zum 3. Janu­ar 2021 besteht die Mög­lich­keit, sich in Rheins­berg in sein Werk zu vertiefen.

Unser erster Kon­takt mit dem Künst­ler kam Ende der 70er Jah­re zustan­de, als der stu­dier­te und prak­ti­zie­ren­de Päd­ago­ge und nach­fol­gen­de Absol­vent der Wei­ßen­seer Hoch­schu­le für bil­den­de und ange­wand­te Kunst im kul­tur­be­weg­ten Prenzlber­ger Koll­witz­kiez leb­te und sich längst dem Risi­ko des frei­schaf­fen­den Malers und Buch­il­lu­stra­tors hin­ge­ge­ben hat­te. Wir hat­ten mit ihm zu tun, als er sich auf Drän­gen von Regis­seur Fritz Decho bereit­fand, die Aus­stat­tung unse­rer »simp­len Ulk- und Scherz­stun­de« »Bana­nen mit Reiß­ver­schluss« zu über­neh­men. Sein Büh­nen­vor­hang, die Lätz­chen der Dar­stel­ler, die Pro­gramm­fly­er und son­sti­gen Requi­si­ten ver­schmol­zen als ori­gi­nel­le Ent­spre­chun­gen naht­los mit den Tex­ten von Kurt Tuchol­sky, Karl Valen­tin, Roda Roda, Lene Voigt, Ger­hard Branst­ner, Jo Schulz und ande­ren. Tichas künst­le­ri­sche Dar­stel­lungs­art beein­druck­te uns stark – sei­ne eigen­wil­li­gen geo­me­trisch-rhom­bi­schen For­men, die kräf­ti­ge Farb­ge­bung und die Beto­nung von Beson­der­hei­ten sind unüber­trof­fen. Eini­ge der von uns nach dem Ende des Ensem­bles erwor­be­nen und auf­be­wahr­ten Requi­si­ten flos­sen nach­träg­lich noch in die Rheins­ber­ger Aus­stel­lung ein.

Zu wei­te­ren gemein­sa­men Vor­ha­ben mit dem dama­li­gen Ber­li­ner Leh­rer­en­sem­ble kam es lei­der nicht, da Fritz Decho den Künst­ler durch eine über­stei­ger­te Reak­ti­on ver­grault hat­te. Dann folg­te weni­ge Jah­re spä­ter die »Wen­de«, die den 1940 im tsche­chi­schen Děčín an der Elbe gebo­re­nen Künst­ler von der Spree an den Rhein spü­len soll­te. In der DDR war Hans Ticha mit sei­nen bei den Kunst­aus­stel­lun­gen in Dres­den gezeig­ten Wer­ken unlieb­sam in die Kri­tik gera­ten. Er hat­te eine Fuß­ball­mann­schaft pro­vo­ka­tiv mit über­di­men­sio­na­len Glied­ma­ßen und bedau­erns­wert klei­nen Köp­fen dar­ge­stellt, was in der dem Lei­stungs­sport zuge­neig­ten DDR auf wenig posi­ti­ve Reso­nanz stieß.

Wie es der Zufall woll­te: Als wir nach dem Mau­er­fall unse­ren betag­ten Moskwitsch zur ersten West-Tour in die reiz­vol­le Lübecker Bucht lenk­ten, lern­ten wir ein Juri­sten-Ehe­paar ken­nen, das die Male­rei begei­stert als neben- oder nach­be­ruf­li­ches Hob­by betrieb und dafür sei­ne Gara­ge zu einer Gale­rie umfunk­tio­niert und ver­edelt hat­te. Das gemein­sa­me Inter­es­se an der Kunst wur­de durch die Fra­ge gekrönt, ob wir »Ost­künst­ler« ken­nen wür­den, die man für eine Aus­stel­lung in ihre »GIG«; die »Gale­rie in der Gara­ge«, ein­la­den könn­te. Da kam uns Hans Ticha in den Sinn. Dass unse­rem Vor­schlag prompt die Ein­la­dung nach Tim­men­dor­fer Strand folg­te, erfuh­ren wir aller­dings erst Jah­re später.

Die näch­ste Berüh­rung mit dem Werk des Malers, Gra­phi­kers und ein­drucks­star­ken Buch­il­lu­stra­tors kam durch unse­re Mit­glied­schaft in der Bücher­gil­de Guten­berg zustan­de. In deren Tuchol­sky-, Jandl-, Čapek- und Rin­gel­natz-Lizenz­aus­ga­ben fand und hin­ter­ließ der Schü­ler Wer­ner Klem­kes und Arno Mohrs sei­ne unver­wech­sel­ba­re künst­le­ri­sche Handschrift.

Sei­ne Wer­ke sind unter ande­rem in der Neu­en Natio­nal­ga­le­rie Ber­lin, den Staat­li­chen Kunst­samm­lun­gen Schwe­rin, dem Kunst­mu­se­um Hal­le-Moritz­burg und dem Haus der Geschich­te der BRD Bonn zu bewundern.

Hans Ticha ist in sei­ner Ori­gi­na­li­tät und Gestal­tungs­fül­le uner­reich­bar. Er strahlt sanf­te Iro­nie und her­ben Spott aus und geht zugleich ein­fühl­sam mit Lyrik um, beob­ach­tet aner­ken­nend unge­wöhn­li­che Tätig­kei­ten, ent­wirft Kin­der- und Tier­por­träts, zeich­net Blu­men und Bee­ren, ent­wirft Pla­ka­te, Brief­mar­ken und Ex-Libris und beweist in sei­nem gesam­ten künst­le­ri­schen Vor­ge­hen kri­ti­sches Her­an­ge­hen, Neu­gier, Ver­nunft und Menschenliebe.

Kurt Tuchol­skys »Gut geschrie­ben ist gut gedacht« kann man auf Hans Ticha viel­leicht so über­tra­gen: »Gut gezeich­net ist kri­tisch betrachtet.«

Wolf­gang und Mar­lis Helfritsch